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Seite:Die Gartenlaube (1871) 372.jpg

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verschiedene: Die Gartenlaube (1871)


Wir sind überzeugt, daß unsere Leser sich ihr Urtheil über diese „Felicitas“ nach diesen wenigen Mittheilungen bereits gebildet haben. Wahrscheinlich ist es dasselbe, was sich auch in den Briefen der für acht Neugroschen Gemeldeten ausspricht. Wir wollen das Unsere noch zurückhalten, bis uns die Frage beantwortet ist: Hat Jemand die vier Risico-Thaler daran gewagt und was war der Erfolg? – Niemand lasse sich durch ein falsches Schamgefühl zum Schweigen hierüber verleiten. Von den Deutschen unserer Zeit kann man verlangen, daß sie, wo es das öffentliche Wohl fordert, ohne Scheu mit der Wahrheit heraustreten. Wir werden die Namen solcher Einsender verschweigen, müssen sie aber kennen, anonyme Mittheilungen sind für uns werthlos.

Ebenfalls die freie Schweiz preist als sein Vaterland ein andrer Menschenbeglückungsverein, genannt „L’Alliance horlogère in Chaux-de-Fonds“. Hier thut’s der Uhrenhandel: „Wenn Sie in Ihrer Mußezeit nur hundert Subscriptionen (auf Uhren aus der Fabrik dieser Allianz) einsammeln, so können Sie sich dadurch ein Einkommen von zwei- bis dreitausend Franken gründen, mit der Versicherung, es viele Jahre hindurch zu behaupten.“ So steht es im Programm gedruckt zu lesen. Der geschriebene Brief verlangt eine Baareinsendung von zweihundert Franken, worauf der Betreffende „die Uhren sofort in schönen Schmuckkästchen, sammt Drucksachen und Diplom“ erhalten soll. – Auch über dieses Unternehmen geben uns vielleicht Erfahrene Belehrung zum allgemeinen Besten.




Noch zwei Ehrensterne unseres Krieges. Erster Stern. Ein preußischer Landwehrmann, vom ersten Bataillon des vierzehnten Landwehrregiments, erzählte Folgendes:

„Wir standen zusammen mit der badischen Division erst vor Straßburg und dann vor Belfort. Die Welt weiß, welche Kämpfe wir dort durchzumachen hatten. Die Landwehr wird ein Lied davon singen, so lange sie besteht. Ein Lied im höchsten Ton verdienen aber unsere badischen Cameraden. Was diese an uns gethan, sollte wohl von der ganzen Nation in Ewigkeit gepriesen werden. Hört! So oft es zu einem Gefecht kam, wo ein aufreibendes Feuer drohte, drängten die Badenser sich uns vor, sie litten’s nicht, daß wir vorausstürmten. ‚Ihr preußischen Brüder von der Landwehr,‘ sagten sie, ‚Ihr habt Weib und Kind zu Haus! Laßt uns voran! Erst wenn Ihr seht, daß wir den Feind nicht zwingen, daß wir zu schwach sind, da, Cameraden, eilt herzu und packt mit an!‘ Und vorwärts marschirte sie, diese treue tapfere Wacht am Rhein, und immer theilten sie mit uns die Ehren des Sieges, diese an Treue und Tapferkeit gleich große badische Division.“

Dem preußischen Landwehrmann liefen die hellen Thränen über die Wangen, als er das erzählte, und wir würden uns wundern, daß diese Edelthat dieser Soldaten bis jetzt verschwiegen geblieben ist, wenn wir nicht wüßten, daß gerade die besten Perlen tief liegen und nicht allemal zuerst erhoben werden. Möge den braven Badenern dafür mit derselben Liebe gelohnt werden, wie sie sie so großartig ausgeübt haben. –

Zweiter Stern. Die Wittwe eines im Kampfe bei St. Privat (am 18. August 1870) Gefallenen erhielt einen Brief folgenden Inhalts:

„Im Auftrage der Mannschaften meiner Compagnie, zu denen auch Ihr tapferer Mann gehörte und in deren Mitte derselbe am 18. August vorigen Jahres bei dem Sturme auf das Dorf St. Privat heldenmüthig für König und Vaterland gefallen ist, sende ich Ihnen einliegend fünfzig Thaler.

Diese Summe ist das Ergebniß einer freiwilligen Sammlung, an welcher sich Officiere, treue Cameraden und Untergebene Ihres in Gott ruhenden Mannes in der Absicht betheiligt haben, mit zu den Ersten zu gehören, welche der Wittwe eines tapferen Cameraden zu Hülfe kommen.

Möge Sie dieses, als Zeichen der Achtung und Liebe, die sich Ihr Gatte in der Compagnie erworben hat, in Ihrem Schmerze in Etwas trösten. Seien Sie versichert, daß das Andenken an Ihren Mann in der Compagnie stets treu fortleben wird.

Gott schütze Sie und Ihre Kinder!

St. Denis, den 31. März 1871.
von Scholten, Hauptmann und Chef der 9. Compagnie
4. Garderegiments zu Fuß.“

Dieser Tapfere, der noch nach dem Tode so herrlich ausgezeichnet worden ist, in dem seine Compagnie sich so würdig geehrt hat, war der Reserve-Unterofficier Eduard Lorbeer von Eisleben.




Illustrirte Seelenwanderung. Es geschehen noch Wunder auf Erden, davon hat uns die in Stuttgart erscheinende „Allgemeine Familienzeitung“ vollständig überzeugt.

Im Jahre 1862 hat die Gartenlaube ihren Lesern ein Bild aus dem schleswig-holsteinischen Kriege von 1848 gebracht. Es ist jener kühne Zug des Freicorpsführers von der Tann, wo er in der Nacht vom 6. zum 7. Juni bei Hoptrup mit vierhundert Auserwählten fünftausend Dänen überfiel und schlug. Die Illustration stellt den Augenblick dar, wie am Morgen eine Schaar von fünfundzwanzig Mann zwei eroberte Kanonen gegen eine heranstürmende dänische Husarenschwadron vertheidigt. Der Führer der Schaar, hocherhobenen Hauptes die Faust auf den Säbel stützend, und die frischen jungen Männer, den kecken „Kossuthhut mit der wallenden Feder“ auf dem Kopfe, und mit Büchse und Hirschfänger bewaffnet, bilden eine gar trotzige schöne Gruppe. Man sieht ihnen an, daß sie siegen werden.

Und alle diese Wackeren sehen wir zweiundzwanzig Jahre und fünf Monate später wieder, ganz dieselben, ohne Veränderung in den Gesichtszügen, an Gestalt, Kleidung, Haltung, nur daß sie sich wahrscheinlich in dieser langen Zeit herumgedreht haben, denn Alles, was bei Hoptrup rechts war, ist hier, in dem Gefecht des Garibaldi bei Pasques unweit Dijon gegen die Badener am 26. Nov. 1870, wo wir unsere deutschen Freischärler als Garibaldianer und Franctireurs wiedersehen, links geworden! Mit der linken Faust am Schaft halten diese sogar die deutschen Büchsen, denen sie nur französische Haubajonnete aufgesteckt haben. Das Wunderbarste bleibt aber unser Freischaarführer – da steht er, um kein Haar anders als vor zweiundzwanzig Jahren und fünf Monaten, sogar der damals übliche helle Sommerrock hängt ihm noch, wie in jener Junihitze von 1848, hier im Novemberwetter von 1870 flott um die Schulter, aber auch er hat die Seelenwanderung überstanden, wir sehen’s gedruckt und gemalt und müssen’s glauben – er ist Garibaldi geworden und hat die Gicht.

Sollen wir nun noch darüber staunen, daß im Hintergrunde des Bildes die dort heranstürmenden dänischen Husaren sich hier als eine „badische Abtheilung“ in den Wald zurückziehen? – Nein! Wir haben eben das Wunder einer illustrirten Seelenwanderung vor uns und das Publicum weiß nun, wie bisweilen – Schlachtenbilder gemacht werden. Die Herren haben ganz einfach unser Bild von 1862 übergezeichnet, eine einzige Figur darin verändert, indem sie einen ehrlichen Freischärler in den berüchtigten Bordone (Garibaldi’s Generalstabschef) umgestalteten – und anstatt „von der Tann“ – „Garibaldi“ darunter geschrieben. Wer dadurch schwerer verletzt ist, v. d. Tann oder die Redaction der Gartenlaube, überlassen wir dem Urtheil der Leser.




Blumenuhr. Es dürfte unsern Lesern nicht uninteressant sein, eine von einem Landwirth zusammengesetzte Blumenuhr mitzutheilen, die, wenn sie auch nicht die Genauigkeit einer Schwarzwälder Uhr, noch viel weniger eines Chronometers besitzt, doch jedem Land- und Forstwirth, vorzüglich Gärtner und Liebhaber sehr willkommen sein wird, um so mehr, wenn er sich Mühe giebt, diese Blumen nebeneinander zu pflanzen und sich auf diese Weise in seinem eigenen Garten eine lebendige Uhr zu erziehen. Nachstehende Pflanzen sind so zusammengestellt, daß man aus dem Oeffnen ihrer Blumen Vormittags und aus dem Wiederschließen derselben Nachmittags beiläufig bei heiteren Sonnentagen auf die Tageszeit schließen kann.

 Es öffnen sich Vormittags:
Tragopogon pratense, gelber Bocksbart um 3 Uhr früh
Crepis tectorum, Pipau, Dachgrundfeste um 4 Uhr früh
Leontodon taraxacum, Löwenzahn um 5 Uhr früh
Crepis alpina, Alpen-Dachgrundfeste um 5 Uhr früh
Hypocharis glabra, Wiesen Ferleinskraut um 5 Uhr früh
Crepis rubra, rothe Dachgrundfeste um 6 Uhr früh
Hieracium muronum, breitblättr. Habichtskraut um 6 Uhr früh
Carduus argentatus, Silber-Gänsedistel um 6 Uhr früh
Lactuca sativa, gemeiner Gartensalat um 6 Uhr früh
Nymphaea alba, weiße Seerose um 6 Uhr früh
Anthericum Liliago, Zaunblume um 6 Uhr früh
Trichosanthericum anguina, Rauchhaar um 7 Uhr früh
Hypocharis maculata, Ferleinskraut um 7 Uhr früh
Mesembrianthemum barbatum, bärtige Ficoide um 8 Uhr früh
Adonis ostivalis, Ducatenröschen um 8 Uhr früh
Anagallis arvensis, Gauchheil um 8 Uhr früh
Holosteum umbellatum, Spurre um 8 Uhr früh
Dianthus carthusianorum, Steinnelke um 9 Uhr früh
Mesembrianthemum crystallinum, Eisblume um 10 Uhr früh
  Es schließen sich wieder:
Crepis alpina um 11 Uhr früh
Holosteum umbellatum um 12 Uhr Mittags
Hieracium muronum um 1 Uhr Nachmittags
Dianthus carthusianorum um 1 Uhr Nachmittags
Crepis rubra um 1 Uhr Nachmittags
Pulmonia officinalis, Lungenkraut um 1 Uhr Nachmittags
Mesembrianthemum barbatum um 2 Uhr Nachmittags
Arenaria rubra, Sandkraut um 2 Uhr Nachmittags
Calendula arvensis, Ackerringelblume um 2 Uhr Nachmittags
Mesembrianthemum crystallinum um 3 Uhr Nachmittags
Mesembrianthemum linguiforme, zungenförmige Ficoide um 3 Uhr Nachmittags
Hieracium aurantiacum, rothes Habichtskraut um 3 Uhr Nachmittags
Anthericum Liliago um 4 Uhr Nachmittags
Hypocharis glabra um 5 Uhr Nachmittags
Nymphaea alba um 6 Uhr Nachmittags
Papaver nudicaule, glattstengeliger Mohn um 8 Uhr Nachmittags




Auch der verlorene Sohn (Nr. 17) ist gefunden, und es hat sich wieder einmal der Fall gezeigt, daß alte Eltern Thränen vergießen, während es den Herren Söhnen ganz wohl geht und sie nur die Mühe des Schreibens scheuen. Der von Mutter und Bruder in Amerika gesuchte und von ersterer längst als todt betrauerte C. Boltze ist beim Beginn des deutsch-französischen Krieges nach Deutschland zurückgekehrt und in’s preußische Heer eingetreten. Wir verdanken diese Nachricht der Freundlichkeit des Herrn Premier-Lieutenant von Ostrowski, Adjutanten des Ersatzbataillons des zweiten hannoverschen Infanterieregiments Nr. 77 in Wesel a. Rh., wo C. Boltze als Gefreiter in der ersten Compagnie steht. Die Thränen seiner Mutter sind nun gestillt und die vielen Träume von seinem Tode, an die sie so fest geglaubt, durch die Gartenlaube glücklich zu Schäumen geworden.




Für das abgebrannte deutsche Hospital in Constantinopel wurden uns im Laufe des vorigen Jahres folgende Beträge eingesandt, die wir nachträglich quittiren: O. D. St. 3 Thlr.; Prediger Richter in Pest 1 Thlr.; zwei Bausteine für das Hospital 2 fl.; Sellentin 1 Thlr.; M. in Burg 3 Thlr.; W. M in Düsseldorf 3 Thlr.; L. Z. in Freiberg 1 Thlr.; K. F. jun. in Leipzig 10 Thlr.; Melzer in Raabe 2 Thlr.; Familie Rahm in Mautern 2 fl.; Gutsbes. Wagner in Glemish. 1 Thlr.; J. Goetzger in Wien 5 fl.; J. Kr. 2 Thlr.; Lehrer S. in Hettstedt 1 Thlr.; C. B. u. J. B. in Sz. 2 Thlr.; F. H. in Wörlitz 20 Thlr.; Lößnitz 1 Thlr.; aus Lemgo 1 Thlr.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
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verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Ernst Keil's Nachfolger, Leipzig 1871, Seite 372. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_372.jpg&oldid=- (Version vom 23.3.2023)