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Seite:Die Gartenlaube (1877) 171.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)

Zeichen; die Soldaten näherten sich dem unglücklichen Paare. Lajos erhob sich.

„Leb wohl!“ flüsterte er eilig. „Grüße Deinen Vater und Josi, und höre, Ilka: Josi wird ein besserer Vater Deines Kindes sein, als ich es war – und nun sei ruhig! Du sollst nicht das Weib und Dein Sohn nicht das Kind des Gehängten heißen!“

Nur wenige der Umstehenden hatten diese Worte vernommen, und diese mochten, wie ich, glauben, der Abschiedsschmerz habe den Sinn des Mannes verwirrt. Ilka sank kraftlos in die Arme einiger zunächst stehender Frauen; der Zug bewegte sich wieder seinem Ziele zu.

Wo aber waren Ilka’s Vater und der treue Josi geblieben? Schon beim Erscheinen Ilka’s hatte ich nach ihnen ausgesehen, doch erfolglos; jetzt, im Fortschreiten, gewahrte ich den Greis mitten im Felde knieend, das müde weiße Haupt an den trüb dreinschauenden Josi lehnend. Die alten Glieder hatten ihm wohl den Dienst versagt, und so bewegte er denn die Lippen im Gebete für den, der einst der Stolz seines Herzen war.

Wir kamen jetzt auf dem durch nassen Schnee erweichten Boden nur langsam vorwärts. Ich erschrak, als das Gerüst des Hochgerichts auf einem der nächsten Hügel sichtbar wurde. Nur eine tiefe Schlucht, in welcher die Quellen des nahen Gebirges, zu brausenden Wogen vereint, zu Thale eilten, trennte uns noch von der traurigen Stätte. Auch diese Strecke schwand uns mit schrecklicher Schnelle unter den Füßen; schon hatte die Escorte mit dem Delinquenten die über den Wildbach führende Brücke erreicht – da war es plötzlich, als ob ein Erdbeben die darauf Befindlichen durcheinander schüttelte. Rufe des Erstaunens und Schreckens erschollen, und der Menschenstrom staute sich zu beiden Seiten der Brücke.

Das scheinbare Erdbeben war gleichwohl nur durch die unerhörte, fast übermenschliche Kraftanstrengung eines einzigen Mannes hervorgerufen worden.

Mit einem gewaltigen Risse, der das Blut springquellartig aus den zerfleischten Handknöcheln trieb, hatte Lajos die Fesseln gesprengt und mit den frei gewordenen Armen die ihm zunächst stehenden Soldaten so wuchtig zur Seite geschlendert, daß sie, ihre Nebenmänner mit sich reißend, selbst Raum schafften für den Todessprung des Verurtheilten; noch ein dumpfer Schall, ein Aufbrausen der reißenden Fluth – und Lajos’ scheinbar unerfüllbares Versprechen war gelöst.

Zwar eilten mehrere Soldaten auf den Befehl des Commandanten längs den hohen Ufern des Wildbaches abwärts, allein als ob die mitleidige Nixe den schönen Mann in ihr Krystallhaus aufgenommen hätte, so spurlos war der Körper des Selbstmörders verschwunden. – –

Anderthalb Jahre später führte mich meine Beschäftigung wieder in die Nähe des Steppendorfes, und ich scheute den kleinen Umweg nicht, um auf eine Stunde wenigstens das Heim Ilka’s zu besuchen. Doch wie ganz und gar verändert erschienen mir nun das Anwesen und seine Bewohner! Das Haus, das ich in jener Nacht als eine Wohnstätte des Kummers betreten und das sich meinem Gedächtnisse wie mit düsterm Trauerflor bedeckt eingeprägt hatte, wie heiter und freundlich lag es nun im hellen Scheine der Frühlingssonne da! Und nun erst die Menschen, die ich alle fast nur in Momenten höchster tragischer Erregung gesehen, wie harmlos, wie fast unnatürlich fröhlich kamen sie mir vor! Der damals gramgebeugte Greis kam mir nun vergnüglich schmunzelnd entgegen, und vor dem Hause auf der schattigen Bank saß Ilka, die „Wittwe des Räubers“, blühend rosig, und auf ihrem Knie zappelte ein kleiner Lajos, der die erste Errungenschaften seines Sprachschatzes, die Worte „Mama“ und „Hophop“, sehr energisch anzuwenden wußte. „Er wird ein eben so guter Reiter werden wie sein Vater,“ sagte der Alte, und Ilka lächelte dazu und blickte stolz auf den schönen, kräftigen Buben. Und der Mensch sollte nur zu Kummer und Leid geboren sein? Thorheit!

„Wo aber ist Josi? fragte ich, dem Alten in die Stube folgend, während Ilka in den Keller ging, um eine Erquickung für den wegemüden Gast zu besorgen.

„Auf dem Felde, Herr,“ antwortete der Greis; „er besorgt die Wirthschaft, da mir die Sache schon ein wenig zu beschwerlich wird.“

„Kroch also der Csikos doch noch zum Pfluge?“

„Je nun, Herr, ein paar Weiberaugen ziehen besser als vier Pferde,“ meinte der Alte.

„Wie, Ilka ist schon die Seine?“

„Noch nicht, Herr; Josi hat warten gelernt, und Ilka weiß auch schon, daß das Leben kein bloßer Tanz ist, und besinnt sich noch, aber im nächsten Winter werden sie wohl ein Paar werden, wie ja Lajos selbst es wünschte.“

„Und wie steht es drüben?“ fragte ich, nach der Gegend, wo das Herrenhaus lag, deutend.

„Wunderlich genug, Herr,“ erwiderte mein Wirth, „der alte Graf ist wie ausgewechselt; man hört kein böses Wort mehr von ihm, und Lajos’ Schwester ist bei ihm als Wirthschafterin; er ist nachdenklich und ernst, aber milde und gut geworden; er scheint mit seinem Schicksale ausgesöhnt.“

So redete der alte Herr, und ich dachte noch über den Wandel des Menschenlebens nach, als ich längst schon wieder im Wagen saß und wie im Fluge über die weite, sonnige Steppe rollte.

Kein Unglück so trostlos dunkel, daß nicht ein Strahl des Glücks hindurch dränge; kein Grab so tief, daß nicht schon der nächste Frühling Blumen daraus hervorlockte.




Blätter und Blüthen.


Zur Nachricht für Luftschnapper. (Mit Abbildung S. 169.) Wir thun wohl keinen zu kühnen Ausspruch, wenn wir sagen, daß jeder Naturfreund das vorstehende Bild mit wahrem Vergnügen betrachten werde. Sind doch die Bergformen so erhaben und edel, die Gruppirungen so harmonisch, die Details so niedlich und schmuck! Aber unser Bild leidet an einem wesentlichen Mangel: es hat keine Farbe. Das saftige Grün der Wiesen und Wälder, das blendende Weiß der Schneekuppen, die zahllosen Farbentöne der Felsen, das Alles vermag der Griffel nicht wiederzugeben. Wohl tritt es Jenem vor das Auge, der die herrliche Gegend schon durchwandert hat, aber jedem Andern wird die regste Phantasie nur einen schwachen Abklatsch der bezaubernden Wirklichkeit bieten. Und dann noch Eines: wer kann die frische, gesunde Luft malen, die in diesen Bergen weht?

Das Pusterthal Tirols ist wegen seiner Naturschönheiten weltberühmt. Durch die Eisenbahn ist es erst dem reisenden Publicum erschlossen worden. Von Klagenfurt oder Villach aus ist die erste Station auf tirolischem Gebiete das niedliche Städtchen Lienz. Ein bequemer Postomnibus fährt täglich nach dem drei Stunden nördlich gelegenen Windisch-Matrey. Von hier gelangt man auf vorzüglichem Fahrwege in zehn Minuten nach Schloß Weißenstein. Auch sind auf dem Bahnhofe in Lienz directe Wagen nach Weißenstein zu haben. Die Straße durchschneidet herrliche Waldpartien, bietet den Anblick der verfallenen Veste Künburg und führt an den Mündungen des Deffereggen- und Virgenthals vorüber. Endlich erscheint das malerisch gelegene Windisch-Matrey und hoch über ihm Schloß Weißenstein, das auf einem gegen Süd, West und Nord senkrecht abfallenden Dolomitfelsen thront. Seine Meereshöhe beträgt tausendunddreißig Meter. Erbaut wurde es im sechszehnten Jahrhundert von den Grafen von Lexgunde. Nachmals ging es in den Besitz des Erzstiftes Salzburg und des Hauses Oesterreich, dann in den der Marktgemeinde Windisch-Matrey über, von welcher es der gegenwärtige Besitzer als Ruine gekauft hat. Heute ist es zur Aufnahme von Reisenden und Sommergästen als Hôtel und Pension eingerichtet. Schon jetzt sind fünfzig Zimmer bewohnbar, und ihre Anzahl wird noch verdoppelt werden.

Sowohl von außen wie von innen gewähren die zahlreichen Thürme, Erker, Zimmer etc. einen höchst malerischen und romantischen Anblick. Auf dem Balcon des Speisesaales kann man stundenlang verweilen, ohne sich an dem prachtvollen Landschaftsbilde, an dem herrlichen Thale, an dem imposanten Hochgebirge satt zu sehen. Auf der Ostseite des Schlosses wurde ein Park angelegt, durch den man in wenigen Minuten in den Wald gelangt. Eine halbe Stunde entfernt bildet der Tauernbach einen mächtigen, vierzig Meter hohen Fall, der von balconartigen Felsenmauern umgeben ist. Weiterhin gelangt man in das Tauernthal, das zu dem wegen seiner landschaftlichen Reize berühmten Außer- oder Innergschlöß und zur Pragerhütte führt; sie werden von dem Venediger (3772 Meter), dem Schlaten- und Vilgratengletscher überragt. Von hier ersteigt man den Gipfel des Großvenedigers in zwei bis drei Stunden und ohne alle Gefahr. Eine andere, überaus lohnende Partie ist der Gang zum Kalferthörl. Auf dem neu angelegten Wege erreicht man es bequem in drei Stunden und kann auch hinaufreiten. Von der Aussicht, die sich oben darbietet, wird man sich lange nicht losreißen können. Oestlich steht der Großglockner (3796 Meter) in seiner ganzen Majestät da, und an ihn reihen sich die schneebedeckten Abstürze der Schobergruppe; westlich wird das Auge durch den Groß- und Kleinvenediger derart gefesselt, daß es kaum Zeit gewinnt, auch die übrigen Punkte der langgedehnten Gletscherkette zu betrachten. Von kleineren Ausflügen erwähnen wir nur noch den zur Nicolauscapelle mit dem Einblick in das Virgenthal und dem Rückblick auf Weißenstein, Kalferthörl, Bretterwandspitz und Steiner Alpe.

Weißenstein ist, wie obige Mittheilungen zeigen, ein wahrhaft reizender Punkt in der Bergwelt Tirols, und wer es einmal gesehen, verläßt es gewiß nicht ohne den Vorsatz, es im nächsten Jahre wieder zu besuchen.

Dr. J. D.
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 171. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_171.jpg&oldid=- (Version vom 9.3.2019)