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Seite:Die Gartenlaube (1873) 189.JPG

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1873)

„Aber er gab dieses Zeichen nicht!“ sagte Eugenie, das letzte Wort schwer betonend.

Arthur richtete wieder den seltsam langen und düstern Blick auf sie. „Nein! Heute nicht! Er wird wohl am besten wissen, was ihn zurückhält. Aber er kann es morgen, übermorgen thun, wenn wir wieder einander begegnen; ich bin vollkommen gefaßt darauf.“

Beim Ausgange des Waldes, der jetzt vor ihnen lag, setzten sie die Pferde in schnelleren Trab und hielten eine Viertelstunde später auf der Terrasse des Landhauses. Arthur schwang sich aus dem Sattel – wie leicht und elastisch im Vergleich mit seinen ehemaligen trägen Bewegungen! Er streckte die Hand aus, um auch seiner Gattin herabzuhelfen; aber auf dem Antlitze der jungen Frau lag noch immer eine tiefe Blässe; sie bebte leise zusammen, als er den Arm um sie legte, und das Beben wurde noch heftiger, als dieser Arm sie eine Secunde länger hielt als sonst, wenn er ihr diesen Dienst leistete.

„Hast Du Dich geängstigt?“ fragte er leise, während er ihren Arm nahm, um sie in’s Haus zu führen.

Eugenie gab keine Antwort. Ja wohl, sie hatte Todesangst ausgestanden bei jener Scene; aber sie wollte es eher ertragen, von ihm für feig gehalten zu werden, als ihn ahnen lassen, daß sie um seinetwillen gezittert, und doch schien eine Ahnung davon in ihm aufzudämmern.

„Hast Du Dich geängstigt, Eugenie?“ wiederholte er. Seine Stimme klang so weich, so verschleiert, und dabei zog er ihren Arm fest und fester an seine Brust. Sie hob das Auge zu ihm empor; da war es wieder, das tiefe mächtige Aufleuchten in dem seinigen, aber heißer, verrätherischer, als sie es je gesehen, und er beugte sich tief herab zu ihr, wie um keinen Laut ihrer Antwort zu verlieren.

„Arthur, ich –“

„Der Herr Baron Windeg und der älteste Herr Sohn sind vor einer halben Stunde angekommen!“ rapportirte ein eilig herantretender Diener, und die Meldung war kaum ausgesprochen, als auch schon der junge Baron, der wahrscheinlich vom Fenster aus die Ankommenden gesehen hatte, erschien und mit dem ganzen Feuer seiner achtzehn Jahre die Treppe herabstürzte, um die Schwester zu begrüßen, die er seit ihrer Vermählung noch nicht wieder gesehen hatte.

„Ah, Curt, Du bist es!“ Die junge Frau fühlte fast einen schmerzenden Stich bei dieser sonst so heiß ersehnten Ankunft des Vaters und Bruders. Arthur hatte ihre Hand in dem Moment fallen lassen, wo der Name Windeg genannt wurde. Sie sah, wie es sich eiskalt über seine Züge legte, und hörte, wie es eiskalt aus seiner Stimme klang, als er jetzt höflich fremd den jungen Schwager begrüßte.

„Du begleitest uns nicht hinauf?“ fragte sie, als er am Fuße der Treppe stehen blieb.

„Entschuldige, wenn ich Dich bitte, Deinen Vater vorläufig allein zu empfangen. Ich hatte etwas – vergessen und bin soeben daran erinnert worden. Ich werde möglichst bald dem Herrn Baron meine Aufwartung machen.“

Er trat zurück, während Eugenie und ihr Bruder allein die Stufen hinaufstiegen. Der Letztere schien etwas befremdet zu sein; aber ein Blick auf die bleichen Wangen seiner Schwester hieß ihn die Frage unterdrücken, die ihm bereits auf den Lippen schwebte. Freilich, er wußte ja, wie hier die Dinge standen. Hatte dieser „Parvenu“ sich vielleicht auf dem Spazierritte neue Kränkungen gegen seine Gemahlin erlaubt? Der junge Baron schickte einen drohenden Blick hinunter und wandte sich dann mit aufflammender Zärtlichkeit zu seiner Schwester.

„Eugenie, ich freue mich so sehr, Dich wiederzusehen, und Du –?“

Die junge Frau zwang sich zu einem Lächeln. „Ich freue mich ja auch, Curt, unendlich freue ich mich!“ Sie blickte gleichfalls hinunter in’s Vestibul, aber es war leer. Arthur mußte es bereits verlassen haben. Im beleidigten Stolze richtete sie sich plötzlich hoch auf. „Laß uns zum Vater gehen! Er wartet!“




Unter allen Bewohnern der Berkow’schen Besitzungen befand sich vielleicht nur ein Einziger, der den so jäh und heftig entbrannten Streit zwischen dem Chef und seinen Untergebenen noch von einer andern als der bedrohlichen Seite nahm, und dieser Eine war Herr Wilberg. In dem blonden Kopfe des jungen Beamten steckte so viel überspannte und unklare Romantik, daß er nicht umhin konnte, das Gefährliche der Situation und die dumpfe Gährung, die jeden Augenblick in eine Katastrophe ausbrechen konnte, höchst interessant zu finden. Freilich war seine Bewunderung von Ulrich Hartmann völlig auf den jungen Chef übergesprungen, seit dieser so plötzlich an die Spitze der Verwaltung getreten war und die Zügel mit einer Festigkeit ergriffen hatte, die Niemand dieser schwachen verweichlichten Hand zugetraut; aber die angestrengte Thätigkeit, mit der Arthur es versuchte, sich auf dem ihm fremden Felde heimisch zu machen und sich gegen die von allen Seiten herandrohenden Verluste und Gefahren zu stemmen, forderte höchstens die Theilnahme und Unterstützung der Oberbeamten; die jüngeren Herren des Personals genossen jetzt, wo ihre Functionen größtentheils ruhten, einer unfreiwilligen Muße, und Herr Wilberg seinerseits benutzte diese, um möglichst tief in seine sogenannte Leidenschaft für die gnädige Frau unterzutauchen und sich möglichst unglücklich darin zu fühlen.

Die Wahrheit zu sagen, wurde ihm letzteres etwas schwer, denn er befand sich im Grunde ganz behaglich bei der hoffnungslosen Leidenschaft; um ihm poetisch zu erscheinen, mußte eine Liebe nothgedrungen unglücklich sein; mit einer glücklichen hätte er wirklich nichts anzufangen gewußt. Diese Anbetung aus der Ferne genügte ihm vollkommen, und er fand hinreichende Gelegenheit, sich ihr hinzugeben, da er dem Gegenstande derselben jetzt nur selten oder niemals nahe kam. Seit jenem Tage, wo er die gnädige Frau durch den Park zurückbegleitete, hatte er sie nur ein einziges Mal gesprochen. Eugenie hatte bei einer zufälligen Begegnung von ihm Näheres über die Bedeutung des ausgebrochenen Strikes zu erfahren gesucht. Nun aber war von Seiten Berkow’s die strenge Weisung an sämmtliche Beamte ergangen, seine Gemahlin in keiner Art zu beunruhigen, und Wilberg kam dieser Weisung auch insofern nach, als er Alles verschwieg, was auf die augenblickliche Lage und die Verhältnisse Bezug hatte, dagegen konnte er nicht umhin, der jungen Frau die Scene, die im Conferenzzimmer zwischen ihrem Gemahl und Hartmann gespielt, möglichst getreu zu schildern, und da er nun einmal Alles in’s Romantische hinaufschrauben mußte, so nahm diese Scene in seinem Munde ein so dramatisches Gepräge an, und der junge Chef mit seiner plötzlich aufflammenden Energie wuchs zu einer solchen Heldenhaftigkeit empor, daß es unbegreiflich war, wie die Schilderung so ganz ihre Wirkung verfehlte.

Eugenie hatte zwar mit sichtbarer Spannung zugehört, aber sie war auffallend bleich und ungewöhnlich still dabei geworden, und der Erzähler wartete am Schluß vergebens auf irgend eine Aeußerung von ihren Lippen. Sie hatte ihm, ohne die Sache auch nur mit einen Worte weiter zu berühren, höflich kühl gedankt und ihn dann höflich kühl entlassen, und der junge Mann war davon gegangen, höchst befremdet und etwas beleidigt über diesen Mangel an Theilnahme. Also auch die gnädige Frau hatte kein Verständniß für die Poesie solcher Situationen! Oder hatte sie dieselbe vielleicht nur deshalb nicht, weil ihr Mann der Held derselben war? Ein Anderer würde wahrscheinlich triumphirt haben bei dem Gedanken, aber Wilberg’s Dichterphantasie zeichnete sich gewöhnlich dadurch aus, daß sie natürliche Empfindungen geradezu auf den Kopf stellte. Er fand sich gekränkt, daß der begeisterte Vortrag, sein Vortrag, so ganz die Wirkung verfehlt hatte; er fühlte überhaupt in der Nähe Eugeniens stets etwas von der „Gletscheratmosphäre“, die sie nach der Behauptung des Oberingenieurs umwehte. Sie war stets so fern, so hoch und unerreichbar und war es gerade dann am meisten, wenn sie sich voll Güte herabließ. Es blieb dieser Herablassung gegenüber wirklich keine andere Wahl, als entweder unbedingt anzubeten oder sich schrecklich unbedeutend und nichtig vorzukommen, und Herr Wilberg, dem Letzteres in keinem Falle passiren konnte, zog natürlich das Erstere vor.

In diese und ähnliche Gedanken versenkt, war er bis in die Nähe der Wohnung des Schichtmeisters gekommen, und da er wie gewöhnlich weder rechts noch links sah, traf er auf der Brücke so dicht mit einer jungen Dame zusammen, die eben von drüben herkam, daß diese sich mit einem leisen Schrei und einem Sprunge seitwärts vor dem stürmischen Anprall in Sicherheit brachte. Wilberg sah jetzt erst auf und stotterte eine verlegene Entschuldigung.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1873). Leipzig: Ernst Keil, 1873, Seite 189. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1873)_189.JPG&oldid=- (Version vom 21.5.2018)