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Seite:Die Gartenlaube (1875) 323.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1875)


der Hanne eine Jone machen, schon wegen der Heirathsanzeige. Wie müßte es wohl aussehen: ‚Hanne Herbold!‘ – nein, nein, das geht nicht. Vetter, was sagst Du?‘

Seine Antwort blieb aus, und das machte mich stutzig. Ich blickte zu ihm hinüber. Sein Gesicht zeugte eher von allem Anderen, als von einer harmlosen Spielerei. Er sah fast böse aus.

‚Frage sie selbst, ob es geht!‘ versetzte er, ‚ich – weiß es nicht.‘

Meine Mama saß so bolzengerade am Tische und hielt die Lippen so fest aufeinander gepreßt, daß ich förmlich erschrak. Erst lange nachher wurde es mir klar, warum sie in dieser ganzen Zeit so wortkarg und verschlossen gewesen. Ihr Blick hatte tiefer auf den Grund gesehen, als der meine.

Winchen strickte emsig, während Purpur ihre Wangen überflog. Das arme Kind fühlte, daß es wieder etwas Ungehöriges gesagt, ohne doch eine schlimme Absicht gehabt zu haben. Hermann entfernte sich auffallend früh.

Am andern Tage traf es sich zufällig, daß ich mit der Mama über die Tapeten für das künftige Wohnzimmer sprach und daß dabei eine Meinungsverschiedenheit sich herausstellte. ‚Nun,‘ sagte ich, ‚lassen wir es ruhen, bis er da ist!‘

Bei diesen Worten hüpfte Malwine ganz vergnügt zu uns heran und rief unbefangen: ‚Hermann kommt heute Abend nicht!‘

Wir Beide sahen sie überrascht an. ‚Woher weißt Du das, Winchen?‘

‚Nun,‘ versetzte sie, ‚er hat mir’s gesagt. Ist das solches Wunder?‘

Mama winkte mir verstohlen. ‚Kind,‘ sagte sie, ‚wie kam er dazu? Was kann es Dich interessiren, ob er seine Braut besucht oder nicht?‘

Winchen sah sehr verblüfft aus. ‚Er weiß, daß ich mich immer über sein Kommen freue, Tante. Der Vetter ist doch – lustig und – und gütig mit mir. Ihr Beide seid so still – ganz anders als ich.‘

Mama antwortete nichts, aber am Abende nahm sie mich bei Seite und erklärte rund heraus, die Cousine müsse bis nach meiner Hochzeit bei einer andern Tante bleiben. ‚Ich will noch heute schreiben,‘ setzte sie hinzu, ‚und Du wirst es mit Hermann ausmachen, daß er mir dem Kinde keine Widerreden in den Kopf setzt. Fort soll sie.‘

Ich sah Mama voll Verwunderung an. ‚Weshalb das?‘ fragte ich. ‚Und was könnte es meinen Bräutigam kümmern, wohin Malwine geht.‘

Mama schüttelte den Kopf. ‚Du willst nicht sehen Hanne,‘ sagte sie endlich.

Alles Blut trat mir in’s Gesicht. Ich wußte kaum, was ich sprach.

‚Mama, Du beleidigst ihn furchtbar. Du hältst den besten, ehrenhaftesten Mann eines Bubenstückes fähig,‘ rief ich, wie außer mir. ‚Sprich, hast Du Beweise?‘

Mama lächelte seltsam. ‚So schlimm ist die Sache noch nicht, Hanne, aber – eben darum will ich Malwine bei Zeiten fortschicken.‘

Jetzt lachte ich – vor Glück, vor Aufregung? – ich wußte es selbst kaum. Mama hatte also Nichts gesehen, sondern nur etwas vermuthet; das war genug, um mich zu beruhigen. Wenn man so grenzenlos liebt, wenn man durch lange Jahre nur einen einzigen Wunsch, einen Gedanken gehabt hat, dann umhüllt ja geistige Blindheit die Sinne. Es ist dem reinen Herzen gleichsam unmöglich, einen Verdacht gegen sein Theuerstes überhaupt aufkommen zu lassen. Dennoch aber vergaß ich die Sache nicht wieder, und als späterhin Mama in Hermann’s Gegenwart von Malwinens bevorstehender Reise sprach, da beobachtete ich unter peinlicher Angst sein Gesicht; aber ich entdeckte nichts. Er wurde etwas blasser, schien mir, und auch das kurze Husten hörte ich, sonst blieb er gleichgültig wie zuvor.

‚Weiß Winchen schon davon?‘ fragte er nach einer Pause.

‚Nein,‘ versetzte Mama. ‚Ich hoffe übrigens, daß Du sie mir nicht rebellisch machen werdest, mein lieber Sohn.‘

Da sah er jäh und erstaunt empor.

‚Ich, Mama? Wie käme ich dazu? Laß’ sie in Gottes Namen reisen! Mir ist es recht. Uebrigens war ich bekanntlich von jeher derjenige, welcher behauptete, daß Winchen zu Euch durchaus nicht paßt. Bei Tante Elisabeth ist sie viel besser aufgehoben.‘

Meine Blicke suchten Mamas Gesicht. ‚Siehst Du!‘ sagten sie, ‚siehst Du! Ich wußte es ja.‘

Hermann war aufgestanden und zündete seine Cigarre an.

‚Wenn ich nicht in letzterer Zeit immer mit allen meinen Vorschlägen bei Euch eine ungünstige Aufnahme gefunden hätte,‘ fuhr er fort, ‚so würde ich längst ausgesprochen haben, daß Winchen von hier fort muß. Morgen fahre ich, einiger Einkäufe wegen, in die Residenz. Ist’s Euch recht, so bringe ich das Kind zur Tante.‘

Mama wandte sich ab. ‚Ich denke,‘ versetzte sie trocken, ‚so schnell geht es nicht.‘

‚Nun, wie Ihr wollt.‘

Es wurde jetzt nicht mehr über die Sache gesprochen, aber obgleich ich fast beruhigt war, schien mir doch die ausdrückliche und mehr als ruhige Zustimmung meines Verlobten wieder etwas auffallend. Er hatte nicht gesprochen, als sei ihm die Sache gleichgültig, sondern vielmehr sehr erwünscht. Eine heimliche Unruhe fieberte in mir fort. Ich konnte jetzt den Augenblick, wo Malwine abgereist sein würde, kaum mehr erwarten.

Sie selbst nahm die Veränderung der Dinge nur mit Ueberraschung, aber ohne Verdruß, entgegen.

‚Tante Elisabeth hat mehrere Töchter,‘ hörte ich sie sagen, ‚und ich weiß auch, daß dort im Hause viel Leben ist, viel Besuch; dahin gehe ich gern, nur –‘

Ich fixirte sie scharf. ‚Nur, Winchen?‘

‚Nur, daß ich Hermann nicht mehr sehen werde, bis Ihr verheirathet seid, Cousine! Und dann bleibt er natürlich immer zu Hause. Er hatte mich gern, glaube ich.‘

In diesen Worten lag eine stille, uneingestandene Klage. Wir Beide, die Mutter und ich, ernste und arbeitende Frauen, denen das Leben mit harter Hand von jeher alle Blüthen abgestreift, wir hatten freilich das verzogene einzige Kind des Oheims nie so recht gern gehabt, das ließ sich nicht leugnen. Er war ein Künstler, ein lustiger, thörichter Künstler, der es nie verstanden, mit dem Seinigen Haus zu halten, und der seine Tochter gleich einer wilden Rose emporblühen ließ, ohne Anderes auszubilden, als das reine, zärtliche Kindesherz. Malwine hatte nichts gelernt, um auf eigenen Füßen stehen zu können, ja, sie verstand es nicht, die Strümpfe für ihr zierliches Füßchen selbst anzufertigen. Daher schickte sie der Sterbende zu seiner Schwester, im richtigen Gefühl dessen, was der hübschen Waise Noth that.

Aber das ging nicht so schnell. Zwischen hüben und drüben lag ein Meer von Verschiedenheit, und so fand das Kind des todten Malers im Hause seiner Tante Alles, was nützlich und nothwendig war, nur das Eine nicht, wonach es sich so schmerzlich sehnte – die Liebe.

Mama war nicht im Zimmer; das freute mich herzlich. Was mir Malwine sagte, trug den Stempel unschuldigster Offenheit, aber dennoch konnte es falsch verstanden werden. Gut sein und – gut sein, das ist häufig ein himmelweiter Unterschied.

Ich sprach während der drei Tage, an denen Malwine noch bei uns weilte, mehr und freundlicher mit ihr, als jemals zuvor. Ich überzeugte mich vollständig, daß mir das ahnungslose Kind nichts zu verheimlichen habe. Milder und weicher wurde es in meiner Seele; ich beschloß, auch mit Hermann ein besseres, innigeres Verhältniß wieder herzustellen, bevor ich den Schwur am Altar leistete. Es sollte nichts Halbes, Getrübtes sein, das ich ihm entgegenbrachte.

Er kam während dieser Zeit äußerst selten, und als er am letzten Abend vor Winchen’s Abreise in meiner Gegenwart von dieser Abschied nahm, geschah das mit fast kalter Gleichgültigkeit. Sie bot ihm mit Thränen in den Augen die frischen Lippen zum Kuß – o gewiß, Winchen war unschuldig und rein wie die Sonne am Himmel – ich wartete athemlos auf das, was er thun würde. Hermann schien es nicht zu bemerken.

‚Adieu, Kind,‘ sagte er, ‚bis auf Wiedersehen! Die vier Wochen sind leicht herum und – zur Hochzeit darfst Du ja nicht fehlen.‘

‚Ach!‘ rief sie sehr erfreut, ‚das ist gut. Dann kann ich schon ein weißes Kleid anziehen und tanzen, nicht wahr, Tante?‘

Er nickte, und seine Lippen verzogen sich sonderbar. Man konnte dieses Zucken nicht ein Lächeln nennen.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1875). Leipzig: Ernst Keil, 1875, Seite 323. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1875)_323.jpg&oldid=- (Version vom 11.5.2019)