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Seite:Die Gartenlaube (1877) 571.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


Clavierspielerkrampf gehört, welche durch Elektricität geheilt worden sind. – Eine wichtige Rolle spielt auch die Elektrotherapie bei vielen Krankheiten der Gefühlsnerven, namentlich bei den verschiedenen Neuralgien, die als Gesichtsschmerz, Hüftweh, Gürtelschmerz etc. im Publicum unliebsam bekannt sind. Selbst ganz veraltete Fälle dieser Art werden manchmal durch wenige elektrische „Sitzungen“ geheilt; freilich setzen diese Zustände auch bisweilen die Geduld des Patienten wie des Arztes auf eine schwere Probe. Organische Hirn- und Rückenmarkskrankheiten werden nur ausnahmsweise durch die Elektricität geheilt, wohl aber häufig gebessert und aufgehalten; sehr erfolgreich wirkt die Elektricität bei nervösem Kopfschmerz, namentlich bei der sogenannten Migräne, dieser Plage des weiblichen Geschlechts; ebenso in vielen Fällen von Hysterie und beim Veitstanz.

Außer den Krankheiten des Nervensystems sind noch besonders die verschiedenen Rheumatismen als eine Domäne der Elektrotherapie zu nennen. Die elektrische Behandlung des Muskelrheumatismus datirt schon aus ziemlich früher Zeit; dagegen haben wir erst ganz neuerdings die Elektricität als ein vortreffliches Mittel gegen Gelenkrheumatismus kennen gelernt; die heftigen Schmerzen, welche eine Haupterscheinung dieses Leidens bilden, können durch Anwendung von Faradisation rasch und dauernd beseitigt werden; indessen sind freilich für die Heilung der Krankheit selbst in der Regel noch andere Mittel erforderlich.

Es giebt nun noch eine ganze Reihe von Krankheitszuständen, bei welchen die Elektricität theils als wesentliches Mittel, theils in Verbindung mit anderen Heilmethoden in Anwendung gebracht wird; wir müssen indessen doch zugestehen, daß wir in dem oben Gesagten das Gebiet der Elektrotherapie in der Hauptsache abgegrenzt haben. Es erübrigt noch zu bemerken, daß die Faradisation der Zwerchfellsnerven vielfach mit schlagendem Erfolg zur Wiederbelebung von Scheintodten, so namentlich bei Kohlenoxydgasvergiftung angewendet worden ist; der Vollständigkeit halber erwähnen wir schließlich die in der „Gartenlaube“ erst kürzlich besprochene Verwendung des elektrischen Stromes zur Nachweisung des Todes; die elektrische Muskelerregbarkeit erhält sich nämlich noch einige Zeit nach erfolgtem Ableben, nimmt alsdann rasch ab und ist nach spätestens drei Stunden vollständig erloschen; da nun bekanntlich die meisten der gewöhnlich als „sichere Zeichen des eingetretenen Todes“ angeführten Merkmale theils unzuverlässig, theils erst längere Zeit nach erfolgter Auflösung zu constatiren sind, so läßt sich auch in diesem Punkte die hohe Bedeutung der elektrischen Untersuchung nicht verkennen.

Das Princip der Arbeitstheilung macht sich, wie in allen anderen menschlichen Bestrebungen, so auch in der Medicin mehr und mehr geltend; zu den vielen schon bestehenden „Specialitäten“ ist neuerdings auch die Elektrotherapie gekommen, was großentheils daher rührt, daß die Anwendung der Elektricität gewisse technische Schwierigkeiten mit sich bringt und sich in Form von Pillen oder Pülverchen nun einmal nicht verabreichen läßt. Indessen fängt man von allen Seiten an, für die Verbreitung der Elektrotherapie in weiteren ärztlichen Kreisen zu wirken. So hat man ganz neuerdings an der Universität Leipzig eine selbständige Professur für diesen jungen Zweig der Heilkunde errichtet, um den angehenden Aerzten Gelegenheit zur Ausbildung in der Elektrotherapie zu geben und es kann nicht fehlen, daß die übrigen deutschen Hochschulen diesem Beispiele folgen werden. Hoffen wir, daß nun auch das Publicum seine alten, heutzutage durch nichts mehr begründeten Vorurtheile gegen ein Mittel aufgebe möge, welches, zu rechter Zeit und in richtiger Form angewendet, als eine der mächtigsten Waffen gegen das uns allseitig bedrohende Heer von Krankheiten bezeichnet werden muß.




Der goldige Quell von Pilsen.


In Boheim, dem Lande der Heilquellen, wetteifert seit etwa 15 Jahren die Menschenhand mit der Natur auch ihrerseits durch künstliche Quellen den Ruhm der Heimath in alle Welt zu tragen, und wer weiß, ob sie heut nicht schon Siegerin ist, ob nicht das „Pilsener“, dem unser Aufsatz gilt, mehr genannt wird, als der altberühmte Sprudel. Wer hätte nicht davon vernommen und wer nicht schon einmal den kühlen Trank genossen?

Im Jahre 1842 errichteten die Bürger Pilsens, zunächst nur um für sich ein gutes Bier zu brauen, auf einem Grundstücke an der Radbusa ein Brauhaus von bescheidenem Umfange. Die Einrichtung war auf vierundsechszig österreichische Eimer berechnet, und damit dachte man dem täglichen Bedürfniß der Stadt selbst genügen zu können. Man braute, und man sah, daß es gut war, und nannte es im freudigen Glauben, daß das Ideal erreicht sei, „Bairisches“, obgleich es augenscheinlich mit dem bairischen nicht die mindeste Aehnlichkeit aufwies.

Der ideelle Ruf des Bieres verbreitete sich sehr schnell, aber die reale Anerkennung ließ noch lange auf sich warten; man rühmte es auswärts, doch man trank es noch nicht. Vielleicht war nur der frühere Mangel an Verkehrswegen daran schuld, vielleicht auch die nicht gerade glückliche Lage des Ortes; das kleine Pilsen liegt unweit der böhmischen Urwälder. Aber die Anerkennung des Echten ist eine logische Nothwendigkeit, die auch unter den ungünstigsten Umständen nicht ausbleiben kann. Im Jahre 1850 machte sich die erste Vergrößerung der Anstalt nöthig, und im Jahre 1862 fand der Verfasser bei einer Durchreise schon eine Brauerei ersten Ranges vor. Allein trotz immer neuer Zubauten hielt von jetzt an die Erzeugungkraft nicht Schritt mit der Vernichtungskraft der sich gewaltig mehrenden Bekenner des flüssigen, grüngoldigen Evangeliums. Sechs Jahre später entstand neben der alten eine zweite Brauerei auf Antheil, die gleich von vornherein auf eine immense Zeugungskraft angelegt wurde, und von jetzt an datirt erst der ungeheure Aufschwung der Pilsener Bierbrauerei überhaupt und es will scheinen, als ob die jüngere geschäftsfreudige Braunixe die großen Abzugsschleußen für die ältere mit gezogen hätte. Auffallend ist, daß sich seit jener Zeit der Verdoppelung jede der Brauereien ebenfalls verdoppeln mußte. Doch keine sei auf Unkosten der anderen gerühmt; es sind ein Paar ebenbürtige Schwestern, ein Paar Riesinnen, die unter ganz gleichen Grundbedingungen hantiren; sie vermälzen beide nur böhmische Gerste, sie würzen nur mit Saazer Hopfen, sie kochen beide mit demselben eisenhaltigen Quellwasser, das nach der Fama den Hauptbeitrag zu dem berühmten Wohlgeschmack liefern soll, sie lagern beide ihre Biere in denselben Sandsteinfelsen, es ist sonach nichts natürlicher, als daß beide gleich stark begehrte Producte liefern.

An Nährwerth stehen die bairischen Biere offenbar höher als das Pilsener, doch die neuere Zeit, die sich mit festen Nahrungsmitteln kräftiger nährt, wendet sich mit Vorliebe den weniger scharf gemälzten und dafür stärker gehopften Bieren zu.

Ueber den Geschmack des böhmischen Goldquells etwas sagen zu wollen, verbietet sich; es ist das eben Sache der Gefühlsnerven; man könnte nur sagen, es ist stark gehopft und es schmeckt nach Kohlensäure, außerdem läßt sich vielleicht noch ein allgemeines Urtheil hinzufügen, etwa angenehm etc., was aber die Hunderttausende während der Wiener Weltausstellung in die Pilsener Restaurants lockte, sie wissen es nicht. Die feinsten Grade in der Qualität sind eben undefinirbar.

In den statistischen Angaben, welche die volkswirthschaftliche Bedeutung der beiden Brauereien vor Augen führen werden, fasse ich der Erleichterung wegen beide zusammen; die ältere nimmt etwa mit 7/11, die jüngere mit 4/11 an den Zahlen Theil.

Die Ausdehnung der Gebäude ist eine großartige, sie erstrecken sich über eine Fläche von vierzig Hectaren, bedecken sonach die Aecker eines vollen Hufengutes und würden für sich schon eine ansehnliche Stadt abgeben. Die Zahl der arbeitenden Hände ist bei Brauereien, in Anbetracht aller andern Verhältnisse, eine ziemlich geringe; man sieht ungeheuere Räume, in denen sich eine Menge gangbares Zeug umdreht und Arbeiten verrichtet, und doch ist keine Menschenseele dabei sichtbar. Nur siebenhundert Männer halten von den Comptoiren bis hinab zu den Waschhäusern die weitläufigen Werke im Gange. Außer den Directoren führen noch etwa zwanzig Personen die kaufmännische Leitung, dreihundertfünf Brauburschen mälzen, brauen und verfüllen, hundertsechszig Faßbindergesellen liefern die Fässer hierzu, und was übrig bleibt von den siebenhundert, führt

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 571. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_571.jpg&oldid=- (Version vom 9.9.2019)