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Seite:Die Gartenlaube (1877) 354.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


Menschenaltern eingeräumt worden, die Verpflichtung, im Kriegsfalle sich selbst auszurüsten, und so ist alles, Pferde, Uniform und Waffen, ihr persönliches Eigenthum, mit Ausnahme des Hinterladers, der ihnen vom Czar geliefert wird und den sie in getheertem Futteral auf dem Rücken tragen. Bewunderungswerth ist das Geschick, mit dem sie die lederüberzogenen Tschakos tief seitwärts gedrückt auf dem Hinterkopfe balanciren; dazu das lange am Halse glatt rasirte Haupthaar, der eigenthümliche Säbel in der Lederscheide, mit dem dolchartigen Griff ohne Korb, die beinahe knopflose Uniform, der penetrante Theer- und Juchtengeruch – das Alles giebt ein originelles Gepräge. Uebertroffen werden sie darin aber noch von den Uralkosaken, welche schwarze Fellmützen mit oben sichtbarem rothem Tuchlappen tragen. Das Fell hängt ihnen über Gesicht und Nase, und man erblickt nichts als dieses und den Bart.

Die übrige Cavallerie hat mehr europäischen Anstrich. Die Pferde sind gut und die Equipirung ist zweckmäßig.

Die Infanterie ist etwas stark beladen. Sie trägt Zelte und Zeltstangen auf dem Rücken und sechs Rationen Zwieback im Tornister, lange graue Ueberröcke mit vorn auf der Brust gekreuztem graugelbem Baschlik und französische Käppis. Die Hinterlader nach dem französischen Tabatière-System mit Metallpatronen sind nicht allzugroßen Kalibers. Die Mannschaft ist voll von Siegesbewußtsein, die Officiere verhehlen sich aber keineswegs die Schwierigkeiten des Feldzuges. Viele von ihnen kennen die Türken schon aus dem serbischen Kriege und sprechen mit Achtung von ihrer Tapferkeit.

Das Benehmen der Truppen ist ein ganz ausgezeichnetes, und nirgends werden Klagen darüber laut. Alles wird baar bezahlt. Daß aber die Mäßigkeit in der Aufnahme geistiger Getränke den russischen gemeinen Soldaten auszeichnet, läßt sich nicht behaupten. In Würdigung dieses Umstandes wurde auch vom Armeecommandanten befohlen, um neun Uhr Abends sämmtliche Schenken zu schließen. – Auf dem Bahnhofe von Jassy geht es sehr lebhaft zu. Tag und Nacht pfeifen die Locomotiven; das Restaurationslocal ist meistens mit russischen Officieren gefüllt, die ihren Tschin oder ihr Glas Bier trinken oder speisen. Dazwischen gehen die Personenzüge so regelmäßig, wie früher, ab. Auf den Geleisen stehen schwer beladene Züge mit Munitionskarren, Sanitätswagen, Kanonen und Mörsern schwersten Kalibers. Pferde und Mannschaft werden meistens nachts einwaggonirt.

In den asphaltirten Straßen der Stadt rollt es in einem fort. Wir haben Tage gehabt, wo tausend bis tausendzweihundert Wagen Train ankamen, vor jedem zwei- oder vierrädrigen Wagen drei oder vier Pferde. Die auffallende Anzahl der letzteren soll in Bulgarien als Vorspann verwendet werden; vorläufig führen sie Säcke mit Zwieback für den Armeebedarf. Außer per Bahn gehen noch auf der Chaussee. nach Waslui lange Züge ab. Die Infanterie hat Ordre, täglich vierzig, die Cavallerie achtzig Werst (5 5/7 und 11 3/7 deutsche Meile) zurückzulegen. Man sieht es an Allem: Rußland bietet alle seine Kräfte auf. Die Uebermacht soll die Türkei erdrücken. Soviel ist aber sicher: der Krieg wird ein fürchterlicher, erbarmungsloser werden. Die Grausamkeit wird die Rache und der Fanatismus den Fanatismus aufstacheln, und der Völkerhaß mehr als eines Jahrhunderts wird in einer Brandfackel, sich selbst verzehrend, zum Himmel emporlodern.“

Soweit dieser Bericht. Einem zweiten, aus Braila, entnehmen wir das Folgernde: Da, wo die Donau von der einzigen reinnördlichen Richtung ihres Laufes, etwa fünfzehn deutsche Meilen vor ihrer Mündung, wieder in die östliche übergeht, liegen drei in diesem Kriege vielgenannte Orte, Braila, Galatz und Reni. Heute betrachten wir zunächst Braila. Diese Stadt, auch „Brailow“ oder „Ibraila“ geschrieben, war unter der dreihundertjährigen Türkenherrschaft eine starke Festung, wurde aber nach der Uebergabe derselben im Jahre 1829 an die Walachei von den Russen unter dem Commando des Großfürsten Michael zerstört und ist seitdem eine freundliche Handelsstadt. Gegenwärtig ist sie von den Russen militärisch befestigt und bereits der Schauplatz des ersten Zusammenstoßes der beiden kriegführenden Mächte gewesen. Alle neutralen Schiffe haben seinen Hafen verlassen; schon am 29. April sind dort die ersten Schüsse gewechselt worden.

Ein russischer Erlaß stellte es den Einwohnern frei, sich und ihre fahrende Habe vor den Kriegsgefahren nach Belieben zu retten und die Stadt oder eigentlich die Schußlinie der Donauufer zu verlassen und gewährte ihnen drei Tage Frist und Unterstützung dazu. Viele der Reichen haben sich in das Ausland begeben; in Wien ist ein Eisenbahn-Separat-Zug mit den Tresors und dafür verantwortlichen Beamten der größern rumänischen Banken eingetroffen; die minder wohlhabenden Bürger mit ihrem beweglichen Hab und Gut, Weib und Kind, der Landmann mit seinem Viehstande und Feldfrüchten haben sich landeinwärts geflüchtet. Viele Häuser wurden in Casernen und Lazarethe umgewandelt; russische und rumänische Soldateska füllt lärmend Gassen und Plätze, während die armen Einwohner Braila’s und des ganzen untern Donauufers neben ihren hochbeladenen Karren einhergehen, in Wäldern oder auf Weilern Abends ihre schlechtgeschützte Ruhestätte suchen und das erste ergreifende Bild der Kriegsnoth uns vor Augen führen.

Die russischen Manifeste fordern Jedermann auf, an seine gewohnten Geschäfte zu gehen, versprechen pünktliche Baarbezahlung der Requisitionen und die Ausbauung der Eisenbahnlinie Maracesti-Fokschani-Buseo, eine Strecke von einhundertzwanzig Kilometern, die außerdem den Bau von sechs großen Brücken erfordert. Anhaltende Regengüsse und die dadurch bedingten Anschwellungen der Flüsse hatten die Straßen aufgeweicht und Bahndämme zerstört, so daß das russische Eisenbahn-Bataillon vollauf zu thun hatte, die schon vorhandenen geschädigten Communicationswege wieder herzustellen.

Braila, die Hauptstadt des gleichnamigen Bezirkes, liegt in einem der Kimpeni oder Flachländer der „großen Walachei“, an dem Punkte, wo sich der Sereth in die Donau ergießt, die sich da in sechs Arme spaltet, deren einer den durch starken Getreidehandel berühmten Hafen der Stadt bildet. Diese hat ungefähr 20,000 Einwohner, ist der Sitz des Kreisvorstandes und einer Quarantaine-Anstalt, und besitzt mehrere schöne Straßen und Bauwerke. So die St. Michaelskirche, von den Russen zum Andenken an den Sieg des Großfürsten Michael im Jahre 1829 erbaut. Die großen Getreidemagazine entstanden aus den Steinen der damals demolirten Festungswerke. Außerhalb der Stadt befindet sich noch ein Denkmal russischen Ursprungs, eine Erinnerung an die glückliche Rettung des Großfürsten Michael, der bei der damaligen Belagerung wie durch ein Wunder einer türkischen Granate entging. Der Sommer ist dort tropisch heiß, der Winter streng, das Klima ziemlich ungesund, fiebererzeugend.

Bereits vielgenannt ist die Eisenbahnbrücke über den Sereth bei Barbodschi, deren Nichtzerstören den Türken zum schweren Vorwurf gemacht wird, weil dadurch den Russen der Vormarsch nach Braila, Bukarest etc. wenigstens sehr erleichtert worden ist. Nunmehr haben die Russen bei Braila starke Batterien schweren Geschützes errichtet und dadurch die Türken gezwungen, ihre Geschütze vom Ufer (wie unsere uns von Braila zugegangene Illustration sie noch zeigt) auf die rückwärts liegenden Anhöhen zu postiren. Die russischen Batterien sind schon wegen der hier nicht unbedeutenden Erhebung des walachischen Ufers über den Donauspiegel den türkischen Monitors, die lange Zeit die Herren der Donauufer waren, höchst gefährlich geworden. Eine Dampfcorvette von neun Kanonen und mit hundertfünfzig Mann Besatzung ist am 11. Mai das erste größere Opfer jener türkischen Nachlässigkeit geworden, indem das Schiff, in den Dampfkessel getroffen, durch Entzündung der Pulverkammer in die Luft flog. Braila gegenüber liegt, am Ende des Matschincanals, die türkische Festung Matschin. Aus dortiger Nähe, aus Getschit, sollen am 13. Mai drei russische Dampfbarkassen allda für die türkische Donauflottille deponirte Kohlenvorräthe weggeholt haben. Der Uebergang russischer Truppen nach der Dobrudscha und die vollendete Aufstellung der Türken daselbst sind wenige Tage später ebenso eilig berichtet wie wiederrufen worden, werden aber in den nächsten Tagen doch noch eintreffen.


Ein Opfer vorschneller Justiz.[1]
Aus den Erlebnissen eines älteren Zeitgenossen.

Heutzutage, wo jedes wichtige oder nur halbwegs sensationelle Ereigniß sofort eine weltumspannende Oeffentlichkeit erlangt, kann man auch von Verbrechern als von „Helden des Tages“ sprechen, und man kann ihre Namen als die von allgemein bekannten Persönlichkeiten nennen, in der Voraussetzung, daß die Geschichte ihrer Verbrechen in allen Gegenden, in welche nur ein Zeitungsblatt dringt, bekannt geworden sei. Der vielgenannte Francesconi hatte zu Wien kaum den Richtplatz betreten, auf welchem er seinen mit furchtbarem Raffinement an einem armen Briefträger verübten Raubmord durch sein eigenes Leben sühnen sollte, er hatte kaum in reumüthiger Ueberschwenglichkeit seinen Ankläger, den Staatsanwalt, geküßt und von diesem eine Minute vor der Hinrichtung den unabsichtlich humoristischen Abschiedsgruß: „Leben Sie wohl!“ entgegengenommen, als die Wiener Behörden schon eines anderen Candidaten für den Galgen, Raimund Hackler’s, des verthierten Muttermörders, habhaft wurden. Bald wurde auch dieser vom Leben zum Tode geführt, und man kann sich denken, daß zwei so rasch nach einander vollzogene Todesurtheile in allen Schichten der Wiener Gesellschaft die Discussion über die Zweckmäßigkeit und die Berechtigung der Todesstrafe in den Vordergrund rückten.

So saß denn auch eines Abends eine vorwiegend aus Künstlern bestehende Gesellschaft um einen runden Marmortisch in einem Wiener Kaffeehause und debattirte mit vielem Eifer über die große Tagesfrage. Neue Argumente wurden allerdings nicht aufgebracht, wohl aber alle bereits allgemein bekannten mit vielem Feuer vertreten. Es ist vielleicht kaum mehr möglich, neue Argumente in dieser Frage in’s Treffen zu führen, aber es scheint auch kein Bedürfniß nach solchen vorzuliegen, da ja die vorhandenen für die Vernunft sowohl, wie für das Gefühl vollkommen ausreichen. Man sprach von der Besserungsfähigkeit der menschlichen Natur, von der Möglichkeit eines Irrthums, also auch von der eines Justizmordes, von der Unmöglichkeit, einen

  1. Der nachstehenden authentischen Mittheilung wollen wir als einem interessanten Beitrage zur Geschichte der Justizpflege die Aufnahme nicht versagen. Die Bewohner von H. werden sich der hier ohne jede Ausschmückung geschilderten Vorgänge sicher noch erinnern. D. Red.
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 354. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_354.jpg&oldid=- (Version vom 9.9.2019)