Zum Inhalt springen

Seite:Die Gartenlaube (1871) 218.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Verschiedene: Die Gartenlaube (1871)


in der Geschichte viel von den politischen Märtyrern aller Zeiten gelesen hatte, mußte diese Märtyrerglorie imponiren und er bereitete sich durch den schweigenden Hinblick auf Sokrates und Cato vor, ehe er dem antiken Charakter in der Kneiphöf’schen Langgasse seinen Besuch abstattete.

Wohl gab es gute Staatsbürger, die einen Demagogen sich schon damals nur als eine Bassermann’sche Gestalt denken konnten, ähnlich jenen Reclamekindern, die mit der bekannten Haarwuchspomade gespielt hatten, das bärtige Antlitz von dem wallenden, ungekämmten Haupthaar überschattet, in der Hand den Ziegenhainer, mit nägelbeschlagenen Stiefeln, welche selbst das Straßenpflaster in Aufruhr versetzten, daß es Funken stob, wenn sie über dasselbe hinschritten. Wer mit einem solchen Bild eines urwüchsigen Demagogen aus den Turnhallen vor Jacoby hintrat, der mußte sich in merkwürdiger Weise enttäuscht fühlen.

Der Mann der „vier Fragen“ hatte durchaus nicht die trotzige Miene des Rebellen oder irgend etwas Staatsgefährliches und Bedrohliches in seinem Wesen; er sah aus wie ein menschenfreundlicher Schüler Aeskulap’s und hatte sich auch als solcher bei der letzten Choleraepidemie bewährt. Sein Gesicht verleugnete nicht die jüdische Herkunft; es gehörte zu jenen milden klaren Gesichtern, welche gleichsam die beschauliche Weisheit des Orients wiederzuspiegeln scheinen. Ausgiebiger Redefluß war nicht seine Sache, ebensowenig funkelnder Esprit; er sprach wenig, aber treffend und bezeichnend. Man hatte stets den Eindruck, daß es ihm Ernst war mit seinen Ueberzeugungen und daß sie bei ihm aus seinem innersten Wesen hervorgingen. Seine im Ganzen unscheinbare Persönlichkeit machte ihn weder zum Volksredner noch zum Parlamentsredner geeignet; ihm fehlten die imponirenden Gesten; es bedurfte bei seinem öffentlichen Auftreten der Folie seines Namens, um ihm die Aufmerksamkeit zu sichern, die er durch klare und bündige Rede zu verdienen suchte. Im Ganzen mochte er immerhin als geeigneter Vertreter der Stadt der „reinen Vernunft“ erscheinen; denn etwas von dem Hauch dieser reinen Vernunft beseelte sein öffentliches Auftreten; es war dieselbe durchsichtige, oft frostige Klarheit, wie wir sie in manchen Schriften des großen Königsberger Denkers finden. Mit dem einsamen Wanderer des Philosophendammes hatte er das Apostelthum des ewigen Friedens gemein; doch wie der schattige Philosophendamm den Schienen der Eisenbahn und dem lärmenden Treiben des täglichen Verkehrs weichen mußte, so hat auch dieses Apostelthum in den letzten Jahren vor dem Lärm der blutigsten Kriege verhallen müssen und seine Vorkämpfer sind in eine einsame, sehr schiefe Stellung gedrängt worden.

Doch nicht Kant, sondern Spinoza und Lessing sind die Geistesheroen, denen der Mann der „vier Fragen“ huldigte; sie herrschten in seiner Bibliothek, auf seinem Arbeitstisch, in seiner Gedankenwelt. Stillwaltende Nothwendigkeit des Weltgeistes, Humanität, Toleranz – das waren die Losungsworte, welche Jacoby zu den seinigen gemacht hatte.

Niemand schien weniger zu einem extremen Politiker geschaffen als er, und in der That athmeten die „vier Fragen“ auch einen sehr gemäßigten Geist. Gegenwärtig giebt es in Preußen keine Partei mehr, die sich nicht mit ihrem Inhalt einverstanden erklären würde. Gleichwohl wurde Jacoby in den folgenden Jahren immer mehr auf die äußerste Linke gedrängt. Der freundliche Arzt, der in seinem einspännigen Doctorwagen durch die Königsberger Straßen fährt, gewöhnt an ein stilles Wirken, hatte kaum angefangen, dem preußischen Staate seine Mixturen, Latwerge und Pillen einzugeben, als er auch immer mehr zu einer hippokratischen Radicalcur schritt. Ein Nathan mit der Jakobinermütze scheint freilich ein undenkbares Bild.

Und doch ist die Lösung des Räthsels nicht schwer. Jacoby ist mehr Philosoph als Politiker. Das Wesen der Philosophie ist die Consequenz, das Wesen der Politik die Inconsequenz. Große Politiker sind diejenigen, welche die augenblickliche Lage benutzen, um ihr Ziel zu erreichen; auf eine Handvoll Widersprüche kommt es dabei nicht an. Das „heute“ hat immer Recht in der Politik, wenn es auch das „gestern“ Lügen straft und von dem „morgen“ verleugnet wird. Staatsmänner, die ihre Zeit beherrschen, muß man abbilden mit dem Kaleidoskop in der Hand als dem Attribut ihrer Göttlichkeit; heute schütteln sie die Figuren so, morgen anders, wie ihre Grün- und Blaubücher beweisen, die in allen Farben schimmern. Auch das parlamentarische Leben ist unmöglich ohne den Compromiß. Die starren Principienmänner, die Philosophen in der Politik, welche dieselbe für eine exacte Wissenschaft halten und ihre Lehrsätze wie Euklid oder mindestens wie Spinoza beweisen wollen, werden rasch von der Bewegung bei Seite geschoben.

Jacoby ist ein Kosmopolit, unsere Zeit macht in großen geschichtlichen Ereignissen nationale Politik mit Blut und Eisen. So ist der Mann der „vier Fragen“, die längst beantwortet sind, in seinem Junggesellenlogis in der Kneiphöf’schen Langgasse ebenso isolirt, wie er es in der Lötzener Festungshaft war, und hofft auf die ungedruckte „Zukunft“, welche die Leitartikel der gedruckten verwirklichen soll![1]




Der Rückzug der Franzosen durch das Travers-Thal.
Im Beginn des Februar 1871.


„Der Uebergang der weiland großen Armee des ersten Napoleon auf ihrem Rückzuge aus Rußland über die Beresina kann kaum ein ergreifenderes Bild von dem Elende und den Scheußlichkeiten des Krieges dargeboten haben, als diese Bourbaki’sche Armee bei ihrem Uebertritt über unsere Grenze!“ – Mit diesen Worten nahm ein Freund von mir Abschied, der zugleich mit mir die Trümmer der genannten Armee an sich hatte vorüberziehen sehen. Das war bei Verrières Suisse gewesen, wo sich noch Tags zuvor der schweizerische Commandant geweigert hatte, die französische Armee über die Grenze treten zu lassen. Hatte doch der Befehlshaber der letzteren, der General Clinchant, auf die erste Kunde vom Waffenstillstand, dessen nähere, ihn und seine Armee bekanntlich ausschließende Bestimmungen ihm offenbar nicht bekannt geworden waren, dem schweizerischen Obercommandanten, dem General Herzog, erklären lassen, daß kein französischer Soldat die Schweizer Grenze überschreiten dürfe. Nun aber, ohne Zweifel im Laufe des Tages von seinem Irrthum überzeugt, änderte er seinen Entschluß, und schon am Abend mußte sich die ganze schweizerische Brigade an der Grenze sammeln, da sich die französischen Colonnen derselben bis auf dreihundert Schritte genähert hatten.

Seiner Weisung zufolge wollte sich, wie gesagt, der schweizerische Brigadier dem Uebertritte widersetzen. Während er mit dem französischen Colonnencommandanten unterhandelte, vernahm man aus kurzer Entfernung, vom Joux-Fort her, eine lebhafte Kanonade. Etliche Corps unter dem Befehl des General Billot suchten hier, unterstützt von der Artillerie der Forts, den Rückzug der Hauptarmee zu decken. Unter solchen Umständen fand es der schweizerische Brigadecommandant für angemessen, beim Obercommandanten um neue Verhaltungsbefehle nachzusuchen, und diese lauteten nun dahin, den Uebertritt der Armee nach Niederlegung der Waffen zu gestatten. In der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar kam der schweizerische Obergeneral selbst nach Verrières, der Uebertrittsvertrag wurde abgeschlossen, und nun begann der Einmarsch der geschlagenen und bis dahin verfolgten Armee.

In endlosen unübersehbaren Zügen in der noch kaum angebrochenen Dämmerung des eisigkalten Wintermorgens, mehr einem gespenstigen Heereszuge, denn einer wirklichen Armee von Lebendigen gleichend, bewegten sie sich heran, die numerisch noch so gewaltigen, aber in ihrer physischen und moralischen Erschöpfung zu gänzlicher Ohnmacht verdammten, in Hunger und Elend verkommenen Trümmer der Ostarmee. Sie kamen mit Reserve, Munitionspark, Mitrailleusen und Gebirgsbatterien, vielfach in buntem Durcheinander, Infanterie, Cavallerie und Artillerie, Zuaven, Turcos, Freiwillige, Ulanen, Lanciers, Kürassiere in weiten blutrothen, und Dragoner in zerfetzten weißwollenen, schmutzigen Mänteln – eine Maskerade, aber eine bunte Maskerade des Todes und der Zernichtung.

  1. Ein ausführlicheres Charakterbild des jedenfalls bedeutenden Mannes wird die Gartenlaube noch im Laufe der nächsten Wochen bringen.
    D. Red.
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 218. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_218.jpg&oldid=- (Version vom 2.4.2020)