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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)

No. 13.   1877.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Aus gährender Zeit.
Erzählung von Victor Blüthgen.
(Fortsetzung.)


Diese Demonstration der Einholung zu verhindern, war man außer Stande. „Wie aber wäre es,“ fragten sich die Mitglieder der Union, „wenn man zur nämlichen Stunde, da jene stattfinden sollte, eine Loyalitätskundgebung vom Stapel laufen ließe, etwa in einer der Kiefernlichtungen auf den jenseitigen Bergen? Wenn man diese zu einem Volksfeste gestaltete, die Tafel dieses Festes mit allen Genüssen reich besetzte, wie sie das Volk liebt?“ Man hatte Geld genug zur Verfügung, um es mit vollen Händen wegzuwerfen.

Die Idee ward mit Begeisterung aufgenommen, und die städtische Behörde genehmigte unbedenklich die Ausführung, halb und halb wider Erwarten. Sie konnte, wenn sie der Gegenpartei eine Gunst hätte erzeigen wollen, sehr leicht geltend machen, daß eine gleichzeitige Mobilisirung der beiderseitigen Truppen die Furcht vor Zusammenstößen nahe legen mußte. Aber das geschah nicht. Die Union wiederhallte von Jubel, und in den Fabriken begannen die nachdrücklichsten Werbungen der Geldfürsten.

In der Bürgerschaft waren die Wirthshäuser die Schauplätze heftiger Redekämpfe, welche in einzelnen Fällen selbst mit Thätlichkeiten endigten. In einem Wirthshause der Uferstraße zerschlug ein Färber die Scheibe vor dem Bilde des Abgeordneten, welches an der Wand hing, zog kaltblütig das Papier hervor, rollte es zusammen und zündete sich die Pfeife damit an; ein paar Minuten später lag er mit blutendem Kopfe auf der Straße und entging nur mit Mühe dem Schicksale, in den Fluß geworfen zu werden. Doch blieben dergleichen Fälle vereinzelt. Im Ganzen zeigte es sich, daß weitaus der größte Theil der Bürgerschaft zur Volkspartei gehörte. Bis in die niedersten Schichten konnte man über die Regierung schelten hören, und in den drastischsten Ausdrücken; die Handwerker würzten ihre Frühstückspausen mit heftigen Protesten gegen den Absolutismus, die Verletzung der Volksrechte, das Schergenthum, das fürstendienerische Ministerium.

Allmählich aber drangen ganz eigenthümliche Gerüchte in das Volk. Man nahm wahr, daß zwischen gewissen Leuten ein Geheimniß webte. In einzelnen Familien, bei denen man dergleichen nie bemerkt, tauchten Waffen auf, vielfach alte Schaustücke, aber für ihren Zweck immerhin noch brauchbar.

Und der Volksmund sagte: „Es geht los!“

Niemand gab bestimmte Anhaltspunkte, verbürgende Thatsachen für diese Ansicht wenn er gefragt wurde, und doch bildete sich mehr und mehr auch außerhalb des Kreises, welcher in den Plan Urban’s eingeweiht war, diese Ansicht zur Ueberzeugung heraus. Die Gewißheit kam, man wußte nicht wie; sie mußte in der Luft liegen, durch die Schlüssellöcher, die Ritzen der Thüren und Fenster eindringen, die Leute anfliegen wie die geheimnißvollen Keime einer Epidemie.

Die Häupter der Demagogie stutzten und schüttelten die Köpfe, aber dann beruhigte man sich. Der Revolutionsgedanke lag im Volke und vermischte sich, wie es schien, unwillkürlich mit dem Plane der Demonstration. Karl Hornemann selbst sprach es zuletzt aus, daß hier nur ein Mißverständniß auf seiten der Elemente vorliegen könne, welche der Agitation noch fern standen, wenn nicht etwa die Gegenpartei ihre Hand im Spiele hatte und jene Gerüchte auf böswillige Aussprengung zurückzuführen waren. Zum Ueberfluß beschloß man, die Getreuen zu warnen und zum Ersticken der verkehrten Auffassung der Sache aufzufordern, soweit sie das vermochten.

Man begegnete einem verständnißvollen Lächeln, das etwas Seltsames an sich hatte, und der unverzüglichen Zusage, und da man das erstere nicht zu deuten wußte, so hielt man sich an die zweite und gab sich zufrieden.

Urban triumphirte. Bis jetzt war alle Aussicht zum Gelingen seines keck angelegten Unternehmens vorhanden. Er arbeitete rastlos; er grübelte und zeichnete, um seine Dispositionen bis in's Kleinste fertig zu haben. Es war ein Riesenwerk, das er schuf, ohne jede Hülfe, und er mußte es schaffen, denn eine einzige wesentliche Lücke, in welche die Verwirrung einbrechen konnte, drohte Verderben für das Gelingen des Ganzen.

Und er war doch zugleich auch nach einer andern Seite hin thätig. Der Fabrikleiter Bandmüller hatte nach seinem Abenteuer nur kurze Zeit am Wundfieber darnieder gelegen; dann war seine Genesung rasch vorwärts geschritten. Er[1] besuchte wieder die Fabrik des Commerzienrathes, dem er über die Entstehung der Wunde ein wohlfeiles Märchen aufgeheftet hatte. Urban erneuerte ihm von Zeit zu Zeit den Verband. Aus der Hand des Letztern empfing er Schriftstücke, die er nach Hause nahm; er brachte andre zugleich mit jenen zurück, deren Beschaffenheit einer sorgfältigen Prüfung unterzogen wurde. Urban wählte einige wenige aus, alles Uebrige wurde den Flammen übergeben, bis jedes einzelne Theilchen zu Asche verglommen war.

Eines Tages erhielt der Doctor einen ganz ungewöhnlichen Besuch: der Polizeicommissar Donner trat in seine Stube. Er blickte den Arzt, der ihn sehr unbefangen begrüßte, mit dem triumphirenden Lächeln eines Mannes an, welcher für den Andern eine große Ueberraschung in der Tasche hat.

  1. Vorlage: 'Cr'
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 205. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_205.jpg&oldid=- (Version vom 9.3.2019)