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Seite:Die Gartenlaube (1871) 711.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1871)


und meine Frau werden willst. Dann soll es mir sein wie mein eigen Kind.‘

Ich sah, daß sie heftig weinte bei diesen Worten, aber sie hielt die Hände fest vor den Augen und sagte leise:

‚Es ist Blut zwischen Dir und mir: er wird zwischen Dich und mich treten und uns trennen, wenn Du mich in die Arme schließest.‘

‚Ich kenne ihn,‘ sagte ich, ‚und ich weiß, wie schrecklich er ist. Aber ich glaube jetzt, daß wir ihn los werden können, und ich sehe Rettung vor mir.‘

‚Ach,‘ sagte sie, ‚und wie könntest Du mir verzeihen, was ich Dir anthat? Wird das Kind uns nicht ein ewiger Vorwurf sein, Dir und auch mir?‘

‚Anna,‘ erwiderte ich, ‚was hätte ich Dir zu verzeihen? Daß Du ihn lieb hattest, daß Du ehrlich meintest, er würde Dich heirathen? Du hast mir schrecklich weh gethan, und ich habe Dir noch schrecklicher weh gethan. Laß uns gleiche Rechnung machen und alle beide uns von Herzen verzeihen.‘

Sie schwieg.

Mir fuhr der Zorn durch alle Glieder. ‚Ich sehe,‘ rief ich unmuthig, ‚es ist aus mit uns. Du denkst noch mehr an ihn als an mich und verweigerst mir aus Rache Deine Barmherzigkeit. Hättest Du noch ein Fünkchen Liebe zu mir, Du würdest nicht drei Menschen hinopfern. Ich muß wohl ein Mörder heißen wie Kain, aber bei Gott, der die Herzen wägt, meines ist weicher als Deins! Sei es denn: auf Dein Haupt lege ich meinen Tod und den Tod Deines Kindes!‘

Ich sprang auf und legte die Hand auf Dein kurzes schwarzes Härchen, dann faßte ich ihre Hände und drückte sie. Sie war kalt wie Eis und zitterte, aber sie sah nicht auf und that die Hände nicht von den Augen. Ich wandte mich abermals zu gehn, und diesmal wäre ich nicht wiedergekommen. Aber hinter mir hörte ich leise Füße auf dem Wiesenpfade mir nachlaufen. Sie umfaßte mich vom Rücken mit beiden Armen, sie sah mir ins Auge und sagte: ‚Also Du hast mich wirklich noch lieb, und Du kannst mir verzeihen?‘

Ich drückte sie herzlich an mich, wie in der Zeit unserer alten Liebe. Sie sah mir fest in die Augen und konnte gut genug lesen, was darin geschrieben stand. Die Pein meiner Seele floß dahin wie ein Bach, ich hatte im Leben wieder etwas zu thun, und mir war es, als könnte ich nicht nur Versöhnung finden, sondern auch Glück.

Aber auch eine jähe Angst befiel mich, daß grade jetzt sie mich fangen könnten, wo ich wieder zu leben wünschte. ‚Wir müssen heute fort,‘ rief ich, ‚gleich. Kannst Du bei Deiner Frau Dich aus dem Dienst losmachen?‘

‚Ach Gott,‘ sagte Anna, ‚ich esse ja eigentlich das Gnadenbrod bei ihr. Sie sagt mir’s auch oft genug, daß ich gehen kann, wann ich will. Mein Bündel ist rasch gepackt.‘

‚Dann trag mir das Kind dort in die Erlen,‘ sagte ich, ‚ich will’s hüten, bis Du mit Deinen Sachen kommst, und dann fort auf der Stelle!‘

Sie ging. Ich war allein mit Dir unter den Bäumen und hatte Dich mir auf die Kniee gelegt. Wenn eine Fliege um Dich summte und Du im Schlaf danach schlugst, hob ich Dich auf die Arme und schaukelte Dich. Wenn dann Dein Köpfchen an meinem Herzen lag, so fühlte ich, es war wie ein Balsam, der die bittere Wunde drinnen kühlte und leise zuschloß. In der Stunde habe ich mit Freudenthränen gelobt, Dir ein treuer und guter Vater zu sein – und ich meine, Aloys, ich habe es gehalten.“

Ein herzlicher Druck von der Hand des Jünglings belohnte den Vater.

„Und so kam die Mutter daher mit einem kleinen Bündel, worin Dein Kindszeug war; ich nahm ihr das Bündel ab, sie nahm Dich auf den Arm, und so bist Du schlafend aus Deiner Heimath getragen worden. Wir wanderten ruhig die Straße im Thal herunter und erreichten noch am Abend den Rhein. In Antwerpen kaufte ich ihr ordentliche Kleider und ging an den Hafen, um ein Schiff zu suchen. Da traf ich den Capitain des Schiffes, mit dem ich zurückgekommen war, er kannte mich und gab mir auch für Mutter und Kind gleich Passage, obwohl sie keinen Paß hatten. Ich hatte Geld genug, um die Mutter als Cajütenpassagier einschreiben zu lassen: da hatte sie mit Dir Raum genug, gute Luft und prächtige Nahrung. Ich selber ging ins Zwischendeck.

Die ersten Tage litt die Mutter wohl von der See, aber dann war es eine Wonne zu sehen, wie sie wieder aufblühte in dem reinen Gottesathem des Meeres, und auch Fülle der Nahrung hatte für Dich. Als wir nach drei Wochen in New-York landeten, war sie wieder eine schöne gesunde Frau, an Dir war kein Mälchen mehr von Ausschlag; Deine Aeugelchen waren rein und munter, und Du warst ein netter kleiner Kerl geworden.

In New-York ließen wir uns trauen und fuhren mit Dir nach Hoboken in eine deutsche Gartenwirthschaft. Da gaben wir Dir frische Milch von der Kuh zu trinken, und wir tranken Lagerbier und aßen ein gutes Mahl. Sonst war kein Hochzeitsgast bei uns, das war unser Trauungsfest.

Ein paar Jahre haben wir dann noch dienen und sparen müssen, aber es gelang uns, zusammen Arbeit zu bekommen, ich als Knecht und sie auf derselben Farm für die Milchkühe und die Käserei. Als aber mehr Kinder kamen, da dachten wir, es wäre nun Zeit einmal an das eigne Haus zu denken: ich schaffte an, was man für eine Blockhauswirthschaft in den Hinterwäldern braucht, kaufte einen Wagen mit Zugvieh und setzte die Mutter und die kleinen Kinder darauf. Du liefst da schon manchmal nebenher, betteltest mich um die Geißel und hattest große Freude, wenn Du mir halfst die Ochsen treiben. So kamen wir hierher auf die Prairie, und da mit Gottes Hülfe sind wir nun und hoffen zu bleiben. Zwölf Jahre bin ich glücklich gewesen mit der Mutter, bis das Neubruchfieber sie uns nahm. Die alte Angst ist niemals wiedergekommen, und heut hast auch Du Dich mit mir versöhnt. Ich freue mich, daß ich gewagt habe, durchs Leben zu büßen, statt durch den Tod!“




Ueber dieser letzten Erzählung war der Morgen herangekommen; der Kukuk der Uhr, der inzwischen oft gerufen hatte, verkündigte jetzt die fünfte Morgenstunde, und prächtig ging die Sonne östlich über dem Walde auf und warf ein zitterndes Netz von Silber über die bethaute Prairie. Drunten klopfte es an der Hausthüre. Aloys trat ans Fenster, es waren drei Männer aus den Nachbarn. „Oeffne, junger Mann,“ sagte Straites der Amerikaner, „wecke den Capitain und laß ihn wissen, wir kommen als Deputation zu ihm.“

„Der Vater ist wach,“ sagte Aloys und ging hinab, um die Thüre zu öffnen.

Die drei Männer traten ein und boten dem Capitain die Hand. „Wie ich Euerm jungen Mann sagte, Mister Wölfling,“ begann Straites, „wir kommen als Deputation zu Euch von den Männern der republikanischen Partei in unserer Gemeinde, die gestern Abend noch ein Special-Meeting gehalten haben.“

„Setzt Euch, Nachbarn,“ sagte der Hausherr. „Ihr trefft uns noch vom Abend her beim Wein. Aloys, reich’ den Herren die Flasche. Bedient Euch!“

„Danke Euch, nein,“ sagte Straites. „Kein Wein am frühen Morgen, und kein starkes Getränk, ehe die Geschäfte abgethan sind. Hört also, wenn’s Euch gefällig ist.

Wir haben den Mann von drunten aus der Township, der als Euer Gegencandidat für Friedensrichter läuft, ersucht, diese Nacht hier zu bleiben und uns genau zu sagen, wie es mit der Anklage steht, die er gestern Abend gegen Euch erhob. Er ist unser Gegner in der Politik, aber wir sind der Meinung, daß er sonst ein ehrlicher Mann ist und kein schlechter Bürger. Wir calculiren nun, die Sache steht so. Erstlich: Ihr habt in Eurer Heimath drüben einen Mann getödtet, den Ihr wegen Eurer verstorbenen Frau haßtet. Wie es dabei zugegangen ist, weiß der Mann nicht, wir wissen auch nicht, ob es Nothwehr gewesen ist oder Todtschlag oder Mord. Gott allein ist dabei gewesen, und mit dem habt Ihr die Sache abzumachen. Was ein Mann drüben im alten Lande gethan, darüber richten wir nicht; wir urtheilen, daß ein Jeder einen neuen Menschen anzieht im Augenblick, wo er amerikanischer Bürger wird. Wäret Ihr nun noch dem Gesetz Eures Landes verfallen, so möchten wir wohl keinen zum Richter haben, auf den das Gesetz einen Anspruch hätte. Aber Euer Landsmann hat uns berichtet, daß jener Mann ist todt gefunden worden vor mehr als fünfzehn Jahren, und die That ist verjährt auch nach dem Recht Eures Landes. Nun aber

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 711. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_711.jpg&oldid=- (Version vom 11.5.2019)