Zum Inhalt springen

Seite:Die Gartenlaube (1877) 173.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)

No. 11.   1877.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Aus gährender Zeit.
Erzählung von Victor Blüthgen.
(Fortsetzung.)


11.

Kurz vor der Mittagsstunde des nämlichen Tages schritt der Doctor Urban an denselben Karyatiden vorüber und bog durch die offene Seitenpforte in den Hof der commerzienräthlichen Wohnung. Er vermied das lästige Klingeln und Warten vor dem Straßeneingang und nahm in seiner ungenirten Weise das unbehinderte Entreé vom Hofe aus in Anspruch. Auf den obern Stufen der glatten Marmortreppe begegnete ihm das Stubenmädchen.

„Ist der Commerzienrath zu Hause, Lisette?“

„Er ist vorhin ausgegangen, Herr Doctor.“

„Aber die Damen sind hoffentlich zu sprechen?“

„Fräulein Toni muß in der Stube oder im Garten sein. Fräulein von der Herberge hat wieder Kopfschmerz und liegt zu Bett. Es sollte eben Jemand nach Ihnen ausgehen.“

Ein Ausdruck der Befriedigung zeigte sich in dem Gesicht des Doctors. „Ich will Fräulein Seyboldt sprechen. Sehen Sie zu, ob sie sich hier oben befindet!“

Das Mädchen lief vorauf und kam ihm aus der Thür mit dem Bescheide entgegen, Fräulein Toni sei oben, lasse ihm aber sagen, daß sie ihn nicht empfangen könne.

„Hat sie Toilette gemacht? Wissen Sie, weshalb sie mich nicht empfangen will?“ fragte er heftig.

Das Mädchen zuckte die Achseln und sagte zögernd: „Ich weiß es nicht."

„Nun dann – –“ Urban schob das Mädchen bei Seite und trat in das Vorzimmer, das er mit dem Hute in der Hand hastig durchschritt. Er sah erregt und finster aus. Im Salon saß Toni Seyboldt über eine Stickerei gebeugt, von der sie mit blutrothem Gesicht zu ihm aufblickte.

„Seit wann ist es denn erlaubt zu einer Dame zu kommen, welche sich verleugnen läßt, Herr Doctor?“ meinte sie, ohne sich zu erheben.

Er nahm ohne Umstände und wortlos einen der Plüschfauteuils, zog ihn an's Fenster und setzte sich vor sie hin. „Erbarmen Sie sich über mich und sagen Sie mir, warum Sie einen Freund Ihres Hauses, der noch dazu ein Unglücklicher ist, abweisen lassen! Alle Welt verläßt mich; Freundschaft und Liebe wird mir gekündigt: wollen Sie sich wirklich auch von mir lossagen, Fräulein Toni?“

Sie hatte einen schwachen Versuch gemacht, sich zu erheben, aber das zugleich Leidenschaftliche und Traurige, das in seinen Worten lag, zwang sie zum Niedersitzen.

„Ich darf Sie doch eigentlich nicht empfangen,“ entgegnete sie in leichter Verlegenheit; „ein junges Mädchen, und noch dazu ein so unerfahrenes wie ich, nimmt allein keine Herrenbesuche an. Zur Tante können Sie allenfalls gehen, denn die hat wieder Migräne. Wenn ich erst eine alte Jungfer bin und auch Migräne habe, dann dürfen Sie auch ungerufen zu mir kommen.“

„So jung noch und schon so grausam,“ sagte Urban mit flüchtigem Lächeln. „Aber nein, ich bin bei Gott nicht zum Scherzen aufgelegt. Sie müssen mich anhören, Fräulein Toni, denn ich habe jetzt auf der weiten Welt nur einen Wunsch, einen einzigen kleinen Wunsch, den Niemand als Sie mir erfüllen kann. Es liegt in Ihrer Hand, ‚nein‘ zu sagen, aber Sie sollen zuvor wissen, was Sie damit thun. Ich kannte einen armen Mann, welcher nichts besaß, woran sein elendes Herz hing, als einen Kanarienvogel. Eines Tages, in seiner Abwesenheit, kam eine Katze an den Käfig, griff mit ihrer häßlichen Tatze durch die Stäbe und schlug dem Vogel die Krallen in den Leib. Der Vogel war das Letzte gewesen, was den Mann an das Leben band. Er sah das todte Geschöpfchen, ging hin und – ertränkte sich."

„Hu!“ machte sie schaudernd; „und nun meinen Sie, ich sollte von meinen häßlichen Tatzen keinen Gebrauch machen. Sie sind wirklich ein Ausbund von Artigkeit. Das habe ich verstanden, wie Sie sehen, aber ich begreife Eines nicht: nämlich wie Sie der Mann sein können, der durch einen einzigen kleinen Wunsch und weiter nichts am Leben gehalten wird. Sie müssen nicht so schrecklich schwarz malen, wenn man Ihnen glauben soll. Aber ich bin es Milli schuldig zu verhüten, daß Sie sich ertränken, obwohl Sie mich beständig wie eine Confirmandin behandeln, die kurze Kleider und Margarethenzöpfe trägt.“

Der Doctor sah sie ein wenig erstaunt an und verzog leise die Mundwinkel. Aber einen Augenblick später spielte wieder ein bittrer Zug um dieselben. „Sie scheinen noch nicht zu wissen, mein liebes Fräulein, daß Ihrer Freundin Emilie Hornemann sehr wenig daran gelegen ist, ob ich mich ertränke oder sonst auf eine Art umbringe. Sie dürfen überzeugt sein, daß dieselbe den Vorfall in den Armen des Herrn Franz Zehren kaum sonderlich bemerken würde.“

Toni saß sprachlos da und war im Begriff hell aufzulachen, aber sein Gesicht sprach zu beredt und deutlich, als daß sie über

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 173. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_173.jpg&oldid=- (Version vom 9.3.2019)