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Seite:Die Gartenlaube (1877) 536.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


Der Absynth.
Eine Warnung, von F. A. Stocker.


Der Canton Neuenburg ist wohl einer der interessantesten Cantone der ganzen Schweiz. Kann er sich auch nicht mit der großen Alpenwelt messen, so bieten dagegen seine Jura-Berge und seine Thäler unendlichen Reiz, der um so größer ist, je mehr sich die eine Gegend wieder von der andern durch die Mannigfaltigkeit ihrer Gestaltung unterscheidet. Locle und Chauxdefonds, das Traversthal haben mit den lieblichen Partien am See nichts gemein, und doch sind dort die Anziehungspunkte so mächtig, daß eine zahlreiche Bevölkerung, die von Jahr zu Jahr sich mehrt, sich die heimeligsten Stätten daselbst errichtet hat. Es ist die Industrie, welche prächtige Wohnsitze gebaut und das rauhe, aber malerische Land zu einem gewerbliche Arkadien umgeschaffen; nicht die rußige, rauchige Industrie der großen Städte mit ihren geschwärzten Essen und Schlöten, sondern das leichte, glänzende und flimmernde Gewerbe der Uhrenfabrikation, die ihre Producte mit weltberühmten Namen über alle Meere sendet.

Doch wir wollen uns heute nicht mit derselben befassen, sondern einer andern Industrie gedenken, die aus kleinen Anfängen einen ungeahnten Aufschwung genommen hat und unsere Beachtung verdient, obschon der Mißbrauch, der mit ihr getrieben wird, schwer auf der dortigen Arbeiterbevölkerung lastet.

Der Sitz dieser Industrie, von der wir sprechen wollen, liegt in dem langen, breiten, wilden und schönen Traversthale, bekannt durch seine seit mehr denn hundert Jahren in Betrieb stehenden Asphaltgruben, die seit dreißig Jahren gegen eine Million Centner Asphalt geliefert haben, und durch seine – Absynth-Fabrikation. Diese letztere Industrie hat ihren Anfang in Couvet genommen, dem Geburtsorte des berühmten Mechanikers Ferd. Berthoud, des Erfinders der See-Uhren für geographische Längenbestimmungen. Couvet hatte Anfangs der fünfziger Jahre erst 1700 Einwohner, nach der Volkszählung von 1870 zählt es 2222, meist Protestanten, die sich zum Theil namentlich mit der Fabrikation von Uhrmacherwerkzeugen beschäftigen.

Die Fabrikation des Absynth im Val de Travers reicht in die letzten Jahrzehnte des achtzehnten Jahrhunderts zurück. Wie ein französischer Arzt, Arnold de Vilneuve, es war, der im vierzehnten Jahrhundert die Darstellung von Weingeist durch Destillation des Weines lehrte und den Branntwein in gewissem Sinne als Universalmittel (Lebenselixir) erachtete, so stammt auch die erste Anwendung des Absynth von einem französischen Arzte her. Die Geschichte dieses Getränkes ist lehrreich und nach zuverlässigen Quellen folgende:

Ein französischer Flüchtling, der Arzt Dr. Ordinaire, wählte Couvet zum Aufenthaltsorte seiner Verbannung und seiner ärztlichen Thätigkeit. Er war für seine Zeit ein talentvoller Arzt und leistete dem ganze Traversthale, in welchem die medicinische Kunst noch eine ziemlich unbekannte Sache war, wesentliche Dienste. Mit der Ausübung der Medicin vereinigte er den Beruf eines Apothekers, wie es damals zu Stadt und Land oft üblich, wenigstens geduldet war. Panaceen verschmähte er keineswegs, und namentlich stand ein Universalmittel bei ihm in hoher Gunst, welches er aus aromatischen Kräutern selbst bereitete und dessen Zusammensetzung er allein kannte.

Viele Leute erklärten sich in Folge des Gebrauchs dieses Heilmittels, das nunmehr den Namen „Wermuthextract“ erhielt, vollkommen von ihre Leiden befreit, und der Arzt konnte nichts Anderes thun, als die wiederholten Gebrauch des Mittels anempfehlen. Aber leider, so vielfach dasselbe auch half, ihm selbst konnte es nicht über die Schwelle des Todes hinüberhelfen, maßen gegen den Tod kein Kräutlein gewachsen ist.

Vor seinem Ende vermachte Ordinaire das geheimnißvolle Recept seinem Dienstmädchen, der Mamsell Grandpierre. Diese verkaufte das Mittel den Töchtern des Lieutenants Henriod, welche selbst die benöthigten Kräuter und Pflanzen in ihrem Garten pflegten und zogen und die Destillation des Liqueurs am Küchenherde besorgten. Diese Art der Fabrikation des Elixirs erzeugte nur wenig, und der Verkauf desselben geschah, wie bei den Thüringer sogenannten Olitätenhändlern und Balsamträgern, auf dem Wege des Hausirhandels.

Zu Anfang dieses Jahrhunderts ging das Recept durch Kauf an Herrn Pernod Sohn in Couvet über, und von diesem Augenblicke an kam das „Extrait d'Absynthe“ in den Handel. Die ersten Geschäftsleute, welche sich dieses Artikels bemächtigten, waren Dubied, Vater und Sohn, und ihr Verwandter Henri Louis Pernod, Sohn, alle Drei in Couvet. Allerdings fabricirten die beiden Häuser noch in zierlich beschränktem Maßstabe; der Bedarf war weder groß noch allgemein und der Mangel an den benöthigten aromatischen Kräutern ein nächstes Hinderniß für die Entwickelung der Fabrikation. Dubied und Pernod hatten keine andere Bezugsquelle für ihre Ingredienzien als ihre eigenen Gärten. Nach und nach wurde aber die Nachfrage nach dem „Extrait d'Absynthe“ stärker und damit auch die Cultur der Kräuter umfangreicher.

Im Jahre 1830 schätzte man die Einnahme für die Wermuthpflanzungen in den vier Gemeinden Couvet, Môtiers, Fleurier und Buttes auf tausend bis zwölfhundert Louisd'or, und man rühmte einem Privatmanne von Couvet nach, daß er allein für zweitausendfünfhundert Franken verkauft habe. Von diesem Zeitpunkte an nahm die Cultur der Absynthpflanzen einen immer größeren Umfang an, und heute ziehen die Eigenthümer von ihren Absynthfeldern in Couvet bedeutende Einkünfte. Das Dorf Boveresse verkauft jährlich für mehr als sechstausend Franken, Môtiers und Couvet in ähnlichen Verhältnissen. Die Landwirthschaft wird durch diese Cultur sehr begünstigt; ist der quantitative Ertrag gering, so sind die Preise hoch, ist der Ertrag reichlich, so gewinnen die Bauern wiederum durch die Menge.

Im Jahre 1810 hatte einer der hauptsächlichsten Fabrikanten auf seinen ersten Reisen nach Paris nur sechs Kunden zu besuchen, als er aber, reich geworden, sich vom Geschäfte zurückzog, zählte er sie zu Hunderten. Man schätzt heute die Quantität Absynth, welche die Fabriken des Traversthales liefern, auf 370,000 Liter, ein im Verhältniß zu der dabei beschäftigten Arbeiterzahl bedeutendes Ergebniß.

Das Kraut (Artemisia Absynthium), aus dem der Absynth zunächst bereitet wird, ist ein durch ganz Mitteleuropa auf steinigen Anhöhen, wie auch in Gärten vorkommendes Gewächs, das zwei bis vier Fuß hoch wird; sein Stengel ist holzig, die Wurzel ist ausdauernd; es fällt namentlich auf durch seine geschlitzten, graufilzigen Blätter und gelbe überhängende Blüthenköpfe. Das Wermuthkraut hat frisch wie getrocknet einen eigenthümlichen, stark würzhaften Geruch und intensiven bittern Geschmack. Die Pflanze enthält einen harzigen und einen krystallisirbaren Bitterstoff, verschiedene Salze und ein ätherisches Oel (Oleum Absynthii), das den Geruch der Pflanze hat, scharf aromatisch und weniger bitter schmeckt. Die Verwendung der Pflanze ist eine doppelte: einmal wird ihre Blüthe gesammelt und getrocknet und in den Apotheken zur Bereitung von Tincturen und Extracten gegen Magenleiden gehalten; und zweitens wird der Extract derselben mit anderen aromatischen Zuthaten als Absynthliqueur verwertet. Die Absynthliebhaber sind namentlich in Frankreich, England, Nordamerika, der Schweiz und auch Deutschland häufig, obgleich die nachtheilige Wirkung des Getränkes auf das Nervensystem von der Erfahrung hinlänglich nachgewiesen ist.

Fast zahllose wissenschaftliche Untersuchungen haben sich bis jetzt vergeblich bemüht, den unwiderstehlichen Reiz zu erklären, welcher die Absynthtrinker an dieses schädliche Getränk fesselt. Dagegen ist es hinsichtlich der Folgen rationell, anzunehmen, daß das Gift des Absynths auf das Gehirn im Speciellen und auf das Nervensystem im Allgemeinen ähnlich wirkt, wie das Gift des Tabaks und des Opiums. Die fortwährende Einwirkung der giftigen Substanz auf das so außerordentlich zarte Gehirnnetz führt schließlich zu materiellen Aenderungen der Structur dieses Organs, und es ist wohl selbstverständlich, daß diese Störungen in der Gehirnthätigkeit traurige Veränderungen in allen intellectuellen Thätigkeiten hervorbringen müssen.

Thierische Rohheit, Stumpfsinnigkeit, Wahnsinn und theilweise oder völlige Lähmung der Organe sind das unausweichliche Ende der Absynthtrinker, die dieses Gift in größerer Menge genießen, falls nicht eine Leber- oder Magenkrankheit ihrem Zustande ein rascheres Ende bereitet. In der That ist dieser Liqueur

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 536. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_536.jpg&oldid=- (Version vom 31.7.2018)