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Seite:Die Gartenlaube (1877) 168.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


Messen des Ex-Pater Hyacinthe und der gegen die Unfehlbarkeit protestirenden Priester unheilige und gotteslästerliche nennen, verdammen Sie auch die Messen der Apostel und Priester der ersten Kirche oder müssen bestreiten, daß diese Messen gelesen haben. Sie verdammen damit Ihren unfehlbaren Papst, welcher Gotteslästerung und andere Gräuel bei den armenischen Priestern zugiebt. Und wenn Sie die Weiber der Altkatholiken ‚Buhlerinnen‘ nennen, müssen Sie denselben Titel den Weibern der armenischen Priester beilegen. Sie bestreiten ferner die Lehre der katholischen Kirche über die Ehe als Sacrament. Wenn, wie Sie behaupten, die Messe, die der Priester liest, der aus den Armen eines Weibes weg an die Stufen des Altars tritt, unrein und gotteslästerlich ist, wie viele reine und heilige Messen werden dann gelesen? Herr Abbé, Sie schieben den Priestern, die sich von Ihrer Kirche getrennt, niedere und gemeine Leidenschaften unter; ist es Ihnen noch nie zu Ohren gekommen, was die Jesuiten-Patres oder andere Geistliche, welche die religiösen Uebungen der Priester leiten, ihren geistlichen Zuhörern offen erzählen? Sie behaupten, daß kaum Einer von hundert Priestern das Gelübde der Keuschheit halte. Dieselben behaupten dann freilich öffentlich auf der Kanzel vor allem Volke, daß, wenn auch Jesus unter zwölf Jüngern einen Judas zählte, unter hundert Priestern sich kaum Einer finde, der seinen Gelübden untreu wird. So, Herr Abbé, predigt man dem Volke in der unfehlbaren Kirche (historisch). Zudem ist es gewiß nicht diese Leidenschaft, die den Propst Döllinger, einen siebenzigjährigen Greis, von Rom losgerissen hat.'

‚Nun ja, bei seinem Alter kann man dies nicht behaupten; es war vielmehr der Ehrgeiz.‘

‚Der Ehrgeiz! Herr Abbé! Wie ungerecht urtheilt doch Ihre Kirche! Es scheint Ihnen unmöglich, Ihren Gegnern ehrliche Gründe ihres Handelns zuzuerkennen. Gleich sind Sie mit Verleumdungen da. Wäre der Propst Döllinger ein ehrgeiziger Priester, wie Sie’s behaupten, hätte er sich wohl gehütet, aus Ihrer Kirche auszutreten, wo er als ein Pfeiler derselben in hohem Ansehen stand. Er wußte wohl, daß er sich durch seinen Austritt den Haß und die Verleumdung der Ultramontanen zuziehen würde.‘

‚Lassen wir dieses Gespräch fallen, mein Herr! Sie sind nicht Theologe und deshalb nicht im Stande diese Fragen zu beurtheilen.‘

‚Sie strecken also die Waffen?‘

‚Durchaus nicht, aber mit einem Laien mag ich den Kampf nicht fortführen.‘

‚Das heißt überhaupt ihn aufgeben. Uebrigens bin ich nicht so ganz Laie.‘

Der Abbé fuhr betroffen auf und starrte mich an.

‚Mit wem habe ich denn die Ehre?‘ stotterte er endlich.

Ich konnte kaum ein Lächeln unterdrücken, als ich dem betroffenen Abbé antwortete:

‚Ich heiße Pierre des Piliers. Der Name ist Ihnen vielleicht nicht ganz unbekannt?‘

Bei diesen Worten war es, als wenn ein Blitz zwischen mich und den Abbé niedergefahren wäre oder als wenn der Hölle Abgrund sich aufgethan und der Leibhaftige selbst mit Pferdefuß und Hörnern vor dem entsetzten Abbé emporgestiegen.

Ein schriller Pfiff der Locomotive ertönte.

‚Station N.,‘ rief der Schaffner, die Thür aufreißend. Ein Sprung, und der bleiche Abbé war verschwunden in der Nacht.

Armer Abbé! Wird Dein Weg Dich führen ‚Durch Nacht zum Licht‘?“

X.




Steppengestalten.
Erinnerung aus meinem Wanderleben von F. Sch.
III.

Mit dem ersten Grauen des nächsten Morgens verließ ich das Steppendorf, begleitet von den Segenswünschen meines greisen Wirthes, und bald wurde der Eindruck der erzählten Ereignisse im Laufe meines wechselvollen Wanderlebens durch neue Erlebnisse so sehr abgeschwächt, daß ich, als der erste Schneefall meinen Aufbruch in die Winterstation zu V… veranlaßte, den interessanten „Räuber“ und sein Weibchen nahezu vergessen hatte.

Zu V… befand sich zur Zeit meiner Ankunft eine Division Infanterie in Garnison, deren Dienst fast ausschließlich darin bestand, die militärische Escorte zu den zahlreichen Exekutionen eingefangener Verbrecher zu stellen. Die Unsicherheit des Eigenthums hatte nämlich in jenem Comitate einen so bedenklichen Höhegrad erreicht, daß man genöthigt war, das Standrecht zu publiciren, welch letzteres bekanntlich ein äußerst summarisches Proceßverfahren ermöglicht. In der That wurden im Verlaufe des Winters nicht weniger denn neunzehn Verbrecher hingerichtet, meist verkommene, rohe Gesellen, von welchen, bezeichnend genug, nicht Einer des Lesens und Schreibens, kundig war. Der Galgen mußte eben die Versäumniß der Schule nachholen.

Obschon ich nun grundsätzlich derlei für Viele so anziehende „Schauspiele“ mied, so konnte ich mich doch dem Anblicke der Inscenirung und der unglücklichen Helden derselben um so weniger entziehen, als der verhängnißvolle „letzte Gang“ jeden Delinquenten an meiner Wohnung vorüber führte und ich selbst mein Bureau nicht erreichen konnte, ohne das Comitatshaus zu passiren, wo die Verurtheilten die letzten Lebensstunden verbrachten.

Eines Tages wurde ich auf eben diesem Wege durch eine ungewöhnlich starke Menschenansammlung vor besagtem Comitatshause aufgehalten. Ein mir befreundeter Officier, welchen ich um die Ursache des Gedränges befragte, belehrte mich mit dem verzeihlichen Gleichmuthe eines durch Gewohnheit für die Tragik des Gegenstandes Abgestumpften, daß eben wieder ein Verurtheilter „ausgestellt“ sei, und zwar der „schönste Räuber“, dessen man bisher habhaft geworden, ein Umstand, der die Anwesenheit zahlreicher Vertreterinnen des zarten Geschlechtes hinlänglich motivirte.

Ich weiß nicht mehr, welcher Impuls mich bewog, diesmal meinem Grundsatze untreu zu werden und der Aufforderung des Officiers, den „schönen Räuber“ in Augenschein zu nehmen, Folge zu leisten; wahrscheinlich war es auch bei mir nur die ungewöhnlich erregte Neugierde, doch wich dieselbe rasch einem fast an Bestürzung grenzenden Erstaunen, als ich in dem Manne, der dort düster sinnend auf der Armensünderbank saß, den schwarzen Lajos erkannte. Ja, ich muß gestehen, daß ich mich des innigsten Mitleides nicht erwehren konnte, den Mann, der durch Motive, wie sie nur den edelsten, menschlichen Eigenschaften entspringen, auf die Bahn des Verbrechens gedrängt worden war, nun denselben Platz einnehmen zu sehen, wo bisher nur die bis zum Thiere herabgesunkene Rohheit zur Schau getragen wurde. Von diesem Gefühle angetrieben, trat ich zu dem unbeweglich vor sich Hinstarrenden und fragte ihn theilnehmend, ob er noch irgend einen erfüllbaren Wunsch hege. Müde hob der Gefragte den Blick, sah mich gleichgültig an und schüttelte stumm den Kopf.

In meiner Aufregung hatte ich ganz vergessen, daß ich zwar den Mann, dieser aber mich nicht kannte, weshalb ich ihm mit wenigen Worten mittheilte, daß ich vor einigen Monaten als Gast im Hause seiner Angehörigen geweilt, und die Frage daran knüpfte, ob dieselben von seiner Verurtheilung unterrichtet seien und ob er nicht eine letzte Botschaft an sie auf dein Herzen habe.

Bei der Erwähnung seiner Angehörigen flog es wie ein sonniger Schimmer über die markigen Züge des Delinquenten, dann aber schüttelte er abermals das Haupt und sagte:

„Dank, Herr! Sie sind benachrichtigt, und Ilka wird kommen.“

Die Zuversicht des Mannes, der noch zwei Stunden Lebenszeit vor sich hatte, berührte mich fast peinlich. Der Mensch schien keine Ahnung von den schlimmen Eigenschaften des Weibes, dem Wankelmuth, der Schwäche und Treulosigkeit weiblicher Herzen zu haben. Armer Räuber, wie würden französische Dramatiker und ihre deutschen Nachäffer deinen felsenfesten Glauben belächeln und bespotten!

Uebrigens, aufrichtig gestanden, vermochte auch ich mich einiger leiser Zweifel nicht zu entschlagen, denn abgesehen von der weiten Entfernung und der Kürze des zwischen der Gefangennahme und

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 168. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_168.jpg&oldid=- (Version vom 9.3.2019)