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Seite:Die Gartenlaube (1873) 255.JPG

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1873)

Die Stimme des jungen Chefs hatte in all ihrer Ruhe etwas mächtig Ergreifendes, und man sah an der heftigen Bewegung in Hartmann’s Zügen, daß er nicht unempfindlich dagegen blieb. Der trotzige Bergmann, der, je mehr er gewohnt war, seines Gleichen zu beherrschen, um so tiefer den verletzenden Hochmuth oder die schlecht verhehlte Furcht von Höherstehenden empfand, sah sich hier auf eine Stufe gestellt, die ihm noch Niemand angewiesen. Er wußte sehr gut, daß Arthur mit keinem seiner Untergebenen, vielleicht mit keinem seiner Beamten so gesprochen hätte, daß er diese Art der Verhandlung einzig seiner Persönlichkeit dankte. Der Chef sprach zu ihm wie der Mann zum Manne, in einer Angelegenheit, von der das Wohl und Wehe Beider abhängt, und er hätte wohl auch gesiegt damit, wäre er nur nicht gerade Arthur Berkow gewesen. Ulrich war eine viel zu unbändige, viel zu leidenschaftliche Natur, um da Gerechtigkeit üben zu können, wo er mit ganzer Seele haßte.

„Es ist uns schwer genug gemacht worden mit dem Vertrauen,“ sagte er bitter. „Ihr Vater hat uns so viel davon genommen all die Jahre lang, daß für den Sohn nichts mehr übrig ist. Ich glaube Ihnen, Herr Berkow, daß Ihr Anerbieten nicht von der Furcht herkam; bei einem Andern würde ich das nicht glauben; Ihnen glaube ich es! Aber da wir einmal dabei sind, uns allein zu helfen, so denke ich, wir fechten es auch aus bis zuletzt. So oder so – Einer muß am Ende Recht behalten.“

„Und Ihre Cameraden? Wollen Sie all die Sorge, all den Mangel, all das Unglück vielleicht auf sich nehmen, das dies ‚Ausfechten bis zuletzt‘ mit sich führt?“

„Ich kann’s nicht ändern! Für sie geschieht es.“

„Nein, für sie geschieht es nicht!“ sagte Arthur fest, „sondern einzig für den Ehrgeiz ihres Führers, der die Herrschaft an sich reißen möchte, um ihnen dann ein schlimmerer Despot zu werden, als die gehaßten Herren es je gewesen sind. Wenn Sie noch an Ihre sogenannte Mission glauben, Hartmann, mich täuschen Sie nicht mehr damit, seit ich sehe, daß Sie Alles, wozu ich mich bereit erkläre, um die Lage Ihrer Cameraden zu bessern, als werthlos bei Seite werfen, um des einen Zieles willen, das ich nur zu gut kenne. Sie wollen mich und die Beamten künftig machtlos wissen, Beschlüssen und Auflehnungen gegenüber, die Sie allein dictiren würden; Sie wollen, sobald Sie im Namen einer blind gehorchenden Menge sprechen, alle Rechte des Herrn sich anmaßen und mir mit dem Namen nur die Pflichten desselben lassen; Sie wollen nicht Anerkennung Ihrer Partei, sondern Unterdrückung jeder anderen; das ist’s, warum Sie Alles auf’s Spiel setzen – Sie werden es verlieren!“

Die Sprache war kühn genug einem solchen Manne gegenüber, und Ulrich fuhr auch dabei in gereizter Wuth auf.

„Nun, wenn Sie es denn so genau wissen, Herr Berkow, meinetwegen! Sie haben ganz Recht, es handelt sich nicht blos um den höheren Lohn, um das Bischen Sicherheit in den Schachten. Das mag für die genug sein, die sich nur für Weib und Kinder quälen, und nichts weiter kennen ihr Lebelang; die Muthigen unter uns wollen mehr. Die Zügel wollen wir in Händen haben; respectiren soll man uns als Gleichberechtigte! Das mag sich freilich schlecht genug lernen für die unumschränkten Herren, aber jetzt sind wir an der Reihe. Wir haben endlich begriffen, daß unsere Hände es sind, die Euch Alles erringen, wovon Ihr allein die Früchte genießt. Ihr habt unsere Arme lange genug zur Sclavenarbeit gebraucht; jetzt sollt Ihr sie fühlen lernen!“

Die Worte wurden mit einer so furchtbaren Heftigkeit herausgeschleudert, als sei jedes derselben schon eine Waffe, zum Treffen und Tödten bestimmt. Die ganze maßlose Leidenschaftlichkeit Ulrich’s brach wieder hervor, und die Wuth, die einer ganzen Classe galt, wendete sich im Augenblick gegen den Einen, der gerade vor ihm stand. Die Lage dieses Einen war bedenklich genug, diesem Manne gegenüber, der mit geschwollenen Stirnadern und geballten Fäusten bereit schien, seinen Worten die That folgen zu lassen.

Aber Arthur zuckte nicht einmal mit der Wimper und wich auch keinen Schritt aus der gefährlichen Nähe. Er stand wieder da mit jener Haltung kalter, stolzer Ruhe, das große Auge fest auf den Gegner gerichtet, als habe er mit diesem Auge allein die Macht, ihn zu zwingen.

„Ich glaube, Hartmann, Sie werden vorläufig die Zügel noch den Händen lassen müssen, die gewohnt und im Stande sind, sie zu regieren. Auch das will gelernt sein! Mit roher Gewalt stiftet man Empörungen an und reißt Schöpfungen nieder, aber man erbaut keine neuen damit. Versucht es, die Werke hier mit Euern Händen allein zu leiten, wenn das so sehr gehaßte Element fehlt, das diesen Händen die Richtung, das den Maschinen die Triebkraft und der Arbeit den Geist giebt und das für jetzt noch uns gehört. Stellt Euch dem ebenbürtig an die Seite und man wird Euch die Gleichberechtigung nicht länger versagen. Was Ihr jetzt in die Wagschale zu werfen, habt, die Massen allein, das sichert Euch noch nicht die Herrschaft!“

Ulrich wollte antworten, aber noch erstickte die Leidenschaft seine Stimme. Arthur warf einen Blick nach dem Walde hinüber, wo die Röthe jetzt dunkler und dunkler glühte, und wandte sich dann zum Gehen.

„Hätte ich vorher gewußt, daß jedes Wort der Versöhnung vergebens sein würde, ich hätte diese Unterredung nicht gesucht. Ich bot Ihnen den Frieden und das Bleiben auf den Werken; das Opfer hätte vielleicht kein Anderer gebracht und ich habe mich schwer genug dazu zwingen müssen. Auch das wird mit Haß und Hohn zurückgestoßen. Sie wollen mein Feind sein – nun so seien Sie es denn, aber nehmen Sie auch die Verantwortung für Alles, was jetzt geschieht, ich habe umsonst versucht, es zu hemmen! Wie der Streit selbst auch jetzt ausfallen mag – wir Beide sind zu Ende mit einander.“

„Glück auf!“ rief ihm Hartmann dumpf nach. Es klang wie schneidender Hohn, und das war es wohl auch in diesem Augenblick. Der junge Chef schien es nicht mehr zu hören. Er war bereits einige Schritte fort und schlug jetzt die Richtung nach den Häusern ein.

Ulrich blieb zurück; über seinem Haupte schwankten die Weidenzweige im Abendwinde auf und nieder. Auf der Wiese wallte weißer Duft, und drüben über den Tannen glänzte es noch einmal auf, unheimlich und roth wie Blut, um dann langsam zu verblassen. Der junge Bergmann starrte unbeweglich in den flammenden Abendhimmel; der unheimliche Schein lag auch auf seinem Antlitz.

„Wir sind zu Ende? Nicht doch, Herr Arthur Berkow, wir fangen jetzt erst an! Ich habe nur die Feigheit nicht eingestehen wollen, die mich immer noch zurückhielt; ich wagte mich nicht an ihn, so lange sie an seiner Seite war. Jetzt ist die Bahn frei – jetzt wollen wir abrechnen!“




In der Residenz wogte das ganze buntbewegte Treiben eines Sommernachmittages. In den Hauptstraßen drängte sich die Menge der Spaziergänger, Geschäftsleute und Arbeiter in ewig wechselndem Gewühl; dazwischen tönte endloser Lärm und endloses Wagengerassel; von allen Seiten wirbelte der Staub auf, und die heißen Strahlen der Nachmittagssonne, die schon anfingen etwas schräg zu fallen, beleuchteten das Ganze.

Von den Fenstern des Windeg’schen Hauses, das in einer dieser Hauptstraßen lag, schaute eine junge Dame hinab auf dieses Getümmel, das ihr beinahe fremd geworden war in der Einsamkeit ihrer Waldberge. Eugenie war in das väterliche Haus zurückgekehrt, und damit schien die kurze Zeit ihrer Ehe ausgelöscht und vergessen. Im Familienkreise wurde dieser Punkt nur höchst selten und nur dann berührt, wenn von der bevorstehenden Scheidung die Rede war. Die Söhne folgten darin dem Beispiel ihres Vaters, der sich einfach vorgenommen zu haben schien, jene Erinnerung todtzuschweigen, in seinem Hause wenigstens, während er zugleich in der Stille die nöthigen Schritte zur Einleitung des gerichtlichen Scheidungsprocesses that. Bis dahin sollte die Sache der Welt gegenüber noch nicht berührt werden. Die Dienerschaft und die wenigen um diese Zeit noch in der Residenz anwesenden Bekannten wußten nur von einem vorübergehenden Besuche der jungen Frau bei den Ihrigen, der durch die Verhältnisse auf den Gütern ihres Mannes veranlaßt und geboten war.

Eugenie bewohnte wieder die Zimmer, die sie vor ihrer Vermählung inne gehabt hatte; in der Einrichtung derselben war nichts verändert worden, und wenn sie wie früher am Erkerfenster stand, so begegnete ihr Blick auch draußen den allbekannten

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1873). Leipzig: Ernst Keil, 1873, Seite 255. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1873)_255.JPG&oldid=- (Version vom 3.6.2018)