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Seite:Die Gartenlaube (1877) 006.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)

Aus dem Herzensleben unseres Lieblingsdichters.
von Fr. Helbig.
I.

Wenn das Facit eines glücklichen Lebens wesentlich gewonnen wird durch ein glückliches Lieben, so ergiebt das Leben unseres größten nationalen Dichters Schiller eine der günstigsten Bilancen. Während das Liebesleben Goethe’s ein durchaus zerstücktes und fragmentarisches war, das bei aller Reichhaltigkeit doch in keinem Falle zu einem befriedigenden Abschlusse gekommen ist, war dagegen das Lieben Schiller’s so machtvoll concentrirt und so hoch veranlagt, daß es die ganze Fülle seiner Segnungen entfalten konnte. Und so gewahrt es auch einen hohen und reinen Genuß, dem Werdeprocesse dieser naturgemäß in eine glückliche Ehe verlaufenden Liebe Schiller’s auf Grund der urkundlichen Überlieferungen, namentlich der brieflichen Correspondenz, nachzugehen. Wenn wir die Leser der „Gartenlaube“ bitten, uns auf diesem Gange zu folgen, möge uns nur die Versicherung noch gestattet sein, daß wir dabei alles novellistische Beiwerk geflissentlich gemieden und daß die von uns gezogenen Schlüsse lediglich Thatsachen zur Voraussetzung haben.

Zwei Begegnungen.

Wir versetzen uns nach Rudolstadt, der anmuthigen Residenz eines thüringischen Kleinstaates. Dort lebt – es ist im Jahre 1787 – im eigenen frei an einem Berge gelegenen Hanse die Forstmeisterswittwe Johanne von Lengefeld mit ihren zwei Töchtern Caroline und Charlotte. Jene, die ältere, ist mit dem Kammerherrn und Legationsrathe von Beulwitz verheirathet. Die Ehe ist kinderlos, der Gatte lebt mit im Hause. Caroline war eine zarte sensible Natur, der ein nervöses Leiden eine gewisse schmerzliche Verklärung aufgedrückt hatte; ihr ganzes Wesen überhaupt trug einen ernsten Grundton. Ihr nicht gewöhnlicher, fast männlich gearteter Geist neigte sich zu einen, reflectirenden Innenleben, während im vollen Gegensätze dazu auf dem nicht eben regelmäßig schönen, aber herzlich gewinnenden Gesichte der jüngern Schwester eine sanfte Heiterkeit ausgegossen lag, welche in der That auch der Reflex ihres Seelenlebens war und sie zu einer unbefangenen kritiklosen Entgegennahme der Dinge außer ihr, namentlich zu einer theilnehmenden Freude an den Vorgängen und Erscheinungen der Natur stimmte. Beide Schwestern lebten in einer innigen Vertraulichkeit, die in der Liebe zur Mutter einen gemeinsamen Mittelpunkt hatte. Der Gatte Carolinens, ein etwas trockener Berufsmensch und in Folge seiner mannigfachen Berufspflichten oft etwas übel gelaunt, stand dem Kreise geistig ziemlich fern. Die Familie war vor Kurzem erst von einem längern Aufenthalte in der Schweiz, am Genfersee, zurückgekehrt. Dort hatte Lottchen Fertigkeit in der französischen Sprache und Weltton sich erwerben sollen, um sich für den Beruf einer Hofdame vorzubilden. Wieder eingetreten in die alten vielfach beschränkten Verhältnisse der kleinen Residenz, empfinden die jungen Frauenseelen jetzt oft eine wehmüthige Sehnsucht nach den blauen Firnen der Alpen, unter deren Einflusse ihnen die gewohnte Umgebung altmodisch und langweilig erscheint. Der Contrast zwischen dem freien und heitern Leben der französischen Schweiz und der „geschmacklosen Förmlichkeit“ eines kleinen Hofes fordert dicht neben der Wehmuth einen muthwilligen Humor heraus. Dann flüchten sie wohl aus der sie umschließenden Einsamkeit in das bunte Reich der Phantasie und vergleichen sich mit verwunschenen Prinzessinnen, die hinter ihren grünen Bergen auf Erlösung harren. Und diese Erlösung kam.

An einem trüben winterlichen Tage – es war der sechste December 1787 – kamen zwei Reiter die Straße heraus, tief in Mäntel verhüllt. Der eine hatte, offenbar um nicht erkannt zu werden, das ganze Gesicht bis dicht unter die Augen verdeckt. Die Damen standen, nicht ohne Neugier am Fenster. Als die Reiter vor dem Hause angekommen waren, hielten sie still. Der Mantel fiel, und ein Vetter des Hauses, Wilhelm von Wolzogen, entpuppte sich als der Eine. Den andern stellte er noch auf der Straße als seinen Freund und Studiengenossen von der Württemberger Karls-Akademie, Friedrich Schiller, vor. Beide baten um die Erlaubniß, den Abend in der Familie zubringen zu können.

Es war nicht die erste Begegnung der jungen Damen mit dem damals schon bekannten und gefeierten Dichter der „Räuber“, des „Fiesco“ und der „Luise Millerin“. Auf der Rückreise von der Schweiz machten sie eine kurze Rast in Mannheim. Die Mutter ließ sich bei Schiller, der damals dort als Theaterdichter lebte, anmelden, um ihm Grüße von seinen Eltern zu bringen, mit denen sie auf der Solitüde zusammen getroffen war. Sie traf Schiller nicht an. Als sie jedoch im Begriffe standen wieder abzureisen und der Wagen bereits harrte, kam der Dichter noch heran, die Damen zu begrüßen. Damit war die Bekanntschaft nur auf ein paar flüchtige Momente beschränkt. Es blieb nicht einmal soviel Zeit übrig, um ein Gespräch über Fiesco und die in der „Anthologie“ erschienenen Gedichte anzuknüpfen, welche die Gemüther der Schwestern sehr angesprochen während die „Masse von wildem Leben“ in den „Räubern“ sie abgestoßen hatte. So fiel kein Wort, das lebhaften Antheil hätte erregen können. Ohnedies waren die Herzen der Damen noch zu voll von den großen Eindrücken der Alpennatur. Von der kurzen Begegnung war nur der Eindruck der äußeren Gestalt Schiller’s verblieben, einer hohen und edlen Gestalt, die „zwar etwas Frappirendes, aber andererseits doch wieder so viel Weiche und Sanftmuth hatte, daß man sich wundern konnte, daß ein so gewaltiges und ungezähmtes Genie ein so sanftes Aeußere haben konnte.“ Ebenso eindruckslos war die Begegnung auf Schiller geblieben. Auch den jetzigen Abstecher nach Rudolstadt auf der Heimreise der beiden Freunde von dem Wolzogen’schen Gute in Bauerbach bei Meiningen hatte er ohne Neigung, ja mit einem gewissen Widerstreben und nur auf Drängen des Freundes gemacht.

Lottchen, der jüngeren Schwester, kam der Besuch auch nicht ganz gelegen. Sie fühlte sich an dem Tage gerade nicht recht wohl, hatte Kopfschmerzen und beschloß deshalb, wie immer, ihrer älteren Schwester die Führung der Unterhaltung allein zu überlassen. Diese aber redete ihr, wie von einer inneren Ahnung der Bedeutsamkeit dieser zweiten Begegnung getrieben, lebhaft zu, von ihrer sonstigen Gewohnheit diesmal abzulassen. Sie versprach es denn auch, jedoch „lediglich aus Gefälligkeit zu Carolinen“. Die Gemeldeten kamen, und der Abend verging unter Clavierspiel und Gesprächen. Lottchen hielt Wort. Sie sprach weit mehr als gewöhnlich, weil sie den Geist des vetterlichen Freundes nach ihrem späteren Geständnisse an dem Abende sehr interessant fand. Man sprach über dessen Gedichte, über die Briefe von Julius an Raphael, welche man kannte. Als derselbe jedoch seiner neuesten Dichtung, des „Don Carlos“, Erwähnung that, bekannte man aufrichtig, dieselbe noch nicht gelesen zu haben. Schiller versprach sie mitzutheilen. Es war keine kritische Basis, auf der man sich bewegte. Man gab sich einfach, unbefangen, natürlich, „aus Liebe zum Geistigen, aus der Wärme herzlicher Empfindung“. Der Eindruck der kurzen flüchtigen Stunden war diesmal ein nachhaltiger. Er erzeugte den Wunsch einer Fortsetzung des angeknüpften Verhältnisses. Schiller stellte sogar seine Wiederkehr an einem der nächsten Sonntage in Aussicht. Als dieser Sonntag kam, bemächtigte sich Lottchens eine angstvolle Erwartung. Bei jedem Tritte, den sie hörte – sie erzählt das selbst so – dachte sie, er käme, und als er dennoch ausblieb, war es ihr gar nicht ganz recht. Ein Billet von Schiller’s Hand, das sich im Besitze des Vetters gefunden, nahm sie heimlich an sich und verwahrte es sorgsam. Ihr Herz war schon – leise getroffen. Auch Schiller bekennt in einem Briefe an seine mütterliche Freundin in Bauerbach, es sei ihm die Trennung von den hochachtbaren und liebenswürdigen Leuten so schwer geworden, daß nur die dringendste Nothwendigkeit ihn wieder nach Weimar gezogen habe, und in einem Briefe an Freund Körner schwärmt er bereits von den Segnungen und der Wohlthat einer häuslichen Existenz. Und doch war sein Herz damals nachhaltig noch nicht berührt; es lag in jenen Tagen und noch den ganzen Winter hindurch in den Fesseln eines dämonischen Weibes – Charlotte von Kalb. –

Im Vorfrühling.

Eine jener sogenannten glücklichen Fügungen, denen man so gern im Liebesleben eine Rolle zuertheilt, führte eher, als man gehofft, eine weitere persönliche Annäherung zwischen Schiller und

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 6. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_006.jpg&oldid=- (Version vom 31.7.2018)