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Seite:Die Gartenlaube (1877) 011.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)

Papst Gregor war ein zu geriebener Politiker, um nicht zu wissen, daß es rathsam, mehr als einen Strang am Bogen zu haben. Darum verließ er sich weder auf das streitbar organisirte klerikale Heer allein, noch erwartete er alles von dem groben geistlichen Geschütze, von dem Bannstral- und Interdiktschleuderwerk. Vor- und umsichtig blickte er nach verlässlichen Bundesgenossen aus, und er wußte solche zu finden in einer erklecklichen Anzahl von deutschen Fürsten und Bischöfen, in den normannischen Häuptlingen, welche damals ihr junges Reich in Unteritalien gegründet hatten, in vielen lombardischen Städtebürgerschaften, deren italisches und republikanisches Gefühl er sehr geschickt gegen die deutsche Kaiserschaft aufstachelte, und in der mächtigen und charakterfesten Markgräfin Mathildis von Tuscien, welche ihn wie ihren Herrn und Heiland verehrte. Winkelskribenten und Schmutzblättler, welche schon im 11. Jahrhundert thaten, was sie noch heute thun, nämlich den Inhalt der Geifer- und Giftblase, welche sie statt der Seele in der Brust tragen, gegen alles geistig Hochragende emporspeien – solche Schmutzblättler und Winkelskribenten haben das Verhältnis Gregors zu Mathildis als ein unlauteres ausgeschrieen. Aber der Geifer des Neides und das Gift der Verleumdung haben die Höhe, auf welcher der große Papst stand, nicht zu erreichen vermocht. Dagegen ist es den Schmierfinken, welche auf päpstlicher Seite lästernd und verleumdend arbeiteten, nur allzu gut gelungen, ihr Ziel, den deutschen König Heinrich den Vierten, zu erreichen. Dieses Ziel stand eben, die Wahrheit zu sagen, nicht so hoch wie das der widerpäpstlichen Sudler.

König Heinrich war freilich mit nichten der „Wütherich“ und das „Ungeheuer“, als welchen und welches die päpstlichen Pamphletisten ihn darstellten. Aber er war auch nicht der Mann, dem weltherrschaftlichen Größenwahnsinn Gregors die Zwangsjacke berechtigter Staatsansprüche anzuthun. Seine Jugend war nur eine Verkettung verwildernder und verbitternder Geschehnisse, er selber ein Zankapfel zwischen seiner frommen Mutter Agnes, die zur Erzieherin und Regentin auch nicht das Zeug hatte, und gewissenlos-machtgierigen Prälaten gewesen. Als sechszehnjähriger Jüngling mit dem Königsschwert umgürtet, hatte er das heiße Gefühl, daß es ihm ziemte, die während seiner Minderjährigkeit zum höchsten Uebermuth ausgeschlagene Adelsanarchie zu bändigen und die gänzlich darniederliegende königliche Gewalt im Reiche wieder aufzurichten. Aber dem guten Wollen entsprach das Können bei weitem nicht. Wo höchste Staatsklugheit, Umsicht und Geduld hätten zur Anwendung kommen müssen, fuhr Heinrich, übelberathen und schlechtbedient, mit brausender Leidenschaftlichkeit darein. Am allerungeschicktesten verfuhr er dem stolzen und trotzigen Sachsenstamme gegenüber, von welchem dann auch die große Verschwörung und Empörung gegen das Reichsoberhaupt ausging (1073), zusammentreffend mit Hildebrands Erhebung auf den „Stuhl Petri“.

(Schluß folgt.)




Der Spiritismus vor dem Gerichtshofe der Wissenschaft.
I.


Die spiritistische Bewegung nimmt, namentlich in England und Amerika, immer größere Dimensionen an. Eine gut geleitete Presse verkündet dem Inselreiche das neu erstandene Heil. „Es ist Methode in dem Wahnsinn“, und wissenschaftlich gebildete, ehrliche Männer sind überzeugungstreue Spiritisten. Die Anschauungen der in dieser sonderbaren Wissenschaft wirklich Bewanderten auf logische Weise zu widerlegen, ist platterdings unmöglich; denn in ihrem gut ausgebeuteten System finden sie auf jeden Einwurf eine Entgegnung, die, von ihrem Boden ausgehend, vollkommen berechtigt ist. Wir wollen uns daher lediglich an die Thatsachen halten, die von den Spiritisten uns gemeldet werden, und auf diesem concreten Gebiet sie zu schlagen suchen.

Ich habe zahlreichen Sitzungen dieser merkwürdigen Gemeinde beigewohnt. Eine der hervorragendsten Versammlungen, bei denen ich gegenwärtig war, fand in London bei der in den dortigen spiritistischen Kreisen – und diese erstrecken sich bis in das high life – sehr bekannten Mrs. V… statt. Der liebenswürdigen Tochter eines mir rasch liebgewordenen Hauses gelang es, wenn auch mit vieler Mühe, uns Beiden noch Plätze zu der demnächstigen Tafelrunde, deren Mitgliederzahl stets eine beschränkte ist, zu verschaffen. Vor Allem lag mir aber daran, etwas Näheres über Mrs. V… selbst zu erfahren.

„Nun, sie ist eine ganz ungebildete Frau aus den niederen Volksclassen, die von ihrem ersten Manne ein schönes Stück Geld ererbte und sich vor Kurzem wieder verheirathete. Die Leute machen jetzt ein großes, wenn auch nicht gerade allzu geschmackvolles Haus und halten alle vierzehn Tage eine Sitzung, an der nur Geladene theilnehmen dürfen.“

„Machen sie ein Geschäft daraus?“ fragte ich. „Denn in diesem Falle würde ich kaum hinzugehen geneigt sein.“

„Im Gegentheil!“ lautete die eifrige Versicherung. „Jede Sitzung kostet Mrs. V… fast so viel wie eine kleine Soirée, denn die Theilnehmer bleiben zum Thee und einem splendiden Abendbrode dort. Ein materieller Vortheil kann also den Leuten auf keinen Fall daraus erwachsen.“

Ich schwieg und wartete der Dinge, die da kommen sollten.

Am Abende gingen wir, Fräulein P. und ich, zu Mrs. V… , der ich als ungläubiger Wissenschafter schon gemeldet worden war. In dem wirklich elegant eingerichteten Salon empfing uns Mr. V… im tadellos schwarzen Frack, seine Gattin in voller Toilette, und bald wurde ich von den anderen Gästen in's Gebet genommen. Da war ein Herr C. C., Professor der Jurisprudenz, Mr. W., Professor der Chemie, Graf und Gräfin W. Baron F., Reisebegleiter und Erzieher einer fürstlichen Persönlichkeit, und so fort, Alles gläubige Spiritisten, die in feiner Weise mir ihr Erstaunen darüber zu erkennen gaben, daß ich noch nicht zu den Ihrigen gehöre. Eine Unzahl von Wundern wurde mir aufgetischt, die Mrs. V… mit Hülfe ihrer Geister schon ausgeführt haben sollte. Letztere saß breitspurig in ihrem Fauteuil, hatte aber Ueberlegung genug, sich nur in sehr karger Weise an dem allgemeinen Gespräche zu betheiligen, das in der durchaus feingebildeten Gesellschaft geführt wurde. Ich konnte mich nicht genug darüber verwundern, wie so geistreiche und den wahrhaft höheren Ständen angehörige Leute Spiritisten sein konnten, und so kam es, daß ich mir vornahm, in der allerunparteiischsten Weise und wirklich ohne jedes Vorurtheil das Kommende zu beobachten.

„Sie haben Glück,“ sagte Baron F. zu mir, „denn gerade für heute haben die Geister versprochen, sich sichtbar zu machen. Sie werden einer der seltensten und beweiskräftigsten Sitzungen beiwohnen und gewiß als einer der Unsrigen das Haus verlassen.“

„Das Letztere wollen wir vorläufig noch nicht erörtern,“ entgegnete ich. „Aber um mich zu überzeugen, müßte mir gestattet werden, alle mir nöthig scheinenden Untersuchungen ohne Weiteres vorzunehmen. Darf ich das?“

„Gewiß,“ meinte die Dame des Hauses. „Nur müssen Sie sich natürlich den von den Geistern gegebenen Anordnungen fügen. Ohne ein solches Versprechen von Ihrer Seite würden die Geister überhaupt nicht kommen.“

„Damit ist ja aber die mir soeben ertheilte Erlaubniß zur freien Untersuchung vollkommen illusorisch geworden. Die Geister werden mir eben Alles verbieten, was ihnen nicht paßt.“

Man zuckte die Achseln. „Die Geister bedürfen gewisser Vorbedingungen, um sich uns mittheilen zu können. Hoffen wir, daß sie Ihnen freie Hand lassen!“

„Ohne vorherige Anfrage darf ich also nichts thun, darf nicht im gegebenen Augenblicke mir mit Hülfe meiner Augen und Hände Aufklärung zu verschaffen suchen?“

„Gewiß nicht!“

„Dann verzichte ich auf die Rolle des Untersuchenden und begnüge mich mit der des Beobachters,“ schloß ich unmuthig. „Aber welches sind denn die hauptsächlichsten Vorbedingungen zur Manifestirung Ihrer Geister?“

„In dem Sitzungszimmer darf kein Feuer angezündet werden.“

Es war im März und bitter kalt.

„Dann werde ich mir erlauben, meinen Ueberzieher anzulegen. Und sonst?“

„Das Zimmer darf auch nicht erleuchtet sein. Nur in seltenen Fällen gestatten die Geister ein schwaches Halbdunkel.“

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 11. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_011.jpg&oldid=- (Version vom 6.1.2019)