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Seite:Die Gartenlaube (1877) 690.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


damals einen für sich bestehenden originellen Gedankengang. Es war dies bei Gelegenheit der in Industriedistricten zuckenden Arbeiterbewegungen, und ich vernahm aus seinem Munde das Work „Staatshülfe“, sowie Anklänge an jene Tendenzen, welche er in seinen späteren social-politischen Streitschriften und in dem Werke „System der erworbenen Rechte“ niederlegte.

Damals hatte noch nichts an ihm Bestand; die socialistischen Studien wurden mit manchem Anderen zurückgelegt und theilten für die nächste Folge das Schicksal kaufmännischer Schulübungen, denen er überhaupt nur so viel oblag, wie die Disciplin der Anstalt es erforderte.

Zwei Jahre äußerer Kämpfe und inneren Ringens in Leipzig genügten, um Lassal’s geistiges Naturell wesentlich zu ändern. Seine in dieser Periode an die Eltern gerichteten Briefe, deren Inhalt ich zum Theil kernen lernte, ließen den gefaßten Entschluß endlich gereift erscheinen, das dritte und letzte Jahr des kaufmännischen Cursus nicht zu absolviren, sondern im Laufe des Sommers 1841 nach der Vaterstadt zurückzukehren, um sich dort für den Besuch einer preußischen Universität vorzubereiten. Der Bruch mit dem kaufmännischen Beruf war jetzt im Princip beschlossen, theoretisch bereits früher vollzogen, und die Eltern konnten das consequente Begehren des Sohnes nicht länger verneinen. Insbesondere wurde diese geplante Veränderung zum Gesprächsthema, wenn der Vater während der Messen nach Leipzig kam, wo ich öfter Zeuge stürmischer Scenen war, wenn der alte Lassal dem Drängen des Sohnes kein Gehör schenken wollte. Die Festigkeit aber, mit welcher Ferdinand seinen Plan verfolgte, die Studien an der Leipziger Handelslehranstalt um keinen Preis zu vollenden, und die ungenügenden Zeugnisse, die er für sittliches Verhalten von dort erhielt, gaben den Ausschlag. Während des Frühlings des vorgenannten Jahres entwarf er die Grundzüge zum künftigen Studienplan. Er war entschlossen, sich dem Felde der reinen Philosophie und Antike zu widmen.

Als er von Leipzig schied, war unser Abschied ein brüderlich herzlicher; wir gelobten mit jugendlich überschwenglichem Feuereifer, dieses Leben hindurch einander die Alten zu bleiben und Freud’ und Leid uns gegenseitig mitzutheilen. Alle trauten Plätzchen, auf denen wir in den Mußestunden übermüthig zusammen getobt oder im ernsten Gespräche verweilt hatten, wurden ein letztes Mal aufgesucht; vorzugsweise galten die Trennungsgänge jener lauschigen Tiefe im Bose’schen Garten, wo das alte Buchdruckertheater stand, sowie dem Schimmel’schen Teiche mit seiner Insel Buen-Retiro, Leipzigs Seeseite, auf welcher unsere Schifferlaufbahn manches gemeinsame Unglück zu verzeichnen hatte.

Lassal’s Uebertritt auf preußische Universitäten und die allmählich erlangte Mannesreife änderten sein genial angelegtes, aber fortgesetzt excentrisch-kampfbereites Wesen wenig. In der ersten Hälfte der vierziger Jahre besuchte er mich zeitweilig in Leipzig, und ich erwiderte 1844 die Besuche mit einem mehrwöchigen Aufenthalte in Berlin. Unter Anderem rühmte er damals gegen mich, die Aufmerksamkeit und Anerkennung Alexander von Humboldt’s sich erworben zu haben. Ich suchte ihn im Parterrezimmer einer mitten unter den Linden auslaufende Sackgasse auf und fand ihn tief in die Lectüre griechischer Classiker vergraben; irre ich nicht, so galten diese Studien seinem „Heraklit dem Dunkeln“. Unsere Freude des Wiedersehens außer Leipzigs Mauern war groß; er warf die um ihn aufgethürmten Bücher bei Seite und diente mir unverdrossen als Mentor, die Physiognomie des damaligen Berlin durch Tages- und Nachtstudien kennen zu lernen. Mir erschien mein Freund ungemein lebensfrisch angeregt und trotz der Dissonanzen im Schooße der Familie, hervorgerufen durch die Ueberschreitung seines Budgets, nicht in jener gedrückt reizbaren Stimmung, welche ich während seines Aufenthaltes in Leipzig oft an ihm wahrnahm. Sein schon früher gefaßter Plan, im kommenden Jahre, mit guten Empfehlungen versehen, nach Paris zu gehen, dort Heine’s Bekanntschaft zu machen und, wenn möglich, unter dessen Einfluß seine Carriere endgültig festzusetzen, hatte nun bestimmte Gestalt angenommen. Bekanntlich wurde dieses Project von ihm auch zur Ausführung gebracht.

Wenn die heutigen Biographen Lassal’s in Bezug auf seine Stellung als Agitator meinen, daß seine eminenten Fähigkeiten ihn zu viel Höherem – wahrscheinlich meint man dichterische Bethätigung – bestimmt hätten, so muß ich, wie ich den Jugendfreund aus intimsten Umgang kannte, dieser Ansicht auf das Allerentschiedenste widersprechen. Ferdinand Lassal war gewiß niemals eine von Haus aus poetisch begabte Natur; der Dichtkunst mit Erfolg zu dienen, versagte ihm die Muse sicherlich. Heinrich Heine und andere Träger bedeutender Namen, denen man ein richtiges Urtheil wohl zutrauen darf, hatten ihn auch bald des Rechten belehrt, und seine nie zu befriedigende Eitelkeit mußte ihn deshalb auf andere Hülfswege drängen, um durch praktische Verwerthung seiner glänzenden Naturanlagen in thunlicher Kürze zum Ziele „des berühmten Mannes“ zu gelangen.

Hätte er weniger nach der Aeußerlichkeit blendenden Ruhmes gedürstet, so würde Lassal im ungestörten Verfolg seiner Studien des Alterthums ohne Zweifel früher oder später der Ruf eines höchst respectabeln, classisch gebildeten Gelehrten errungen haben, zumal er schon durch elterliche Fürsorge dem Ringen um das leibliche Dasein vom Anfang am überhoben war. Aber die einfache Stellung eines deutschen Universitätsprofessors genügte seinem hochfahrenden Geiste und der nach äußerem gesellschaftlichem Glanze dürstenden Seele nicht. Noch als wir uns das letzte Mal in Bonn begegneten und Lassalle – die französische Metamorphose war damals bereits vollzogen worden – in den Rheinlanden schon bei verschiedenen markantem Veranlassungen sich einen Namen in der Oeffentlichkeit gemacht hatte, bekannte er mir unaufgefordert und freimüthig, daß sein Jugendtraum für Poesie verfehlt gewesen und sein Drama „Franz von Sickingen“ ein verunglücktes Machwerk sei.

Wenn aber weiter das Urtheil seiner Zeitgenossen oder Anhänger ihn gern zum modernen Volkshelden stempeln möchte, so pflichte ich dem, lediglich der Wahrheit zu Liebe, ebenso wenig bei; denn um eine solche Mission edler Uneigennützigkeit durchzuführen, müßte man weit selbstloser und weniger genußsüchtig sein, als es dieser merkwürdige Denker, Schriftsteller und populäre Volksredner wirklich gewesen ist.

Atheist und Epikuräer zugleich, verstand er es nie, sinnliche Begierden zu zügeln, und die Art, wie er schon früh den Umgang mit dem andern Geschlechte auffaßte, ist für seinen ganzen Charakter bezeichnend. Seine später bekannt geworbenen Ausschweifungen in Berlin und Paris sind mit Recht scharf gerügt worden. Jedenfalls kann ich bezeugen, daß er schon im Jünglingsalter mit dem vollen Raffinement eines ausgebildeten Lebemannes zu genießen verstand. Haupttendenz für ihn blieb, ohne Rücksicht auf öffentliche Meinung, der Gunst des Augenblicks und der momentanen Strömung seines Geschmackes gemäß zu leben, und wenn er bei gewagten Zerstreuungen die herkömmliche Ordnung der Dinge, ohne Prüfung der möglichen Folgen, über den Haufen warf, so blieb er der daraus resultirenden Verlegenheiten wegen doch unbesorgt. – Im letzten Drittel seines Lebens fand ich, zunächst in Folge meiner Abreise von der Heimath, keine persönlichen Berührungspunkte mit ihm mehr, aber ich habe Grund anzunehmen, daß auch in späteren Jahren sein Lebensprincip, zu genießen, dasselbe geblieben ist. Wenigstens muß sein beklagenswerthes Ende auf das Conto dieses va-banque-Spielens geschrieben werden.




König und Erzbischof.
Ein Beitrag zur preußischen Geschichte.

Steigen und Fallen heißt das Losungswort der Zeit, und wie auf einzelne Menschen und Familien, so findet es auch auf Staaten seine Anwendung. Alles ist dem Wechsel unterworfen; nichts auf dieser Welt dauert ewig. Wer heute der Erste ist, kann morgen der Letzte sein; davon bietet uns namentlich auch die Geschichte der Gegenwart glänzende Beispiele; wir brauchen nur an Frankreich und – beinahe hätten wir gesagt: an Deutschland zu erinnern, allein Deutschland liegt dem speciellen Ziele unserer Skizze schon ferner, und so nehmen wir statt dessen Preußen. Wie Frankreich heute mit schmerzlicher und trotz aller Gegenversicherungen

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 690. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_690.jpg&oldid=- (Version vom 29.12.2019)