Zum Inhalt springen

Seite:Die Gartenlaube (1877) 643.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)

No. 39.   1877.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Teuerdank’s Brautfahrt.
Romantisches Zeitbild aus dem 15. Jahrhundert.
Von Gustav von Meyern.
(Fortsetzung.)


Das Schauspiel, welches sich draußen vor Adelheid’s und Hugo’s Blicken eröffnet und bis zu dem tausendstimmigen Aufruf gesteigert hatte, wäre in seiner Großartigkeit von allen Städten des Landes wohl nur in Gent möglich gewesen. Die vier Stunden im Umfange messende Hauptstadt Burgund’s und der Niederlande, mit ihren dreihundert Brücken, welche unter dem Schutze von Thürmen und zinnengekrönten Mauern die sechsundzwanzig Inseln zwischen der Schelde und ihren drei Nebenflüssen mit einander verbanden, war seit zwei Jahrhunderten durch Handel und Kunstfleiß so übermäßig bevölkert und so reich geworden, daß sie allein vierzigtausend Mann Wohlbewaffneter in’s Feld zu stellen vermochte. Und hatte sie auch jetzt ihre gesammte Wehrkraft mit dem Staatenheer gegen die Franzosen geschickt, so waren doch allein in ihren Linnengarn- und Wollspinnereien noch über dreißigtausend Arbeiter beschäftigt, von denen es sich heute ein großer Theil nicht nehmen ließ, ihre eine freie Mittagsstunde in deren zwei zu verwandeln, um ein so wichtiges Ereigniß, wie der Aufzug der Friedensgesandtschaft ihres mächtigen Feindes, mit angaffen zu können. Ihre Zahl wurde aber noch überboten durch die Masse des arbeitslosen Pöbels, der, leicht kenntlich an den nackten Beinen, der rothen Gugel, verblichenem Strohhut und dem Beil im Gürtel, bei solchen Anlässen eine Hauptrolle zu spielen pflegte, zumal wenn er, im Solde politischer Parteiführer, eine besondere Aufgabe damit zu verbinden hatte.

Zu diesen schon in den buntesten Farben schillernden Tausenden kamen noch Abtheilungen der vierundfünfzig Genter Innungen, die in Abwesenheit der bewaffneten Macht in ihren Festtrachten an den Brücken Spalier bildeten, um der Gesandtschaft den Weg freizuhalten. Da waren zuerst Vertreter der edlen Bruderschaften der vornehmen Waffengilden, die Schützen vom „edlen Voetbogen“ in lichten Waffenröcken mit Franzen, die Schwertkämpfer aus der „Schermerschool“ mit Gottfried's von Bouillon silbernem Kreuz, die stets bewaffnet einhergehenden Kornmesser, die Zimmerleute, feuerwehrartig in Helm und Panzer, die Fleischhauer in blauen Kleidern mit goldenen „Brandenburgs“, die Fischverkäufer in grünen Anzügen mit silbernen Litzen, die „Hoftmans van den grisen Frocken“, die „van den Swarten“, die „Soudeniers metten witten Frocken“ und „metten rooden Crusen“, die Wollenarbeiter, die „Sargiemakers“, „Dobbelwerkers“ und „Legwerkers“, die Blaufärber, die Weißgerber und Schwarzgerber in den Farben ihres Handwerks, die Tuchscheerer, die schon damals besonders beliebten Bierbrauer und selbst ein kleiner Trupp der noch zum Gewerbe zählenden Gilde der Maler und sonstiger Künstler. Ihre gradlinigen Reihen hoben sich aus dem bunten Gedränge ab wie künstlich gleichfarbige Beete aus dem buntwogenden Rasen eines Naturparks, denn um sie her und bei ihnen vorüber strömte die große Menge fast eine Viertelstunde Weges von der Herberge der Gesandten jenseits des Gravesteins, der altflandrischen Grafenburg, an dem vierhundert Fuß hohen Belfried mit dem gewaltigen Drachen als Windfahne vorüber, zwischen Tuchhalle, Stadthaus und Nikolausthurm hin dem Schlosse zu, überall Straßen und Plätze füllend und Treppen und Brunnen besteigend, um die Franzosen zu sehen. Ab und zu sah man auch absichtlich für diese Letzteren die schwarz-grau-rothe Fahne des herzoglichen Hauses aus den Fenstern gehängt oder das Banner des schwarzen Löwen von Flandern oder des silbernen Löwen von Gent – unzweideutige Zeichen, daß die Bürgerschaft trotz Allem an ihrer Selbstständigkeit nicht rütteln zu lassen gesonnen sei.

Die Hauptmasse des Volkes aber war längst dem Endziele zugeströmt und füllte Kopf an Kopf, wie Hugo dem Herzoge gemeldet, den weiten Platz vor dem Fürstenhofe, der Hofburg der Herzogin. Dieses alte, im Laufe der Zeiten vielfach zerstörte, von Balduin dem Achten im romanischen Uebergangsstil renovirte Schloß war unter den burgundischen Herzogen mit gothischen Giebeln und vorspringenden Erkern zwischen stumpfen Eckthürmen geschmückt und in der Mitte des inneren Hofraumes mit einem Paar Glockenthürmen ausgestattet worden, die unter dem Namen „Beffroy“ in Frankreich und „Belfried“ in den Niederlanden damals bei keinem Prachtbau fehlen durften. Ueber dem weitbauschigen Kleeblattbogen-Portal nach dem Platze zu aber hatte man ein reiches, schräg crenelirtes und mit Thürmchen geziertes Frontispiz angebracht, aus dessen erstem Geschoß unter einem Metallbaldachin, von schlanken Säulen getragen und von durchbrochener Steinbalustrade eingefaßt, eben jener Balcon vorsprang, von welchem Adelheid und Hugo die Entwickelung des Schauspiels beobachteten, das sich jetzt vor ihnen abspielen sollte, während der Prinz von Cleve sich, offenbar in der Absicht, nicht gesehen zu werden, im Saale hinter ihnen an der offenen Thür aufstellte.

Denn am entgegengesetzten Ende des Platzes war soeben ein zahlreicher Trupp Reiter, in bunten Farben, mit Feldbinden,

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 643. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_643.jpg&oldid=- (Version vom 29.5.2018)