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Seite:Die Gartenlaube (1877) 584.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


wenigen Monaten „Yellow Hand“ (gelbe Hand), einen Häuptling der Cheyennes, getödtet und scalpirt hatte, mit seiner Truppe angekündigt. Unsere amerikanischen Freunde konnten unser Entzücken darüber nicht ganz begreifen und noch weniger die bestimmte Erklärung: der Mann müsse uns vorgestellt werden und bei uns zu Gast sein – das war für unser puritanisch strenges, gesetztes und daher etwas spießbürgerliches Springfield doch eine zu starke Forderung, und „odd“ (ungewöhnlich oder wunderlich) war der glimpflichste Ausdruck, der uns dafür zu Theil wurde. Dennoch drangen wir mit unserem Wunsche durch.

Buffalo Bill wurde überall mit großen Lettern angekündigt; sein Drama hieß: „Der erste Scalp für Custer“, nahm also schon durch seinen Titel die größte Theilnahme in Anspruch. Wir hatten Sitze im Theater genommen; Buffalo-Bill, im Gespräch natürlich Mr. Cody genannt, war zu Tisch für den nächsten Tag geladen worden und hatte zugesagt.

Das Theater war gedrängt voll; freilich war das Publicum ein sehr gemischtes. Die Handlung des Stückes war weniger als unbedeutend, aber die einzelnen Scenen waren prächtig. Buffalo-Bill selbst erschien als Scout. Er trug ein Jagdhemd aus Leder, mit weißen Perlen benäht und mit Otterfell verbrämt, welches ihm, wie er uns später erzählte, eine indianische Squaw verfertigt hatte, ferner halbweite Leder-Beinkleider, oder Strümpfe, wie sie Cooper nennt, an den Seiten mit Franzen besetzt, welchen Anzug er seit vierzehn Jahren im Westen tagtäglich trägt. Er tritt in seinen Stücken immer als rettender Engel auf, erschießt Indianer-Häuptlinge, deren einer stets den herrlichen Federschmuck trägt, bestehend aus Krone und langem schmalem Mantel, welchen er dem bereits erwähnten Cheyenne-Häuptling „Yellow Hand“ abgenommen hat; er imitirt auch das Scalpiren und zeigt dabei Yellow Hand's wirklichen Scalp, von welcher Scene das Stück den Namen hat, da dieses Scalpiren die erste Waffenthat nach Custer’s Tode war.

Es traten noch einige andere Scouts mit Buffalo-Bill auf, alle in ähnlichen Anzügen, mit den riesigen Sombreros auf dem Kopfe, die langen Flinten in der Hand, die fürchterlichen Bowiemesser im Gürtel. Mit einem Bösewicht führt Buffalo-Bill einen jener entsetzlichen Messerkämpfe auf. Er ist einer der schönsten Männer, die man sehen kann, über sechs Schuh hoch, breitschulterig und doch schlank und elastisch, mit lang herabwallendem dunklem Haar und eben solchem Henri-quatre; seine großen rehbraunen Augen blitzen, wenn er erregt ist, furchtbar. Seine Jägerkleidung ist äußerst vortheilhaft für eine so schöne Gestalt, und eigenthümlich ist sein geräuschloses Auftreten in den weichen Mocassins.

Das Stück spielt, wie natürlich, in den schwarzen Bergen, dem Schauplatze der Indianergefechte, und man lebt Scenen nachträglich mit durch, welche sich wirklich begeben haben. Neben den heldenhaften dürfen die komischen Figuren selbstverständlich nicht fehlen, und der Irländer, der Deutsche und der Nigger spielen nach dieser Seite hin die Hauptrollen. Als zum Schluß Buffalo-Bill den Häuptling scalpirte und den wirklichen Scalp mit der einen Hand hoch erhob, während er sich mit der andern auf seine lange Flinte stützte, war er ganz das Bild eines Cooper’schen Helden. Seine Worte: „Der erste Scalp für Custer“ und die dabei bildlich dargestellte Apotheose des gefallenen Generals, sowie das sie begleitende Geheul auf der Galerie – alles dies mahnte an die Wirklichkeit.

Die Mittagsstunde des nächsten Tages rückte heran, und die Damen des Hauses harrten mit etwas bangen Gefühlen unseres Gastes, der sich auf der Bühne bei passender Scenerie, in gewohnter Umgebung wohl recht gut und vortheilhaft ausgenommen hatte, seine Salongewandtheit aber erst darthun sollte; wir fürchteten, ihn als eine der Figuren Bret Harte’s auftreten zu sehen, von denen es besser ist, sie nur im Buche kennen zu lernen.

Zur bestimmten Stunde erschien der ersehnte und gefürchtete Gast, leider nicht im Federkleid, sondern im „Civilanzug“, was ihm aber ein noch hünenhafteres und exotischeres Ansehen gab, da er den hier ungewohnten riesigen Sombrero beibehalten hatte. Nach allgemeinem Händeschütteln und gegenseitigen Vorstellungen trat die fast gewöhnliche kleine Pause vor Beginn eines Diners ein, und Buffalo-Bill, oder Mr. Cody, wie wir ihn nun „entledert“ nennen müssen, benutzte dieselbe, um einen raschen Blick über die kleine Gesellschaft zu werfen. Vielleicht wollte er auskundschaften, was wohl der Grund der Einladung gewesen. Da er aber überall nur auf dieselbe natürliche, aufrichtige Theilnahme und dasselbe rege Interesse am Ungewöhnlichen traf, welches ihm der Hausherr schon stürmisch entgegengebracht hatte, erheiterte sich sein anfangs sehr ernstes Gesicht zusehends, und seine etwas reservirten Bewegungen wurden wieder ungezwungen und natürlich.

Das Zeichen zum Aufbruche wurde gegeben, und wir begaben uns in das Eßzimmer. Vom Tische blinkte uns, bräunlich glänzend, der schöngebratene Truthahn, der Festbraten der Amerikaner, entgegen, und wir dankten es diesem schönen Vogel, daß das Gespräch sich augenblicklich belebte. Ein Freund des Hauses, Oberst W., zerlegte den Truthahn, und Buffalo-Bill konnte die Bemerkung nicht unterdrücken, daß der Oberst ein wahrer Künstler mit dem Messer wäre. Auf die Frage: ob Buffalo-Bill sich nicht zutraue, das Messer ebenso gut zu handhaben, meinte er: an so kleinen Thieren hätte er sich nie geübt; an einem Elk oder Büffel könne er seine Kunst schon zeigen.

Nun hatten wir unsern Gast gleich zu Anfang, wo wir ihn haben wollten – auf der Prairie, bei den Büffeln. – Er erzählte uns, daß seine Mutter eine Quäkerin englischer Abkunft aus Philadelphia gewesen sei, sein Vater Amerikaner und Agent für die Indianer, weit draußen im Westen auf einem vorgeschobenen Posten.

Da das Wesen dieser Agenturen vielleicht nicht allgemein bekannt ist, muß ich hier einige Worte über dieselben hinzufügen. Indianische Agenturen sind eine Art Cordon, der sich um die indianischen Reservationen zieht und gleichsam die letzte Grenze zwischen Civilisation und Wildniß, zwischen Bleichgesicht und Rothhaut bildet. Diese vorgeschobenen Posten, aus einem oder mehreren Blockhäusern bestehend, sind von Agenten bewohnt, welche von der Regierung aufgestellt werden, um die in ihrem Umkreis wohnenden Indianerstämme durch Subsidien an Pulver, Blei, Lebensmitteln, Decken und baarem Gelde freundlich gesinnt zu erhalten oder wieder zu versöhnen. Ein solcher Agent bekommt gegen 1200 Dollars Gehalt, macht sich aber leider in vielen Fällen auf Unkosten der armen Indianer ein großes Vermögen durch Verrechnung von nie an sie abgeführten Waaren und Geldern. Viele dieser Agenten haben sogar Indianerinnen zu Frauen, wodurch zwar eine freundlichere Stimmung der Stämme erzielt, aber nicht selten auch der Unterschleif begünstigt wird.

Diese Politik gegenüber den Indianern wird sehr getadelt; auf der einen Seite werden dieselben beschützt und bevorzugt, auf der andern verfolgt und vernichtet; mit der einen Hand giebt man, während man mit der andern nimmt. Die klugen Indianer machen sich diese sonderbaren Verhältnisse indessen zu Nutze, da der Agent unmöglich genau wissen kann, wie viele Indianer auf der Agentur anwesend sind und wie vielen er Subsidien zu entziehen hat; es kann daher immerhin eine Anzahl Krieger zu den feindlichen Stämmen stoßen und nach mitgemachten Scharmützeln ruhig nach Hause ziehen, die Wunden pflegen und sich an den ausgetheilten Lebensmitteln und Vorräthen laben, wie es nach den Kämpfen dieses Sommers gar oft der Fall war.

Diese Agenturen führen meistens den Namen des bedeutendsten Häuptlings der daran wohnenden Stämme, sind aber höchst exponirte Posten, da die paar darauf lebenden Männer, der Agent mit Familie und einigen Knechten oder Arbeitern, vollkommen machtlos wären, irgend einen feindlichen Angriff abzuwehren. Die Indianer werden auch nur durch die Angst vor Repressalien in Schach gehalten, welche zu fürchten sie oft Gelegenheit hatten.

Auf einer solcher Agentur wuchs Buffalo-Bill auf; er besuchte sogar eine sich damals dort befindende Missionsschule, genoß aber, wie er lachend gestand, nur drei Wochen lang Schulunterricht, da er einer Züchtigung halber davongelaufen war. Seine Mutter lehrte ihn lesen und schreiben, die Indianer fischen und jagen, und die Nothwendigkeit das Uebrige.

Als er als junger Bursche von einem längeren Jagdzuge auf die Agentur zurückkam, fand er das elterliche Blockhaus niedergebrannt, Vater und Mutter getödtet und scalpirt. Von da an schwur er den Rothhäuten Rache und bildete sich zum Scout und Kundschafter aus, bis er endlich in den letzten Jahren von der Regierung zum Chef der Scouts ernannt wurde.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 584. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_584.jpg&oldid=- (Version vom 9.9.2019)