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Seite:Die Gartenlaube (1877) 641.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


Wichtige Fragen sind die Einführung des Unterrichts im Feuerlöschwesen an öffentlichen höheren Lehranstalten und die Beförderung der Feuerwehren auf den Eisenbahnen bei ausbrechenden Feuersbrünsten, sowie die Benutzung des Telegraphen in solchen Fällen. Der Ausschuß des Feuerwehrtages wird alles darauf bezügliche Material sammeln und dann bei allen deutschen Regierungen den Erlaß der betreffenden gesetzlichen Bestimmungen anregen. Nicht minder soll an die Landesregierungen eine Vorstellung ergehen, daß sie für den Bau größerer öffentlicher Gebäude, wie Theater, Circus, Museen, geeignete Normativbestimmungen in Bezug auf Feuersgefahr und zweckmäßige Einrichtungen zu deren Unterdrückung vorschreiben. In Betreff der sehr wichtigen Frage, die Unterstützung im Dienste verunglückter Feuerwehrmänner und deren Hinterlassenen betreffend, hat der Ausschuß des Feuerwehrtages das vorhandene Material zusammengestellt, um dasselbe demnächst in einer Druckschrift zur allgemeinen Kenntniß zu bringen. Verschwiegen soll schon jetzt nicht sein, daß in dieser Frage der deutsche Norden, insbesondere das große Preußen, vom Süden mit zweckmäßigen Einrichtungen weit überholt worden ist.

Es wurden dann noch ein Bericht über die Entwickelung des deutschen Feuerlöschwesens in den letzten Jahren und Einzelberichte der verschiedenen Kreisvertreter über die Feuerwehrorganisation in ihren Kreisen vorgetragen. Aus Allem ergab sich, daß auf dem Gebiete des Feuerlöschwesens in den letzten Jahren fast überall im deutschen Reiche und ebenso in den meisten Ländern der österreichisch-ungarischen Kronen ein reger Schaffensgeist thätig gewesen ist.

Was auf den Feuerwehrtag folgte, ein Banket in der Liederhalle und die Ausflüge in die herrliche Umgegend von Stuttgart, ist aus den Zeitungen genügend bekannt.

Ich hätte nun noch der Ausstellung mit einigen Worten zu gedenken, die mit dem Feuerwehrtag verbunden war und ausschließlich Dinge enthielt, welche in das Gebiet des Feuerlöschwesens gehören. Die Ausstellung war zunächst räumlich sehr vortheilhaft untergebracht, da man zu diesem Zweck die städtische Markthalle, eine Art Glaspalast, benutzt hatte. Alle bedeutenderen Fabrikanten von Feuerwehr-Requisiten hatten die Ausstellung mit ihren Erzeugnissen beschickt, es würde aber den Raum viel zu weit in Anspruch nehmen, wenn ich mich hier mit Herzählung der massenhaft vertretenen Gegenstände befassen wollte. Vor Allem fielen die verschiedenen Arten von Feuerspritzen in’s Auge, welche in ihrer Herstellung auch dem Nichtfachmann das gewaltige Fortschreiten der modernen Technik bekundeten. Unter den Feuerspritzen aber ragten die zwei Dampfspritzen wieder ganz besonders hervor, von denen die eine amerikanischen Ursprunges war, während die andere in der sehr aufstrebenden Fabrik des Herrn Jauck in Leipzig gefertigt worden ist. In Stuttgart kam es nicht zur officiellen Prüfung dieser beiden Löschmaschinen, wohl aber hatte in Leipzig einige Zeit vorher ein Wettspritzen zwischen ihnen stattgefunden, wobei sich als Resultat ergab, daß das Product der deutschen Industrie der amerikanischen Concurrentin in Bezug auf die Leistungsfähigkeit, von Unwesentlichem abgesehen, in nichts nachstand, dabei aber den Vorzug viel größerer Billigkeit für sich hatte. Viel Aufmerksamkeit fand auch das zierliche Modell, welches ein Bild im Kleinen von der sehr tüchtig organisirten Krupp’schen Fabrikfeuerwehr in Essen gab. Ein nicht minder interessanter und lehrreicher Ausstellungsgegenstand, dem die weiteste Verbreitung zu wünschen ist, war das Prachtwerk von Magirus in Ulm „Das Feuerlöschwesen in allen seinen Theilen, nach seiner geschichtlichen Entwickelung von den frühesten Zeiten bis zur Gegenwart“, welches vermöge seines aus voller Kenntniß aller einschlagenden Verhältnisse geflossenen instructiven Inhalts und der massenhaften, in den Text gedruckten veranschaulichenden[WS 1] Holzschnitte zu dem Besten zu zählen ist, was jemals die Feuerwehrliteratur hervorgebracht hat. Die Ausstellung in ihrer Totalität gereichte unserer deutschen Industrie durchaus zur Ehre.

Die Tage von Stuttgart haben das Feuerlöschwesen unseres Reiches in kräftiger Entwickelung gefunden. Hoffentlich ist so mancher gute Gedanke, so manche nützliche Anregung mit hinausgegangen, sodaß, wenn im Jahre 1880 die deutschen Feuerwehrmänner sich wieder zusammenfinden, ein weiterer Fortschritt constatirt werden kann.

E. Leonhardt.




Ein Opfer des Spiels. Zurückgelassene Spuren eines jüngst verstorbenen Spielpächters. – Es war vor einigen Jahren, als ich nach einem in Italien zugebrachten Winter im April der Heimath zufuhr. Von Bern kommend, mußte ich auf dem Centralbahnhofe in Basel umsteigen und hatte es mir in einem Coupé eines der hübschen Waggons der Züricher See-Bahn bequem gemacht, mich der Hoffnung hingebend, auch bis Frankfurt am Main, meinem nächsten Reiseziele, allein zu bleiben. Aber ich hatte mich getäuscht. Ein älterer Herr stürzte zur Thür herein und setzte sich, sichtlich in der größten Aufregung und mit der rechten Hand sich unaufhörlich auf den Mund schlagend, nicht etwa an’s andere Fenster, sondern klemmte sich unter unsanftem Beiseiteschieben meiner Kniee auf den Sessel mir gerade gegenüber, woher er ungemein lebhaft auf mich einredete:

„Was meinen Sie wohl, wie ist dieses elende Nest am besten vom Erdboden zu vertilgen?! Sie halten das Bombardement für das Beste, nicht wahr? Von der See aus natürlich und nur Krupp’sche Kanonen! Nur Krupp’sche Kanonen! Armstrong lange nicht die Trefffähigkeit und namentlich nicht die Wirkung, und darauf kommt es mir doch eben an. Es muß Alles in Grund und Boden geschossen werden.“ Hier hielt er einen Moment inne und sprach dann mit halber Stimme in wichtigem Tone weiter: „Ich suche das Cabinet von St. James zu interessiren. Bin jetzt auf dem Wege dahin. Ist aber noch tiefstes Geheimniß.“

Nach Beendigung dieser Worte, die unter unausgesetztem Klopfen auf den Mund mehr herausgezischt als gesprochen wurden, versetzte mir mein räthselhafter Reisegefährte einen wuchtigen Schlag auf das Knie und lehnte sich dann, soweit er konnte, in seinen Sessel zurück, wie Jemand, der die Wirkung, die er hervorgebracht zu haben meint, studiren will.

Man kann sich denken, daß ich zu den Worten und dem Gebahren meines Gegenüber ein höchst erstauntes Gesicht machte. Er mochte dies gemerkt haben, nahm es aber für Mißfallen mit seinen Bombardementsplänen, denn er meinte weiter:

„Wie? Sie sind nicht für Bombardement? Also für Unterminirung?! Haben ganz Recht! Ganz Recht! Der ganze höllische Sündenpfuhl muß in die Luft gesprengt werden, daß kein Stein auf dem andern bleibt. Ausgerottet –“

Bis hierher war er gekommen, als er nach einem Blicke durch das Fenster plötzlich aufsprang und zur Thür stürzte, als ob er entfliehen wollte. Ehe er aber so weit kam, öffnete sich dieselbe, und es erschienen zwei weitere Herren, von denen der Eine sich an den Umstürzler wandte:

„Ah, da sind Sie ja. Wollten Sie denn nach London fahren ohne die Empfehlungsbriefe, die wir noch vom Gesandten aus Bern erwarten? Ohne dieselben würde der englische Premier Sie gar nicht empfangen, geschweige denn für Ihr Project zu gewinnen sein. Ich bitte, kommen Sie einstweilen mit uns! Wir müssen die Reise noch auf einige Tage verschieben.“

Mein vorher so großsprecherisches Gegenüber stand während dieser Worte da wie ein armer Sünder, der sich ertappt sieht, unterließ aber keinen Augenblick, sich mit der Hand auf den Mund zu klopfen.

Ich wußte jetzt, daß ich einen jener unheilbar Irrsinnigen vor mir hatte, den man durch ein Eingehen auf seine hirnverbrannten Pläne gefügig machen wollte – auch ohne die Mittheilung des zweiten Herrn, der mir zumute:

„Der Aermste ist mit einer fixen Idee behaftet und uns in einem unbewachten Augenblicke aus der Anstalt entflohen.“

Nach weiterer begütigender Zusprache wurde es den beiden Herren auch nicht schwer, den Irren zu veranlassen, sich ihnen wieder anzuschließen, und alle Drei verschwanden, ohne weiter Aufsehen zu erregen, durch eine der großen Thüren vom Perron. Gleich darauf fuhr der Zug ab, und ich hatte den ganzen Auftritt bald vergessen. Erst nach etwa zwei Jahren erfuhr ich wieder davon.

Ich hatte im Bade A. im Freundeskreise von meiner sonderbaren Begegnung in Basel erzählt, als ein Bekannter, Namens P., der zu den Leuten gehört, die überall gewesen sind, Alles wissen und die ganze Welt kennen, mich fragte: „Wie sah der alte Herr aus?“ Ich beschrieb ihm denselben.

„Und er klopft sich fortwährend mit der Hand auf den Mund?“ inquirirte er weiter. Ich mußte diesen Umstand bejahen.

„Und Sie, der Sie in Monaco längere Zeit gewesen sind, kennen die Geschichte des Aermsten nicht?“ rief P. aus.

Ich mußte gestehen, von einer solchen Geschichte nie gehört zu haben, und vereinigte meine Bitten mit denen der Uebrigen, dieselbe uns zum Besten zu geben.

P. ließ sich denn auch nicht lange nöthigen und begann: „Vor einigen Jahren kam ein älterer Herr, eben der, mit dem Sie auf dem Baseler Bahnhofe zusammengetroffen sind“ – diese Worte sprach er zu mir gewandt – „der reiche Rheder D. aus S., nach einer Reise durch Italien nach Monaco, um sich dieses reizende Fleckchen Erde anzusehen und gleichzeitig sein Glück im Spiele, das dort noch im höchsten Flore stand, zu versuchen. – Es ist Ihnen wohl bekannt, daß jeder Fremde beim Eintritte in die dortigen Gesellschafts- und Spielräume dem Portier seine Karte abzugeben oder doch seinen Namen zu nennen hat, bis er eben den Angestellten bekannt ist. Man führte diese Praxis ein, um die Gesellschaft vor unsauberen Elementen zu bewahren, das ist aber weiter nichts, als eine leere Formalität, denn Jeder, der einen guten Rock anhat und sich eines beliebigen Namens bedient, kann unbeanstandet passiren.

Am ersten Tage seines Aufenthaltes in Monaco gab D. seine Karte beim Portier ab, trat in die Säle, und bald war er auch schon am Spieltische und fing an, hoch zu pointiren. Leider aber hatte er Unglück, wurde hitziger und hitziger und verlor eine selbst für seine Verhältnisse bedeutende Summe. Am Tage darauf wollte er, wie Alle, die im Verluste sind, wieder spielen, um seinem gestrigen Schaden nachzukommen.

Am Eingange der Säle stand heute ein anderer Portier als der gestrige und D., als neuer Ankömmling in Monaco, der noch nicht überall bekannt war, wurde wieder nach seinem Namen gefragt. Mochte ihm diese wiederholte und, wie ihm schien, überflüssige Erkundigung nun nicht conveniren, oder war er noch zu sehr beschäftigt mit seinem gestrigen Verluste: kurz – er ignorirte die ganz höflich gestellte Frage und wollte ohne Weiteres passiren. – Der Beamte wiederholte seine Bitte um Nennung des Namens, und als er kein Gehör fand, verstellte er unserm D. den Weg. Das war diesem aber doch zu arg, und er gerieth über diesen Eingriff in ein ihm ebenso, wie allen übrigen Passanten freistehendes Recht des Eintrittes in eine solche Wuth, daß er dem Portier einen so wuchtigen Hieb mit seinem Stocke auf die Nase versetzte, daß dieser sofort blutend zurücktaumelte; er wollte ohne Weiteres vorüber, den ersehnten Spieltischen zu.

Hieran wurde er aber verhindert von den Zeugen dieses Auftrittes, unter denen sich zu D.’s Unglück auch der Spielpächter Blanc befand. Von diesem wurde die Sache sehr ernst genommen. Er ließ D. sofort verhaften und in Gewahrsam bringen und benutzte seinen sozusagen unumschränkten Einfluß, den er seiner Stellung wegen in Monaco hatte, dazu, gegen den Uebertreter eine sehr strenge Strafe auszuwirken und zwar drei Monate Gefängniß.

Blanc hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Einwohnern Monacos klar zu machen, daß man ein Exempel statuiren müsse, um derartige Auftritte für die Folge zur Unmöglichkeit zu machen, weil dadurch der Zuzug des Publicums litte. Diese Begründung war natürlich der öffentlichen Meinung sehr einleuchtend, denn die Einwohner Monacos hängen gewissermaßen von dem Spielpächter ab und sind lediglich auf die Fremden angewiesen. – Ich glaube aber, und mit mir Jeder, der nur

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: veranschaulichendeu
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 641. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_641.jpg&oldid=- (Version vom 29.12.2019)