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Seite:Die Gartenlaube (1876) 560.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1876)


Sämmtliche vierzig Personen nun, mit welchen Herr Dupont in freundschaftlicher Verbindung gestanden, waren von ihm durch Legate reich bedacht worden, und der alte Herr hatte bei der Wahl seiner Gaben die Neigungen, den Geschmack und die Bedürfnisse seiner Freunde sorgsam in Betracht gezogen.

Einer Dame, welche oftmals Herrn Dupont’s Sammlung geschnittener Steine bewundert hatte, waren mehrere prächtige Cameen nebst einer entsprechenden Summe, um dieselben zu reichen Schmuckgegenständen verarbeiten zu lassen, vermacht worden. Ein junger Maler empfing sechstausend Franken zu einer Reise nach Italien, ein Kunstliebhaber ein Gemälde und herrliche venetianische Glasgefäße, ein entfernter Verwandter von Herrn Dupont, welcher ein kleines Gut besaß, Wagen und Pferde des Verstorbenen; die Wittwe eines Obristen – ebenfalls eine Seitenverwandte des alten Herrn und in bescheidenen Verhältnissen lebend – erhielt das Mobiliar zu drei Zimmern und deren siebenzehnjährige Tochter Madeleine sechstausend Franken, um sich zur Musiklehrerin ausbilden zu können.

Alle Legatare waren, in Bezug auf den Werth der erhaltenen Geschenke, beinahe gleichgestellt worden, und die vierzig Spenden repräsentirten einen Werth von 240,000 Franken.

In dem Testamente hatte Herr Dupont seinen Freunden und Verwandten noch voll Herzlichkeit für die liebevollen Gesinnungen gedankt, welche sie oft gegen ihn ausgesprochen, und die Bitte hinzugefügt, sie möchten ihm ein freundliches Andenken bewahren. Daß für die Dienerschaft ansehnliche Pensionen ausgeworfen worden waren, durfte bei den stets bewiesenen humanen Gesinnungen des alten Herrn nicht Wunder nehmen. – Nachdem das Verzeichniß der Legate verlesen war, erfuhren die Anwesenden aus einem neuen Paragraphen des Testaments, daß Herr Dupont auch noch bei der Bank von Frankreich ein Kästchen niedergelegt habe, welches eine Million Franken enthielte, und sämmtliche Legatare wurden aufgefordert, sich nach Jahresfrist – am 10. December – wiederum bei dem Notar einzufinden. Derselbe werde alsdann das Kästchen öffnen und sie erfahren, wem von ihnen der reiche Inhalt zugedacht worden sei.

Betroffen schauten die Legatare einander an. Wer unter ihnen mochte wohl der Glückliche sein? Aus dem Wortlaute des Testamentes war auch nicht die geringste Andeutung hierfür zu entnehmen, und mit verschiedenen Empfindungen verließen sie das Zimmer des Notars. Einige unter den reich Bedachten waren Herrn Dupont aufrichtig dankbar für diesen neuen Beweis seiner liebevollen Gesinnung. Andere vermeinten ein Anrecht auf viel beträchtlichere Gaben zu besitzen und verfügten sich grollend nach Hause. Wie sonderbar fanden diese das Verlangen des Testators, nochmals bei dem Notar erscheinen zu sollen, um vielleicht auf’s Neue einen Aerger hinnehmen zu müssen, falls ein Anderer ihnen vorgezogen wäre! Wenn aber eine noch unbekannte Klausel des Testaments auf dieses pünktliche Erscheinen besonderen Werth legte? Man würde dennoch – wohl oder übel – sich fügen müssen, um nicht einen möglichen großen Gewinn auf’s Spiel zu setzen.

Am beglücktesten fühlte sich Madeleine, das junge Mädchen, welcher sechstausend Franken zugefallen waren, um sich zur Musiklehrerin ausbilden zu können. Ihre Mutter hatte stets mit Sorgen kämpfen müssen, um mit der geringen Pension, welche sie erhielt, den einfachen Haushalt in anständiger Weise zu führen, und obwohl sie mit Herrn Dupont entfernt verwandt war, hatte Zartgefühl sie stets zurückgehalten, den reichen Mann um eine Unterstützung anzugehen. Beträchtliche Geschenke zum neuen Jahre waren das Einzige gewesen, was sie von ihm erhalten hatte. Das junge Mädchen, welches eine schöne biegsame Stimme besaß, hatte einmal, nachdem sie Herrn Dupont ein Lied vorgesungen, flüchtig geäußert, wie glücklich sie sein würde, wenn es ihr möglich werden sollte, ihre musikalischen Anlagen auszubilden und sich eine selbstständige Existenz zu gründen. Das war dem menschenfreundlichen Herrn im Gedächtnisse geblieben, und Madeleine dankte es ihm mit warmem Herzen, nicht nur in dem Augenblicke, in dem sie von dem Legate erfuhr, sondern an jedem Tage, wo sie freudig ihr Wissen vermehren, dem erstrebten Ziele sich nähern konnte.

Es war nur ein natürlicher Act der Pietät, daß sie an dem ersten heitern Sonntagmorgen, einen schönen Strauß in der Hand, auf den Kirchhof eilte, um das Grab ihres Wohlthäters damit zu schmücken. Wie erstaunte das Mädchen, als sie das Grab des reichen Mannes in einem Zustande fand, der deutlich zeigte, daß seit dem Tage der Beerdigung auch nicht die mindeste Sorgfalt darauf verwendet worden.

Sie fragte den Kirchhofsdiener, welcher mit der Beaufsichtigung der Gräber betraut war, ob niemand sich um die Erhaltung der letzten Ruhestätte des Entschlafenen kümmere? Er vermochte nichts darüber zu sagen; ihm selbst war keinerlei Auftrag dazu geworden.

Madeleine ging zu dem Notar, der ihr das Legat ausgezahlt hatte, und machte ihm Mittheilung von der traurigen Verfassung des Grabhügels. Der Herr erwiderte achselzuckend und mit einer Miene des Bedauerns, daß Herr Dupont in seinem Testamente jede künftige Ausgabe auf das Sorgsamste vorgesehen und die nöthigen Summen dafür bestimmt habe. Für die Pflege seines Grabes sei nichts ausgeworfen, auch keinerlei Fond dazu vorhanden.

Die Augen des jungen Mädchens füllten sich mit Thränen. „Nein, so soll der Mann nicht ruhen, welcher so Vielen Freude bereitet, so vieles Elend gelindert hat; mein Amt wird es bleiben, seinen Grabhügel zu schmücken und zu pflegen.“

Das liebe Mädchen hielt Wort. Ein einfaches Kreuz mit dem Namen des Dahingeschiedenen zierte bald den Hügel, und Veilchen, Immergrün und Rosen sproßten weiterhin daraus hervor. Madeleine und ihre Mutter gingen oftmals zu der ihnen liebgewordenen Stätte und säuberten und schmückten das einsame Grab.

Nach Jahresfrist wurde das bei der Bank deponirte Kästchen, enthaltend eine Million Franken, in Gegenwart aller Legatare geöffnet und man fand darin auch eine schriftliche Anordnung von Herrn Dupont’s eigener Hand; sie lautete:

„Wohl zehnmal habe ich mein Testament geändert und mir niemals dabei Genüge gethan. Wem ein großes Vermögen anvertraut worden ist, der hat auch moralische Verpflichtungen schwerwiegender Art. Ich hielt es für geboten, einen bedeutenden Theil meines Besitzes edeln Händen anzuvertrauen und nach Kräften dafür zu sorgen, daß auch ferner segensreich damit gewaltet werde. So mancher freundliche Mund hat Worte innigster Zuneigung für mich ausgesprochen und die menschenfreundlichsten Gesinnungen zu erkennen gegeben. Aber Gott nur siehet das Herz, und ich fühlte mich von Zweifeln hin- und hergeworfen. Von allen Tugenden schien mir stets die Dankbarkeit eine der reinsten und seltensten zu sein; möge man daher nicht lächeln, wenn ich nur einem dankbaren Herzen den Theil meines Vermögens hinterlassen will, welchen ich persönlich, durch redlichen Fleiß und von Gottes Gnade beschirmt, erworben habe. Alle, welche mir nahe standen, habe ich zu erfreuen gestrebt; ich durfte daher die Hoffnung hegen, daß in Denjenigen, welche oft zu mir kamen und stets liebevoll empfangen wurden, auch einmal der Wunsch sich regen würde, den Grabhügel zu besuchen, der einen treuen Freund in sich schließt.

Nach der getroffenen Anordnung wird mein Grab ungepflegt bleiben und einem baldigen Verfall entgegengehen, wenn Niemand aus freiem Antriebe sich desselben annimmt. Den Freunden nun, welche mein Andenken dadurch ehren möchten, daß sie der einsamen Ruhestätte Pflege angedeihen ließen, ihnen gedachte ich einen besonderen Beweis meines Vertrauens und meiner Dankbarkeit zu geben. Ich bestimme daher, daß, wenn mehrere unter ihnen sich vereint haben, mein Grab unter ihre Obhut zu nehmen, die noch vorhandene Million Franken zu gleichen Theilen ihnen zufallen, und wenn nur ein Einziger in dieser Weise meiner gedacht, dieser allein die ganze Summe erhalten solle. Würde aber Niemand unter den Legataren zu einem solchen Liebesdienst – binnen Jahresfrist nach meinem Tode – sich angeschickt haben, so soll auch diese Million meinen Erben, den Armen der Stadt Paris, zufallen.“

Die arme, brave Madeleine hatte zu ihrem Erstaunen das nicht zu bestreitende alleinige Anrecht auf die Million Franken erlangt. Und sie zeigte sich würdig, die Erbin eines so großmüthigen, gewissenhaften Mannes geworden zu sein. Das Gold in ihrer Hand blieb kein todtes Metall, sondern spendete Segen nach allen Seiten hin.

E. Rudorff.

Die Riesentropfsteinsäule. (Mit Abbildung Seite 553.) Zu den schönsten Naturseltenheiten gehört unstreitig die jetzt bekannt gewordene Riesentropfsteinsäule. Dieselbe wurde im Jahre 1875, Ende August, in dem Kalksteinbruche des Herrn D. Bohe in Letmathe bei Iserlohn entdeckt. Sie stand in einer geräumigen Höhle, mit der Spitze an den Boden derselben stoßend. Nachdem die Säule am Sockel durchsägt und von etwa zwanzig Arbeitern niedergelegt, mußte sie durch einen engen Eingang, kaum breit genug, um einen Mann durchkriechen zu lassen, sechszig Fuß weit geschleift und so an’s Tageslicht befördert worden; von da ab wurde sie einen steilen Abhang von zwanzig Fuß hinuntergeschafft, was unter den größten Schwierigkeiten bewerkstelligt wurde. Die in einer gelblich-weißen Farbe brillant schimmernde Säule hat einen Umfang von zwei Fuß; sie läuft von der Mitte ab kegelförmig zu bis zur Spitze, hat eine Höhe von zehn und einem halben Fuße, wiegt circa tausendvierhundert Pfund und läßt beim Anschlagen mit dem Finger einen hellen Ton vernehmen. Sie steht in dem Hause des Herrn Schuchard in Letmathe, fünfzehn Schritte vom Bahnhofe entfernt, zur Ansicht (ohne Eintrittsgeld) und wird vielfach von Reisenden besucht.


Berichtigung. In dem Artikel „Die wildeste Dampffahrt des Jahrhunderts“ (in unserer Nr. 29) hat sich leider ein Irrthum einschlichen, indem die Schnelligkeit der „Stages“ und „Pony-Expreß“ früherer Jahre, wie sich nachträglich herausstellt, nicht ganz correct angegeben wurde. Der Autor des Artikels, Theodor Kirchhoff in San Francisco, läßt uns daher folgende Berichtigung zugehen:

„Emigranten gebrauchten in früheren Jahren vier bis acht Monate, die Ueberland-Postkutschen zwei Wochen (oft jedoch die doppelte Zeit und mehr), um die Reise vom Missouri nach San Francisco zurückzulegen. Wurden einzelne Schnellfahrten von Stages in kürzerer Zeit gemacht. wie z. B. von dem bekannten Ben Holladay, der in zwölf Tagen und zwei Stunden von Atchison am Missouri nach San Francisco fuhr – eine Strecke von circa zweitausend englischen Meilen –, so waren das seltene Ausnahmen. Die Pony-Expreß, eine reitende Schnellpost, welche jedoch nur Briefe beförderte, ging Tag und Nacht, immer im Galopp, und pflegte dieselbe Entfernung in neunmal vierundzwanzig Stunden, zuletzt in acht Tagen und Nächten, zurückzulegen, womit die äußerste Grenze der Schnelligkeit der Fortbewegung mit Pferden erreicht schien. Dann wurde die Pacificbahn vollendet, und Reisende pflegten in den letzten Jahren in sieben Tagen und Nächten von New-York nach San Francisco zu fahren – jetzt in achtzig Stunden, wie neulich geschildert.“



Kleiner Briefkasten.

Fr. S. in A. und J. D. in O. Die Adresse des Herrn Medicinalrath Dr. Schwabe, des Verfassers der mit so vielem Beifall aufgenommenen Artikel „Nervöse Leiden“ in Nr. 25 und 26 unseres Blattes lautet: Villa Emilia bei Blankenburg in Thüringen. Dies zugleich als Erwiderung auf die vielfachen anderen Anfragen gleichen Inhaltes.

O. in D. Für bemittelte „Dichter“, die ihren Namen und ihre poetischen Erzeugnisse gern gedruckt sehen möchten, empfiehlt sich das in Wien erscheinende „Poetische Dilettanten-Album“. Dasselbe druckt eingesandte Verse gegen Erlegung von Aufnahmegebühren bereitwilligst ab und verschafft auf diese Weise heimathlosen Dichtungen das gewünschte Unterkommen – ein gedruckter „Ruhm“, der freilich viel Geld kostet.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1876). Leipzig: Ernst Keil, 1876, Seite 560. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1876)_560.jpg&oldid=- (Version vom 9.9.2019)