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Seite:Die Gartenlaube (1877) 621.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


Angriffe ritterlich vertheidigte und beschützte. Bald wurde sie zum Aerger der reichen Bauerntöchter von den jungen Burschen gesucht und umschwärmt.

Keine verstand es auch, sich so zierlich zu kleiden, und selbst der älteste Lumpen und das verschossenste Band stand ihr zum Verwundern schön. Niemand tanzte so gut und leicht wie sie, die nur in der Luft zu schweben schien. Dabei war sie ebenso tüchtig im Hause wie auf dem Feld und in der Wirthschaft, wo sie für Zwei schaffte, weil sie jede Sache mit dem ihr eigenen Geschick anfaßte und bei allen Gelegenheiten ihren überlegenen Verstand und Mutterwitz offenbarte. Selbst die mürrischen Alten mußten über die klugen Einfälle und drolligen Geschichten der närrischen Dirne lachen und rühmten den Nachbarn ihre Anstelligkeit und Arbeitskraft, welche ihnen zwei Mägde sparte und ihnen mehr einbrachte, als ihr Unterhalt kostete. Unter diesen Umständen war es nur natürlich, daß der unterdeß herangewachsene Hann Jochen seine Pflegebefohlene, um die er manchen Spott geduldet und manchen Kampf bestanden, täglich lieber gewann, sodaß er ernstlich den Gedanken faßte, die fremde Dirne zu heirathen, was aber seine Eltern unter keiner Bedingung leiden wollten. Schließlich aber siegte seine Festigkeit und Treue, sowie ihre Klugheit und Liebenswürdigkeit über alle Schwierigkeiten und Vorurtheile, die ihrer Vereinigung und ihrem Glücke im Wege standen, wozu ganz besonders noch die Vorstellungen des würdigen Pastors beitrugen, der die Liebenden unter dem Zulauf des ganzen Dorfes in der Kirche traute.

Selbst dieser äußerst dürftige und verblaßte Umriß läßt es gewiß schmerzlich bedauern, daß Reuter seine Erzählung nicht ausgeführt und niedergeschrieben hat. Nach seinen mündlichen Aeußerungen legte er selbst das Hauptgewicht auf den zweiten Theil seiner Geschichte, auf die eigenthümliche Entwickelung des großstädtischen Kindes in dieser fremden ländlichen Umgebung, auf den ursprüglichen Gegensatz und die spätere Verschmelzung von Dorf und Stadt, von Berliner und Mecklenburger Natur und Art, wobei ihm eine derartige Verpflanzung des städtischen Proletariats, eine solche Kreuzung und Vermischung der entgegengesetzten Elemente als ein interessantes sociales und ethisches Problem vorzuschweben schien. Ganz besonders beschäftigte ihn der eigenthümliche Charakter seiner Heldin und die wichtige Frage, welchen Einfluß eine solche gänzliche Umwandlung der Verhältnisse auf die angeborenen Neigungen und ersten Jugendeindrücke haben dürfte. Andererseits gedachte er, den nicht minder wichtigen Einfluß eines solchen fremden, belebenden Princips auf die stagnirende Dorfbevölkerung darzustellen. Ich zweifle nicht daran, daß unter den Händen eines solchen Meisters der an sich einfache Stoff eine hohe Bedeutung gewonnen, und daß diese Erzählung sich seinen besten Leistungen würdig angereiht haben würde. Schon die bloße Skizze und seine flüchtigen Andeutungen, das Bild des Helden und der Heldin, der Eltern, der Dorfbewohner, die Schilderung der ersten, kaum bewußten Liebe, die daraus entstehenden Kämpfe und Conflicte enthielten eine Fülle der ergreifendsten, lieblichsten, ernsten und humoristischen Scenen, einen Schatz von tiefen psychologischen Bemerkungen. Daß es aber Fritz Reuter trotz seines eigenen Geständnisses nicht an der nöthigen Schöpferkraft fehlte, hat er noch später durch seine wunderbar schönen Gedichte: „Ok 'ne lütte Gaw' för Dütschland“ und „Großmutting, hei is dod“ bewiesen, die den bekannten, bei Lipperheide erschienenen „Liedern zum Schutz und Trutz“ zur höchsten Zierde gereichen und kaum in der neueren deutschen Poesie ihres Gleichen finden dürften.

Mich selbst führten die im Jahre 1870 eingetretenen kriegerischen Verhältnisse schneller von Eisenach nach Berlin zurück, als ich dachte und wünschte. Mit schmerzlichem Bedauern verließ ich den mir lieb gewordenen Ort und den Kreis der alten und neuen Freunde, unter denen mir vor Allem Fritz Reuter und seine „letzte Geschichte“ unvergeßlich bleiben werden.




Ein geflügelter Vielfraß.


Das ist er leibhaftig auf unserem meisterhaft entworfenen Bilde, der auffallend gebaute Vogel mit dem grellen Blick seiner hochgelben Augen, der unablässige Räuber und Entvölkerer unserer Bäche; das ist der Vogel, der von grauen Zeiten her durch das Mittelalter hindurch eine Berühmtheit oder Bevorzugung durch den Hochsport der Falkenbaizen erlangt hat, der aber nichts anderes ist, als der gemeine oder Fischreiher der heutigen Naturkunde, in der Kunstsprache derselben Ardea cinerea genannt, ein mißtrauisches, äußerst scheues, vorsichtiges und dabei durch seine Lebensweise höchst schädliches Thier. Dieser Vogel verdient unbedingt in den waidmännischen Bann gethan zu werden, ja dies ist er vielmehr längst bei jedem aufmerksamen Jäger, der des versteckten Diebes Unbilden in den Gewässern an Fischen und ihrem Laiche, an den Lurchen und dem Kleingeflügel aller Art belauscht hat. Aber dem scheuen, vorsichtigen Vogel ist meist sehr schwer beizukommen. In der Zeit der Brut und Jungenpflege ist dies noch am leichtesten zu bewerkstelligen. Wollen wir sein Thun und Treiben eingehend beobachten, so ist selbst zu dieser Zeit ein Fernrohr von Nutzen. Denn seine Sinne sind scharf.

Betrachten wir vorerst sein Aeußeres! In der Farbe seines Gefieders zeigt der Vogel nichts Auffallendes; sie ist düster-grau, nur auf der Stirn und am Oberkopfe erscheint sie weiß und am Vorderhalse herab weiß-grau. Den letzteren herunter laufen drei Reihen schwarzer, lanzettförmiger Federn, denen sich weiß-grau gezeichnete längere am Unterhalse anschließen. Besonders den Kopf des alten Männchens zieren drei stattliche schwarze Schopffedern. Von eben dieser Farbe sind die großen Schwungfedern und die charakteristischen Streifen, die durch die Augen nach dem Hinterkopfe laufen. Um die Augen bemerken wir ein grün-gelbliches nacktes Feld. Der starke, spitze, seitlich zusammengedrückte Schnabel, welcher einen Umfang von mehr als einer Kopflänge hat, ist gelblich und bei alten Männchen in's Röthliche spielend; die hohen Stelzfüße sind braunschwarz gefärbt.

Mehr als die Farbe des Federkleides fällt die Gestalt und Haltung unseres Vogels auf. Sein Leib ist dürr und schmächtig, und der lange Hals, welcher in den verschiedensten Formen, bald gestreckt, bald in mehr oder minder gekrümmter Lage wie ein S oder auch noch mehr über den Rücken zurückgebogen getragen wird, sowie die langen „Ständer“ (Beine) vollenden die auffällige Erscheinung dieses zur naturgeschichtlichen Ordnung der Stelz- oder Watvögel gehörigen Reihers. Sein Gesicht ist vorzüglich und das Gehör ebenfalls fein.

Eine ungemeine Wachsamkeit läßt den Vogel von einem Orte seines oft weit ausgedehnten Jagdreviers zum andern stets hoch über Schußhöhe in die Luft wechseln. Beim Fluge hält er die Ständer nach hinten ausgestreckt, den Kopf aber zurückgezogen, gerade umgekehrt wie der Storch, der bekanntlich mit vorgestrecktem Halse fliegt. Fast immer fällt der Reiher an solchen Stellen der Gewässer ein, von welchen aus er eine freie Umschau hat. Erst nach gehörigem Kreisen und behutsamem Durchforschen der Umgegend geht er in's Ried, in den Sumpf, in Gräben und Bäche der Wiesen und Moore, an Flüsse, Teiche und Seen, sowie an den Meeresstrand oder wo er sonst seichte Stellen zum Rauben findet. Eine Zeit lang steht er mit ausgerecktem Halse unbeweglich wie eine Bildsäule, still beobachtend, um sodann erst, nach vollkommener Sicherung, in eigenthümlich ruckweisem Gange sich die geeigneten Stellen zum Fischen auszusuchen. Hat er diese mit seinen untrüglichen Sinnen ausgekundschaftet, so verweilt er oft Stunden lang mit eingezogenem, halb über den Rücken gelegtem Halse unbeweglich auf der Lauer. Wie ein Bajonnett fährt beim Erscheinen einer Beute in seiner Nähe der scharfe, derbe Schnabel hernieder, einen Fisch oder einen Lurch, ein Insect oder Weichthier und dergleichen mehr mit großer Sicherheit zu spießen. Die auf der Stromschnelle vorbeischießende Forelle packt sein Schnabel, der bei solchem Fange dem Strahl des Fisches vorgreift, ähnlich wie der Jäger dem flüchtigen Wilde mit der Flinte vorhält, um den Schuß dem in Bewegung befindlichen Gegenstande treffend beizubringen. Jede Lache, welche nach ausgetretener Fluth von Gewässern in Wiesen und Feldern entstanden, die seicht werdenden Fluthgräben in sumpfigen, moorigen Niederungen, jeden Ausfluß von Gräben, jedes beuteversprechende Wehr an fließendem Wasser hat das durchdringende Auge unseres Fischdiebes alsbald

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 621. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_621.jpg&oldid=- (Version vom 29.12.2019)