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Seite:Die Gartenlaube (1877) 438.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


Muselmänner Zweifel erhoben wurden, so schiffte man die zügellosen Burschen wieder nach der Heimath ein, nachdem man sie zuvor vorsichtshalber entwaffnet hatte. Ihre Officiere dagegen, von denen viele nicht Asiaten, sondern Polen oder biedere Balten sind, bleiben im Dienste, und man sieht deren viele in den Gärten, wo, wenn es dunkel wird, die Zigeuner auftauchen. Solch ein musikalisches Kneip-Institut befindet sich dem von mir bewohnten Hôtel gerade gegenüber. Durch die der Hitze wegen geöffneten Fenster bringt mir regelmäßig die Nachtluft bis ein Uhr in der Frühe die nämliche auf der Geige begleitete Melodie, die mir seitdem (kein Wunder auch) beständig in den Ohren summt. Ich war am Ende doch neugierig, den beharrlichen und ausdauernden Naturmusikanten zu sehen, der die Geduld hatte, sechs Stunden jeden Abend die nämliche Arie zwanzigmal zu wiederholen. Im Hintergrunde des stark besetzten Gartens in einem Musik-Kiosk stand der Virtuose – kupferbraun wie ein Sioux mit struppigem Haar und weißen Zähnen; er fiedelte und sang mit rührender Ueberzeugung. Hinter ihm saßen etwa vier andere braune Gesellen, die, ohne sich um den Tact zu kümmern, auf’s Gerathewohl mit Contrebaß, Geige und einem eigenartigen Instrumente, welches den Singsang der Waldvögel nachahmt, darauf los musicirten. Von Zeit zu Zeit tauchte aus der kleinen Gesellschaft ein junges geschniegeltes Bürschchen mit krausem Haar und weiblichen Manieren auf, welches sich nach rechts und links verneigte, ein Couplet sang und dann mit noch zierlicherer Verbeugung abtrat. Das Ganze wäre urkomisch, wenn die seltsamen Typen der Virtuosen der Sache nicht einen romantisch-fesselnden Anstrich verleihen würden.

Ebenso wenig wie dem äußeren Verkehr hat der Krieg dem geselligen Leben Bukarests Eintrag gethan. Unter Anderen werden die kleinen zwangslosen Donnerstagssoiréen des Bürgermeisters von Bukarest, Herrn C. A. Rosetti, stark besucht. Rosetti, eines der Häupter der demokratischen Partei, die sich jetzt am Ruder befindet, ist zugleich Präsident der Abgeordnetenkammer und hat gewiß auf die staatliche Gestaltung der Dinge hier einen ebenso großen Einfluß, wie irgend ein Minister. Herr Rosetti, der den größten Theil des Jahres in Paris zubringt, bewohnt, wenn er in Bukarest weilt, das Haus, wo sich die Redaction des Blattes „Romanul“, dessen Eigenthümer und Gründer er ist, befindet. Im Redactionssaale, der während der Soiréen als Rauchzimmer benutzt wird, befindet sich unter anderen eine Zeichnung, die Mazzini auf dem Todtenbette darstellt, und ein sehr schönes Portrait von Garibaldi (Lithographie) mit der eigenhändigen Widmung des Eremiten von Caprera: „A mon cher ami Rosetti. Garibaldi.“ Der heutige Bürgermeister von Bukarest, dem letzthin die Ehre zu Theil wurde, am Bahnhofe den Beherrscher aller Reussen zu begrüßen, ist ein intimer Freund nicht nur der beiden italienischen Freiheitshelden, sondern der hervorragendsten Führer der europäischen Revolutionspartei überhaupt. Es liegt auch etwas vom eingefleischten Carbonaro in den scharfen ausdrucksvollen Zügen des in seinem Wesen höchst liebenswürdigen Stadtoberhauptes. In dem Salon des „Romanul“ finden sich viele hervorragende Persönlichkeiten der Partei ein: Senatoren, Deputirte, Richter, Beamte und in deren Begleitung ihre Damen und Töchter. Während die Männer über Politik discutiren, musiciren die Damen und – um eben den Zeitumständen Rechnung zu tragen, zupfen sie Charpie für den künftigen Gebrauch.

Es wäre unmöglich, wie ich es versuchte, von dem heutigen Bukarest eine richtige Skizze zu entwerfen, ohne gleichzeitig der beträchtlichen Schaar von Berichterstattern zu erwähnen, welche der Krieg hierher gelockt hat. Alt-England schreitet selbstverständlich voran; die Berichterstatter der „Times“, des „Daily News“, des „Standard“, des „Telegraph“ etc. sind die Aristokraten unter uns. Die Herren haben unbeschränkte Creditbriefe und ihre Diener und Pferde, die indessen ruhig im Stalle bleiben, bis das Hauptquartier mobil wird. Das benachbarte Oesterreich, welches bei diesem Kriege doch gewissermaßen jetzt schon betheiligt ist, hat ebenfalls ein starkes Contingent gestellt; jedes große Wiener Blatt hat in Bukarest allein zwei Correspondenten, abgesehen von denjenigen, die im Lande links und rechts patrouilliren. Von den deutschen Zeitungen sind nur die ganz großen Tagesblätter vertreten; auch Italien hat ein Häuflein hierher gesandt. Der Berichterstatter des römischen „Fanfulla“ hatte sogar das Glück, für einen Spion gehalten zu werden und mit dem Gefängnisse von Braila Bekanntschaft, wenn auch nur vorübergehend, zu machen.

„Wie hat es Ihnen dort gefallen?“ fragte ich den transalpinischen Collegen.

„Nicht übel,“ murrte er. „Die Einrichtung ist comfortabler als in manchem Hôtelzimmer.“

Die französische Presse ist ebenfalls durch etwa zehn Pariser vertreten, die meistens in ihrer äußeren Erscheinung und ihrem Auftreten den Ruf französischer Sitte und Eleganz rechtfertigen.

Paul d’Abrest.




Ein Stündchen bei „Onkel Bräsig“.
Von Theodor Winkler.


„Und wenn ich soll in das Theater geh’n,
So will ich wenigstens was Lustiges seh’n,
Denn Trauerspiele mit Grausen und Schrecken,
Die sieht man ohnehin an allen Ecken.“

Nestroy, der allbekannte Wiener Komiker, war es, wenn wir nicht irren, der diesen Wahlspruch aufgestellt hat. Er sprach damit den Grundsatz von Hunderten und Tausenden aus. Das kann man noch heute überall beobachten. Und ohne der ernsten Seite des Theaters zu nahe zu treten, läßt sich behaupten, daß damit einer sehr natürlichen menschlichen Regung Ausdruck verliehen ist. Drei edle Himmelsgaben sind es ja, die dem Staubgeborenen als Gegengewicht gegen die mannigfachen Mühsale des Erdenlebens mit auf den Weg gegeben wurden: der Schlaf, die Hoffnung und das Lachen. Ja, wer nicht mehr schlafen, nicht mehr hoffen, nicht mehr lachen kann und doch noch athmet, der mag seine Rechnung mit diesem Leben als abgeschlossen betrachten!

„Lachen! Wenn es nur so leicht wäre!“ ruft der Pessimist seufzend aus. „Lachen!“ klagen die Leiter unserer Bühnen, „wenn sie doch nicht so dünn gesäet wären, die Kräfte, die das von den Brettern aus in das Publicum hineinzuzaubern vermögen!“ Dichter wie Darsteller des heitern Elements sind in unseren Tagen ebenso selten wie gesucht. Die Lustspielproduction liegt bei uns so sehr darnieder, daß die Bühnen nicht wissen, woher den Bedarf nehmen, ohne längst abgebrauchte Dinge immer wieder aufzuwärmen, und die Schauspieler, die so recht von Grund aus, so recht auf Alle ohne Unterschied erheiternd zu wirken verstehen, sind nicht viel häufiger. In den meisten Fällen sieht der Bühnenkomiker seine Grenze in den Gemarken seines Landstrichs: die Wiener vermögen den Berliner, die Berliner den Wiener Humor nicht zu verdauen. Kurz und gut: Dürre und Unfruchtbarkeit auf dem Felde, dem das Lachen ersprießen soll.

Ein solcher Nothstand drängt unwillkürlich zur sorgsamsten Ausbeute des Wenigen, was gedeiht, und führt auch dem Mangelhaften ein liebevolles Augenmerk zu, sobald der Kern ein edler ist.

Das erfuhr auch der Humorist, der vor etwa zwanzig Jahren in einem versteckten Landstädtchen Mecklenburg-Schwerins auftauchte und die Gaben seiner Muse in plattdeutscher Sprache auf den Büchermarkt brachte. Fritz Reuter nannte sich der Autor. Heute kennt ihn Jedermann, der geistige Genüsse zu würdigen weiß; damals war er fremd, ein Neuling in der Literatur, und nur wenige des Idioms Kundige waren es anfangs, die von seinen Schriften Kenntniß nahmen. Aber ihre Mühe lohnte sich; sie fanden mehr, weit mehr, als sie von dem unbekannten Schriftsteller erwartet hatten; sie täuschten sich mit den Dichtungen des plattdeutschen Humoristen manche trübe Stunde hinweg; sie griffen darum wiederholt zu seinen Büchern, und Fritz Reuter wurde ihnen allmählich das Höchste, was nur ein Autor seinen Lesern werden kann, ihr Vertrauter, ihr Freund.

So etwas spricht sich rasch herum. Das Erheiterungsbedürfniß ist allgemein, und gern empfiehlt der Eine dem Andern den wackeren Grillenscheucher. So wuchs der kleine Kreis von Reuter-Verehrern und der Autor mit ihnen, denn Anerkennung ist das

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 438. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_438.jpg&oldid=- (Version vom 9.9.2019)