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Seite:Die Gartenlaube (1877) 377.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)

No. 23.   1877.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Im Himmelmoos.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)


Es dämmerte schon stark, als die Arbeit des Tages gethan war oder abgebrochen werden mußte. Das Nachtessen war verzehrt, und die Gäste zerstreuten sich, die Einheimischen in ihre Schlafkammern, die Fremden auf die verschiedenen Wege, die nach ihrer Heimath führten. Judika hatte noch in der Küche nachgesehen und die Kohlen zusammengeschürt, um dem neuen Ankömmling, den sie mit Zuversicht erwartete, das Nachtmahl warm zu halten, dann trat sie vor die Hausthür, setzte sich auf dieselbe nieder und nadelte mit den faltigen Händen, die nie zu feiern vermochten, an einem jener dicken, mit grünen Schnörkeln verzierten „Beinlinge“, welche die Gebirgsbewohner zwischen Knöchel und Knieen um die Waden zu tragen pflegen. Sie war der gewohnten Arbeit so sicher, daß sie dazu der Augen nicht bedurfte, und diese ungestört auf den Weg und den Hügelhang hinab schicken konnte, auf welchem der Sohn des Hauses kommen mußte.

So scharf sie auch über sich blickte, weit und breit war kein menschliches Wesen zu sehen, dagegen fielen nach einiger Zeit von dem über der Hausthür sich hinziehenden offenen Gange, der sogenannten Laube, kleine Steine herunter, die sie anfangs nicht beachtete; erst als eines derselben mitten in den werdenden Beinling hineinfiel, blickte sie verwundert auf, da aber nichts zu sehen war, schüttelte sie nur den Kopf und lachte vor sich hin. „Gewiß ein Spatz, der in den Mörtel hackt!“ rief sie. „Ich muß wieder einmal mit dem Kehrbesen kommen, damit sich die Vögel nicht gar zu grob einnisten.“ Vom Laubengange fiel nach einer Weile wieder ein Steinchen herab, und zwar diesmal wie gezielt, gerade auf die regsame Hand der Alten. Sie sprang empor, rascher als der Bursche, der auf der Laube stand, sich zu verbergen vermochte.

„Ja, was ist denn das?“ rief sie, warf achtlos Strumpf und Knäuel von sich und breitete die Arme aus, als könne sie damit bis zu dem Burschen empor reichen und ihn an ihr Herz ziehen. „Du bist es, Bub'? Da kann ich freilich lang' da sitzen und passen; wie bist denn herein gekommen?“

„Ich bin's schon; ich bin der Spatz,“ entgegnete der Bursche, der sich nun auf das Geländer stützte und lachend auf sie nieder sah. „Wär' nicht übel, wenn der Spatz sich in seinem alten Nest nicht mehr auskennen und keinen Weg finden thät, wo ihn der Kehrbesen nicht erwischen kann. Wo bleibst so lang’ damit?“ „Komm nur herunter, Wildel!“ entgegnete Judika, „komm nur – ich will indeß nach dem richtigen Spatzenschrecker suchen, oder nach einem Schlaghäusel, denn jetzt ist es vorbei mit dem Herumfludern in der Welt; jetzt heißt’s fein daheim bleiben, daß Du’s nur weißt.“

Rasch eilte sie in’s Haus; ebenso rasch kam der Bursche die Stiege herab. An der Küchenthür trafen sie zusammen, und im Scheine des Herdfeuers trat er vor die Alte, die nun, da sie ihm gegenüber stand, ihn verwundert ansah und fast verschüchtert die ihr dargebotene Hand annahm: ihr Ohr hatte die Stimme des Lieblings sogleich wieder erkannt – ihr Auge fand ihn nur mit Mühe wieder. Schwebte er doch vor ihrer Erinnerung in der Bergbauerntracht, in der er von ihr gegangen war, und jetzt stand er da in der blauen Kürassier-Uniform mit den grellen rothen Aufschlägen und den blitzenden Goldknöpfen – ein rothwangiger, überlebhafter Jüngling war von ihr geschieden; ein fertiger Mann mit sonnenbraunem Angesicht war wiedergekommen. „Bist Du’s denn wirklich?“ rief sie. „Ich kenn’ Dich ja schier’ nicht mehr; komm nur herein und setz setz' Dich nieder! Du wirst müdchier nicht mehr; komm nur herein und setz' Dich nieder! Du wirst müd' sein und rechtschaffen hungrig; ich hab' Dir schon das Abendessen aufgehoben. Iß und dann erzähl' mir dabei, wie es Dir gegangen ist die ganze lange Zeit und ob Du Dich nicht recht oft heimgesehnt hast heimgesehnt hast in’s Himmelmoos!“

Wildrich – so war sein Name, der im Munde des Volks durch eine wunderliche Zusammenziehung sich zu Wildel abgerundet hatte – machte der Einladung alle Ehre: der ansehnliche Marsch aus der Hauptstadt machte seine Wirkungen geltend, wie die lang entbehrte trauliche Ruhe am väterlichen Herd ihm das Herz erregte und ihn mittheilsam machte. Er schilderte die Mühen und Anstrengungen des Dienstes, aber auch die Freuden und Genüsse eines frischen, fröhlichen Soldaten- und Reiterlebens; er berichtete von der Schönheit der Stadt, von der Pracht der Paläste und Gärten mit ihren thurmhohen Springbrunnen, die aber in all ihrer Herrlichkeit nicht hinreichten, das Andenken an das Thälchen im Himmelmoos mit seinen Wiesen, Wäldern und Bergen zu verdunkeln. Er war eben im besten Zuge, als Judika nach seiner Hand griff, um sie zwischen der ihrigen zu halten. Sie wiederholte das öfter; es that ihr wohl, sich auf diese Weise immer wieder zu vergewissern, daß der Jüngling, an dem ihr ganzes Herz, wie das einer Mutter, hing, nicht mehr in der Fremde weilte, sondern wirklich und wahrhaftig an ihrer Seite saß. Plötzlich zuckte sie zusammen, als hätte sie in eine Messerschneide gegriffen; sie hielt die Hand noch fest, aber nicht schmeichelnd wie zuvor, sondern mit nachdrücklicher Gewalt, als hätte sie dieselbe über

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 377. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_377.jpg&oldid=- (Version vom 9.3.2019)