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Seite:Die Gartenlaube (1877) 283.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)

Aus einem deutschen Kleinstaat.

Von Karl Volckhausen.

I.

Französische Reisegesellschaft. – Ein deutscher Reichstagsabgeordneter. – Ein lippescher Prügel-Amtmann. – Weiterfahrt nach Horn. – Hausmann als Rechtsanwalt.

Seit einer Reihe von Jahren hatte ich mein Specialvaterländchen, das Fürstenthum Lippe, nicht besucht. Umsomehr regte sich in mir das Heimathsgefühl, als ich an einem der letzten Tage des September vorigen Jahres von der Eisenbahnstation Herford aus an dem rothgelben Grenzpfahle vorbei in das unter Woldemar des Ersten Scepter stehende Territorium hineinfuhr. Das Fürstenthum Lippe entbehrt noch der Wohlthat, von Schienenwegen durchkreuzt zu werden. Es wird nur von der Hannover-Altenbekener Eisenbahn an seinem südöstlichen Rande gestreift und die Post vermittelt den spärlichen Personenverkehr innerhalb der Grenzen des Ländchens. Auf die nach Lemgo abgehende Post hätte ich mehrere Stunden in Herford warten müssen aber auf dem Wege zum Postgebäude fand ich einen Hauderer, der sich gerade zur Abfahrt anschickte. „Wohin, Kutscher?“

„Nach Lemgo.“

„Wollen Sie mich mitnehmen für die Posttaxe?“

„Wenn der Herr, der den Wagen gemiethet hat, damit einverstanden ist.“

Der Herr trat hinter dem Wagen hervor; wir wurden rasch einig, und ich stieg ein. Es war ein junger Mann, kaum zwanzig Jahre alt, der, telegraphisch aus einer der größeren Fabrikstädte des nördlichen Frankreich herberufen, einer gestorbenen Verwandten das Geleite zum Friedhofe geben wollte. Er war Tag und Nacht gefahren und hatte sich kaum Zeit gegönnt, etwas zu genießen. Nachdem ich mein Frühstück aus dem Reisesacke genommen und mit ihm getheilt, kamen wir in ein lebhafteres Gespräch. Der Sohn eines in Frankreich naturalisirten Deutschen und während des deutsch-französischen Krieges noch ein Kind, war er damals zu Verwandten nach Lippe geschickt worden und hatte es nicht vergessen, daß seine lippeschen Schulcameraden ihn gelegentlich als Reichsfeind tractirten. Jetzt war er vollständig Franzose; der Hochmuth der Grande Nation schwellte bereits seine junge Brust, und es war ein wunderbarer Contrast, wie er sich sympathisch äußerte über seine lippeschen Verwandten, das heißt über die einzelnen Deutschen, die er kannte, und wie er sich unmuthig ausließ über die Bevölkerung Lippes und Deutschlands im Allgemeinen, von der seine geographische und geschichtliche Kunde höchst dürftig war. Da er bald herausfand, daß ich weder ein blinder Bewunderer deutscher Zustände noch ein Franzosenhasser war, so ließ er sich in ungenirter und naiver Weise gehen. Er machte die üblichen Scherze über das deutsche Kleinfürstenthum; er grollte über den Krieg und die Kriegführung, vor Allem aber variirte er das Thema: Wir sind ein reiches Volk, und Ihr seid trotz der Milliarden eine arme Nation.

Die Strecke lippeschen Landes, die wir durchfuhren, bot ihm dazu einen ausgiebigen Stoff. Das Terrain zwischen Herford und Lemgo ist ziemlich eben und baumlos. Die Felder waren, so weit das Auge reichte, öde und leer, theils wegen der bereits vollzogenen Ernte, theils in Folge der anhaltenden Dürre des August. Die bewaldeten Hügel, die sich in einiger Entfernung links vom Wege hinziehen, ließen sich kaum erkennen, denn es war ein grauer, wolkenverhängter Septembertag, der von Zeit zu Zeit einen Regenschauer auf uns niederschüttete. Dank den Regengüssen der vorigen Tage trat der bedauernswerthe Zustand der Chaussee recht grell hervor; die ausgefahrenen Geleise waren in Pfützen verwandelt, und Koth und Wasser spritzten an den Pferden und an den Rädern hoch hinauf. Nur äußerst spärliche Spuren des Lebens erblickten wir auf der mehrstündigen Fahrt; keine Equipage, kein Postwagen, kein Reiter kam uns zu Gesicht. Zwischen zwölf und zwei Uhr Mittags rastet der Landmann, und das mochte die Ursache sein, daß wir auch nur zweimal ein Ackerfuhrwerk sahen und daß auf den grau-braunen Feldern rechts und links ein paar einsame Krähen die unbestrittene Alleinherrschaft hatten.

Das lippesche Städtchen Salzuffeln, das man passiren muß, macht auch keinen erbaulichen Eindruck. Den Titel einer Stadt führt es nur nach historischem Rechte; der weitaus größte Theil desselben sieht aus wie ein ärmliches Dorf. Es hat sich seit den vierzig bis fünfundvierzig Jahren, wo ich als Knabe es kannte, wenig vergrößert oder verändert. Fast wollte es mir scheinen, als ob das holprige Pflaster von damals noch heute dasselbe sei, und die zerbröckelten Mauern, die rissigen Wände verschiedener Häuser, einige Misthaufen an der Straße grinsten mich als alte Bekannte an. Ein freundlicheres Intermezzo bildet nur die kurze Straße von Salzuffeln bis nach dem nahe gelegenen saubern Dorfe Schötmer. Von da an wird die Scenerie wieder ganz monoton.

Es wäre verlorene Mühe gewesen, wenn ich meinem französischen Reisegefährten eine bessere Meinung von dem lippeschen Lande und dessen Bevölkerung hätte beizubringen versuchen wollen, und ich gab mir diese Mühe auch nicht. National überhitzte Gemüther sind der Belehrung ebenso unzugänglich wie die religiösen Fanatiker. Nur das konnte ich mir nicht versagen, den jungen Mann leise zu mahnen, ein wenig Gerechtigkeit und Unparteilichkeit zu üben. Er mußte auch Etwas vom deutschen Michel gehört haben, und sprach seine Bewunderung darüber aus, daß dieser sich von seinen Fürsten so lange und so geduldig am Gängelbande hätte führen lassen.

„Ja wohl,“ sagte ich ihm, „es ist das Unglück der Völker, daß sie aus der Geschichte Nichts lernen und das Meiste vergessen. Wir theilen dieses Malheur mit fast allen Nationen und auch mit der Ihrigen. Frankreich hat die Ideen von 1789, aber an jenem Unglück, das Sie mit uns theilen, liegt es, daß Bourbonismus und Orleanismus, Bonapartismus und Clericalismus noch heute eine Macht sind, welche jene Ideen nur kümmerlich zur Verwirklichung kommen ließen.“

So traurig, wie das lippesche Land dem Fremden erschien, ist es in der That durchaus nicht. Selbst jene monotone Strecke, die wir an dem regnichten Septembertage durchfuhren, ist ein äußerst fruchtbares Gelände. Im Frühling und Hochsommer wogen dort die üppigsten Saaten. Die Hügelkette, die sich zwischen Herford und Lemgo zur Linken der Chaussee hinzieht, birgt eine Anzahl hübscher Dörfer und stattlicher Gehöfte. Gehölz und Feld und Wiese wechseln ab in anmuthigem Gemisch. Zumeist sind es Bauerngüter von erheblichem Umfange, welche an den Berghängen und in den Thälern zerstreut liegen. Bei weitem schöner wird aber das Land, wenn man weiter nach Süden – südöstlich in den Bereich der Weserberge, südwestlich zum Teutoburger Walde – gelangt. Einen so anmuthigen Wechsel von Berg und Thal, von Feld und Gehölz, von sattem Wiesen- und reichnüancirtem Waldesgrün findet man im deutschen Reiche nicht leicht. Himmelanstrebende Berge, schroffe Hänge, wilde Gießbäche giebt es da freilich nicht, aber manche Dorfkirche mit dem von Bäumen beschatteten Pfarrhause, manche Mühle am Bache und manch einsamer Bauernhof sieht aus wie ein verkörpertes reizendes Idyll. Um diese Blüthen landschaftlicher Schönheit zu Gesicht zu bekommen, bedarf es freilich des Abweichens von der Heerstraße.

Seit das Hermannsdenkmal vollendet und eingeweiht ist, hat sich der Ruf, daß ein Durchwandern des lippeschen Ländchens „lohnend“ sei, auch in andern deutschen Gauen verbreitet. Die Einweihungsfeier des Jahres 1875 lockte Gäste aus weiter Ferne herbei, und sie sind die Apostel der Reize des Teutoburger Waldes geworden. Jener große Waldcomplex, den man unter diesem Namen auf der Karte zwischen Detmold und Paderborn verzeichnet findet, wurde, wie ich mir sagen ließ, in den Sommermonaten dieses Jahres von mehreren tausend Touristen durchstreift, und die Dörfchen, die am Rande des Waldes, von Detmold bis zum Städtchen Horn, von der Grotenburg bis zu den Externsteinen zerstreut liegen, sind von Vielen als Standquartier für längeres Verweilen benutzt worden. Ein Besuch, den ich meinem langjährigen Freunde, dem Reichstagsabgeordneten für Lippe Franz Hausmann, abstattete, führte auch mich in dieses Revier.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 283. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_283.jpg&oldid=- (Version vom 11.5.2019)