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Seite:Die Gartenlaube (1877) 214.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


wanden sich wie vielfarbige Blumenguirlanden um die Bogengänge der Gebäude, die Wände entlang bis zu den spitzen Giebeln, leuchteten aus allen Fenstern, schimmerten aus dem Grün der Bäume und Sträucher und zeichneten mit Feuerlinien die byzantinische Kuppelform der Basilika bis zu den goldglänzenden Kreuzen vom nächtlichen Hintergründe ab.

Marktplatz und Kirchhof waren von dichtgedrängten, wogenden Menschenmassen erfüllt, der städtische Theil der Bevölkerung, wie meine Begleiterinnen, in dunklen Ueberwürfen, der bäuerliche in buntschillernden Trachten, Alle mit brennenden Wachskerzen in den Händen. Das war ein Lachen und Flüstern, Verlöschen und Wiederanzünden der Flämmchen, die ein boshafter Windstoß oder ein neckischer Hauch ausgeblasen hatte, ein Sich-suchen-und-meiden, Finden-und-wieder-Verlieren – ein Stück bacchantisches Heidenthum in dem fröhlich geheimnißvollen Treiben.

Wir durchschritten würdevoll die Reihen, die sich vor uns respectvoll öffneten, höchstens Grüße empfangend oder erwidernd, und traten in die Kirche. Auch da herrschte stimmungsvolles Halbdunkel. Alles Licht hatte sich, wie in einem Brennpunkte, am Altare gesammelt. Dort befanden sich außer der großen Osterkerze noch ganze Feuergarben von Lichtern, die von dem gold- und spiegelglänzenden Hintergrunde vervielfacht zurückstrahlten und den zahllosen darauf befindlichen Heiligen eine wahrhafte Strahlenglorie verliehen. In dem Meere von Licht und Glanz stand der Protopope mit seinem geistlichen Stabe, darunter mein Hauswirth, in goldstrotzenden Ornaten, alte Folianten vor sich, aus denen sie abwechselnd Gebete hersagten. In den Pausen sang ein Knaben-Sängerchor Psalmen und andere heilige Gesänge. Endlich war der Gottesdienst zu Ende. Diakonen ergriffen die an goldenen Stäben befestigten Bildertäfelchen der Heiligen und bewegten sich in Procession nach dem Ausgange der Kirche; ihnen folgten die geistlichen und weltlichen Würdenträger, die singenden Chorknaben und endlich das Volk. Der Zug bewegte sich um die Kirche herum, und als er zum Ausgangspunkte zurückgelangt war, donnerte wieder eine Böllersalve; die Geistlichen verschwanden durch das Portal des Gotteshauses, die Uebrigen aber fielen sich plötzlich in die Arme und gaben sich gegenseitig unter dem Jubelrufe: „Christ ist erstanden“ den Osterkuß, den Kuß der Versöhnung, der Gleichheit und des Friedens, den echten Kuß der Erlösung.

In diesem Augenblicke entzückter Begeisterung sind alle Unterschiede von Stand und Geschlecht aufgehoben. Ich beugte mich nieder und küßte meine schöne Begleiterin. Ich glaube gerade nicht, daß das Sünde war.

Die Ceremonie hatte mehrere Stunden gedauert; jetzt brachen die ersten blutrothen Sonnenstrahlen aus dem Osten hervor; die jubelnde Menge zerstreute sich. Der Pope gesellte sich wieder zu den Seinen; wir gingen nach Hause, mit uns eine zahlreiche Gesellschaft geistlicher und weltlicher Personen. Wir tafelten und zechten bis zum Morgen.

Den nächsten Vormittag ging ich wieder in die Kirche. Sie war gepfropft voll. Jede Bäuerin trug einen schüsselgroßen, sonnenförmigen Napfkuchen im Arme. Das ist der bei dem Adonis-Feste übliche Opferkuchen, der ursprünglich, da er aus dem Volksbrauche nicht auszurotten war, wenigstens die christliche Weihe bekam, um den heidnischen Teufel darin zu bannen. Die eigentliche Bedeutung ist dem Volksgeiste geschwunden, nur der mechanische Brauch ist geblieben. Jährlich backen sie ihren Kuchen und lassen ihn weihen, ebenso die rothen Ostereier. Beides ist theilweise zum Todtenopfer bestimmt. Jetzt sprach der Pope die Formel über Kuchen, Eier und Weizenbrod und sprengte Weihwasser darüber. Dann traten sie einzeln zu den Thongefäßen, nahmen einen Löffel Brei, bekreuzten sich und verließen die Kirche.

Die Auferstehungsnacht ist Gott geweiht. Der Ostersonntag mit üppigen Gelagen gehört den Lebenden; der Montag ist den Todten geheiligt. Mein Gastfreund führte mich daher am zweiten Ostertage auf die Begräbnißstätte. Der mehrere Joch umspannende Todtenacker wär mit Menschen überfüllt. Alle Gräber waren geschmückt, die Ruhestätten der Reichen mit kunstvollen Marmordenkmälern, kostbaren Grablaternen und Treibhauspflanzen, die der Aermeren mit einfachen Kreuzen und den Blumen der Jahreszeit, doch selbst dem geringsten Hügel fehlten einige grüne Zweige und bunte Lämpchen nicht, ebenso wenig die Speiseopfer, Kuchen und rothe Eier. Die Vornehmeren begingen fast lautlos, vor sich hin weinend und betend, ihre Todtenfeier. Das Volk aber stürzte sich mit ausgebreiteten Armen, laut aufkreischend, über die Grabhügel und erfüllte die Luft mit schauerlichen, markerschütternden Todtenklagen und Wehgeheul.

Nach geraumer Zeit schien die Verpflichtung gegen die Verstorbenen erfüllt. Die Trauernden erhoben sich wieder, ordneten die Haare, trockneten die Augen und zogen in vollem Feststaate haufenweise umher. Gewiß sind Manche, von tiefem, echtem Schmerze um einen theuren Heimgegangenen erfüllt, am Grabe sitzen oder mit gebrochenem Herzen gar daheim geblieben, den Meisten war die Todtenklage eine religiöse Ceremonie wie jede andere, die man fromm begeht, um dann nicht weiter daran zu denken. Bald schien die Grabstätte nur ein Lustgarten. Ueberall begegneten wir schäkernden und lachenden Gruppen von Burschen und Mädchen, die sich des Festes und des Frühlings freuten und ihre rothen Ostereier, die Symbole der erwachenden Naturkraft, des Werdens und Keimens, aneinanderstießen, bis sie zerbrachen.

Bevor sie den Friedhof verließen, legten sie die zerschlagenen Eier zu den geweihten Kuchen auf die Gräber nieder.

Als ich einige Tage später die Stätte wieder betrat, waren alle die Liebesgaben verschwunden. Wahrscheinlich hatte sie der Todtengräber fortgenommen, oder eindringende Thiere hatten sie verzehrt. Die Bauern, die ich darum befragte, waren einstimmig überzeugt, daß die Seelen oder Geister der Verstorbenen um Mitternacht erschienen waren, um sich von den Tantalusqualen der Unterwelt wenigstens einmal im Jahre zu erholen, und freudig gingen sie wieder an ihre harte Arbeit, im süßen Bewußtsein ihrer erneuerten Versöhnung mit Gott und der Welt, den Lebenden und Todten.

Ich blieb noch monatelang, durch meinen Beruf gefesselt, in der Mitte des fröhlichen, gutmüthigen Völkchens der Serben. Ich war von Amtswegen gezwungen, in die innersten Familienverhältnisse einzudringen, und fand überall patriarchalisch-friedliche Sitten. Sie nahmen den Fremden brüderlich auf und labten ihn mit dem Besten, was sie selbst besaßen, und als ich von ihnen schied, gaben sie mir schaarenweise noch meilenweit das Geleit und sagten mir endlich unter Thränen Lebewohl.

„Ist es möglich,“ dachte ich bei mir, „daß diese harmlosen Menschen bei Gelegenheit ihren Feinden Nasen und Ohren abschneiden und andere kannibalische Grausamkeiten begehen?“ Die Erfahrung sagt – Ja!

Scheinbar unbegreifliches Räthsel der Menschenseele, das sich in der Weltströmung unseres Jahrhunderts wohl am krassesten wiederspiegelt: die Civilisation und der Krieg – der Aufbau und die Zerstörung werden gleichmäßig mit dem Aufgebote aller Kräfte gefördert.




Belladonna?
Aus den Papieren eines Arztes.
(Fortsetzung.)


„Was hat sie nur?“ fragte beklommen der Oberst. „Wie unnatürlich äußert sich ihre Besorgniß um den Mann, für den sie höchstens kindliche Anhänglichkeit empfinden könnte! Ich erkenne in diesem exaltirten, gleichsam aus allen Fugen gerissenen Charakter meine kleine, sanfte, maßvolle Blanche gar nicht wieder. – Vergebung, Professor! Wir haben über diese traurigen Familienereignisse ganz Ihr Wohlbehagen vergessen. Wollten Sie auf Ihrem Zimmer ausruhen, oder was kann man sonst für Sie thun? Bitte, befehlen Sie ungenirt!“

„Zum Ruhen werden wir morgen Zeit haben,“ meinte ich mit einem dunklen Vorgefühl des Kommenden. „Ich will mich ein wenig säubern, und dann würde ich Ihnen dankbar sein, wenn sie mir ein Glas Wein und irgend etwas Genießbares hierher bringen ließen.“

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 214. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_214.jpg&oldid=- (Version vom 31.7.2018)