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Seite:Die Gartenlaube (1876) 392.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1876)


der Kunst sich Eingang erzwang, öffnete er sich auch diesem und „so spielen denn Cornelianischer Classicismus, Schwanthaler’sche Romantik und moderner Realismus in Kreling’s sämmtlichen Werken oft wunderlich, aber immer anziehend und meistens gefällig durch einander“. Auch ward er zugleich das Haupt einer ganzen Schule, umringt von zahlreichen, zum Theil hochbegabten Schülern.

Nachdem Kreling viele plastische Arbeiten, namentlich reich verzierte Pokale, und ebenso viele Oelbilder meist romantischen Inhalts geliefert und bereits großen Ruf erworben hatte, lenkte seine erste große Arbeit, der Freskenschmuck an der Decke des neuen Theaters in Hannover, die Aufmerksamkeit auf ihn, als nach Reindel’s Tod die Nürnberger Kunstgewerbeschule ein neues, mit organisatorischer Kraft ausgerüstetes Haupt bedurfte. Unter seiner Leitung erhob diese Anstalt, nach dem kaiserl. königl. österreichischen Museum für Kunst und Industrie in Wien, sich zum Range der zweiten in Deutschland, deren auf der Pariser Weltausstellung von 1867 ausgestellte Arbeiten sich eine goldene Medaille verdienen konnten.

Von eigenen größeren Arbeiten Kreling’s seit dieser Zeit sind besonders hervorzuheben die Historienbilder, welche die Geschichte Karl’s des Großen für den Speisesaal eines reichen Hamburger Kaufmanns darstellen; ferner begann er die Restauration und Möblirung der alten Burg von Nürnberg, für welche er als Wandschmuck des großen Saales die überlebensgroßen Standbilder all der deutschen Kaiser, welche in der Burg gewohnt, componirte, die aber leider unausgeführt geblieben sind, weil nach dem Tode des Königs Max die Weiterarbeiten in der Burg eingestellt wurden. An plastischen Arbeiten vollendete er unter Anderem das Standbild des Heinrich Posthumus in Gera und den großen figurenreichen Brunnen für Cincinnati, in Erz gegossen von Miller’s Söhnen in München. Sein letztes großes Werk war die bei Bruckmann in München erschienene illustrirte Prachtausgabe von Goethes „Faust“.

Die wahrhaft glänzende, anmuthende und fesselnde Persönlichkeit Kreling’s und, nachdem er Kaulbach’s schöne Tochter als Gattin heimgeführt, sein häusliches Glück werden Allen, die dem Künstler wie dem Manne näher getreten sind, lebenslang in Erinnerung bleiben.


Pfingst-Erinnerungen aus Thüringen. „Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen.“ Der Frühling trieb die ersten Blätter und Blüthen. Da überkam mich eine unwiderstehliche Sehnsucht, der glänzenden Kaiserstadt zu entfliehen, wie sie den Zugvogel aus seinem Winterquartiere treiben mag. Es litt mich nicht mehr

„In des Hauses dumpfen Gemächern,
Unter dem Druck von Giebeln und Dächern,
In der Straßen quetschender Enge,
In der Menschen buntem Gedränge.“

Hinaus in’s frische Waldesgrün! – So lockte mich’s, je staubiger es „Unter den Linden“ wurde, wie ferner Elfengesang. Aber wohin? – Ich überlegte hin und her, bis mir ein guter Genius den Gedanken eingab: In den Thüringer Wald, der ja alljährlich so viele Berliner anlockt, daß man fast meinen könnte, im „Thiergarten“ zu wandeln, wenn der Baumschlag nicht so jugendlich frisch und die Luft, die über Berge und Thäler streicht, nicht so aromatisch erquickend wäre.

Und es geschah also.

Arnstadt war die Pforte, durch die ich in die grünen Hallen des Gebirges trat. Dort stand ich sinnend vor dem Hause, „an der Lindeneck“, worin Wilibald Alexis, der deutsche Walter Scott, die Augen schloß, und wanderte sodann durch die prächtigen Lindenalleen, die das liebliche Städtchen umkränzen, um der gefeierten Dichterin, welche die „Gartenlaube“ mit den reizenden Bildern ihres Geistes und Herzens schmückt, aus bescheidener Ferne einen dankbaren Gruß zu weihen.

So war ich der Villa Marlitt, die einen sorgfältig gepflegten Berggarten überragt, nahe gekommen und rastete nun auf einer Steinbank, die eine so liebliche Aussicht gewährt, daß ich unwillkürlich Luther’s gedachte, der Arnstadt mit einer Schüssel voll gesottener Krebse verglich, die mit Petersilie garnirt sei.

Horch! da tönte mir ein heller Jubel entgegen, den eine Schaar halbwüchsiger Mädchen anstimmte, die soeben aus dem Marlitt’schen Berggarten kamen. Es waren, wie ich bald vernahm, die von einer Lehrerin geleiteten Zöglinge eines vielbesuchten thüringischen Mädchen-Instituts. Sie waren auf der „Pfingstreise“ begriffen, die – wie sie plaudernd mir erzählten – ein jährlich wiederkehrender Glanzpunkt ihres Pensionslebens sei, und hatten im „Schwarzburger Hofe“, einem bescheidenen Gasthause, Wohnung genommen, lediglich deshalb, weil dieses das ehemalige Hellwig’sche Haus ist, worin „Das Geheimniß der alten Mamsell“ spielt. Dort hatte eines der jungen Mädchen ein paar Stegreifsverse entworfen und sie, im Namen ihrer Mitschwestern, als herzlichen Gruß jugendlicher Begeisterung der Marlitt zugeschickt. Und siehe da! die junge Schaar war von der Dichterin in ihre Wohnung eingeladen und dort freundlichst empfangen worden. Durften sie nicht stolz auf diese Ehre sein? Und sie waren es. Wie glänzten ihre Blicke, wie rühmten sie in buntem Durcheinander, was sie gehört und gesehen!

Als jedoch der Wirth des „Schwarzburger Hofes“, der sich den Gästen seines Hauses als Führer angeboten hatte und selbst auf die seltene Auszeichnung stolz zu sein schien, daß gerade diesen seinen Gästen die Villa Marlitt sich geöffnet habe, in seiner schlichten Weise von der Jugend der Dichterin erzählte, von ihrem edeln Gemüthe und von der Spannkraft ihres Geistes, die sich durch alle Kämpfe siegreich hindurchgerungen und selbst unter schweren Leiden nicht gelähmt worden sei: da waren die Lippen der Mädchen verstummt, und in manchem Auge perlte eine stille Thräne, in welcher der Wunsch sich spiegelte, daß dem Leben der Gefeierten, wie ein an ehrenvollster Anerkennung reicher, so auch ein freundlicher, schmerzloser Spätsommer beschieden sei.

Indeß schlug diese theilnehmende Wehmuth alsbald wieder in lauten Jubel um, als Fräulein Sch., die begleitende Lehrerin, ein Prachtexemplar der „Goldelse“ zeigte, welches von der Verfasserin mit eigenhändiger Widmung „den liebenswürdigen Vorsteherinnen des Sch…’schen Instituts in dankbarer Erinnerung an den 23. Mai 1875“ verehrt worden war. Und dieser Jubel schlug noch lange an mein Ohr, als die fröhliche Schaar fast zögernd von dannen zog und immer und immer mit Händen und Tüchern dem schmucken Hause zuwinkte, das sie wie ein Heiligthum betreten und verlassen hatte. Ich aber freute mich mit den Fröhlichen, insonderheit auch darüber, daß die kranke Dichterin sich ein so kindliches, jugendfrisches Herz bewahrt hat, um an der Liebe und Verehrung jener Backfische vielleicht ein größeres Wohlgefallen zu finden, als an manchen glänzenden Huldigungen, die ihr dargebracht werden.

Mein Weg führte mich von Arnstadt nach Elgersburg und Ilmenau. Da und dort traten mir die klassischen Erinnerungen an unsere Dichterfürsten Goethe und Schiller entgegen, sodaß ich der Marlitt und jenes Institutes beinahe vergessen hätte. „Ueber allen Gipfeln ist Ruh’.“ Dies unsterbliche Lied summte mir fort und fort durch die Seele, als ich an einem der nächsten Abende zur „Schmücke“ emporstieg, jener stattlichen Herberge auf dem Rücken des Gebirges, die den Wanderer wie eine großartige Sennwirthschaft anheimelt.

Es war ein prachtvoller Abend. Kein Lüftchen regte sich in dem einsamen Hochwalde, durch den ich stundenlang schritt. Bald umhüllten die Schleier der einbrechen Nacht meinen Pfad, und der Vollmond glitzerte fast gespensterhaft durch die hochragenden Bäume, welche die Straße umsäumten. Ich war allmählich recht müde geworden und sehnte mich nach einem gastlichen Obdache.

Endlich lichtete sich der Wald, und aus der Ferne blitzte mir zum freundlichen Willkomm ein Licht entgegen. – Was aber war das? – Wunderbare Töne drangen zu mir herüber wie geisterhafte Sphärenharmonie. Unwillkürlich rastete mein Fuß. Da verstummte auch die geheimnißvolle Musik. Als ich aber wieder vorwärts schritt und das ersehnte Gasthaus aus dem Schatten der Nacht allmählich hervortrat, da erschallte näher und näher eine lustige Melodie, und weiße Gestalten drehten sich auf dem mondbeleuchteten Plane, als ob lustige Elfen einen ihrer nächtlichen Reigen aufführten.

Ohne gerade furchtsam oder schreckhaft zu sein, dachte ich doch unwillkürlich an den grauenvollen Spuk, der nach dem alten Volksglauben vorzugsweise am Schneekopf, und zumal in Vollmondnächten, sein gespenstisches Wesen treiben soll. Doch nein, dies war kein Spuk. Bald hörte ich lachende Menschenstimmen, und als ich näher kam, tönten mir die Anfangsworte des Liedes entgegen, womit die Sch…’schen Pensionsschwestern, die Marlitt angesungen hatten:

„Es drängt uns, Dich zu grüßen in heit’rer Jugendlust;
Ein Fünklein Deines Geistes glimmt auch in uns’rer Brust.“

Und wirklich, es waren jene fröhlichen Mädchen, die zu den Tönen einer Ziehharmonika, welche eine derselben nicht ungeschickt handhabte, im lustigen Tanze, aber nicht ohne anmuthige Sittsamkeit, sich vergnügten. Auf dem rauhen Gipfel des Gebirges, beinahe dreitausend Fuß über dem Meere, in mondheller Nacht ein sylphidenartiger Tanz holder, fast kindlicher Mädchen unter freiem Sternenzelte und rings vom düsteren Wald umsäumt: ich werde das originelle Bild, das eines Rembrandt’schen Pinsels würdig war, nicht leicht wieder vergessen.


Erklärung. Mit Bezug auf unsere der „Allgemeinen Schweizer Zeitung“ ertheilte Rüge (Nr. 19, Blätter und Blüthen) erfahren wir nachträglich, daß der Redaction des genannten Blattes das begangene Plagiat nicht zur Last fällt, da derselben die Erzählung „Das Weib eines Juden“ von einem eigens hierfür honorirten Feuilletonisten im Manuscript als Originalbeitrag angeboten und von ihr in gutem Glauben als solcher acceptirt worden ist. Somit trifft die Schuld des Plagiats lediglich den Verfasser jener betrügerischen Arbeit.



Kleiner Briefkasten.

A. St. in Grfswd.: In Greifswalde werden die Staare nicht anders sich verhalten, als hier zu Lande, wo ich sie alljährlich mit Schnäbeln voll glatter Raupen die Jungen füttern sehe. Daß die Schnecken die Lieblingsnahrung des Staares sind, bezweifelt kein Eingeweihter. Einer Ueberhandnahme der Raupen kann der Staar nicht vorbeugen, wie überhaupt kein Thier. Abnorme Jahre sind nicht maßgebend. Uebrigens kann es sehr leicht geschehen, daß bei Ueberfluß von Raupen der Abwechselung halber schließlich vom Staare diese Nahrung hintenangesetzt wird. Mit meinen genauen Beobachtungen stimmen diejenigen der zuverlässigsten Forscher obendrein überein. K. M.

B. G. T. Ihre Novelle ist nicht verwendbar und steht zu Ihrer Verfügung.

H. in Crefeld. Der Verfasser ist eine Verfasserin.

L. D. in F. Die gewünschte Adresse lautet: Berliner Frauen-Schutz, Friedrichstaße 243, geleitet von Frau Justizräthin Helene Martius.

Z. Z. Zur Beurtheilung eingesandter Arbeiten fehlt es uns durchaus an Zeit. Verfügen Sie gütigst über Ihr Manuscript!

Ch. D. in L. Unter den Charakteristiken und Biographien Anastasius Grün’s glauben wir Ihnen eine in jedem Sinne befriedigendere nicht empfehlen zu können, als die höchst licht- und geistvolle, welche der österreichische Reichstagsabgeordnete Dr. Adolf Promber unter dem Titel: „Anton Alexander Graf Auersperg, sein Leben und Wirken. Aus Anlaß seines siebenzigjährigen Geburtstages dem Volke geschildert“ (Linz, Ewert) soeben herausgegeben hat.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
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