Zum Inhalt springen

Seite:Die Gartenlaube (1877) 465.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)

Blätter und Blüthen.


Vom letzten großen Welt-Jahrmarkt. Neben den wichtigeren Fortschritten der Technik, die sich häufig den Blicken des Laien ganz entziehen, begegnet man auf den Weltausstellungen regelmäßig auch einer Reihe von Curiositäten, welche nur dazu da sind, die Schaulust der großen Menge zu befriedigen, und die wie lustige Intermezzos zwischen den Erzeugnissen der ernsten Arbeit stehen. Unter den Prospecten, deren Sammlungen in Philadelphia unter den Armen selbst zahmerer Prospect-Tiger zu ganzen Ballen anschwollen, befand sich auch ein Gemälde, welches man auf den ersten Blick für ein Genre- oder idyllisches Familienstück hätte halten können. Man sah darauf eine Gesellschaft dargestellt, welche in Frieden ihr Mittagsmahl verzehrt. Eine Art von mechanischem Schutzgott in Gestalt des Fowler’schen Patent-Fliegen-Verscheuchers wacht über ihre Ruhe, und durch die von einem Uhrwerke stundenlang unterhaltene Rotation seiner zu Häupten der Gesellschaft befindlichen Flügel treibt er Legionen lüsterner Fliegen in die Flucht, und erinnert den hämisch davonschleichenden Nigger daran, daß die Sinecure des Fliegenwedelamtes, welches bei orientalischen Familienscenen und Staatsactionen eine so bedeutsame Rolle spielt, seinem schmählichen Untergange entgegengeht. Diese Fowler’sche Wedelmaschine wurde in ihrem Bestreben, den erhabenen Genuß des süßen Nichtsthuns zu befördern und die höhere Faullenzerei des Tropendaseins von allen Hindernissen zu befreien, wesentlich ergänzt und unterstützt von dem bei der Hitze des vorigen Philadelphia-Sommers doppelt begehrenswerten Fächerstuhl des Herrn Seil aus Charlestown. Unter dem Schaukelsitze dieses ingeniösen Luxusmöbels ist nämlich ein doppelter Blasebalg angebracht, der, von den anstrengungslosen Schaukelbewegungen seines glücklichen Besitzers in Thätigkeit erhalten, durch zwei vertical aufsteigende und verschiebbare Holzröhren ansehnliche Quantitäten frischer Lust demselben in’s Gesicht sendet. Diese Luft muß zuvor einen kleineren Behälter durchströmen, in den man mit flüssigen Wohlgerüchen getränkte Schwämmchen einlegen kann, um sich nach Geschmack und Belieben in Veilchen-, Rosen- oder Orangenduft zu wiegen.

Eine ebenso seltsame wie nützliche Erfindung konnte man unter den Ausstellungsgegenständen des Hauses Stow und Burnham bewundern: schlangenartig gewundene oder im Bogen herumgedrehte biegsame Wellen, durch welche die Bewegung einer Riemenscheibe ungeachtet dieser Biegungen von dem einen zum andern Ende ungeschwächt fortgeleitet wurde. Die äußerlich unbeweglich daliegenden, mit einer inneren Metallspirale gesteiften Lederröhren schließen nämlich die biegsame Welle, richtiger gesagt: ein Drehkabel, ein, welches sich in Folge seiner Biegungsfähigkeit in Maschinenwerkstätten und bei Tunnelbauten äußerst nützlich verwenden läßt, weil man durch dasselbe z. B. Maschinenbohrer bequem in jeder Richtung wirken lassen kann, ohne die Maschine und den zu bearbeitenden Gegenstand jedesmal erst zurecht rücken zu müssen. Die biegsamen Wellen sollten denn auch zuerst im Kleinen von amerikanischen Zahnärzten zu Bohrungen in der Mundhöhle benutzt worden sein, ehe man sie in die grobe Technik einführte.

Die größte Ueberraschung harrte aber der Schaulustigen in der Ausstellung des Hauses Westinghouse und Compagnie zu Philadelphia. Sie bestand darin, daß irgend ein Vertreter dieser Firma einen Gummiball von circa fünf Zoll im Durchmesser nahm und ihn, wie es der Sage zufolge mit Mohamed’s Sarg geschehen sein soll, mitten in der freien Luft aufhing, woselbst er sich zu drehen anfing, ohne herabzufallen und vielleicht zum Nachbar noch eine etwas kleinere drehende Holz- oder Glaskugel erhielt. Der genaueren Betrachtung ergab sich natürlich, daß diese schwebenden Kugeln, wie die goldenen Bälle unserer Springbrunnen, von einer Widerstand[WS 1] leistenden Säule getragen wurden, nämlich von einer Säule strömender Luft, die, unter einem Drucke von drei bis sieben Atmosphären und unter einem Winkel von 35 bis 40° schräge aufsteigend, die Bälle ein bis zwei Fuß von der Ausflußöffnung im Gleichgewicht hielt. Im weiteren Verfolge dieser Erscheinung hat sich denn erst ergeben, in welcher Weise in beiden Fällen die tragende Kraft wirkt. Das Wesentliche ist nämlich nicht der tragende Widerstand des Strahls, sondern die Ablenkung und das Haften desselben an der Kugelfläche, wodurch es sich denn auch erklärt, weshalb fettige Kugeln auf einem Springbrunnen nicht tanzen.




„Der alte Harkort spricht.“ Wo man diesen Ruf hört, schweigt und lauscht man. Er kann nur die Wahrheit sprechen, der alte Fritz von Westphalen. Wer ihn kennt, kann sich gar nicht denken wie er etwas Anderes aussprechen könnte, als was ihm im Herzen sitzt. Der silberhaarige Arbeiter und Kämpfer hat nach oben die Wahrheit zu Zeiten gesagt, wo das gefährlicher war, als heute. Sein „Bürger- und Bauernbrief“ brachte ihn 1851 auf die Anklagebank; trotzdem ließ er, weil es sein Gewissen ihm gebot, das Jahr darauf den „Zweiten Bürger- und Bauernbrief“ folgen und erregte gleich nachher durch seinen „Wahlkatechismus pro 1852 für das deutsche Volk“ neue „Unzufriedenheit“ in den Massen und demzufolge auch bei der hohen Polizei. Wer so, wie Harkort, seine Lebtage zum Besten des Volkes gesorgt und gekämpft hat, der ist auch der rechte Mann, dem Volke einen Spiegel vorzuhalten, wenn er es auf Irrwege gerathen sieht, und ein solcher „Arbeiter-Spiegel“ ist’s, für den wir oben den Ruf erschallen ließen: „Der alte Harkort spricht.“

Er ist nur ein Heftchen von zwölf gedruckten Seiten, dieser „Arbeiter- Spiegel“, aber es ist in diesen wenigen Blättern als reife Frucht halbhundertjähriger Erfahrung mehr Lebensweisheit enthalten, als in manchem dicken Buche. Und wie versteht Friedrich Harkort mit und zu dem Volke zu reden! Jeder angehende Volksschriftsteller kann von ihm lernen, mit Einfachheit und Klarheit in kurzen, eindringlichen Sätzen seine Gedanken und Gefühle darzustellen und so warm zu geben, daß sie gleich in’s Herz des Hörers übergehen. Harkort ist bekanntlich Katholik, jetzt Altkatholik, aber den Luther muß er doch studiert haben, denn es herrscht Uebereinstimmung im Schwerthieb des Worts und geistige Verwandtschaft zwischen beiden, weil es beide gleich gut und ehrlich mit dem Volke meinen und den gleichen Zorn hegen gegen die nichtswürdigen Verführer desselben.

Harkort sagt in der Einleitung: „Wer in den Spiegel schaut, bemerkt leicht seine Flecken. Die Wahrheit ist ein solcher Spiegel für Jedermann, vom König bis zum Bettler. – Ohne Menschenfurcht soll man sie aussprechen und ihren Lehren ein williges Ohr leihen. – – In der Mehrzahl unseres deutschen Volkes liegt ein gesunder Kern, der gewartet und gepflegt werden muß, damit die Nation wehrhaft sei und den Tugenden unserer Vorfahren nicht untreu werde und die Geschichte unserer Tage für die Nachkommen das löbliche Beispiel stelle, daß Freiheit, Pflicht und Recht ihr Wahlspruch sein muß.“

Es ist sehr erfreulich, daß dieser „Arbeiter-Spiegel“ schon in der zehnten Auflage verbreitet wird, und löblich ist es von der Verlagshandlung (Gust. Butz in Hagen), daß sie den Preis von fünfundzwanzig Pfennig für das Exemplar bei Abnahme von fünfzig Exemplaren auf zehn und von hundert Exemplaren auf neun Pfennig herabsetzt. Dem Wohlhabenden, dem das Wohl des Volkes und Vaterlandes am Herzen liegt, kann es nicht billiger und bequemer geboten werden, durch Vertheilung dieses Schriftchens eine wahrhaft gute Saat zu säen.




Das fünfte Rad am Wagen braucht doch nicht immer das „fünfte Rad am Wagen“ im Sinne des Sprüchwortes, das heißt eine völlig überflüssige Zugabe zu sein, wie die seit beinahe Jahresfrist zwischen Berlin und Weißensee verkehrende Pferde-Eisenbahn, bei welcher das fünfte Rad eine sehr wichtige Rolle spielt, lehrt. Dieses kleinere, vor dem linken Vorderrad angebrachte Rad dient nämlich als Leitrad, indem es mit einer Nuhte auf der betreffenden Eisenschiene läuft und dadurch die vier anderen gewöhnlichen Räder auf den Schienen erhält, während es durch eine kleine Hebelvorrichtung jeden Augenblick seiner Function „enthoben“ werden kann, um den Wagen in einen gewöhnlichen Straßenwagen zu verwandeln, der dann ebenso leicht den Schienenstrang verlassen wie auf denselben zurückkehren kann, nachdem er einem entgegenkommenden Wagen ausgewichen ist. Der Abgeordnete Henze hält diese Erfindung für so wichtig, daß er in der letzten Sitzungsperiode seine Collegen wiederholt darauf aufmerksam machte und den sich dafür interessirenden Theil derselben durch eine Gesellschaftsreise auf den Straßen Berlins von der vorzüglichen Leistungsfähigkeit dieses fünften Rades zu überführen suchte. Da man nämlich mit Hülfe eines solchen Leitrades, dessen Anbringung sammt der Hebelvorrichtung etwa fünfzehn Mark kosten würde, jeden beliebigen Last- oder Personenwagen, wenn er nur die richtige Spurweite hat, in einen Schienenwagen verwandeln kann, um dann mit denselben Zugkräften viel größere Lasten zu bewegen als vorher, so hofft der Abgeordnete Henze, daß man sich diese nützliche Erfindung in weiteren Kreisen zu Nutzen machen werde, indem man Chausseen und Landstraßen aller Art mit einem Schienengeleise für allgemeine Benutzung bei bestimmten Ausweichungsregeln versehen werde. Das alte Sprüchwort läuft mithin Gefahr, auf allen Wegen widerlegt, der Falschheit überführt und überfahren, ja vielleicht zu einer solchen Sinnesänderung gezwungen zu werden, daß man künftig mit Genugthuung Bismarck oder Moltke als „das fünfte Rad am Wagen“ bezeichnen darf, sofern sie das Staatsschiff im richtigen Geleise erhalten helfen.




Die billige Butter, welche seit einiger Zeit auf unsern Märkten erscheint, kann billigerweise nur Diejenigen in Erstaunen setzen, welche noch nicht wissen, daß den Kühen seit einiger Zeit in der Buttererzeugung eine unliebsame Concurrenz von ihren eigenen Eheliebsten, den Ochsen, bereitet wird. In einem Artikel der „Gartenlaube“ (Jahrgang 1877. Nr. 19) ist uns mitgetheilt worden, wie bitter sich der Ausspruch Mephisto’s in Auerbach’s Keller: „der hölzerne Tisch kann Wein auch geben,“ in dem unerschöpflichen Hobelspahn-Fasse des wohlthätigen Herrn Dochnahl erfüllt hat. Ein ähnlicher „tiefer Blick in die Natur“ hat uns denn auch, aber ohne daß wir an ein Wunder zu glauben brauchen, zu billiger Butter verholfen. Aeltere Oekonomen werden sich erinnern, daß man schon vor fünfzig Jahren und früher auf den großen Landgütern in der wärmeren Jahreszeit „Kunstbutter für das Gesinde“ erzeugte, indem man frischen Ochsentalg mit etwas Milch oder süßer Sahne (um die Nase zu befriedigen) zerrieb, oder wie der Kunstausdruck lautete: „verbutterte“. Dieser alte Kunstgriff kluger Hausmütter, die dem Worte der Bibel, daß man dem Ochsen, der da drischet, das Maul nicht verbinden soll, keine Verbindlichkeit beilegten, wurde vor etwa zwei bis drei Jahren nach den Fortschritten der „synthetischen Chemie“ verbessert und in die Groß-Industrie eingeführt, um den mittleren Bevölkerungsschichten einen „wohlschmeckenden und gesunden Ersatz der für sie zu theuren Kuhbutter“ zu bieten. Wie es scheint, gebührt dem französischen Erfinder Mège-Mouriès in Vincennes das Verdienst der Initiative für diesen Fortschritt der Social-Oekonomie. Dieser Wohlthäter der Menschheit hatte sich, wie er erzählt, an die Beobachtung der Natur gehalten und sein Verfahren auf die Wahrnehmung gegründet, daß schlechtgefütterte, aber fette Kühe dennoch eine Zeit lang reichliche Buttermengen producirten (?), die demnach nur durch eine Umbildung des im Körper vorhandenen Fettes entstehen können. Warum sollte es die Kunst nicht ebenso machen, den von der Natur gewiesenen Weg befolgen und die Ochsen in Mitleidenschaft ziehen, die ja doch mit den Kühen eines Fleisches und eines Talges sein müssen? Seit dem Bekanntwerden dieser logischen Schlußfolge sind denn nun auch in der Nähe der meisten Großstädte Kunstbutterfabriken entstanden, und unter den vielen Kunstgenüssen, welche solche Städte ihren Bewohnern bieten, ist derjenige von Kunstbutter einer der alltäglichsten geworden. Das Herstellungsverfahren,

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Wisterstand
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 465. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_465.jpg&oldid=- (Version vom 9.9.2019)