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Seite:Die Gartenlaube (1877) 636.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


bleiben wird. Auch die Bibel erwähnt die Wunderwerke babylonischer Stickerinnen, wie z. B. Buch Josua (7, 21) und Hesekiel (23, 14).

Im classischen Alterthume ist das Weib ebenfalls unzertrennlich von häuslichem Schaffen. Ueberall, wo Homer Frauengestalten in seine Dichtungen verwebt, läßt er sie in rühriger Thätigkeit begriffen erscheinen. Selbst Göttinnen führen Spindel oder Nadel und schaffen „unsterbliche Arbeit“. – Die Griechen aber schrieben ihrer hochverehrten Göttin Pallas Athene die Erfindung des Spinnens und Webens zu und zeigen dadurch am besten, welch hohen Werth sie diesen Arbeiten beimaßen. – Eine der berühmtesten Handarbeiten des Alterthums war der Peplos der Athene. Die überaus prächtige und kolossale Stickerei war von zahllosen Arbeiterinnen ausgeführt, welche von Priesterinnen beaufsichtigt wurden, und stellte in kunstvollster Arbeit auf Scharlachgrund den Gigantenkampf und andere der Ortsmythe und der Geschichte Athens entnommene Scenen dar. Dieses kostbare Teppichwerk war dem Volke nur alle fünf Jahre einmal zugänglich, wo es während der Panathenäen (zwei von den Gesammtathenern zu Ehren ihrer Schutzgöttin gefeierte Feste) in dem Tempel der Athene ausgestellt und unter allen Seltenheiten am meisten bewundert wurde.

Die Chinesinnen stickten schon 2205 Jahre vor Christo und haben besonders den Plattstich auf die höchste Stufe der Vollendung gebracht; man stickt daselbst noch heute lebensgroße Figuren und zusammenhängende Compositionen zur Bekleidung der Wände, gemeinhin auf leinene Stoffe mit schöngefärbten Seidenfäden. – Das Mittelalter schätzte und pflegte gleichfalls in hohem Grade die Arbeit weiblicher Hände. Die Herrscherinnen verschmähten es nicht, im Kreise ihrer Hoffräuleins am Webstuhle oder Stickrahmen zu sitzen und Kunstwerke in's Leben zu rufen, die noch heute unsere Bewunderung erregen. Das Kleid, welches die Frauen jener Epoche trugen, hatten sie gemeinhin selbst gewebt und gefertigt, wie sie auch für das Costüm ihrer männlichen Angehörigen selbst thätig gewesen waren.

Wie anders dahingegen ist die weibliche Handarbeit heute beschaffen! Wohin wir blicken, stilloser Mischmasch, geistloses Nachahmen unbrauchbarer, unkünstlerischer Formen. Das freie Schaffen, welches auch die „Künste der Nadel“ kennzeichnen muß, ist der civilisirten Frauenwelt verloren gegangen und findet sich nur noch bei den Barbaren und halbcivilisirten Völkern. Die Indianer besticken heute, wie ehemals, ihre primitiven Toilettenartikel und Jagdgeräthe mit schönen, nachahmungswürdigen Mustern. – Am Dnjepr und in der Ukraine regt die Frau ebenfalls unermüdlich die Hände und weiß sich und ihre Umgebung mit den Erzeugnissen solchen Schaffens zu schmücken. Betrachten wir einmal den Anzug einer kleinrussischen Bäuerin! Staunenswerth ist die Fülle von Stickereien und Spitzenkanten, die derselbe zeigt. Aber da macht sich nicht etwa Ueberladung breit; nein, reiner natürlicher Kunstsinn, die unverdorbene Freude am Ornament tritt in diesen Zierrathen zu Tage. Das Hemd allein ist ein kleines Cabinetsstück. Der Kragen, die Achseln, die Aermel, ja selbst der untere Rand ist mit Stickereien verziert oder doch wenigstens mit Fäden von rother und blauer Farbe in stilvollen Linien durchzogen. Dem analog verhält es sich mit allen ihren Costümstücken. Allenthalben malt die Frauenhand mit der Nadel die reizendsten Kunstformen.

Fragt man nun, woher diese Halbbarbaren all das Schöne haben, so kann allerdings mit Bestimmtheit versichert werden, daß sie Akademien nicht besuchen, wie ihnen auch die höhere Töchterschule unbekannt ist. Die Kunstfertigkeit vererbt sich eben von Kind auf Kindeskind und treibt ihre Schönheitsblüthen fort und fort, während die Handarbeiten unserer ästhetisirenden, kunstverständigen Damen nur Spott erregen können.

Die Sophakissen und Fußschemel, belebt mit den Insassen des zoologischen Gartens, die Tabletdecken mit reliefgestickten Chocoladenmädchen, die aus gehäkelten Blumen zusammengestellten Schutztücher und dann jene zahllose „Phantasiearbeiten“, von denen jede ein Nilungeheuer an und für sich ist, wann werden sie endlich verschwinden, um würdigeren Producten der Frauenhand Platz zu machen? Erst dann, wenn es gelingen sollte, die Frauen von dem hohen Werthe der weiblichen Handarbeit und des häuslichen Fleißes, von der Nichtigkeit ihrer jetzigen Beschäftigungen zu überzeugen. Dann wird auch die Epidemie der Langeweile, welche in gewissen Kreisen so furchtbar überhand nimmt, verschwinden. Der ungemessene Hang nach Putz und Flitter, die Jagd nach Vergnügungen, die nur zu oft den Lebenszweck unserer Frauenwelt ausmachen, müssen dort weichen, wo Arbeit der Lar des Hauses ist, wo die Mutter den Töchtern als einzig nachahmungswerthes Vorbild, den Söhnen als Ideal edler Weiblichkeit erscheint.

An den Müttern also ist es, mit aller Energie und Selbstüberwindung den alten Schlendrian der Arbeitsspielerei auszurotten und ihre Töchter zu Arbeit und geregelter Thätigkeit zu erziehen. Die Mutter muß die kleinen Mädchen schon zu freiem, künstlerischem Schaffen anregen, nicht aber ihren Geschmack schon frühzeitig durch mechanisches Einstudiren abgedroschener, formloser Muster verderben. Es giebt der künstlerischen Vorbilder genug; das junge empfängliche Auge muß nur mit den Schönheiten bekannt gemacht, darauf hingewiesen werden; es verwerthet reine Linien überraschend schnell, jedenfalls viel schneller als die absurden Vorlagen, welche man jetzt beim Handarbeitsunterricht zur Anwendung bringt. Wir sehen von der Tapisseriestickerei, die ja besonders in Berlin wegen ihrer – Stillosigkeit Weltruf hat, ganz ab. Betrachten wir einmal die Häkelmuster!

Wer in diesem Genre kunstfertig sein will, der gestaltet Blumen (!) aus weißer Baumwolle, und jemehr Geschick, um so eifriger wird jedes Blättchen und Stielchen, jedes Aestchen und Knöspchen nachgeahmt, um – weißbaumwollene Natur herauszudüfteln. Besondern Abscheu hat die Gegenwart vor der Stickerei. Daran läßt sich nicht viel verderben, denn die Eigenschaften, welche das Gestrick charakterisiren, gereichen ihm gleichzeitig zur Zierde und machen „Knüffelei“ und „Düftelei“ fast unmöglich; darum überläßt man auch das Produciren mit Stricknadeln in vornehmer Herablassung – alten Weibern und begnügt sich mit den Ergebnissen der Strickmaschine, so gut oder so schlecht sie nun eben ausfallen mögen.

Doch ich darf nicht weiter gehen. Der knapp zugemessene Raum gestattet mir nicht mein Thema so auszuführen, wie ich wohl möchte. Sollte es mir indessen gelungen sein, Interesse an der „unschuldig Verachteten“ erregt zu haben, dann erzähle ich später einmal die „Geschichte der Handarbeit“. Bis dahin aber bitte ich inständigst lieber nur ganz kunstlose Arbeiten auszuführen, als den Geschmack immer mehr mit den Künsteleien der Nadel zu verderben.




Aus der Wandermappe der Gartenlaube.
12. Ein Spaziergang nach Mittenwald.


Beinahe zahllos sind die Wege, welche sich von München aus nach dem bairischen Hochlande verzweigen. In erster Linie benützen die Touristen wohl, so weit es geht, die Eisenbahnen, die immer mehr in die Berge und Gebirgsthäler eindringen, und mancher hübsche Punkt kann ohne Beschwerde, aber auch ohne besonderen Reisegenuß erreicht werden. An die Eisenbahnen schließen sich sodann die Postwagen an, welche den erholungsbedürftigen Städter so ziemlich an alle jene Stationen befördern, die als Ausgangsorte zu Gebirgstouren benützt werden. Wer es jedoch vermeiden kann, hütet sich wohl, diesen höheren Torturengrad durchzumachen, denn wenn man annimmt, daß die Orte Ammergau, Partenkirchen, Garmisch, Mittenwald etc. eine Art Paradies für den Naturfreund vorstellen, so darf man getrost behaupten, daß eine Omnibusfahrt dahin mit dem Weg durch das Fegfeuer verglichen werden kann. Zwölf Stunden Arrest in dem gelben Kasten, an dem die praktischen Erfindungen der neueren Wagentechnik spurlos vorübergegangen sind, zuweilen in einer Reisegesellschaft, die entweder die Grenzen der Gemüthlichkeit nie zu berühren wagt oder weit überschreitet, das ist eine harte Prüfung für den profanen Fremdling, der in die Heiligthümer der Bergwelt eindringen will. Wer dieses Fahrzeug aus finanziellen Gründen vermeiden und Extraposten benützen kann, ist allerdings besser daran, wer aber die kleinen Beschwerden einer Fußwanderung nicht scheut, der hat sicher den besten Theil erwählt.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 636. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_636.jpg&oldid=- (Version vom 28.3.2020)