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Seite:Die Gartenlaube (1877) 211.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)

von seltener Weisheit und Tugendstärke dahingegangen, ein liebevoller und liebenswürdiger Mensch mit ungewöhnlich werthreichen Eigenschaften des Geistes und Herzens. Auch da, wo das Verhalten des alternden Mannes nicht gebilligt wurde, auch da stand er in himmelweiter Ferne von allem Kleinen und Gemeinen, war einzig nur Hohes, Gutes und Edles das Ziel seines Strebens. Sein Andenken wird in Ehren bleiben, so lange in Deutschland der Glanz des Idealen nicht verblichen ist.




Weltschrift und Weltsprache.
Von Carus Sterne.
II.

Jene bei aller ihrer Umständlichkeit bewunderungswürdige Weltsprache der Seeleute zeigt nun den höchst empfindlichen Mangel, bei Nacht und Nebel durchaus unanwendbar zu sein. Ohne die für sie bestimmten Nachrichten empfangen oder andere absenden zu können, fahren die Schiffe Nachts bei den telegraphischen Stationen der Semaphoren vorüber; ohne sich zu erkennen, ohne die geographische Länge, den Compaßbericht austauschen, ja ohne eine Hülfsbitte aussprechen zu können, müssen die bestbefreundeten Capitaine stumm und unerkannt aneinander vorübersegeln. Das Einzige, was bisher erreicht wurde und dessen Unterlassung mit Strafen bedroht ist, besteht darin, daß die Schiffe, wie unsre Straßenfahrzeuge, verpflichtet sind, durch an bestimmten Stellen angebrachte Laternen einander mitzutheilen, ob Boot, Segelschiff oder Dampfer und zwar Passagier- oder Schleppdampfer, ob sie vor Anker liegen oder in Bewegung sind, und welche Richtung sie haben. Es ist dies unumgänglich erforderlich, um die Zusammenstöße der Schiffe, die ein Sechstel aller Seeunfälle ausmachen und deren Zahl so groß ist, daß auf jeden Tag im Jahre durchschnittlich fünf Zusammenstöße gerechnet werden können, möglichst zu vermindern.

Diese einfache internationale Sicherheitssprache zur See besteht nun darin, daß jedes ruhende Schiff ein weißes, fünf Seemeilen weit sichtbares Licht an bestimmter Stelle zeigen, jedes in Bewegung befindliche aber an seiner linken Flanke (Backbord) ein rothes, an seiner rechten Seite (Steuerbord) ein grünes Licht, beide zwei Seemeilen weit sichtbar, führen soll. Das Dampfschiff unterscheidet sich von dem Segelschiffe noch dadurch, daß es außer diesen beiden farbigen Laternen ein weißes weitersichtbares Licht am Vordermaste zu führen hat. Die Unterlassung dieser Vorschriften ist nicht nur an sich strafbar, sondern führt dazu, daß bei vorgekommenem Zusammenstoß zweier Schiffe der in dieser Hinsicht nachlässige Schiffsführer als der schuldige Theil unnachsichtlich zum Schadenersatz verurtheilt wird.

Die beiden farbigen Lichter, so angebracht, daß ihr Schein sich nicht vermischen kann, machen die Durchführung der auch auf der See geltenden Vorschrift „Rechts ausweichen!“ des Nachts allein durchführbar. Es gilt dabei als Hauptregel, daß, wenn man von der grünen oder der rothen Seite blos gleichfarbiges Licht gewahrt, keine Gefahr zu besorgen steht, wohl aber, wenn bei gerade entgegenkommenden Schiffen beide Laternen sichtbar sind, oder bei sich kreuzenden ungleichartige Farben einander gegenüber erscheinen. Thomas Gray, der Secretär des englischen Handelsamtes, hat diese Steuerregeln zur bessern Einprägung in das Gedächtniß angehender Seeleute in Schulverse gebracht, wie die Grammatiker die lateinischen Genus-Regeln, und sein Sprüchlein für zwei kreuzweise laufende Dampfer lautet zum Beispiel:

Wird Roth am Steuerbord geseh’n,
So heißt es: Aus dem Wege geh’n!
Wie du wirst manöv’riren müssen,
Hast du als Seemann selbst zu wissen.

Siehst du jedoch am Backbord Grün,
Brauchst du dich weiter nicht zu müh’n.
In diesem Fall muß Grün sich klaren
Und hat dir aus dem Weg zu fahren.

Die Anwendung farbiger Signallaternen, die für Eisenbahnen so schweren Bedenken unterliegt, da das Vermögen, die Farben zu unterscheiden, so häufig mangelt, hat zur See weniger Bedenken, da die Richtigkeit der Lichterstellung und der daraus sich ergebenden Manöver stets von vielen Augen überwacht wird und nicht blos von zweien, wie im Eisenbahnbetriebe.

Bei dichtem Nebel lassen auch die Laternen im Stiche und es gilt dann die Vorschrift, langsam zu fahren und durch in kurzen Pausen wiederholte Töne sich mittelst Dampfpfeife oder Nebelhorn als Dampf- oder Segelschiff zu erkennen zu geben. Vor Anker liegende Schiffe jeder Gattung haben in ebenso kurzen Pausen die Schiffsglocke zu läuten. Die vor einigen Jahren (1873) angestellten Versuche des englischen Physikers Tyndall haben glücklicher Weise ergeben, daß der Schall, im Gegensatze zu älteren Ansichten, bei nebeliger Luft in der Regel viel weiter, in einzelnen Fällen dreimal so weit hörbar ist, als bei klarer Luft im Sonnenscheine, weil bei Nebelwetter die Luft gleichartiger gemischt ist.

Alle diese Mittel aber entsprechen nur dem einfachsten und dringendsten Bedürfnisse der Schiffe, sich einander bemerklich zu machen und den Weg zu sichern. Zu den wichtigsten Problemen der Schifffahrt zählt daher immer noch dasjenige, die Weltzeichensprache des Signalbuchs auch über Nacht und Nebel triumphiren zu sehen. An Vorschlägen in dieser Richtung hat es bei der ungeheuren Bedeutung des Gegenstandes natürlich nicht gefehlt. Da das Signalbuch die Grundlage alles weitern Vorgehens bleiben mußte, so kam es natürlich darauf an, die Buchstabengruppen durch Laternen oder Töne auszudrücken. So hat der englische Capitain Bolton die Consonanten durch Stellung einiger Laternen in verschiedenen Linien, Dreiecken etc. ausdrücken wollen, sein Landsmann Mitchell die Consonanten B bis H durch einen bis sechs Lichtblicke in weißem Licht, J bis P ebenso in rothem und Q bis W in grünem Licht darzustellen vorgeschlagen. Obwohl man für solche Blickfeuer besondere Laternen hergestellt hat, konnten diese Methoden sich nicht den Beifall der maßgebenden Autoritäten erwerben.

Sehr bemerkenswerth erschien nun in dieser Beziehung der in dem Artikel „Allerlei Lichter im Botendienst“ (Gartenlaube 1876, Nr. 12) näher behandelte Vorschlag von Bolton und Colomb, die Buchstaben des Signalbuchs in Morse-Schrift zu geben, indem man die Punkte derselben durch einen kurzen Lichtblick, die Striche durch eine länger dauernde Lichterscheinung ausdrücken wollte, und dieser Gedanke ist so einleuchtend, daß die Erfinder sogar vorschlagen, auch bei Tage statt der Nah- und Fernsignale einen Apparat anzuwenden, der, am Maste aufgezogen, nur in schneller Aufeinanderfolge Striche und Punkte darstellen und dadurch die Buchstaben des Signalbuchs bezeichnen sollte. Das Beachtenswertheste an dem Vorschlage ist, daß sich, wie W. H. Baily in Manchester gezeigt hat, die Morse-Sprache sehr wohl in die Töne der Dampfpfeife oder des Nebelhorns übersetzen läßt, indem man durch kurze, schrille Töne die Punkte und durch langgezogene die Striche bezeichnet. Er hat eine kleine Dampfpfeife construirt, die bei dem dicken Nebel, der die Schallsignale erforderlich macht, fünf Kilometer weit hörbar ist, und durch die es möglich sein würde, alle Zeichen des Signalbuchs in die ungewisse Ferne zu senden. Uebrigens dürfen wir nicht unerwähnt lassen, daß der berühmte Physiker Tyndall obigen Vorschlag in neuester Zeit dahin abgeändert hat, an Stelle des kurzen und längern Lichts, kurze und längere Lichtunterbrechung, das heißt Dunkelheit zu empfehlen, sodaß ein andauerndes Licht als Ausgangszustand angenommen wird.

Bei solchen in schneller Aufeinanderfolge gegebenen Zeichen besteht indessen ein großer Uebelstand darin, daß sie eben nicht der aufmerksamen Betrachtung Stand halten und leicht zu Mißverständnissen Anlaß geben können. Bei den früher beschriebenen Flaggen und Fernsignalen gilt die Regel, daß das gegebene Zeichen nicht eher eingezogen werden darf, als bis der angeredete Schiffsführer seinerseits das Zeichen: „Ich habe verstanden“ gegeben hat. Ein solches Warten auf das Verständniß ist nun bei den Lichtblicken und kurz abgerissenen Tönen nicht möglich, ohne ihnen ihren Charakter zu nehmen. Der französische Schiffsfähndrich Moritz hat daher für die ähnliche Darstellungsweise

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 211. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_211.jpg&oldid=- (Version vom 9.3.2019)