Zum Inhalt springen

Seite:Die Gartenlaube (1877) 056.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)

des Tisches und ergriff die Liste. „Pellissard der Aeltere,“ rief er den ersten Namen, „fünfundsiebenzig Franken!“

Der alte Pellissard trat leichenblaß und zitternd an den Tisch. „Herr!“ rief er und hob bittend die zitternden Hände empor, „haben Sie Mitleid mit mir und dem armen Dorf!“

„O nein,“ sagte der Lieutenant, und der Schweiß trat ihm auf die Stirn, „nein, nein,“ rief er und winkte heftig mit der Hand, „nicht zahlen, sondern zurückerhalten sollt Ihr von den gezahlten hundert Franken fünfundsiebenzig Franken.“

Ein Schrei der Freude ertönte ringsumher.

„Stecken Sie fünfhundert Franken zu sich, Herr,“ wandte sich Wendt an den Maire, „lassen Sie Ihren Wagen anspannen, und folgen Sie mir nach Lons le Saunier! Sie sollen die Quittung von meinem Commandeur eigenhändig empfangen. Den Rest des Geldes vertheilen Sie an die Eigenthümer.“ Dann ergriff er das Heiligenbildchen und knüpfte es der erröthenden Madelon selbst an die Schnur; er zog die Börse, ergriff die Hand des überraschten Mädchens und schüttete den Inhalt mit harten Thalern hinein: „Pour Madame Vivier,“ sagte er leise.

Alexander Weimann.     

Blätter und Blüthen.

Die Lieblingsblume des deutschen Kaisers. Kaiser Wilhelm der Erste hat, wie man weiß, Blumen gern, und sein Geburtstagstisch ist stets mit einer Fülle der prachtvollsten Sträuße bedeckt, aber auch eine gar schmucklose Blume des Feldes, die Kornblume nämlich, darf unter ihren glänzenderen Schwestern niemals fehlen. Alle Söhne und Töchter der verewigten Königin Louise von Preußen bewahren für sie – im Andenken an die theure Dahingeschiedene – eine ausgesprochene Vorliebe, welche sich auf ein scheinbar höchst unbedeutendes Begebniß zurückführen läßt.

Die Königin Louise verlebte bekanntlich zwei Jahre – von 1806 bis 1808 – in Königsberg und bewohnte während der Sommermonate eine daselbst vor dem Steindammer Thore belegene ländliche Besitzung. Die Einsamkeit dieses Aufenthaltes, in welchem nur das Rauschen der alten Waldbäume, das helle Gezwitscher der Vögel und das Summen leichtbeschwingter Insecten die tiefe Stille unterbrachen, that dem leidenden Gemüthe der schwer geprüften Fürstin wohl. Hier wandelte sie oft mit ihren Kindern und sprach sanfte, treue Mutterworte zu ihnen, welche den Sinn, das Herz, ihren Geist bilden, ihren Charakter stählen sollten.

Eines Morgens, als die Königin mit den Kindern sich wiederum in den Park begeben wollte, bot ein Landmädchen, welches mit einem Korbe voll Kornblumen neben der Gartenpforte stand, diese der hohen Frau an. Louise beschenkte, freundlich dankend, das Mädchen, und nahm die Kornblumen, über deren herrliche blaue Farbe die zehnjährige Prinzessin Charlotte sich voll Bewunderung äußerte, mit sich in den Garten. Als man auf einem Ruhesitze Platz genommen hatte, versuchte die Prinzessin, nach Anleitung der Mutter, von den Kornblumen einen Kranz zu winden, und so groß war die Freude über den gelungenen Ausfall dieser Arbeit, daß die gewöhnlich bleichen Wangen der Prinzessin vom hellsten Roth überhaucht wurden. Und als sie dann den vollendeten Kranz auf ihr schönes Haar drückte, stand er dem feinen, edel geschnitzten Gesichte so trefflich, daß die zuschauenden Geschwister, darunter auch der jetzige Kaiser, durch laute Ausrufe von ihrer Freude Kunde gaben. Was mochte in dem Herzen der Königin sich regen, als sie die Augen ihrer Kinder so froh erglänzen sah über eine Spende, deren materieller Werth sich kaum beziffern ließ?

Die Gewalt der Waffen hatte dem theuern Vaterlande Unglück über Unglück gebracht; wer konnte ahnen, daß die jetzt mit einem Kranze von Feldblumen geschmückte Prinzessin einst das Diadem einer Kaiserin auf ihrer Stirn tragen würde? Wer konnte ahnen, daß das scheinbar vernichtete Preußen einst seinen schützenden Arm vom Fels zum Meere breiten und Louisens Sohn als deutscher Kaiser das geeinte Deutschland zu ungeahnter Machtstellung und Ehre erheben würde?

Allein die Königin sah in dem einfachen, durch schuldlose Freuden beglückten Sinn ihrer Kinder ein Eden erstehen, aus dem unvergängliche Quellen des reinsten Genusses sich ergießen mußten. In tiefer Rührung zog sie die Geliebten an ihr Herz, und die Kornblume, welche ihr so Schönes offenbart, wurde und blieb ihre und ihrer Tochter Charlotte Lieblingsblume.

Als Charlotte zwanzig Jahre später als Kaiserin von Rußland ihre Heimath durch einen Besuch erfreute, glaubten die Bewohner von Königsberg in der mächtigen Kaiserin die angenehmsten Erinnerungen zu wecken, wenn die jungen Mädchen, welche beim Einzuge der Fürstin ihr Blumen streuten, mit Kränzen von Kornblumen geschmückt, vor ihr erschienen. Und sie hatten sich nicht getäuscht; die Kaiserin sprach ihren Dank und ihre Freude aus, daß man die Kornblume gewählt, um sie zu ehren.


Fritz Reuter als Schiedsrichter einer Wette. Es war im Herbst des Jahres 1868. Wie gewöhnlich saßen wir Freunde am Abend beisammen; diesmal bildete die plattdeutsche Sprache, ihr Charakter und ihre mannigfachen Schattirungen unsere Unterhaltung; einer der Freunde aus dem Hannöver'schen meinte, eine Eigenthümlichkeit wäre dem Plattdeutsch aller Orten gemein; überall wo die plattdeutsche Sprache herrscht, spräche man das „St“ scharf aus und rein wie es geschrieben würde. Ich bestritt dies und betonte, wie ein mehrjähriger Aufenthalt im Mecklenburg-Strelitzischen mich belehrt habe, daß man speciell in diesem Theile der norddeutschen Tiefebene „Schtock“, „Schtein“, nicht „Stock“, „Stein“ sage, daß dort das „St“ stets mit dem Zischlaut verbunden sei. Kurz, es kam zu einer Wette, die zu entscheiden Fritz Reuter, auf meinen Vorschlag, gebeten wurde. Diesen liebenswürdigen Dichter hatte ich in Neu-Brandenburg im Gasthaus „Zur goldenen Kugel“ kennen gelernt, oder im „Goldnen Knopp tau Nigen-Bramborg“, wie Fritz Reuter in seinen Schriften sagt. Es waren herzlich gemüthliche und heitere Abende, welche ich dort mit dem Dichter verlebt, als er von seiner Reise nach Constantinopel zurückgekehrt war. Bis in späte Stunde hatten wir dort seinen lieben Worten gelauscht, als er uns den Anfang seiner „Urgeschichte von Meckelnborg“, damals noch Manuscript, vorgelesen.

Auf seiner damaligen sich zu einem Triumph gestaltenden Reise durch sein mecklenburgisches Vaterland traf ich das letzte Mal mit dem auf der Höhe seiner Erfolge stehenden Dichter zusammen; es war im Frühjahr 1865. Wenige Jahre vorher hatte Reuter in Berlin den Nestor der deutschen Sprachforschung, Jacob Grimm, besucht und schrieb hierüber: „Er hat viel und mancherlei mit mir über Plattdeutsch geredet und Alles so milde besprochen, so freundlich beurtheilt, daß mir das ganze Herz aufging. Ich wollte, Du sähest einmal in diese treuen Augen und fühltest Dich einmal durch dieses ermuthigende Lächeln gekräftigt.“ Ebenso bescheiden und liebenswürdig war die freundliche Antwort, welche mir Reuter bezüglich unserer Wette sendete. Sie liegt vor mir und lautet:

„Sie haben mir da eine Nuß auf die Zähne gepackt, die schwerlich Beelzebub selber wohl knackt. Um Ihnen jedoch nach Kräften gefällig zu sein, und wär’s auch nur viel später, als Sie gewiß erwartet haben, will ich Ihnen das, was ich zur Beantwortung der aufgeworfenen Frage beitragen kann, nicht vorenthalten, es ist dies aber, wie Sie sehen werden, durchaus nicht erschöpfend und die fragliche Wette entscheidend. Wo ich in plattdeutschen Landen bekännt (sic!) bin, habe ich mich allerdings auch um die Aussprache bekümmert, also auch um die Aussprache des ‚St‘, und so viel ich weiß, wird in Mecklenburg-Schwerin, Holstein, Hamburg, Hannover und Vorpommern das ‚St‘ stets so gesprochen, wie es geschrieben wird. Von Westphalen weiß ich es nicht, indessen glaube ich es. In Mecklenburg-Strelitz jedoch, mehr nach der preußischen Grenze der Uckermark zu, beginnt der ‚Scht‘-Laut schon überhand zu nehmen und setzt sich dann weiter durch Hinterpommern und die Mark Brandenburg fort. Ueber die Richtigkeit dieser oder jener Aussprache ist indessen außerordentlich viel und nach meiner Ansicht viel Nutzloses geschrieben worden. Dem ersten Anscheine nach und nach meinem Gefühle müßte ‚St‘ das Richtige sein; große Autoritäten jedoch, z. B. die Gebrüder Grimm, haben sich für ‚Scht‘ aus mir nicht gegenwärtigen Gründen entschieden. Sie sehen, ich bin als Schiedsrichter in diesem Punkte durchaus nicht competent. Mit freundlichem Gruße etc. Ihr Fritz Reuter.“

Wir erkannten dankbar diesen liebenswürdigen Schiedsspruch an, und ein fröhliches Hoch bei fröhlichem Mahl auf den liebenswürdigen Dichter bildete den Schluß der Wette.
DresdenRichard Steche.     


Eine Schwesteranstalt der Comeniusstiftung. Es ist bezeichnend, daß unter allen Culturvölkern zuerst das deutsche Volk das Bedürfniß empfand, alle auf Erziehung und Unterricht bezüglichen Schriften ohne Unterschied der Sprache an einem Orte zu sammeln; die Begeisterung der ganzen Nation in Folge der Erstehung des deutschen Reiches ließ diesen Gedanken rasch zur That werden, und so entstand die „Comeniusstiftung“ in Leipzig, eine pädagogische Bibliothek, zu deren Gründung Beiträge aus allen Theilen der Erde, wo Deutsche lebten, einliefen. Auch die Regierungen auswärtiger Staaten förderten dieses Unternehmen; so hat z. B. das österreichische Unterrichtsministerium die Werke des kaiserl. königl. Schulbücherverlages gewidmet und allen österreichischen Schulen den Auftrag ertheilt, alljährlich ihre Jahresberichte der Comeniusstiftung einzusenden.

Gegenwärtig geht in Wien ein Kreis von Schulmännern daran, nach dem Muster der Comeniusstiftung für Oesterreich eine solche pädagogische Centralbibliothek zu gründen. Er wendet sich an Alle, welchen die Grundlage unserer Cultur, eine richtige Erziehung und eine gute Schule, am Herzen liegt, mit der Bitte, die Errichtung einer solchen Bibliothek durch Zusendung von Büchern, Programmen etc., welche das Schul- und Erziehungswesen betreffen, zu fördern.

Derartige Sendungen sind an den Director Döll in Wien zu adressiren.



Auf die vielen freundlichen Gratulationen, welche sowohl der Redaction wie mir persönlich gelegentlich der Eröffnung des Jubeljahrgangs der „Gartenlaube“ zugegangen sind, ist es mir unmöglich in einzelnen Zuschriften zu antworten, und bitte ich daher die liebenswürdigen Einsender von sinnigen Geschenken, Briefen, Gedichten, Karten und sonstigen Zeichen der Sympathie auf diesem Wege meinen warmgefühlten Dank entgegenzunehmen. Ernst Keil. 



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 56. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_056.jpg&oldid=- (Version vom 6.9.2023)