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Seite:Die Gartenlaube (1877) 129.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


Ein Mann der „Gegenwart“.
Von Albert Traeger.


Berlin (S. W., so will des deutschen Reiches General-Postmeister), Lindenstraße Nr. 110 tritt ein Haus durch eigenartigen Geschmack aus den bürgerlich dareinschauenden Nachbarn hervor. Ein einladendes Haus – das wissen die Treppen sehr wohl, denen bei Tag und Nacht selten Ruhe vergönnt ist. Vielleicht getrösten sie

Paul Lindau.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

sich, daß die Ruhestörer zu den Besten ihrer Zeit gehören und daß die meisten der nach Berlin kommenden oder dort wohnenden literarischen und künstlerischen Berühmtheiten sie betreten. Und wenn zu jenen zweifelhaften Stunden, um welche Nacht und Morgen streiten, oben im zweiten Stock die gastlichen Räume sich öffnen, deren Einrichtung der geistreichen Illustration eines duftigen Märchens gleicht, und eine fröhliche Schaar mit dem letzten Lachen zum Ausbruch in die erste Dämmerung hinabeilt, dann verhallt von schönen Lippen wie ein Seufzer: „Es ist doch zu reizend bei Lindau’s.“

Eine glückliche und beglückende Häuslichkeit hat Paul Lindau hier begründet, nachdem er in Anna Kalisch, der einzigen Tochter des unvergeßlichen Vaters des „Kladderadatsch“, sein Glück gefunden. Geist- und gemüthvoll, anmuthig und liebenswürdig, ist sie ihm zugleich eine stille, aber nicht zu unterschätzende Mitarbeiterin, deren Spuren in seinem Wesen und Wirken unverkennbar. Kurz zuvor hatte er „Die Gegenwart“ in das Leben gerufen und damit über sein Verbleiben in Berlin entschieden, das sich soeben an die Spitze des jüngsten Kaiserreiches gestellt sah. Lindau hat stets in der Wahl des Ortes und der Zeit ein untrügliches Geschick bewiesen. Beide waren dem neuen Unternehmen entschieden günstig; diese Gunst begriffen und verwerthet zu haben, ist sein unleugbares Verdienst. „Die Gegenwart“ hat sich auf der Höhe ihres Namens behauptet, und die innere Bedeutung eilt dem stetig wachsenden äußeren Erfolge voraus – ein Beweis, daß Lindau ein hervorragender Redacteur. Wenn aber in dem großen Leserkreise die Mehrheit zunächst nach den von dem Herausgeber gezeichneten Beiträgen späht, und eine nicht unbeträchtliche Minderheit vielleicht damit die Lectüre sogar

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 129. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_129.jpg&oldid=- (Version vom 9.3.2019)