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Seite:Die Gartenlaube (1877) 172.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


Pneumatische Uhren. In einer der letzten Nummern des vorigen Jahrganges teilten wir den Lesern der „Gartenlaube“ die wesentlichsten Vorzüge der im Gebiete der Eisenbahntechnik neu eingeführten Luft- oder Vacuum-Bremse mit. Wir knüpften an unsere Darstellung die Bemerkung, daß unsere atmosphärische Luft im Dienste des Menschen noch mannigfache Verwendung finden dürfte, und jetzt schon sind wir in der Lage, unserer Voraussetzung eine Bestätigung hinzufügen zu können. Mit Ende Februar dieses Jahres wurde in Wien, in Gegenwart von zahlreichen Repräsentanten der Gemeinde, die erste durch Luftdruck geregelte Normaluhr dem öffentlichen Verkehre übergeben: der Apparat ist ebenso einfach, wie interessant, sodaß es sich wohl der Mühe verlohnt, denselben einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Der Gedanke, in großen Städten zum Behufe einer gleichmäßigen Zeitregulirung Normaluhren öffentlich aufzustellen, ist keineswegs neu; das praktische Bedürfniß hat derartige Einrichtungen bereits seit Decennien sanctionirt. Die Versuche, eine größere Anzahl von Uhren von einer Normaluhr aus mittelst elektromechanischer Apparate in einem minutiös gleichmäßigen Gange zu erhalten, haben bis zur gegenwärtigen Zeit keine befriedigende Lösung gefunden, da sowohl die diesbezüglichen Leitungen wie auch die elektrischen Apparate selbst zu häufig Störungen unterworfen sind, während der Hauptvortheil, den eine Normaluhr dem öffentlichen Dienste bieten soll, in dem zuverlässig ununterbrochenen Fortgange des Werkes besteht.

In den letztverwichenen Wochen ist es dem Wiener Ingenieur, Herrn Mayrhofer, gelungen, eine Vorrichtung zu erfinden und herzustellen welche, was Schnelligkeit in der Bekanntgabe der mittleren Zeit betrifft, alle Vorzüge von elektrischen Uhren gewährt, ohne deren Nachtheile – die häufigen Unterbrechungen – zu besitzen. Zudem stellen sich die Anlagen der pneumatischen oder Luftdruck- Uhrwerke bedeutend billiger als jene, welche auf dem Dienste des elektrischen Fluidums beruhen. Es sind dies die k. k. privilegirten pneumatischen Uhren, welche auf dem einfachen Wege des mechanisch vacuirten Raumes von Minute zu Minute ein Laufwerk lösen und damit in Bewegung bringen, von welchem aus durch die pneumatische Leitung des Luftdruckes sämmtliche in der Verbindung der Röhrennetze aufgenommene Uhren in Bewegung gesetzt und in einem regelmäßig stabilen Gange erhalten werden. Aehnlich wie unser Leuchtgas oder das Nutzwasser bei großen Communen nach allen Punkten der Stadt durch unterirdisch gelegte Röhren geleitet wird, wirkt in diesem Falle die verdünnte (vacuirte) oder die verdichtete (comprimirte) Luft und regulirt in einem Tempo alle mit dem Röhrennetze in Verbindung stehenden Uhrwerke, gleichviel ob sich dieselben hoch an Thürmen auf Gebäuden oder wo immer befinden. Da, wo pneumatische Röhrenanlagen bereits vorhanden sind, können etwaige durch den elektrischen Motor in Bewegung gesetzte Normaluhren mit Leichtigkeit und einem unbedeutenden Kostenaufwande auf pneumatischen Betrieb abgeändert werden, Spesen welche jede städtische Verwaltung in Rücksicht aus die damit erlangte Zuverlässigkeit gewiß gern übernehmen wird.

Jene Kandelaber in Wien, welche die dem öffentlichen Bedürfnisse gewidmeten pneumatischen Normaluhrwerke tragen, sind mit dreifachem Zifferblatte versehen, und es wurden vorerst drei Exemplare, dem Localbedarfe entsprechend situirt, errichtet. Diese sowohl wie alle noch aufzustellenden derartigen Uhren erhalten von Minute zu Minute ihre Regulirung durch die im Centrale des pneumatischen Dienstes arbeitende Hauptnormaluhr, welche ihrerseits wieder direct mit der kaiserl. königl. Sternwarte verbunden ist, von wo ein elektrisches Controlsignal täglich um elf Uhr fünfundvierzig Minuten Vormittags ertheilt wird. Von der größten praktischen Bedeutung ist aber vor Allem die Sicherheit, mit welcher die pneumatische Mechanik im Dienste einer allgemein gleichmäßigen Zeitbestimmung arbeitet, da die Uebereinstimmung mit der astronomischen Sternwartezeit Wiens für alle Uhren, welche durch das pneumatische Röhrennetz in Bewegung gesetzt werden, permanent garantirt wird. Wir bemerken hierbei, daß die Anschaffung eines pneumatischen Uhrwerkes der außerordentlich einfachen Mechanik halber mit weit geringern Spesen verknüpft ist, als die Herstellung jeder andern Uhr, und deshalb bezweifeln wir auch nicht, daß in allen jenen Großstädten, welche sich bereits eines pneumatischen Betriebes erfreuen die Privatindustrie den Gebrauch solcher Uhren einführen und eine zahlreiche Benutzung die praktische Verwendbarkeit der Erfindung bestätigen wird.

Z.






Eine Secte und ihr Letzter. Eine Viertelstunde vom Markte Schlanders im Vintschgau (Südtirol) liegt hart am Etschufer das Dörfchen Göflan, ein Haufen armseliger Hütten, zu dessen Gemeinschaft auch noch einige an den Halden des Mittelgebirges verstreute Einzelhöfe zählen. Einer dieser letzteren beherbergt zur Zeit noch den letzten Repräsentanten einer kleinen Secte, welche vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren sich von der katholischen Kirche lossagte und mit der eisernen Festigkeit, die den tiroler Landmann in allen seinen Entschlüssen und Handlungen kennzeichnet allen Anfechtungen Trotz bot, bis man sie schließlich, da sie gar keinen Versuch machte, sich neue Anhänger zu erwerben ruhig gewähren ließ. Einen besondern Namen hat diese Secte, welcher nur eine einzige Familie angehörte nie geführt; die Göflaner nannten sie „die Lutherischen auf dem Wipenhofe“. Wie mir ein alter Bauer erzählte, hatte einst ein Geistlicher ein Mädchen aus dieser Bauernfamilie verführt und hierdurch diesen Leuten einen solchen Abscheu vor seinem Stande eingeflößt, daß sie einen feierlichen Schwur thaten, die Kirche nie mehr zu besuchen, weder Messe zu hören noch zu beichten oder zur Communion zu gehen. Sie haben diesen Schwur auch ehrlich gehalten. Alle Versuche von geistlichen und auch weltlichen Behörden blieben fruchtlos, und als endlich selbst der Bischof von Trient, der sich die Mühe nahm, zu dem einsamen Berghofe emporzuklimmen, von den entschlossenen Leuten ziemlich derb abgefertigt worden war ließ man sie in Ruhe. Mit ihren Nachbarn lebten sie stets in gutem Frieden und erwarben sich, wie mir versichert wurde, die allgemeine Achtung und Zuneigung. Sie hielten übrigens die katholischen Dienstboten, welche auf dem Hofe lebten, strenge zum regelmäßigen Kirchenbesuche an, obgleich sie selbst, ihrem Vorsatze getreu, nie die Schwelle der Kirche überschritten. Sonntags beteten sie gemeinschaftlich stundenlang.

Das Haus, in dem diese merkwürdigen Leute, die jetzt alle bis auf einen Mann gestorben sind, lebten, bietet außer einer ungewöhnlichen Reinlichkeit nichts Besonderes dar. Die große Stube im Erdgeschoß ist, wie landesüblich, mit einer Unmasse von grell gemalten Heiligenbildern behängt und unterscheidet sich nicht im Mindesten von den Räumen anderer tiroler Bauernhöfe. Nur der sonst unvermeidliche kleine Weihbrunnkessel neben der Thür fehlte hier natürlich, da die Leute, um Weihwasser zu holen, ja hätten in die Kirche gehen müssen.






Ein nachgelassenes Dichterwerk. Den Verehrern des Vaters und den Freunden des „Hauses“ Uhlich empfehlen wir ein Buch, das nicht nur um seines Inhaltes, sondern auch um seines Zweckes willen teilnehmende Beachtung verdient. Der Schwiegervater unseres alten Uhlich war nämlich französischer Abkunft und noch jung vor den Schrecknissen der ersten großen Revolution durch die Flucht nach Deutschland gerettet worden. Wie sein Landsmann Chamisso lernte auch J. J. Flamant in Deutschland „das Vaterland seiner Bildung“ lieben, und wenigstens im Streben jenem gleich, erhob auch er deutsche Sprache, Geschichte und Dichtkunst zu Gegenständen seines eifrigsten Cultus. Die Frucht desselben war ein großes Heldengedicht: Hermann der Cherusker. Dem bescheidenen Manne gelang es nicht, das Werk jahrelangen Fleißes an die Oeffentlichkeit zu bringen. Im Besitz der Uhlich’schen Familie ward es als Schmerzenskind des Todten aufbewahrt, bis die Neuerstehung des deutschen Reiches und die Feier des Arminius aus dem Teutoburger Walde an die Wiederauferstehung auch jenes Heldengedichtes mahnte. Die Tochter Uhlich’s. Clara Uhlich, unterwarf es einer nochmaligen Prüfung, vielfacher, namentlich sprachlicher Verbesserung und theilweiser Neugestaltung und vermochte nun für diesen „Hermann der Cherusker“ auch die Theilnahme des Kaisers Wilhelm zu gewinnen, „welcher einen ansehnlichen Beitrag zur Druckherstellung desselben gewährt hat“, wie Clara Uhlich im Vorworte berichtet, wo sie zugleich mittheilt, daß der ganze Reinertrag ihrer Mutter, Vater Uhlich's Wittwe, zukommen solle. „Mütterchen ist siebenzig Jahre alt; muß ich da nicht eilen, ihr für alle Sorgen und Mühen, die das Leben ihr gebracht, einen freundlichen Lebensabend zu verschaffen ?“ Möge die Antwort auf diese Frage der Tochter eine recht rege Theilnahme der vielen Verehrer des alten Uhlich für dieses Werk sein!

Auch die Dichtung selbst verdient unsere Anerkennung. Der Aufbau des Epos vollzieht sich in großen, würdigen und möglichst geschichtstreuen Zügen, und die Behandlung des Hexameters ist durchweg gewandt, rein und geschmackvoll. Im zwölften der sechszehn Gesänge

„Sieht der erstaunende Hermann sich klar enthüllen Vergangnes,
Blickt er hinaus in den Strom aufrollender Zeiten der Zukunft,“

die Deutschlands Geschick bis zu „Kaiser und Reich“ der Gegenwart an seinem Geiste vorüberführen.






Das Bild im Auge sterbender Thiere. Im Herbste 1857 durchlief alle amerikanischen und deutschen Zeitungen eine Sensationsnachricht, nach welcher amerikanische Aerzte entdeckt haben sollten, daß das letzte Bild, welches sich in den Augen eines Sterbenden abbildet, auf der Netzhaut, wie auf einer Daguerreotyp-Platte fixirt bleibe. Es wurde daraus gefolgert, daß, wenn der letzte Anblick, den ein Ermordeter gehabt hat, sein Mörder gewesen ist, das von den Augen genommene Doppel-Portrait desselben als ein furchtbarer Zeuge der That zurückbleiben werde, um den Verbrecher seiner Schuld zu überführen. Obwohl die Namen eines Dr. Pollok in Chicago und Dr. Sandfort genannt wurden, die nach diesem Verfahren den Urheber eines in Auburn verübten Mordes entdeckt haben sollten erwies sich die Geschichte bei weiterer Verfolgung als amerikanischer Schwindel, aber als ein Schwindel, der, wie wir nunmehr erfahren, zufällig den allgemeinen Umrissen nach die Wahrheit getroffen hat.

Am 15. Januar dieses Jahres machte nämlich Professor W. Kühne in Heidelberg die interessante Entdeckung, daß wirklich, wenn man das Auge eines soeben enthaupteten Thieres dem hellen Fenster zukehrt und es dann sogleich im Dunkeln oder bei dem gelben Scheine des Natronlichtes herausnimmt und in Alaunlösung legt, das scharfe Bild des Fensters, weiß auf purpurrotem Grunde, mit purpurrothen Fensterkreuzen, auf der innern Seite der vom Augenhintergrunde abgelösten Netzhaut erscheint und auf demselben vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden sichtbar bleibt. Nur darf man diese Fläche nicht dem Tageslichte aussetzen denn dieses bleicht den tief purpurroten Farbstoff in weniger als zwanzig Secunden völlig. Diese Versuche welche seitdem mit dem vollkommensten Erfolge mehrfach wiederholt worden sind, wurden angestellt in Folge einer höchst wichtigen, zuerst im November 1876 in der Berliner Akademie mitgeteilten Entdeckung von Franz Boll, nach welcher die innere Fläche der den Augenhintergrund bedeckenden Netzhaut bei Wirbeltieren und Wirbellosen mit einem bis jetzt übersehenen, lichtempfindlichen tiefpurpurrothen Farbstoffe bedeckt ist, den Professor Kühne „Sehpurpur“ zu nennen vorschlägt. Es ist sehr wahrscheinlich, daß dieser Farbstoff beim Sehen beständig gestört und durch den Lebensproceß neu erzeugt wird, sodaß das thierische Auge noch mehr, als man bisher geglaubt hat, der dunklen Kammer des Photographen gleicht, d. h. einer solchen, deren lichtempfindliche Platte wie die Selenplatte des auf Seite 780 des vorigen Jahrgangs erwähnten künstlichen Auges immer wirksam bleibt. Wir benutzen die Gelegenheit, zu bemerken, daß es in jenem kleinen Artikel statt: je seltener es beleuchtet wird, heißen mußten je stärker.




Kleiner Briefkasten.



E. H. in Köln. Einige wenige Blattpflanzen im Schlafzimmer werden Ihnen keinen Schaden bringen; nur „der Blumen Rache“ ist unter Umständen zu fürchten. Ein atmender Mensch ist im geschlossenen Schlafzimmer ein viel ärgerer Luftverderber, als ein Dutzend kleiner Blattpflanzen.

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 172. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_172.jpg&oldid=- (Version vom 9.3.2019)