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Seite:Die Gartenlaube (1875) 361.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1875)


No. 22.   1875.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennige. – In Heften à 50 Pfennige.



Zwei Diener.
Eine Hofgeschichte aus der Patriarchalzeit.
(Fortsetzung.)


2.

Der Graf Max Theodor war ein gutherziger und in seiner Art fürstlich freigebiger Herr. Er wußte recht wohl, daß die reichen Vorräthe aus seiner Küche und aus seinen Kellern in Hunderten von Adern nach dem casernenhaft bevölkerten alten Schloßflügel hinauf- und in die einzelnen Wohnhäuser seiner kleinen Stadt hinabflossen, und versuchte doch niemals, diesen Abgang zu regeln oder zu hemmen. Der Herr Graf freute sich vielmehr darüber, daß sein Schloß das schlagende Herz des kleinen Gemeinwesens war und verordnete höchst eigenhändig manchem Kranken und manch’ armer Familie recht heilsame und dazu wohlschmeckende Recepte aus seiner Hofküche und Kellerei.

Aber der hohe Herr konnte auch recht lebhaft hassen. Sein Herz wurde hart und despotisch, wo es sich um Gegenstände ganz besonderer Abneigung handelte. Er hatte zunächst, wie schon angedeutet, kein Erbarmen für Wildfrevler jeder Art, und Comtesse Charlotte mußte allen ihren Einfluß aufbieten, damit ein armes Bäuerlein, das etwa einen Hasen in der Schlinge gefangen hatte, mit einem Jahr Zuchthaus durchschlüpfte. Zweitens duldete Max Theodor nirgends Schnurrbärte und ließ sie, wo sie dennoch widerrechtlich keimen wollten, trotz aller Proteste durch seinen Hofbarbier kraft fürstlicher Machtvollkommenheit sogar zwangsweise abrasiren. Drittens aber haßte der Graf den Luxus. Seine eigenen Zimmer waren bequem, aber bürgerlich einfach eingerichtet, kräftig und schlicht war auch sein Tisch bestellt, und Niemand durfte sich unterstehen, ihm etwa im Fracke, den er für eine ganz besondere Ausgeburt des Luxus hielt, seine Aufwartung machen zu wollen. Ja, Max Theodor überzeugte sich oft selbst, ob nicht etwa der verhaßte Feind auf geheimen Wegen in die Wohnungen seiner Beamten und Diener eingeschlüpft wäre.

Auch das weite Vorzimmer des Oberlandjägermeisters von Holderbusch im zweiten Stocke des Schlosses war darum nicht einmal tapezirt, sondern nur gelb getüncht, und die wenigen dort aufgestellten Möbel entsprachen in ihrer fast übertriebenen Einfachheit dem ganzen Charakter des Zimmers.

Mitten in diesem etwas wüsten Raume aber sehen wir heute einen Menschen, der noch schlichter und solider aussah, als seine Umgebungen, und das war der biederbe Christian Blümchen, der Kammerdiener, Reitknecht, Kutscher, Hausknecht, Schneider und Koch, kurzum, das Factotum des Oberlandjägermeisters. Der etwas fadenscheinige Livreerock des untersetzten, breitschultrigen Burschen hing jetzt an einem Haken der einen auf den Vorsaal mündenden Thür, und das besagte Factotum zeigte sich deshalb nur mit einer blauwollenen gestrickten Jacke, aus welcher oben der mahagonibraune Stiernacken handbreit hervorragte, mit einer etwas zu kurzen Drillichhose und mit schweren Holzpantoffeln bekleidet. Auf diesem Untergestelle aber ruhte ein Kopf, der jedermann eine Art von Respect einflößte. Denn die klaren blauen Augen blitzten aus dem verwitterten Gesichte so klar und zugleich so unerschrocken in die Welt hinein, die massiven Kinnbacken mit den blendend weißen Zähnen waren meist so fest geschlossen, daß man sofort erkennen mußte, dieser Bursche wisse gar nicht, was Furcht sei, und scheue sich vor dem Teufel selbst nicht, ja, er werde auch vor dem erlauchten Landesherrn oder vor seiner hochmüthigen Frau Oberlandjägermeisterin nicht um die Breite eines Schrittes aus elender Menschenfurcht zurückweichen. Blümchen’s Stellung im Holderbusch’schen Hause war durch seine dreißigjährige Dienstzeit und den heiklen Umstand, daß seine Herrschaft ihm seit Jahren den fälligen Lohn schuldete, eine sehr freie geworden, die denn auch der alte Bursche in der ungenirtesten Weise ausbeutete.

Christian hielt soeben Heerschau über drei Paar hohe Reiterstiefeln. Mit napoleonisch verschränkten Armen stand er vor der Front seiner schwarzen Schaar, und Blicke tiefernsten Ingrimms zuckten dabei aus seinen furchtlosen Augen hernieder.

„Nein, sie gefallen mir noch immer nicht, durchaus nicht,“ sprach er nach einigen Augenblicken tiefinnigster Betrachtung. „Der Kukuk bringe aber einmal rasch sechs hohe Stiefeln zum richtigen Glanze, wenn sie so naß sind wie die Schwämme und wenn man noch nebenbei alle Augenblicke einmal zum Fenster hinaus gucken muß, damit der junge Herr und sein Schätzchen nicht von Jemand überrascht werden. Es freut mich nur, daß ich dem Johann heute sein Spiel verdorben habe. Ich möchte überhaupt ’mal sehen“, fuhr er sinnend fort, „was aus dieser Liebesgeschichte würde, wenn der alte Christian Blümchen nicht da wäre und sorgte. Was da, Mißheirath! Unsinn, Larifari! das Mädel ist brav und hat Batzen, und wir können Batzen brauchen – das ist die Hauptsache. Das Pumpen will ja fast nicht mehr gehen. Und warum will unsere Gnädige nicht? Es wäre zum Kranklachen, wenn es nicht zum Todtärgern wäre. Weil unser Junker noch einmal die Schulden seines Onkels, des Generals, zu den Schulden der Eltern erben soll. Sie sagte neulich, der General hätte noch ein Majorat – Unsinn, Weibergeschwätz! Ein

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1875). Leipzig: Ernst Keil, 1875, Seite 361. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1875)_361.jpg&oldid=- (Version vom 3.8.2020)