Zum Inhalt springen

Seite:Die Gartenlaube (1877) 679.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


auf das Bestimmteste versichern. Der Erfolg des Unterrichts wird, abgesehen von der eingeschlagenen Methode, lediglich davon abhängen, ob auch früh genug angefangen worden ist. Die Jugend, und zwar die früheste, ist auch hier die Zeit, da man säen muß, wovon man später ernten will. Natürlich wird durch Geduld und Zeit aufgewogen werden müssen, was an Begabung fehlt. Als das beste Bildungsmittel für das Gehör aber empfiehlt sich der Gesang. Abgesehen von dem besonderen Vortheile, der durch die gleichzeitig bewirkte Ausbildung der Stimme erzielt wird, ist dieser Weg auch der sicherste. Die Wiedergabe eines Intervalles durch die Stimme ist gewissermaßen die Probe, ob dasselbe auch verstanden und aufgefaßt worden ist. Nur bei Erwachsenen und Kindern im reiferen Alter, denen die zum Singen nöthige Naivetät fehlt, begnüge man sich daher mit stummen Gehörübungen, die Kleinen veranlasse man aber zum Singen, und sie thun es gern, besonders die Mädchen. Gewährt doch der Gesang beim Clavierunterrichte die interessanteste Abwechselung. Es versteht sich von selbst, daß ein bloßes Singen nach dem Gehöre unserem Zwecke nicht dienen kann. Der Schüler muß nach Noten singen lernen und sich auf diesem Wege zugleich die zum Clavierspiele erforderlichen harmonischen Kenntnisse aneignen. Vermag er erst von der Note auf den Klang zu schließen, so wird sich mit der Zeit auch das Umgekehrte einstellen. Das wäre allerdings die höchste Potenz musikalischen Gehöres, die aber auch viel Vortheile gewährt. Wie dieses Ziel am besten zu erreichen ist, das ist Sache des Lehrers und gehört nicht hierher.

Mancher, der im Principe mit mir einverstanden ist, wird vielleicht einen zu großen Zeitaufwand befürchten und aus diesem Grunde gegen eine Verbindung von Clavier- und Gesangunterricht sein. Solchem Zweifler möge Folgendes zur Beruhigung dienen! Ich verlange keinen zeitraubenden Gesangunterricht. Ich bin nicht einmal dafür, daß dem Schüler neben dem Clavierunterricht noch ein besonderer Gesangunterricht zu Theil werde. Der Gesangunterricht bilde einfach einen Theil des Clavierunterrichtes, der auch in den ungünstigsten Fällen nicht mehr als etwa zehn Minuten Zeit in Anspruch zu nehmen braucht. Gesetzt, der Schüler wäre so unfähig, daß er nicht vermöchte, einen einzelnen Ton richtig nachzusingen, was bleibt dann weiter zu thun übrig, als immer wieder beim Gehör anzuklopfen? Denn bevor diese erste, allerdings größte Schwierigkeit nicht überwunden ist, kann von einem Weiterschreiten zur Verbindung von zwei Tönen keine Rede sein. Solche Versuche können aber nicht stundenlang fortgesetzt werden. Gerade, daß der Gesangunterricht als Nebensache, anscheinend als Spielerei betrieben wird, das gewährt die Möglichkeit, jene Uebungen recht oft, auch mitten in der Clavierstunde, zu wiederholen, ohne den Schüler zu ermüden. Später werden natürlich die Zwecke des Gesangunterrichtes klarer zu Tage treten, indeß wird es auch dann noch lediglich Sache des Lehrers sein, sich die im Interesse des Clavierunterrichts nöthige Beschränkung aufzuerlegen. Wenn man erwägt, daß der Clavierunterricht meist sechs bis acht Jahre Zeit in Anspruch nimmt, so braucht sich der Gesangunterricht, um sein Pensum mit jenem zugleich zu vollenden, eben nicht zu beeilen. Sollte sich mit der Zeit vielleicht beim Schüler eine besondere Neigung zum Gesange ausbilden, so würde ich mich nicht dazu berufen fühlen, dem zu widerstreben. Denn auch bei der alleroberflächlichsten Auffassung wird man die musikalische Erziehung der Jugend doch wenigstens vom Standpunkte der eigenen Befriedigung aus betrachten müssen. Auf welchem Wege dieses Ziel erreicht wird, müßte eigentlich doch gleich sein. Ich beabsichtige nicht, dem Claviere die Herrschaft streitig zu machen, wenn aber jener oft so faden, gefühl- und gedankenlosen Clavierspielerei, wie sie besonders die Bewohner großer Städte plagt, zu Gunsten des Gesanges etwas Abbruch geschähe, so würde ich es nicht bedauern.

M. Vogel.




Blätter und Blüthen.


Der Kaiser und der Oberfeldherr Rußlands. (Mit Abbildungen Seite 672 und 673.) Alexander der Zweite, der russische Kaiser, und Großfürst Nikolaus, dessen Bruder, der russische Heerführer in der Türkei, sind in diesem Augenblicke die beiden am meisten genannten und am wenigsten beneideten Männer Europas.

Die Lebens- und Regierungsgeschichte des russischen Kaisers, von dessen Herzensgüte und reinmenschlicher Leutseligkeit auch deutsche Blätter manchen wohlthuenden Zug erzählen, ist ohne Zweifel unseren Lesern genügend bekannt. Er bestieg den Thron, als sein Vater, der eiserne „Selbstherrscher“ Nikolaus, am Unglück des Krimkrieges gestorben war, und erhob sofort an des alten Nesselrode Stelle zum Reichskanzler den Fürsten Gortschakoff. Der Ausspruch desselben: „Rußland schmollt nicht, sondern es sammelt sich,“ deutete zugleich das Programm der nächsten Regierungszeit Alexanders an und wies auf die nothwendige „Stärkung des Staats durch Reformen“ hin. Zu den wichtigsten derselben gehört die Aufhebung der Leibeigenschaft und die Reorganisation der Armee. Sogar zur constitutionellen Verfassung wurde ein Anlauf genommen, der jedoch vor der Hand bei einer sehr beschränkten Provinzialrepräsentation stehen blieb. Dagegen fanden andere kaiserliche Maßregeln, wie die Russificirung Polens in Sprache und Glauben, desto energischere Durchführung.

Offenbar kam das Gefühl des „Gesammeltseins“ in den maßgebenden Kreisen jetzt um so mächtiger zum Durchbruche, als die deutschen Siege in Frankreich zur Nachahmung reizten und die Rücken und Flanken-Sicherheit zur Krafterprobung in einer alten Richtung einlud. Es waren gerade zwanzig Jahre vergangen seit dem Krönungsmonat des Kaisers Alexander, wo er durch ein Circulair Europa verkündet hatte, „daß Rußland die Thatsache der Auflösung der ‚Heiligen Allianz‘ anerkenne“ – da sah dasselbe Europa dieselben drei Großmächte der einstigen „Heiligen Allianz“ zu einem neuen Bunde zusammentreten: dem „Dreikaiserbund“. Daß derselbe im Zusammenhange mit dem Entwickelungsgange der orientalischen Frage stehe, bezweifelt Niemand, sollte auch der Einfluß des neuen deutschen Reiches nur in der Versöhnung Oesterreichs und Rußlands und in der dermaligen Beschränkung des orientalischen Krieges auf die zwei erbfeindlichen Kämpfer bestehen.

Es wird versichert, daß Kaiser Alexander sich schwer zu diesem Kriege entschlossen habe. Macht dies seinem Herzen Ehre, so wissen wir auch, daß zur Erneuerung eines Kampfes, welcher Rußland schon wiederholt verhängnißvoll geworden war, ihn mehr seine Doppelmacht der Politik und des Glaubens, als der Einfluß seiner Umgebung bewegen konnte. Das Gefühl des „Gesammeltseins“ mochte dazu beitragen und nicht weniger ein verführerischer Vergleich: wenn es den deutschen Bundestruppen möglich war, die gefürchtetste Militärmacht Europas in noch nie dagewesener Weise zu besiegen, was sollte dann dem Heere der russischen Weltmacht gegen den „kranken Mann“ unmöglich sein?

Wir haben unseren Lesern den bisherigen Verlauf des Kriegs, soweit dies von einem Familien-Wochenblatt geschehen kann, erzählt; sie wissen, daß Kaiser Alexander persönlich Theil an demselben nimmt.

Schon im September des vorigen Jahres verweilte der Kaiser längere Zeit in Livadia auf der Krim, offenbar um in der Nähe „den politischen Wellenschlag am Bosporus“ zu beobachten. Außer seinem Sohne, dem damals einunddreißigjährigen Thronfolger Großfürsten Alexander, der während des deutsch-französischen Kriegs französische Sympathien zeigte, und seinem Bruder, dem Großfürsten Nikolaus, welcher Chef des Petersburger Militärbezirks und des Geniewesens unter General von Tottleben’s Leitung war, standen dem Kaiser hier mit ihrem Rath die drei Männer nahe, welche „die Fäden der russischen Orientpolitik in ihren Händen haben“: Fürst Alexander Gortschakow, General Nikolaus Ignatiew und Graf Peter Schuwalow, letzterer wegen seines Einflusses von seinen Hoffeinden „Peter der Vierte“ genannt.

Nach Livadia richteten die Serben in ihrer Kriegsnoth ihren Hülferuf. Alexander dictirte am 30. October seinen Willen an Ignatiew in Constantinopel, und am 31. October unterzeichnete die Pforte das Waffenstillstandsdecret mit Serbien. Wenn auch die Türkei eine gleiche Nachgiebigkeit nicht dem europäischen Großmachts-Diplomatencongreß zu Constantinopel gegenüber bewies, so fiel derselbe doch schließlich zu Gunsten der russischen Kriegspläne aus. Der Kern von Alexander’s Ansprüchen an die Pforte war: „Entweder Garantien oder Krieg!“ Letzterer war bereits vorbereitet. Am 13. November 1876 war die Mobilisirungsordre erlassen; der Kaiser ernannte seinen Bruder Nikolaus zum „Oberbefehlshaber der Südarmee“, und dieser ging schon am 1. December nach Kischeneff ab, wo das russische große Hauptquartier war. Ebendahin begab sich am 20. April 1877 auch der Kaiser, erließ von dort am 24. April das Kriegsmanifest und befahl an demselben Tag den Einmarsch in Rumänien, mit welchem er schon am 16. April eine Convention abgeschlossen hatte. Nach kurzem Aufenthalt in Moskau und Petersburg finden wir ihn im großen Hauptquartier, das von Kischeneff nach Jassy und von da nach Plojesti, Dradscha, Simnitza und, nach dem Donauübergang Ende Juni, nach Sistowa vorgeschoben wurde. Waren dies Tage freudiger Siege und großer Hoffnungen, in welchen sogar der Schipkapaß genommen und Adrianopel in Furcht und Schrecken versetzt wurde, so kam plötzlich zu dem russischen Mißgeschick in Asien der furchtbare Tag von Plewna sammt der Flucht des Hauptquartiers von der Balkan- zur Donau-Nähe zurück. Seitdem sind Plewna und Schipkapaß, Schipkapaß und Plewna in den beiderseitigen Kriegsberichten endlos die Stätten von Siegen und Niederlagen, deren eine, welche Tausende von Opfern fraß, des Kaisers Namenstag in einen furchtbaren Tag der Trauer verwandelte. Doch – für unsere Leser bedarf’s hier keiner Erzählung dessen, was sie ja Alle mit erlebt haben.

Der Großfürst Nikolaus, dessen Reiterbild wir auf Seite 673 mittheilen, ist der dritte Sohn des Kaisers Nikolaus und am 8. August 1831 geboren. Erst das Ende des Krieges wird über seine militärische Befähigung ein gerechtes Urtheil gestatten.


Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 679. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_679.jpg&oldid=- (Version vom 29.12.2019)