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Seite:Die Gartenlaube (1877) 642.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


einigermaßen in die dortigen Verhältnisse eingeweiht ist, daß der ganz überschwängliche Eifer Blanc’s in dieser Bagatellangelegenheit lediglich in seiner Eigenschaft als Franzose und in seinem blinden Deutschenhasse wurzelte, der sich, gleichviel um welchen Preis, an einem Angehörigen dieser Nation rächen wollte. Es war eben noch nicht lange nach dem Kriege, und von unseren Nachbarn wurde noch jede Gelegenheit wahrgenommen, um ihrer Wuth gegen uns die Zügel schießen zu lassen.

D. wandte sich nun allerdings an die deutsche Behörde, aber diese sah sich außer Stande, für ihn zu wirken. Das Vergehen und damit ein rechtlicher Grund zur Bestrafung war vorhanden. D. mußte sich also fügen.

Während seiner Gefangenschaft, die ihm auch nicht erleichtert worden sein mag, verfiel er in tiefe Schwermuth, die sich immer mehr zu einer fixen Idee ausbildete. Er fing nämlich an zu behaupten, daß Fräulein Blanc, des Spielpächters Tochter, sich sterblich in ihn verliebt habe, ihr Vater aber diese Verbindung aus Haß gegen seine, D.’s, Nation unter keinen Umständen zugebe wolle. Um seine Tochter nun desto eher zu bestimmen, von ihm abzulassen, habe der Vater beschlossen, ihn zu ruiniren. Zu diesem Zweck sei ihm schon die bedeutende Summe im Spiel abgenommen, da das Mädchen aber erklärt habe, daß selbst seine Armuth sie nicht abhalten würde, ihm zu folgen, habe der Vater ihn in’s Gefängniß geworfen, um ihn ehrlos und auf diese Weise unmöglich zu machen.

Als die drei Monate um waren, wurde D. freigelassen und ersucht, die Monaco’schen Lande zu meiden, welchem Befehl er, einmal im Waggon, in vier bis fünf Minuten buchstäblich nachkam. – Er ging jetzt auf Reisen, wobei seine fixe Idee einen immer hartnäckigeren Charakter annahm und sein Verlangen nach Rache immer glühender wurde. Er wollte Monaco mit Allem, was darinnen ist, vom Erdboden vertilgen. Jeden, der mit ihm zusammentraf, suchte er für sein Unternehmen zu gewinnen oder doch um Rath zu bittten. – Wie Sie sich denken können, wurden ihm von den Leuten die lächerlichsten und haarsträubendsten Sachen in den Kopf gesetzt. So war ich dabei, wie ihm ein Herr an der Table d’hôte in München den Vorschlag machte, die hohe Pforte um leihweise Ueberlassung einiger fünfzig Baschi-Bozuks zu bitten, dieselben incognito, etwa als Theilnehmer einer Stangen’schen Vergnügungstour in Monaco einzuschmuggeln und ihnen das Weitere zu überlassen. Dieses Project wurde mit Enthusiasmus aufgenommen und zum Gaudium der ganzen Gesellschaft beim perlenden Sect – natürlich auf D.’s Kosten – einer Discussion unterworfen.

Wie alle übrigen, so wurde auch dieser Schlachtplan bald wieder verworfen, nur Unterminirung und Bombardement von der See aus, wozu er eines seiner alten Kauffahrteischiffe mit Krupp’schen Kanonen armiren wollte, blieben Lieblingsideen und tauchten, wenn sie auch eine Zeit lang durch drastischere Vorschläge zurückgedrängt wurden, immer wieder auf.

Schließlich wurde es mit dem armen D. aber doch so arg, daß man ihn nicht mehr frei umhergehen lassen konnte. Seine Verwandten legten sich in’s Mittel, und er wurde einer Privat-Anstalt Basel’s zur Pflege übergeben. Aber auch hier fand er keine Genesung, sondern sein Zustand verschlimmerte sich zusehends, und man sah sich genöthigt, ihn einer Staats-Irren-Anstalt seines engeren Vaterlandes zum Gewahrsam zu überantworten.“

Das ist die Geschichte des Mannes, mit dem ich in Basel unter so eigenthümlichen Verhältnissen zusammengetroffen war.

Stamm.




Macht der Glaube schön? (Mit Abbildung S. 631.). Die Behauptung ist nicht neu, daß die vielen schönen Madonnenbilder in den italienischen Kirchen nicht ohne Einfluß seien auf die Bildung der vielen schönen Madonnengesichter der gläubigen Jugend, besonders des weiblichen Geschlechts in jenen Ländern. Die ärztliche Wissenschaft steht zwar noch unentschieden in der Streitfrage, ob eine solche Einwirkung durch’s Auge auf die Gesichtsbildung möglich sei. Sehen wir aber nicht tagtäglich überall, wie die Beschäftigung des Menschen an seinem Gesichtsausdruck arbeitet? Ist es nicht Gesichtsumbildung, welche das Antlitz des Ackerknechts, der den größten Theil seines Lebens mit seinen Thieren zubringt, anders erscheinen läßt, als das des Künstlers und Dichters, der seine besten Stunden dem Ideale weiht? Prägt sich nicht der Charakter des Menschen in seinen Gesichtszügen aus? Darum glauben wir auch an seine geheimnißvolle Bildungsmacht; spricht doch für uns die eine Thatsache, daß in den Madonnenländern auch die Madonnengesichter am häufigsten vorkommen. Ebenso erfreulich ist es aber, daß, wie Schiller der Dichtkunst zur Verherrlichung nichts Schöneres zu bieten weiß, „als in der schönen Form die schöne Seele“, so auch die bildende Kunst die Schönheit nicht rührender und erhebender darstellt, als in der selbstvergessenen, sich ganz hingebenden Andacht.

Eine solche Darstellung hat J. Jury in der Gruppe vor dem Kirchenportale vollendet, die wir nach seinem Oelbilde im Holzschnitte mittheilen. Es ist ein römisches Bildchen, und daß die frommen Waller aus der Umgegend Roms herein in die ewige Stadt gekommen sind, darauf deutet ebenso der Riemen des Ränzchens um die Brust des schönen Knaben, wie der Pilgerstab in der Hand des Landmädchens neben ihrer jungen städtischen Nachbarin hin. Alle drei Menschenbilder kann man nicht auf die Länge anschauen, ohne auf den Gedanken zu kommen, wie entzückend auch ihr Lächeln sein muß. Weniger angenehm berührt der ihnen nachschielende Beter hinter ihnen, von dessen Andacht wir keine hohe Meinung gewinnen. Den Hirten und den Mönch im Hintergrunde hätte unser Künstler wohl zur Hauptgruppe in sichtliche Beziehung bringen können und sollen.




Eigenthümliche Quittung. Das unten folgende Actenstück fand sich in einem Tagebuche, welches ein landgräflich hessischer Officier während des größten Theiles des siebenjährigen Krieges führte. Derselbe gehörte dem hessischen Truppencorps an, das von dem Landgrafen Wilhelm dem Achten in den Sold Englands gegeben worden war und nach Niederlegung des Oberbefehls der alliirten Armee durch den Herzog von Cumberland unter der Führung des Herzogs Ferdinand von Braunschweig stand. Dieser wußte durch seine ausgezeichneten Eigenschaften als Feldherr den durch die Niederlage Cumberland’s bei Hastenbeck (26. Juli) und die dann folgende Capitulation von Kloster Zeven (8. September 1757) gesunkenen Geist der alliirten Armee wieder zu heben. In einem kühnen Zuge trieb er von der Elbe aus die weit überlegene französische Armee vor sich her, über die Weser, durch Westfalen, zuletzt über den Rhein. Hier schlug er bei Crefeld am 23. Juni 1758 die französische Armee. Die katholische Bevölkerung der Rheinlande trug der alliirten Armee, welche von protestantischen Mächten aufgestellt war, nicht überall Sympathie entgegen. Aus dem nachstehenden Actenstück lernen wir ein Mittel kennen, welches vielleicht zu jener Zeit noch mehr angewandt wurde, um zelotischen Eifer auf der Kanzel zu mäßigen, und das im vorliegenden Falle durch seinen Humor wohl auch Diejenigen aussöhnen dürfte, die mit seiner Anwendung nicht einverstanden sein sollten. Im Tagebuche des Verfassers, Major Keppel im hessischen Regimente von Wansbach, heißt es unter dem 20. Juni, datirt Kempen:

„Nachmittags kam nachstehende Quittung zu sehen, die ein Canonicus oder Pfaff wegen ausgestoßener Schimpfreden auf der Canzel gegen das Hannoversch Jägercorps, wovor er 50 Stockhiebe bekommen, außstellen müssen:

‚Ich Endsunterschriebener bekenne hiermit und in Kraft dieses, wie ich von einem dazu commandirten Unteroffizier vom Hannöverischen Jäger Corps zu Fuß und zwar vom Detachement des Herrn Capitaine von Bülow vor meine letzthin närrische und thörigte wider das löbliche Jäger Corps außgestoßene Reden, die ich Jetzo von Hertzen bereue und so wohl dem Herrn Capitaine alß allen von seinem Detachement hierdurch in unterthänigster Demuth abbitte, zu meiner wahren Besserung und zu Gemüthführung meines begangenen Unrechts 50 Prügel, sage fünfzig Prügel auf das Hintertheil meines Leibes, über ein Bund Stroh gedehnet und durch 2 Mann gehalten, wohl und richtig gezehlet und mit 2 etwa einen Daum dicken Stocks so ehrlich als möglich geschlagen, richtig und zu allen Danck erhalten, welche ich durch eigenhändige unterschrift und Krafft dieses in optima forma hiermit quittire; Bühren den 12ten Juny 1758.

R. R.’“

Ueber den Erfolg des drastischen Ueberzeugungsmittels findet sich keine Notiz, derselbe darf aber wohl angenommen werden, um so mehr als Herzog Ferdinand im Ganzen den Krieg so human führte, wie es die Umstände gestatteten, und strenge Disciplin aufrecht hielt.

v. St.



Kleiner Briefkasten.

Th. R. in Berlin. Ihre Anfrage, ob uns noch keine Notiz über eine der beliebten Schnelldramatisirungen unserer Novellen auch hinsichtlich unserer neuesten Erzählung „Teuerdank’s Brautfahrt“ zugegangen sei, können wir mit besonderer Freude dahin beantworten, daß der Verfasser derselben für diesmal jener privilegirten Federfertigkeit zuvorkam. Sein romantisches Schauspiel desselben Inhalts, nur anderen, den dramaturgischen Anforderungen entsprechenden Auf- und Ausbaues, ist bereits vom Hofburgtheater in Wien angenommen und enthebt somit gewisse Herren der Mühe, mit dem Sujet zugleich sämmtliche Dialoge sich anzueignen, ein Verfahren, wie wir es bei sogenannten Dramatisirungen Marlitt’scher, Werner'scher und Schücking'scher Erzählungen Wort für Wort nachweisen können.

T. M. in Gotha. Die Familiengeschichte können wir leider nicht verwenden, und wollen Sie über dieselbe gütigst verfügen. „Schweizer Wandertage“ sind nicht in unsere Hände gelangt.

H. B-rn. in Wien. Wir bitten über das gesandte – unverwendbare – Manuscript: F. und F. zu verfügen.

R. in K. Die „Gartenlaube“ veröffentlichte bereits zwei größere Artikel über Thiers, den ersten im Jahrgange 1855, den zweiten erst vor wenigen Monaten, in einer Reihe von Charakteristiken unter dem Titel: „Parlamentarische Photographien aus Versailles“ von Julius Walter (Nr. 11).



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 642. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_642.jpg&oldid=- (Version vom 29.12.2019)