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Seite:Die Gartenlaube (1877) 192.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


Inzwischen war Bandmüller der flüchtigen Zigeunerin in eiligem Fluge gefolgt. Als er an das Holz gelangt war, hatte er nur das Knacken der Zweige vor sich als Führer, um auf ihrer Spur zu bleiben. Er horchte auf die Richtung und brach dann mit gewaltigen Sprüngen in das nicht allzu dichte Buschwerk, den Hut in der Hand und unbekümmert, ob Zweige und Blätter ihm das Gesicht peitschten.

Das Mädchen mußte mit der Gewandtheit einer Katze durch die Reiser schlüpfen; sie behielt, ohne viel Geräusch zu machen, immer einen Vorsprung. Da kam dem Verfolger etwas zu Hülfe, woran er nicht gedacht hatte. Er gerieth auf einen schmalen Weg.

Ein kurzer Lauf, und er hörte, daß er in ihrer unmittelbaren Nähe war. „Halloh, mein Engelchen!“ rief er, „da hätten wir Dich.“ Und mit aller Anstrengung warf er sich seitwärts, woher das Geräusch erklungen war.

Er fand nichts.

Die Zigeunerin saß still zusammengeduckt unter einem Strauche; sie hoffte auf diese Weise zu entkommen. Aber ihr keuchender Athem verrieth sie.

„Komm’ nur hervor, mein Hühnchen!“ sagte der Unerbittliche. „Ich fange Dich doch.“ Er strich aufmerksam suchend in ihrer Nähe umher, dann und wann horchend. Plötzlich holte sie dicht vor ihm tief Athem.

Sie machte noch einen kurzen Fluchtversuch, aber es gelang ihm, ihr Kleid zu fassen. Seine Arme legten sich um ihre Taille, und der Rohe wandte ihren Kopf herum, um sie zu küssen.

Ihre schwarzen Augen blitzten dicht neben den seinen; sie rang mit einer Kraft, die ihn in Erstaunen setzte, und es gelang ihr wirklich, einen Moment frei zu kommen. Aber von Neuem streckte der Verfolger die Arme aus. Er sah nicht, wie sie in die Tasche ihres Kleides griff, wie es in ihrer Hand funkelte, aber er schrie plötzlich mit einem häßlichen Fluche auf, denn er empfand an der linken Hand etwas wie die Berührung eines glühenden Eisens und gleich darauf ein rieselndes Warmes –

Das Mädchen war verschwunden. Zwanzig Schritte weit rauschte etwas und entfernte sich rechts hinüber, dann klang es nur schwach, ein flüchtiger Schritt. Sie mochte den Weg gefunden haben.

Der Verwundete zog ein Taschentuch hervor und wand es fest um die getroffene Stelle; dann drängte er sich, Verwünschungen murmelnd, quer durch das Holz nach der Chaussee zu.

Dicht vor Urban trennte er die äußeren Büsche und sprang über einen schmalen Graben auf den Weg.

„Sind Sie es, Herr Doctor?“

„Wo bleiben Sie denn in aller Welt?“

„Sie bekommen einen Patienten; ich bin verwundet. Eine niederträchtige Geschichte!“

Urban ließ ihn näher kommen. „Die Wunde scheint wenigstens nicht tödtlich zu sein,“ sagte er trocken.

„Sie haben gut reden,“ lautete die gedrückte Antwort des Fabrikleiters; „es konnte ebensogut anders kommen. Haben Sie ein Zündholz bei sich, um sich die Bescheerung anzusehen? Seien Sie froh, daß es nicht die rechte Hand, sondern die linke ist, sonst hätte ich Ihnen in den nächsten drei Wochen die Schrift nicht besorgen können.“

„Welche Schrift?“ fragte Urban aufmerksam.

„Ihre Handschrift – – ja so,“ unterbrach er sich mit krampfhaftem Lachen. „Da habe ich mich verrathen. Ich will Ihnen ehrlich gestehen: ja, ich kann Ihnen die Schreiberei besorgen. Aber ich lasse mich nicht gern auf dergleichen ein; es ist ein Metier für Zuchthauscandidaten.“

„Nun, das trifft sich ja herrlich; wir sprechen morgen weiter darüber. Zeigen Sie die Hand! Was ist denn eigentlich geschehen?“

Während Bandmüller zu erzählen begann, entzündete der Andere Licht und nahm das blutgetränkte Tuch ab. „Eine Dolchwunde,“ sagte er kopfschüttelnd, „mitten durch die Hand hindurch. Da haben Sie eine fatale Lehre für Ihre Kußbedürftigkeit bekommen.“

„Eh,“ meinte der Verwundete, den Mund schmerzhaft verziehend, „hätte ich gewußt, daß diese braune Natter stechen könnte, so würde ich mich ihrethalben nicht außer Athem gelaufen haben. Aber sie ist merkwürdig hübsch für eine Zigeunerin. Ich habe vor Jahren einmal eine gekannt, die noch hübscher war; damals wollte ich ihr zu gefallen Zigeuner werden und zog drei Wochen, lang mit der Bande herum, bis ich das Vergnügen satt bekam und bei Nacht und Nebel davonlief.“

„Sie sollten Ihre Memoiren schreiben, lieber Bandmüller!“ sagte Urban, indem er den glühenden Rest des dritten Zündholzes von sich warf. „Sie scheinen eine ganz merkwürdige Vergangenheit hinter sich zu haben. Jetzt legen Sie einmal die Binde wieder um! Ich habe leider keine Charpie bei mir und muß Sie in Ihre Wohnung begleiten, um einen ordentlichen Verband herzustellen.“

Beim Zurückschreiten war es Urban einmal, als raschle es in den Blättern zur Linken und als stehe dort eine dunkle Gestalt, gebückt zwischen dem Gezweige hindurchlugend. Aber er nahm weiter keine Notiz davon, als er wahrnahm, daß sein Begleiter nichts davon bemerkte. Bei der Schmiede konnten sie sehen, daß das Feuer hinter dem Zigeunerwagen erloschen war. – –

Der Doctor Urban wagte es wirklich, das Ungeheuerliche, Unglaubliche: auf eigene Faust die Leidenschaften einer Revolution zu entfesseln. Es gehörte der ganze selbstbewußte Trotz und das bequeme Gewissen dieser stolzen souveränen Natur dazu, um ohne sonderliche Unruhe auf die eigene Verantwortung hin den Blitz in die stille Minirarbeit von Monaten zu legen, welche zum guten Theil Andere als er geschaffen und aufgespart hatten für einen Moment, dessen Bezeichnung erst das Ergebniß sorgfältiger, vorsichtiger Berechnung sein sollte. Wenn es fehlschlug? Wenn die speienden Erdschlünde nichts zerstörten als den kunstvollen, unterirdischen Bau, die Flammen nichts verzehrten als die kühnen Minirer? Wenn die Kerker ihn, die Freunde, junge, kraftvolle Arbeiter, Ernährer von Familien verschlangen, so viele ihrer der blutige Tod übrig gelassen? Das Alles war möglich, aber Urban weigerte sich, es zu denken, ohne doch zugleich die volle innere Ueberzeugung vom Erfolge gewinnen zu können. Es war eine einzige Empfindung, die ihn beherrschte: er hatte seinen Kopf darauf gesetzt, es müsse an dem bezeichneten Zeitpunkte zum Handeln kommen. Das war Alles.

Seit jener Nacht, in welcher er die Dolchwunde in der Hand des Fabrikleiters von Seyboldt und Compagnie verbunden hatte und in welcher, wie ein Gang am nächsten Tage ihn überzeugte, die Zigeuner weiter gezogen waren, machte die politische Erregung in der Stadt rasche Fortschritte. Zunächst ging wie ein Lauffeuer von Haus zu Haus die Kunde von der bevorstehenden festlichen Einholung des Deputirten.

(Fortsetzung folgt.)




Vom Heldenkaiser.
(Zum 22. März.)


Achtzig Jahre fürstlichen Lebens auf immer hohem und weit vorgeschobenem Wachtposten, achtzig Jahre deutscher Geschichte in diesem so kampfes- und wendungsreichen Jahrhundert! Wer alles Ringen und alle welterschütternden Stürme, alle Verwirrungen und Verirrungen, alle unbeschreiblichen Leiden und staunenswerthen Triumphe dieser langen und merkwürdigen Epoche als ein Nächstbetheiligter durchlebt hat und steht heute noch unverdrossen und aufrechten Hauptes da als ein Mann mit hellem Auge und als ein Charakter, vor dem in ehrfurchtsvoller Bewunderung und Liebe eine Welt sich neigt, der zeigt wahrlich schon allein durch diesen Umstand, daß alle Eigenschaften seines Wesens auf dem Grunde jenes echten Menschenwerthes ruhen, den fürstliche Geburt, Stellung und Macht noch niemals einem Sterblichen zu geben vermochten. Und das ist es denn auch, was beim Hinblicke auf die Person des Kaisers Wilhelm die große Mehrheit der deutschen Nation bewegt. Wenn sie ergriffenen Gemüthes auf das weiße und mit doppeltem Lorbeer geschmückte Haupt ihres kaiserlichen Führers blickt, sieht sie in der schlichten Majestät seiner Erscheinung die Erfahrungen und Lehren, die furchtbaren Prüfungen und gewaltigen Erfüllungen ihres eigenen Lebensweges verkörpert.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 192. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_192.jpg&oldid=- (Version vom 9.3.2019)