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Seite:Die Gartenlaube (1871) 150.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1871)


„Dann muß sie mit einer Axt eingeschlagen werden.“

„Das kann uns bei dem tollen Feuer von drüben einen, das kann uns zwei Mann kosten; denn sie werden diese gerade zum Zielpunkte nehmen,“ bemerkte Lieutenant Kramer-Möllenberg.

„Nein, nein,“ versetzte der Hauptmann, „nicht ein Haar soll meinen Leuten von diesen Schurken gekrümmt werden, die Unsrigen haben sich in diesen Tagen im offenen Gefecht gegen den Feind so brillant benommen, daß ich ihr Lebens gewiß nicht dieser Schurkerei zum Opfer, selbst nicht in Gefahr bringen will. Wer ist hier?“

Klagende, bittende Laute wurden im Rücken des Compagnieführers hörbar. Derselbe wandte sich um und blickte in die Jammermienen der beiden Collegen des Aumoniers. Der Eine derselben nahm das Wort.

„Oh, mon capitaine, ist es wahr, daß unser Bruder erschossen werden soll – und gleich auf der Stelle? O Barmherzigkeit! O, schonen Sie seiner, die Franctireurs haben sich des Hauses bemächtigt, was konnten wir gegen sie ausrichten? Wir mußten sie gewähren lassen. O, schonen Sie seiner!“

„Gut, ich werde Gnade für Recht ergehen lassen – ich will Ihrem Collegen sogar auch die Strafe schenken –“

„O Dank, Dank!“

„Wie gut, wie großmüthig Sie sind!“

„Halt, meine Herren, nicht zu schnell, ich bin nicht so großmüthig, wie Sie denken, denn bei Ihnen ist es manchmal nicht angewandt; ich spreche nicht so leicht von Schuld und Strafe los. Ihr Herr College muß sich sein verwirktes Leben wieder verdienen.“

„Aber wie, mon capitaine?“

„Was können Sie darunter verstehen?“

„Sie kennen das Haus, das links hier an dieses anstößt, und dessen Thür geschlossen ist.“

„Die Einwohner sind geflohen, mon capitaine.“

„Das ist kein Grund, daß man es nicht öffnen soll. Ihre Landsleute dort hinter den Knicks werden mir zu hitzig; sie verdienen eine energische Lection von unserer Seite, darum ist mir das Haus nothwendig. Ihr Herr College wird eine Axt nehmen und die Thür einhauen.“

Oh, mon capitaine, unter diesem starken Feuer!“

„Wenn ihn eine Kugel träfe!“

„Dann ist es immer besser, sie trifft ihn, als einen braven Soldaten. Sie wird ihn aber nicht treffen; auf meine Leute würden Jene drüben gehalten haben, auf den Franzosen – den Priester – werden sie nicht zielen. Sagen Sie ihm, das ist meine Bedingung.“

Nach einigen Minuten trat der Priester mit einer starken Axt aus der Hausthür der Ambulance und machte sich daran, die gelbe Thür des Nebenhauses einzuschlagen; er führte einen ganz kräftigen Hieb, denn schon nach einigen Schlägen gab diese seinen Anstrengungen nach. Der Hauptmann hatte vollkommen Recht gehabt, es wurde keine Kugel nach dem Manne im schwarzen Kleide geschickt, es war aber auch für den Capitain und seine Leute kein Verlust zu beklagen; im Laufschritt rückten sie aus dem Hause in das andere, und als die feindlichen Kugeln ankamen, waren sie schon Alle geborgen und richteten ihr Feuer mit der ihnen eigenen Zielsicherheit und Energie nach der feindlichen Stellung, die denn auch bald gänzlich zum Schweigen gebracht wurde.

Schneller mag wohl der Priester nie einen Weg zurückgelegt haben, als den von der geöffneten Hausthür nach seiner Ambulance zurück, in zwei Sprüngen war das geschehen, und merkwürdig – in dem Momente, wo er sein Haus wieder erreicht hatte, zerschmetterte eine Kugel den Stab der Fahne, die aus dem Fenster heraushing, und prasselnd fiel das weiße Tuch mit dem rothen Kreuze, das in diesem Hause entweiht worden war, zu seinen Füßen nieder.




Aus dem geheimen Polizeileben des ersten französischen Kaiserreichs.
Die Kinderpolizei. – Die Polizeidiners. – Die cytherische Cohorte.


Es ist bekannt, daß Ludwig der Vierzehnte neben anderen ebenso abscheulichen Mitteln besonders seiner geheimen Polizei, die wie ein Netz ganz Europa überzog, den ungeheuren Einfluß verdankte, den er in allen politischen Angelegenheiten übte. Dieses niederträchtige, verrätherische Spionirsystem erbte sich in Frankreich von Regenten zu Regenten fort, und ward, wenngleich mit einigen Aenderungen, die durch die Zeit geboten waren, auch von dem ersten Napoleon so umfassend adoptirt, daß man sich nicht wundern darf, wie genau Napoleon von allen europäischen Verhältnissen unterrichtet war, und wie überraschend bestimmte Instructionen er in gewissen Fällen ertheilen konnte.

In Wahrheit entrollt sich, trotz der strengen Geheimthuerei, gerade unter Napoleon dem Ersten ein Bild so schlimmer sittlicher Verdorbenheit in den gouvernementalen Kreisen, daß man erschrocken den Blick abwenden möchte von einem Gebäude, dessen morsche und verfaulte Stützen in jedem Momente zusammenzustürzen drohten, und daß nur aus dieser Erkenntniß die Anstellung eines der elendesten Verbrecher, den je die Welt gesehen, Eugène François Vidocq (1775–1857) zum Chef der geheimen Polizei, eines aus Spionen und entlassenen Sträflingen bestehenden Polizeicorps, begreiflich wird. Man irrt jedoch, wenn man glaubt, daß mit diesem Corps die ganze geheime Polizei Napoleon’s abgethan war. Im Gegentheil darf man behaupten, daß das ganze von Napoleon aufgerichtete Kaiserreich sich in seinen Hauptfundamenten wesentlich auf die Polizei stützte, daß jeder Staatsmann und General, wie eine Unzahl Geistlicher Antheil an dieser Polizei hatte, ohne kaum einmal zu ahnen, daß er doch selbst wieder im Geheimen von der Polizei überwacht wurde. Denn nicht allein aus den höchsten Beamten und Würdenträgern bestand die geheime Polizei: es wurden Schriftsteller, Rentiers, Handwerker, Komödianten, Seiltänzer etc. mit herangezogen, selbst Greise mit schneeweißen Haaren und voll Altersgebrechen, denen man auf dem kurzen Wege zum Grabe am wenigsten Verrath und Angeberei zutrauen konnte, wurden für die Zwecke der geheimen Polizei benutzt, und so war denn keine freundschaftliche und vertrauliche, keine verwandtschaftliche Mittheilung, kein berechtigter Wunsch, kein Ausdruck froher Laune oder herben Schmerzes mehr sicher vor dieser Polizei.

In der Reihe jener neuen Erfindungen, welche die unter Napoleon dem Ersten mit dem schamlosen Laster identisch gewordene französische Polizei einzig in ihrer Art zu machen verstand, gehört die Kinderpolizei zu den feinsten und scheußlichsten. Die geheime Polizei hatte zu ihren Werkzeugen eine Zahl von Kindern beiderlei Geschlechts ausgesucht, welche sich durch anmuthige Gestalt und frühzeitig entwickelten Verstand auszeichneten. Diese Kinder, häufig nur fünf Jahre alt, wurden zu der Kunst abgerichtet, sich unter die Leute zu schleichen, deren Gesinnung und Meinung die Polizei kennen lernen wollte, und welche zu vorsichtig waren, um sich von älteren Personen ausholen zu lassen. Die Jugend dieser kleinen Mouchards konnte keinen Verdacht erregen; in ihrer Gegenwart äußerte man sich rückhaltlos; kein Wort aber entfiel dem Gedächtniß dieser kleinen Bösewichter, und bald wußte die Polizei, welche sie abgeschickt hatte, genug, um die Personen zu Grunde zu richten, welche sie hatte aushorchen lassen.

Boten sich besondere Schwierigkeiten für die unverfängliche Annäherung der Kinder an die Verdächtigen, so mußte das erlesene Kind sich Abends an eine Ecke der Wohnung dieser Leute stellen und bei deren Nachhausekunft ein durchdringendes Geschrei erheben; man fragte natürlich, was ihm fehle, worauf es hieß, daß das Kind sich verirrt habe. Ein falscher Familienname wurde genannt; der Name der Straße, wo das Kind wohnte, konnte nicht angegeben werden: wer hätte ein verirrtes Kind von sechs Jahren, das reinlich und ordentlich gekleidet war und sehr niedlich aussah, von sich stoßen mögen? Am andern Morgen konnte es seinen Weg wohl allein finden. Es wurde mit in’s Haus genommen, es wurde der Lieblingsfreund der Kinder des Hauses, und am andern Tage richtete das kleine Ungeheuer seinen Wohlthäter, der sich seiner so liebreich angenommen hatte, vielleicht zu Grunde, indem es Denjenigen, die es geschickt hatten, alle Geheimnisse offenbarte, welche es in dem gastfreien Hause gehört hatte.

Ein sehr trauriges Beispiel der Art erfuhr ein Herr Talbot in

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 150. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_150.jpg&oldid=- (Version vom 23.2.2020)