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Seite:Die Gartenlaube (1877) 299.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)

Napoleon, der bekanntlich ein wirklich kenntnißreicher Artillerist war, folgte dem Exercitium mit großer Aufmerksamkeit und stellte, übrigens in fließendem Deutsch redend, mehrere eingehende Fragen. Als er aber unter Anderem seine Bedenken darüber ausdrückte, daß die Laffeten doch recht schwer zu sein schienen und namentlich schnelles Richten erschwert sein müsse, antwortete ihm der Hauptmann: „Majestät, wir haben aber bisher die besten Erfolge gehabt.“ Da schwieg der Kaiser. Bald nachher bedankte er sich beim Grafen Monts und bei unserm Hauptmann und verabschiedete sich, hierauf nach dem Schlosse zurückkehrend.

Ein unvermeidlicher Photograph war während dieser denkwürdigen Besichtigung zugegen und vermochte zwei verschiedene Momente derselben auf seiner Platte zu fixiren und zwei Bilder herzustellen, die ich der Redaction zur Disposition stelle.

Unter Dienst und Erholung, unter Anstrengung und Zerstreuung verging die Zeit, und wir merkten es anfangs kaum, daß es nachgerade Winter werden wollte. Bald aber empfanden wir das um so stärker. Wer gedächte nicht mehr der ungewöhnlich strengen und anhaltenden Kälte gerade im Winter 1870 auf 1871; wer hätte damals nicht unsre braven Soldaten vor Paris bemitleiden ob all des Ungemaches, das sie zu leiden hatten? Aber auch in Wilhelmshöhe war Winter. Eisiger Wind fegte über den Casernenhof; er durchkältete die dünnen Wände der nur als angenehme Sommerwohnung erbauten Caserne und drang durch die mangelhaft schließenden Fenster, sodaß weder wollene Decken noch glühende Oefen uns des Nachts vor Frost bewahren konnten. Dabei wurde uns der Dienst nicht geschenkt. Hatten wir, Morgen für Morgen beinahe, den fußhoch liegenden Schnee in der ersten Stunde bei Seite gebracht, so ging es an’s Exerciren wie zur schönsten Sommerszeit, und wenn im Uebrigen auch unsre gestrengen Corporale Alles thaten, uns warm zu machen, so blieb immer noch Ursache genug für die Fingerspitzen, zu frieren, für die unbehandschuhten Hände, zu erstarren. Der kalte Säbel, die kalte Granate beim Exerciren, oder die Zügel beim Reiten trugen zur Verbesserung unserer Lage auch gerade nichts bei. Darüber konnte weder der steifste Grog bei Schombarth, noch das deutlich in den Gesichtern der immer noch zahlreichen Besucher von Wilhelmshöhe zu lesende Mitleid hinweghelfen. Uns blieb nur die immer wachsende Sehnsucht nach dem Felde und dem voraussichtlich herrlichen Frühlinge in Frankreich.

Endlich sollte unser heißester Wunsch in Erfüllung gehen. Es war gerade Nachmittagsstalldienst, als plötzlich das Signal „Appell ertönte und gleich darauf das weitere „Trab“. Alles eilte und stürzte also vor das Thor nach denn Appellplatze, um sich in Reih’ und Glied zu stellen. Eben war eine Ordonnanz von Kassel heraufgekommen und – „Wer will mit nach Frankreich?“ rief der Wachtmeister. Jubelnd sprangen wir Freiwillige vor, mit uns eine ganze Anzahl der ältesten Landwehrmänner, die auch noch gegen die Franzosen, den Erzfeind, ziehen wollten. Während wir eben Alle notirt wurden – es waren mehr Leute vorgetreten, als verlangt wurden – und unsere Freunde trotz aller Disciplin gar zu laut sich äußerte, kam Kaiser Napoleon gerade gegenüber an der Orangerie, nicht fünfzehn Schritte von uns, geführt von seinen beiden großen Generalen, vor uns vorbei. Er blieb stehen und schaute uns eine lange Weile zu. Welche Gedanken mögen ihm in diesem Augenblicke gekommen sein, als er unsre freudige Stimmung und aus unsern lauten Ausrufen die Veranlassung zu derselben erkannte!

Das war das letzte Mal, daß ich den Mann gesehen habe, vor dem noch Monde vorher die Welt zu zittern schien. Den Abend war Gesang und laute Freude in der ganzen Caserne. Nach zwei Tagen kamen wir, völlig neu ausgerüstet und eingekleidet, nach Kassel zu den sich formirenden Ersatzcommando; eine Woche später überschritten wir mit laut schallendem Hurrah die fränkisch-deutsche Grenze. –

M. Carl.




Das Jubiläum eines Glücklichen.

(Mit Portrait.)

Ist der Mann nicht glücklich zu preisen, der auf ein Vierteljahrhundert seiner Pflichterfüllung zurückblicken kann mit dem Bewußtsein: „Du hast nur das Gute gewollt, und das Beste ist Dir gelungen“? Ist er es nicht, wenn er, das Auge auf den Kreis seiner Lieben gerichtet, bekennen muß: „Mir hat ein freundlicher Stern geleuchtet; sein Strahl hat mich mit Glanz umgeben“? Wenn dieser Mann nun ein Fürst, ein Regent ist, wird nicht an seinem Jubeltage seine erste Frage sein: „Was sagt heute mein Volk?“ Diese Frage konnte Badens Großherzog am vierundzwanzigsten April an sein Volk richten. Und das Volk konnte antworten: „Wir freuen uns Deines Glückes. Du hast es um uns verdient.“

Das Großherzogthum Baden hatte am genannten Tage das Regierungsjubiläum seines Fürsten zu feiern. Wir Alle im übrigen Deutschland wissen, daß dieser Fürst in der Geschichte der Neugestaltung unseres nationalen Lebens auf den Gebietern der Einheit und Freiheit eine hervorragende Stellung einnimmt, und daß sein Name unzertrennlich verbunden ist mit den Errungenschaften, deren sich das deutsche Volk in der neuesten Periode seiner Entwickelung freudig und hochgemuth rühmen darf.

Es war ein glücklicher Gedanke, dieses Jubiläum durch eine Festschrift zu verherrlichen, welche in gedrängter Kürze und Uebersichtlichkeit die Ergebnisse der fünfundzwanzigjährigen Regierung des Großherzogs Friedrich zusammenfaßt und, in mehr als hunderttausend Exemplaren in allen Gemeinden des Landes verbreitet, auch dem heranwachsenden Geschlecht zu zeigen bestimmt ist, was in diesen fünfundzwanzig Jahren einer reich gesegneten Regierung im politischen Leben, auf den Gebieten der Gesetzgebung und Verwaltung, für Schule und Gewerbe, für Wissenschaft und Kunst, für Handel und Verkehr geschehen ist. Dieser von Archivrath Fr. von Weech verfaßten Festschrift „Baden in den Jahren 1852 bis 1877“[1], folgen wir, indem wir versuchen, ein Bild dieses bewegten und ereignißreichen Vierteljahrhunderts in Baden zu entwerfen.

Das kleinstaatliche Stillleben, welches das Großherzogthum in den Jahren führte, die der Revolution von 1849 folgten, bewegte sich innerhalb derselben Grenzen, welche das politische Dasein der meisten deutschen Länder in jenen Zeitabschnitte umschlossen. Es war mancherlei aufzubauen, was in den vorausgegangenen Wirren der Zerstörung zerfallen war; es galt die zerrütteten Finanzen zu ordnen, die Steuerkraft des Landes durch Verbesserung der betreffenden Gesetze richtiger zu verwerthen, das Vertrauen in die Dauerhaftigkeit der staatlichen Einrichtungen, das tief erschüttert war, wieder zu befestigen. Es war im Ganzen eine trübe Zeit, ohne Aufschwung, ohne treibende Ideen, ohne rechte Arbeitsfreudigkeit, eine Zeit, in welcher der Weizen einer geist- und herzlosen Bureaukratie in rechter Blüthe stand.

In dieses dumpfe und gleichgültige Leben, dem alle bedeutenden Männer, alle freieren Geister fern blieben, kam plötzlich ein frischer, fröhlicher Zug mit dem Sturme, der sich gegen das Concordat erhob. Denn als die erzbischöfliche Curie zu Freiburg, den Geist der Zeit verkennend, der ganz anders beim Jahr 1860 angekommen war, als er das Jahr 1850 verlassen hatte, sich gegen die bestehenden Gesetze des Staats auflehnte und ihnen offen den Gehorsam verweigerte, erhob sich gegen die drohende Unterordnung des Staates, gegen die Preisgebung staatlicher Hoheitsrechte zu Gunsten der Kirche die Vertretung des badischen Volkes. Die zweite Kammer verwarf das Concordat, und der Großherzog entließ am 1. April 1860 sein Ministerium und berief die Führer der gegen das Concordat gerichteten Bewegung, Stabel und Lamey, in den Rath der Krone.

Dieser Bruch mit der Politik, die zum Abschluß des Concordats

  1. Verlag der A. Billefeld’schen Hofbuchhandlung in Karlsruhe. Das Schriftchen ist mit einem Bildniß des Großherzogs Friedrich aus der Gegenwart geschmückt. Wir müssen, weil ein neues Portrait nicht rechtzeitig fertig geworden, unsern Lesern zu diesem Jubiläums-Artikel ein Bildniß des Gefeierten aus dem Jahre 1863 nochmals vorlegen. Abgesehen von dem nun voller gewordenen Bart, haben die letzten dreizehn Jahre nur wenige Spuren in dem edlen Antlitz des Fürsten hinterlassen, der schon damals in der Ueberschrift unseres Artikels (1863, S. 692) „Der Liebling des deutschen Volks“ genannt werden konnte.
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 299. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_299.jpg&oldid=- (Version vom 11.5.2019)