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Seite:Die Gartenlaube (1877) 320.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


Aus hundert Pfund Wasser, zwanzig Pfund Rebenblättern, Ranken oder Gipfeltrieben mit den immer wiederkehrenden Ingredienzen lehrt Herr Dochnahl einen „sehr guten Tischwein“ bereiten, welcher das ganze Liter sich auf fünf Kreuzer, sage fünf Kreuzer, stellt. –

Wo ist je ein größerer Wohlthäter der durstigen Menschheit aufgetreten, und wer hat je der Speculation, dem uns Menschenkindern doch so natürlichen Streben nach schneller Bereicherung ein ergiebigeres Feld seiner Thätigkeit eröffnet? Was kümmern uns nun noch Mißwachs, Nachtfröste und vernichtende Dürre? Reblaus, wo ist dein Stachel? Traubenkrankheit, wo ist dein Sieg? Also heran, ihr unterirdischen Boudiker, ihr billigen Bowlen-Weinhändler, kauft euch Dochnahl's unsterbliche Broschüre und macht euch euren „Wein“ selbst mittelst des permanenten Wassers! Habt ihr armen Opfer gewinnsüchtiger Großhändlerspeculation nicht immer mindestens fünfzig Reichspfennig und mehr für das Liter dieses guten Tischweines zahlen müssen, das Dochnahl für fünf Kreuzer herstellt und, menschenfreundlich wie er ist, herzustellen lehrt?


Zillerthalerin.
Charakterstudie von Julius Adam in München.


Wie lange sollen Manscher, Panscher und Compagnie und wie sie alle heißen, noch von eurem Marke zehren und euren ehrlichen Verdienst schmälern, jene Groß-Weinhändler des Rheins, der Mosel, der Ahr, deren „eigenes Gewächs“ nicht im rosigen Lichte reift, sondern im Dunkeln, wo gut Munkeln ist, nicht an dem Sonnenhange des Rhein- und Moselufers, sondern in den felsigen Eingeweiden desselben, in dem tiefen Verließ, wo das oben beschriebene wunderthätige Danaidenfaß steht? Und das ist ja gerade das Bequeme, Sichere und Angenehme bei dieser Weinfabrikation, daß man dazu nicht erst einer in's Auge fallenden Fabrik mit einem himmelhoch ragenden Schornsteine bedarf.

Der glückliche Umstand, daß dieser lohnende Industriezweig geeignet ist, so recht im Verborgenen zu blühen, scheint mir ein Haupthebel seiner Verbreitung gewesen zu sein, und ich bin sicher, daß man zu staunenswerthen Resultaten gelangen würde, wenn man einmal der Weinfabrikation und dem Weinhandel ex officio auf den Grund ginge.

Ich habe im Vorstehenden ein wahrheitsgetreues Bild von den Methoden der Verfälschung eines der vielen uns mehr oder weniger unentbehrlichen Lebens- oder Genußmittel gegeben. Vielleicht trägt dieser Artikel dazu bei, arglose optimistische Gemüther aus ihrer Vertrauensseligkeit zu rütteln, und ein energisches Vorgehen Vieler gegen das sociale Uebel der Lebensmittelverfälschung, das fort und fort an Boden gewinnt, anzuregen. So lange die Gesetzgebung sich als unzugänglich erweist und wir noch auf Selbsthülfe angewiesen sind, würde die Ermittelung von Verfälschungen durch landwirthschaftliche, gewerbliche, naturwissenschaftliche und ähnliche Vereine, sowie die schonungsloseste Veröffentlichung erwiesener Fälle durch die Presse treffliche Dienste leisten.




Eine schwarze Kugel.
Erzählung von A. Godin.
(Fortsetzung.)
3.

Hermann's Koffer stand gepackt. Schon trug er selbst, seiner militärischen Pflicht entlassen, wieder Civilkleidung. Nur ein Gang war noch übrig, der schwere Abschiedsbesuch im Kettler'schen Hause. Während der letzten Abende hatte ihm Frau Clara's freundlicher Einladung gegenüber der Vorwand eines Unwohlseins beistehen müssen, abreisen durfte er aber nicht, ohne dort Lebewohl gesagt zu haben. Zwar wußte er den Oberst abwesend, dennoch war ihm der Gedanke äußerst peinlich, mit den Frauen zusammen zu treffen. So empfand er es wie eine wahre Wohlthat, Niemand zu Hause zu finden, als er gegen Abend vorsprach. Aber ehe er noch das der Villa zunächst gelegene Stadtthor erreichte, erkannte er in zwei Damen, die ihm entgegenkamen, mit Bestürzung Frau Kettler und Paula Hollbach. Auszuweichen war unmöglich; er nahm alle Fassung zusammen, um die Damen möglichst unbefangen zu begrüßen, und äußerte sein Bedauern, bei diesem letzten Besuche Niemand von der Familie daheim getroffen zu haben.

Frau Clara schüttelte den Kopf. „Ich werde mich bei Ihrer Mama beklagen müssen, Hermann. Sie haben uns neuerdings sehr vernachlässigt. Oder wären Sie in der That ernstlicher unwohl gewesen, als ich glaubte? Wirklich, Sie sehen angegriffen aus. Und noch diesen Abend wollen Sie fort? Mein Mann, der jetzt beständig unterwegs ist, sagte davon kein Wort, als er heute früh wegfuhr. Habt Ihr Euch denn von einander verabschiedet?“

Hermann bejahte schweigend; es erschien ihm unmöglich,

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 320. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_320.jpg&oldid=- (Version vom 31.7.2018)