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Seite:Die Gartenlaube (1877) 586.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


Albrecht von Oesterreich und das zweite Paar nun in seinen Händen. Er war von der Seltenheit seines Geschenkes so überzeugt, daß ihm diese Erklärung ganz Nebensache war und überflüssig erschien. Die paar Stunden, die er bei uns zubrachte, ließ er die kleinen Waffen nicht aus der Hand, und nur beim schwarzen Kaffee lenkte die Nonplusultra-Dampf-Kaffeemaschine von Bude und Comp. in Wien seine Aufmerksamkeit einige Augenblicke ab; er verfolgte mit dem größten Interesse meine Manipulationen, und als plötzlich der Dampf zischend durch die kaum sichtbare Oeffnung entwich und zugleich der herrliche Kaffee in die Kanne tropfte, meinte er: das benöthige ja einen eigenen Ingenieur und die Indianer würden, dieser Maschine gegenüber, an ein Wunder glauben.

Zwei Recepte, welche er uns gab, muß ich doch für Feinschmecker noch mittheilen: Man erlegt einen Büffel, schneidet ihm den Kopf ab, gräbt eine Grube, füllt sie mit dürrem Holz und zündet dasselbe an; wenn die Gluth groß genug ist, legt man den Büffelkopf mit Haut und Haar hinein, häuft Erde darüber und legt sich, in seine Decken und Felle gehüllt, zur Ruhe; am Morgen gräbt man den Kopf aus, bricht ihn mit einer Axt auf und hält nun eine herrliche, leckere und kräftige Mahlzeit. – Auch eine indianische Zubereitung hat er uns mitgetheilt, die nach culinarischen Principien ganz correct ist, die aber des dabei angeordneten Materials wegen recht „indianisch“ ist: Man schneidet saftige Stücke aus dem Büffelfleisch, wickelt sie in Büffel-„Dünger“ und hängt sie an Stöcken über das Feuer; wenn diese Hülle abfällt, sind sie gahr und haben nicht einen Tropfen Saft verloren.

Der Hausherr fragte Bill unter Anderem: ob und womit die Pferde da draußen geputzt und gepflegt würden. „Mit Peitsche und Sporn“ war die Antwort, und wieder erschien das kalte Lächeln, und die weißen Zähne schlossen sich. Wären diese kleinen Blitze einer wilden und bei aller Kaltblütigkeit in Momenten der Aufregung vielleicht doch ungezügelten Natur nicht gewesen, so würde mir der Mann fast zu „zahm“ erschienen sein, und dies hätte mir das Bild eines waghalsigen Jägers und todesverachtenden Fährtensuchers bedeutend beeinträchtigt.

Als es Zeit zum Aufbruch war, nahmen wir herzlich Abschied von dem gentlemanischen Scout, dieser specifisch amerikanischen Figur, und obwohl ich mich eines leichten Schauders beim Gedanken an das Scalpiren nicht erwehren konnte, erwiderte ich doch herzhaft seinen kräftigen Händedruck. Am andern Tage erhielten wir von unserem ungewöhnlicher Gast eine sehr gute Photographie, die ich beilege und deren Veröffentlichung in passender Holzschnittwiedergabe ich der Redaction überlasse.




Ein deutscher Dichter, Denker und Dulder.


„Sie sehen in mir nur das Fragment eines Menschen“ – dies waren die ersten Worte, mit denen Heinrich Landesmann, der unter dem Pseudonym „Hieronymus Lorm“ gefeierte Schriftsteller, in seinem Hause zu Dresden mich begrüßte. Und eine wie schmerzlich-wahre Illustration bildet seine äußere Erscheinung zu diesen Worten: vorgebeugten Hauptes, das Schmerz und Zeit geneigt hatten, wurde er am Arme seiner Gattin mir entgegengeführt; die fast erloschenen Augen versagten ihren Führerdienst. Als die Worte meines Gegengrußes dem beinahe erblindeten Schriftsteller durch eine Zeichensprache von seiner Begleiterin übermittelt wurden, drängte sich mir die traurige Gewißheit auf, daß Lorm auch – taub sei: fast blind und ganz taub und dazu noch von einer dem Fremden schwer verständlichen Sprache, die, nicht mehr controlirt und geleitet vom Ohr, eigenthümlich unklar geworden ist – fürwahr nur das Fragment eines Menschen!

Schon von seinem dreizehnten Jahre an litt er (Lorm ist am 9. August 1821 zu Nikolsburg in Mähren geboren) an den Augen und dem Gehör; mit dem fünfzehnten verlor er das letztere vollständig, und damit den angegriffenen Augen nicht ein gleiches Unglück widerführe, mußte er die bis dahin mit auffallendem Erfolg betriebenen Studien unterbrechen. Sein poetisches Talent hatte sich aber bereits geregt; schon in seinem fünfzehnten Jahre brachte die „Wiener Theaterzeitung“, das damals gelesenste Blatt Oesterreichs, von ihm einen Aufsatz über Jean Paul und einige Gedichte, in denen die Klage über sein Schicksal ohne Groll mit sanfter, kindlicher Schwermuth ausgesprochen war.

Das Verbot des Weiterstudirens erfüllte Lorm mit der grauenhaften, psychologisch begründeten Furcht, daß bei Verschlossenheit der Außenwelt das Versagen einer kräftigen, geistigen Unterstützung seiner Innenwelt einen Zustand des Blödsinns herbeiführen könnte. Endlich sah man ein, daß diese Angst in der That das bereiten könne, vor dem sie zurückbebte, und gab ihm die vielgeliebten Bücher frei. Mit einem brennenden Durst, der durch die zeitweilige Entsagung nur noch glühender geworden war, warf er sich auf das Studium der alten und neuen Sprachen, der Philosophie und Literatur.

Im Jahre 1846 trieb ihn die Mißwirthschaft des Metternich’schen Systems mit seinen unheilvollen Wirkungen auf das Geistesleben seiner Heimath zur Abfassung des Buches: „Wiens poetische Schwingen und Federn“. Um seiner Familie keine politischen Verfolgungen zuzuziehen, nahm er bei Herausgabe dieses Buches den Schriftstellernamen Hieronymus Lorm an. Er selbst siedelte nach Berlin über, wo er theils studirend, theils producirend thätig war, indem er für die „Europa“ kritische Aufsätze und die ersten Versuche im Feuilleton lieferte. Diese frühesten Arbeiten Lorm’s fallen in sein fünfundzwanzigstes Lebensjahr, da er bis zu dieser Zeit eigene Produktion sich versagt hatte, um ausschließlich dem Studium sich hingeben zu können. –

In das befreite Vaterland zurückgekehrt, war Lorm bald einer der gesuchtesten Feuilletonisten der österreichischen Presse. Nach doppelter Richtung hin war er von nun an thätig: die eine umschloß theils belletristische Erzeugnisse, namentlich Novellen, gesammelt unter den Titeln „Am Kamin“, „Novellen“, „Erzählungen des Heimgekehrten“, theils aber Betrachtungen der Tagesereignisse, die sich durch graziöse Anmuth und Witz auszeichneten und nie gesammelt wurden, weil sie mit dem Tage selbst zu verwehen bestimmt waren; die andere Richtung umfaßte ernste Arbeiten, von denen nur eine überaus kleine Auswahl unter dem Titel: „Philosophisch-kritische Streifzüge“ erschien, die dem Verfasser den Titel eines Doctors der Philosophie von der Universität Tübingen einbrachte.

Inzwischen hatten die unausgesetzten Studien und Arbeiten seine schon ursprünglich schwachen Augen so sehr geschädigt, daß das Sehvermögen des einen gänzlich zerstört wurde, und von dem des anderen nach zwei Operationen nur noch ein kleiner Rest gerettet wurde, der keinen Aus- noch Ueberblick, keinen Genuß an der Natur und den Werken der Kunst mehr gestattet und gerade nur hinreicht, mittelst eines besonders construirten Apparates ein mühseliges Lesen und Schreiben zu gestatten.

Das Papier, dessen sich Lorm zu seinen schriftstellerischen Arbeiten bedient, ist wie ein Linienblatt präparirt, zwischen dessen dicke schwarze Querstriche die Buchstaben hineingekritzelt werden, da ohne diese Direction die Zeilen auf Abwege gerathen und sich in’s Bodenlose verlieren würden. Die Schriftzüge sind leidlich leserlich und erzählen eigentlich nur dem Eingeweihten von der körperlichen Pein, die ihre Entstehung ihrem Schöpfer verursacht. Nicht minder qualvoll ist das Lesen für Lorm: Buchstaben für Buchstaben muß er durch jenen Apparat sich zusammensetzen, bis dem durch eine so mühselige Lectüre nur zu schnell Erschöpften irgend ein Glied seiner Familie durch die Zeichensprache das Weitere „telegraphirt“.

Es bedeuten nämlich die Finger der Hand und ihre Theile bestimmte Buchstaben, so daß man durch Berühren der betreffenden Stelle an der Hand Lorm’s den bestimmten Buchstaben bezeichnet. Auf diese Weise nun kann man demselben einzelne Worte, Sätze, ja ganze Geschichten „telegraphiren“. Dies scheint zunächst zwar sehr langwierig und umständlich, die Uebung aber macht auch hierin zum Meister und mit bewundernswerther Schnelligkeit, Schritt haltend mit einem ruhig und stetig Sprechenden, verdolmetschen die Seinigen ihm Alles, während er dagegen mit liebenswürdigster Geduld auch den langsam-schüchternen Versuchen eines neugewonnenen Freundes Stand hält, der mühsam-unbeholfen an seiner Hand herumbuchstabirt. Erräth Lorm an den ersten

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 586. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_586.jpg&oldid=- (Version vom 30.8.2019)