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Seite:Die Gartenlaube (1877) 352.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


Blinde außerdem: allerlei Strick- und Filetarbeit, Anfertigung von Bekleidungsgegenständen und Luxussartikeln, Spinnen, Häkeln, Perlenarbeit etc. Wir verlassen jetzt das mühevolle Gebiet des Unterrichts, auf welchem außer dem Director drei wissenschaftliche Lehrer, zwei Musiklehrer, ein Handarbeitslehrer, eine Handarbeitslehrerin mit dem größten Segen unterrichten, und folgen unsern jungen Freunden auf ihre Erholungsstätten. Bei ungünstiger Witterung machen sie entweder Spaziergänge in den langen Corridoren oder halten sich in ihren Wohnzimmern auf; hier spielen sie Schach, Domino, „Tivoli“; jüngere Zöglinge erfreuen sich an Holzsoldaten oder bauen sich eine kleine Stadt auf, ganz in der Weise eines vollsinnigen Kindes. Ein interessantes Bild entfaltet sich an schönen warmen Tagen in dem Anstalts-Park. Es ist ein weitverbreiteter Irrthum, daß Blinde des Lichtes entbehren können. Nichts ist ihnen nöthiger als Sonnenschein und Tageslicht, und die Blinden des Königl. Instituts versäumen gewiß keine Minute der Freiheit, das Lehrgebäude zu verlassen, um in den herrlichen Anlagen Erholung und Erfrischung zu suchen. Durch das mit großer Sorgfalt gepflegte, eingezäunte Grundstück führen breite mit Steinen eingefaßte Wege; Stufen und Vertiefungen sind auf das Gewissenhafteste vermieden, so daß die Zöglinge sich ungehindert und frei bewegen können. Von keinem Sterblichen wird wohl das Herannahen des Frühlings mit so großer Aufmerksamkeit und inniger Hingabe beobachtet, als von unsern Blinden. Die Faust’sche Frage: „Wo fass’ ich dich, unendliche Natur?“ durchzittert auch die Brust des in ewige Nacht Gehüllten und sucht eine Beantwortung. Ergötzt er sich auch nicht an dem sprossenden Grün der Bäume und Sträucher oder den lachenden blumigen Wiesen, seinem Ohr erschließen sich tausend Reize. Er empfindet voll und ganz den Aufruf des Dichters:

„Horch, wie es in den Wipfeln rauscht,
Horch, wie’s im stillen Thale lauscht!
Dir schlägt das Herz, Du merkst es bald,
Der liebe Gott wohnt in dem Wald,“

nicht minder Goethe’s Wort:

„Doch ist es Jedem angeboren,
Daß sein Gefühl hinaus und vorwärts dringt,
Wenn über uns, im blauen Raum verloren,
Ihr schmetternd Lied die Lerche singt.“

Wie lauschen die auf ihren Spielplätzen sich sonnenden Knaben und Mädchen dem Vogelgesang! Sie erkennen aus den einzelnen Vogelstimmen nicht allein den Sänger und seine Art, sie unterscheiden sogar seinen Freuden- und Angstruf und erkundigen sich nach dessen Ursachen. Verschiedene Zugvögel bestimmen sie nach dem Geräusch des Fliegens; sie kennen die Bäume, auf denen wilde Tauben brüten. – Die herrliche Lage des Parkes bietet indeß noch vielerlei andere Vergnügungen für das Ohr. Aus dem ziemlich weitentfernten „Grunewald“ wird bei günstigem Winde das Rothwild gehört; vorüberbrausende Züge zweier Bahnen und deren Signale dienen zu Zeitbestimmungen; Glockengeläute aus entlegenen Ortschaften, Kanonen- oder Gewehrschüsse aus den Berliner Exercirplätzen oder das weithintönende Pfeifen der Locomotiven geben zu Unterhaltungen reichen Stoff. – Wir verabschieden uns ungern von den einzelnen Gruppen, vergessen aber nicht, den fleißigen Turnern am Barren und Reck, desgleichen einigen guten „Schützen“ auf der Kegelbahn, deren Gäste bis zum Aufsetzer nur aus Blinden bestehen, einige Worte der Anerkennung zuzurufen. Wir scheiden mit dem Bewußtsein, eine Stätte kennen gelernt zu haben, wo manches Herz aufgerichtet, manche Seele gerettet, wo das Leid vergessen und in Freude umgewandelt wird. Möge die Anstalt im Dienst der Humanität noch weiter blühen, wachsen und gedeihen!


Der Krieg.
II.

Wir theilen heute unseren Lesern die ersten directen Berichte vom Kriegsschauplatze mit. Auch sie können über einleitenden und vorbereitenden Inhalt nicht weit hinausgehen, geben uns jedenfalls aber ein wahres Bild von wirklich Gesehenem und schildern nicht nach Hörensagen. Wenn die laufenden Ereignisse, welche Telegraph und Tagespresse sofort melden, unseren Mittheilungen weit voraus geeilt sind, so darf der Leser eben nicht außer Acht lassen, daß der Weg für die Sendungen von Wort und Bild bis zu uns ein weiter ist und wir selbst der Ausgabe unserer Nummern stets drei Wochen vorausarbeiten müssen, um die außerordentliche Aufgabe für den Drucker ausführbar zu machen. Jedenfalls halten wir es aber für unsere Pflicht, lieber unsere Originalberichte abzuwarten, als uns mit aus Zeitungsnotizen zusammengestellten zu begnügen. Lassen wir nun unsern Berichterstatter sprechen, der uns zunächst den Pruthübergang und den Durchzug der Russen durch Jassy schildert. Er schreibt:

„Westlich und nordöstlich von Jassy senkt sich das moldauische Hügelland plötzlich in jähem Abfalle zur Pruthebene hinab. Wer dort am steilen Hange steht, übersieht mit einem Blicke meilenweit das flache Pruththal mit seinen eingestreuten kleinen Waldungen, seinem von geschlängelten Wasserrinnen durchfurchten, ausgedehnten, mannshohen Schilfdickicht, wo die wilde Ente und das Rohrhuhn ihr stilles Dasein führen, auf feuchten Wiesen die Trappenheerden weiden und hoch oben in den Lüften der Raubvogel seine Kreise zieht.

So manches Mal auf meinen Jagdfahrten stand ich sinnend vor dem plötzlich auftauchenden Bilde, und jedes Mal bot es mir erneuerten Reiz. Wer hätte noch vor wenigen Monaten ahnen können, daß sich bald gerade in diesen stillen abgelegenen Regionen der erste Act eines blutigen weltgeschichtlichen Dramas abspielen würde? Es kam aber auch buchstäblich über Nacht. Memorandum, Protokoll und alle die schönen papierenen Dinge waren beseitigt und der Czar, dessen Abreise aus Petersburg man dem übrigen Europa erst nach vierundzwanzig Stunden zu melden für gut fand, hatte in einem Fluge eine Strecke von mehreren Tausend Werst seines unendlichen Reiches zurückgelegt, um am 23. April auf dem großen Blachfelde bei Ungheni die Revue über jene Truppen zu halten, denen die Ehre zu Theil ward, zuerst officiell den Pruth zu überschreiten.

Wer, wie ich, die hohe imponirende Gestalt des mächtigen Mannes an jenem stürmischen Revuetage gesehen, wie er im strömenden Regen die Reihen seiner Truppen abritt; wer deren eigenthümliches dumpfes Hurrah, aus 20,000 rauhen Kehlen ausgestoßen, gehört, wer die tiefernsten augenscheinlich vom Bewußtsein seines folgenschweren Entschlusses durchdrungenen Züge seines Antlitzes beobachtet hat, als er mit vibrirender Stimme seine kurze Anrede an sein Officiercorps hielt, dem wird dieser Moment noch in späten Tagen in lebhaftem Gedächtniß bleiben. Nach der Revue fuhr der Czar in seiner Kalesche in Begleitung seines Bruders, des Großfürsten und Armee-Commandanten Nicolaus, an das lehmige, jäh abfallende Pruthufer. Von dort aus betrachtete er sich einen Augenblick das moldauische Land und die Brücke, über welche noch in derselben Nacht seine Heersäulen einer ungewissen Zukunft entgegen marschiren sollten.

Wer aber in grauer Frühe des 24. April auf jenen westlichen Abhängen des Pruththales gestanden hätte, dessen Aufmerksamkeit würde sich schwerlich nur der prachtvollen Fernsicht zugewendet haben. Von Süden her, dort, wo der Bahndamm wie der Leib einer großen Wasserschlange das tiefliegende Morastland durchschneidet, hätte ein unaufhörliches dumpfes Rollen an sein Ohr geschlagen und erstaunt hätte er aufgehorcht. Ein Zug folgte dort dem andern. Wohl waren es nur Güterwagen, die die Locomotive in endloser Reihe nicht zu schnell hinter sich her schleppte, diesmal bargen sie aber ungewöhnliche Fracht, und aus der schmalen Spalte, die ihnen Luft und Licht gewährte, lugten grauröckige Soldaten in den kühlen Morgen hinein. Innen aber lagen und lauerten sie, so gut es eben ging, denn der Raum war schmal, und Rußland hatte alle Eile, seine Soldaten an die Donau zu schaffen, bevor der Türke etwa auf den Einfall käme, die einzige Eisenbahnverbindung in der Mitte durchzuschneiden und die von seinen Donau-Monitors erreichbare Brücke über den Sereth bei Barbodschi zu zerstören. Man hatte wohl schon früher, so unter der Hand, unter Leitung von russischen Genie-Officieren dort Verschanzungen und Erdwerke durch rumänisches Militär angelegt, und dieses hielt sie auch besetzt. Aber auf Rumäniens Kriegsmacht war doch kein rechter Verlaß, und so zog man es vor, möglichst schnell selbst bei der Hand zu sein, und deshalb rollte es im Morgengrauen des 24. April so ungewöhnlich im Pruththale bei Ungheni.

Aber auch beiläufig anderthalb Meilen weiter nordwärts, auf der alten Straße von Jassy nach Skuliani, ging es auffallend zu. Dort, wo sonst höchstens indolente rumänische Bauern mit ihren langen Zügen von Ochsenkarren den Staub der Straße träge aufwirbelten oder, je nachdem, den breiartigen Koth durchfurchten, dort erblickte man dunkle, sich fortbewegende Massen; Piken erglänzten in der Morgensonne; Pferdegetrappel und Gewieher wurde vernehmbar; Helme leuchteten, und ein jäher Windstoß brachte wohl auch unarticulirte Laute, die, in Massen ausgestoßen, von den Russen Gesang genannt werden, aber mit der üblichen Tambourinbegleitung doch eine eigenthümliche wilde Wirkung auf den Zuhörer ausüben.

So zogen sie ihres Weges, Kosaken, Fußvolk, Ulanen, wieder Fußvolk, Train, Sanitätswagen etc.

Um halb fünf Uhr früh, am 24. April, kam der erste Militärtrain in Jassy an. Dort befanden sich Behörden und Eisenbahnleitung in nicht geringer Verlegenheit. Von der Regierung lagen keine Instructionen vor, weder für den Empfang, noch für die Weiterbeförderung. Was die letztere anbelangt, so wäre es sonst vielleicht am einfachsten gewesen, die Russen mit den angekommenen Zügen weiter durchpassiren zu lassen, aber von Ungheni nach Jassy sind die Eisenbahnen mit russischer (bekanntlich um vier Zoll größerer) Spurweite gebaut, und Alles muß hier umwaggonirt werden. Was war da zu thun? Die Stellung des Betriebsleiters

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 352. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_352.jpg&oldid=- (Version vom 9.9.2019)