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Seite:Die Gartenlaube (1877) 148.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


noch ein anderes Geräusch, regelmäßig tappend und klingend, zugleich, erst ganz leise und undeutlich, daß es fast war wie das Ticken einer Taschenuhr und das Geläute ferner, ferner Glöckchen. Doch immer näher kam es heran, und nun horchte der Greis erschreckt auf, und ein nervöses Zittern überlief die mehr von Kummer als von Alter gebeugte Gestalt. Ihm war die Natur dieses tactmäßigen Geräusches offenbar wohlbekannt; sachte erhob er sich, legte die Finger bedeutungsvoll auf die bebenden Lippen und verließ lautlos die Stube.

Das Tappen und Klingen war jetzt so nahe gekommen, daß auch ich den tactmäßigen Schritt bespornter Männer erkannte. Es waren zweifellos die Verfolger Lajos’, welche, wie Josi vorausgesagt, die von ihm angegebene Richtung des Flüchtlings als die unwahrscheinlichste zuletzt eingeschlagen hatten. Warum aber war der Alte so ängstlich, da der Verfolgte dank des Signales doch einen genügenden Vorsprung hatte, um sich in Sicherheit zu bringen? Ich war an’s Fenster getreten und sah jetzt die zwei Gensd’armen, wie sie ruhigen gemessenen Schrittes in den Hof schritten. Sie mochten, nach der seit jenem Signalrufe verflossenen Zeit zu urtheilen, wohl schon das ganze Dorf durchsucht haben, überzeugt, daß das von Soldaten besetzte Haus des Alten sich am wenigsten zu einem Verstecke für den Flüchtigen eigne. In der That verließen sie auch nach einigen mit meinem Diener gewechselten Worten den Hofraum wieder und näherten sich nun den nur wenige Schritte vom Hause entfernten Heuschobern. Diese bildeten wie in allen Dörfern Ungarns, wo sämmtliche Heuvorräthe im Freien aufgeschichtet werden, einen ganzen Complex von regelrecht und sorgfältig aufgethürmten Haufen, an Form und Größe ansehnlichen Gebäuden ähnlich, zwischen welchen meist nur schmale Gänge den Durchlaß gestatteten. Durch diese schritten jetzt die Gensd’armen, indem sie von Zeit zu Zeit ihre Säbel bis zum Griffe in die compacten Heumassen stießen. Und sonderbar, so oft ich den blanken Stahl in den dunkeln Wänden verschwinden sah, zuckte ich zusammen, als erwartete ich den Schrei eines zu Tode Getroffenen zu vernehmen. Allein es blieb Alles still, und als die spornklirrenden Tritte der Männer wieder von dem Grillenconcerte übertönt wurden, athmete ich erleichtert auf.

Der Mond stand jetzt senkrecht über dem stillen, einsamen Haidedorfe, und sein silberweißes Licht verlieh den ärmlichen Hütten und Scheunen wie jedem Halme auf den kleinen Wiesen- und Felderflächen und darüber hinaus der ganzen grauen, öden Steppe einen Schimmer von märchenhafter Pracht. Der Anblick dieser tiefsten, heiligsten Frieden athmenden Nachtlandschaft bildete einen so scharfen Contrast zu dem, was ich eben erlebt und vernommen, daß mir die Betrachtung derselben, statt wie sonst heitere Beruhigung zu gewähren, die klagenden Worte des Dichters in’s Gedächtniß rief:

„Die Welt ist vollkommen überall,
Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual.“

Ja, obschon selbst unberührt, zitterte das Weh des Greises doch so lebhaft in meinem Gemüthe nach, daß ich in die düsterste Stimmung gerieth und sich mir immer mehr die Ueberzeugung aufdrängte, der Mensch sei wirklich das unglücklichste Geschöpf und sein Leben nichts als eine Kette kleiner und großer Leiden. Während ich aber noch so pessimistisch philosophirend das lichtüberfluthete Steppenbild schaute, vernahm ich ein leises Schieben und Knistern gerade über meinem Kopfe, und aufblickend sah ich, wie sich, von unsichtbarer Hand dirigirt, ein langes Brett vom Firste des Hauses dem nächsten Heuschober zu bewegte. Zugleich ließ sich ein girrender Laut vernehmen, täuschend ähnlich dem zärtlichen Rufe der Turteltaube, und nun öffnete sich wie durch Zaubermacht der Giebel des Heugebäudes, auf dem das vorgeschobene Brettende ruhte, zu einer geräumigen Wölbung als Eingang einer tief eingeschnittenen Höhle. Nun wurde ein kleiner Fuß auf der improvisirten Brücke sichtbar, und darauf sah ich zu meinem Schrecken Ilka langsam und vorsichtig die gefährliche Bahn betreten, den linken Arm zur Erhaltung der Balance ausstreckend, mit der Rechten einen umfangreichen mit Lebensmitteln gefüllten Korb tragend.

Mit angehaltenem Athem verfolgte ich jede Bewegung der anmuthigen, jugendfrischen Gestalt; schon hatte sie den Heuschober erreicht, da schwankte das Brett; ein leiser Schrei entfuhr den Lippen der kühnen Ilka – aber aus der Tiefe der Wölbung tauchte ein Arm empor, umschlang die Wankende fest und sicher und zog sie in die Höhle. Der Schall eines kräftigen Kusses, und darauf die zärtlich geflüsterten Worte „mein liebes Weib“ drangen an mein Ohr, dann verschwand das Brett; die Wölbung schloß sich, und im nächsten Augenblicke schimmerte der Giebel des Heuhauses unter den hellen Strahlen des Mondes so harmlos und unverfänglich wie alle übrigen.

All das war so rasch vor sich gegangen, daß es mir fast schien, als wäre das Ganze nur ein Traumbild oder die Wirkung meiner erhitzten Phantasie gewesen.

Noch unten dem Eindrucke des eben Erschauten begab ich mich zu Bett, und siehe, was die friedliche Mondlandschaft nicht vermochte, das that nun das Geheimniß des Heuschobers allen düstern Nebenumständen zum Trotze. Noch bevor ich entschlummerte, war meine pessimistische Stimmung der tröstlichen Gewißheit gewichen, daß der Mensch denn doch nicht für das Leid geboren, daß das Leben kein unabwendbarer Fluch für ihn sei. Nein, Geschöpfe, welchen die Natur einen so unergründlichen Schatz von Liebe und Barmherzigkeit in das Herz gelegt, wie dieses edelmüthige Weib eben bewies, Geschöpfe, denen die Natur ein so lebensfreudiges Gemüth zur Mitgift gab, daß sie, gleich diesem Paare, unter Todesschauern, hart am Rande des Abgrundes die köstlichsten Blumen menschlichen Glückes zu pflücken vermögen, sind nicht zum Unglücke geschaffen, und nur ein krankes, verdüstertes Menschengehirn konnte so finstern Aberwitz zu eigner und zur Qual Andrer aushecken.




Der Sokrates der Neuzeit.


Am einundzwanzigsten Februar waren es zweihundert Jahre, daß Baruch Spinoza seine irdische Laufbahn beschlossen hat. Er gehört zu jenen Entschlafenen, die nicht gestorben sind, deren Geist noch bewegend und urkräftig in unsere Tage strahlt. Von ihm kann man auch mit größerem Rechte, als von manchem Anderen sagen, daß er einer der Bestverehrten und Bestgehaßten gewesen sei. Denn wie er, so war kaum jemals ein Sterblicher zugleich verdammt und hochgeachtet, zugleich gemieden und aufgesucht, verabscheut und bewundert, bei Lebzeiten wie nach dem Tode. „Ich erinnere mich noch gar wohl,“ sagt Goethe, „welche Beruhigung und Klarheit über mich gekommen, als ich die nachgelassenen Werke jenes merkwürdigen Mannes durchblättert; ich ergab mich dieser Lectüre und glaubte, indem ich in mich selbst schaute, die Welt niemals so deutlich erblickt zu haben.“ Lichtenberg behauptet, Spinoza habe den größten Gedanken gedacht, der je in eines Menschen Kopf gekommen ist. Feuerbach schwärmt von diesem „erhabenen, gedankenhellen Charakter“; Berthold Auerbach stellt ihn auf die oberste Stufe ethischen Lebens als „Charaktergenie“. Hamann hingegen findet nicht genug scharfe und bittere Worte, um die Gottlosigkeit des Spinozismus und seines Urhebers zu bezeichnen. Und Franz von Baader tadelt seinen Freund Schelling darüber, daß dieser noch immer nicht „von dem dürren Magister Spinoza“ loskommen könne. Die Frommen gar empfanden einen innerlichen Schauder, wenn der Name Spinoza’s über ihre Lippen kam; dennoch fand Schleiermacher in seinen Lehren „tiefe Frömmigkeit“ und Hegel behauptete sogar: „Es giebt keine reinere und erhabenere Moral, als die Spinoza’s.“

Muß schon bei so seltsam sich widersprechenden Urtheilen ein Sporn der Neugierde uns antreiben, Näheres über Leben und Charakter, Denken und Schaffen dieses Mannes zu erfahren, so wird hier unsere Wißbegier noch durch den Umstand gesteigert, daß jener heiße Meinungskampf nicht über einen Mächtigen in angesehener Stellung entbrannte, sondern über einen schlichten, kindlich-sanftmüthigen und einsamen Denker in ärmlicher Dachstube.

Spinoza war ein Philosoph durch die innerste Bestimmung seiner Natur, ein „glücklicher Genius“, in dessen Geiste, so abgeschlossen er auch von dem Getriebe der Welt lebte, die ewigen Gesetze der Weltordnung sich klar und sonnenhell spiegelten, ein

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 148. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_148.jpg&oldid=- (Version vom 9.3.2019)