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Seite:Die Gartenlaube (1870) 855.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1870)


Kranken sicher geborgen im Schlafe ihre Fieberträume vor sich hin. Lautlos und lebendig glitt beim unsichern Scheine des Nachtlämpchens der barmherzige Bruder, die barmherzige Schwester von einem Bette zum andern, sorglich zu lauschen auf jeden Athemzug in engelhafter Milde, zu trösten und kühlende Arznei darzureichen. Wohl erschreckte sie dann und wann ein Schmettern und Prasseln herabgestürzter Schornsteine und Dachziegel, aber gegen Morgen legte sich der Sturm und Todtenstille breitete sich über die ganze Natur. –

Da plötzlich fuhren die Bewohner der Hütte des Waldsaums oberhalb Saltenowen aus dem Schlafe auf und lauschten. Ein seltsames Geräusch hatte sie geweckt – oder ein böser Traum, der ihnen vorgespiegelt, die Deiche seien gebrochen? Aber das Geräusch dauerte fort und fort. War es der Orkan? Nein, es war ein fernes Donnern, ein Rollen, ein Rauschen, wie wenn ein Gewitter aufzöge. Ein Gewitter jetzt schon im März? Das konnte nicht sein. Die Erde zitterte, als führen schwere Lastwagen vorüber. Näher und näher kam es, das Grauenvolle, Unbegreifliche, – ein Druck, eine Erschütterung ward fühlbar, es mußten sich wuchtige Massen heranwälzen, das Gebälk der schwachen Hütte ächzte leise. Taumelnd vor Entsetzen sprangen die Menschen in der Dunkelheit vom Lager auf, wohin sie traten, wohin sie griffen, – Nässe! Da war nicht Zeit zu überlegen, zu denken, ein Rauschen und Tosen ringsum, als ginge die Welt unter, – ein Stoß von außen an die Wände, ein Stoß von einem scharfen, harten Gegenstande, und jetzt legte sich’s drängend erdrückend um das Haus, der leichte Fußboden begann sich zu heben, das Gebälk zu weichen, ein Krachen, ein Schwanken, das ganze Haus ward aufgelüpft wie ein Schiff, ein leckes, berstendes Schiff – noch ein Ruck, – ein Schrei und es ging aus den Fugen, ein Trümmerhaufen trieb mit der brüllenden Wassermasse dahin und zwischen Balken, Brettern und Eisschollen rangen hülflos Menschen und Thiere mit dem Tode. Weggespült weit und breit die leichten Hütten. Das Auge sah nichts als Wasser in dem dämmernden Zwielicht und das Ohr hörte nichts als Wehgeheul durch das dumpfe Brausen. Zur Wasserwüste waren die Gefilde verwandelt, und immer neue Massen stürzten die Niederung herunter, die gewaltigen Eisschollen als Mauerbrecher mit sich führend und zwischendurch Hausdächer und Balken treibend, an denen sich Männer, Weiber und Kinder angeklammert hatten.

„Der Damm ist gebrochen!“ erscholl weithin der Angstschrei und rüttelte die Schläfer auf und peitschte sie noch schlaftrunken mit Sturmeseile vor dem sturmesschnellen Verhängniß her hinauf auf die Hügel – auf die Bäume, was Füße, was Hände hatte, ja auf die Schultern des Nachbars, wenn nichts Besseres zu erreichen war. Einer riß den Andern nieder, um sich über ihn emporzuschwingen im blinden Triebe der Selbsterhaltung, im erstickenden Schreckensgefühl, denn der Feind war ja schon da, schon hier, schon dort – überall, und bedrängte das arme Leben von allen Seiten – unausweichlich, unentrinnbar – alles Kämpfen war nur noch ein Todeskampf! –

Und weiter, immer weiter ergoß sich der rasende Schwall. Wo noch Zeit war, rissen die Menschen ihre Typhuskranken aus den Lazarethen und schleppten sie mit sich dem Walde zu. „Hinüber nach dem Schornberg auf’s Schloß!“ war die Losung, und sie keuchten mit ihrne Kranken den Hügel hinan, und der feige zitternde Mann da oben auf dem Schlosse sah sie mit Entsetzen nahen und die Pest mit sich schleppen, die er mehr als Alles fürchtete. Das Haar sträubte sich ihm, als sie mit ihren Fäusten an das Thor schlugen, Einlaß für sich und die Typhuskranken begehrend. Wenn sie es wüßten, daß er es war, der das Gräßliche über sie brachte! Es war ihm, als käme mit den sinnlosen fiebernden Schaaren die Rache herangezogen, er sah sie mit dunkeln Flügeln über ihnen schweben, und er hörte wieder das Todtengeläut der zersprungenen Glocke, und die schwarze Fahne kam wieder aus den Lüften herab und senkte sich über ihn, ein schweres weites Leichentuch. Er brach ohnmächtig zusammen. Indessen rüttelten die Leute immer ungestümer an dem verschlossenen Thor und flehten um Obdach für ihre Kranken.

Von Saltenowen herüber erscholl ein Getös, das war die Fabrik, die zusammenstürzte, die Nährmutter der halben Gegend – und Viele stießen ein lautes Wehklagen aus. Da brach sich ein Mädchen vom Walde her Bahn durch den Aufruhr. Mit gelösten Haaren, von Blut überströmt, wie eine fliehende Mänade flog sie mehr, als sie ging, den Berg hinauf. „Schlagt ihm die Thüren ein, hängt ihn!“ schrie sie schon von Weitem mit letzter Kraft und oben angekommen stürzte sie zusammen, aber wie der Schrei einer Möve, die auf ihr Opfer niederstößt, schrillte ihr Ruf „hängt ihn – er hat’s gethan!“ weithin über das Gedräng.

Wer hat’s gethan, was gethan?“ riefen die Leute durcheinander und bemühten sich, das Mädchen aufzurichten. Es war die Tochter des Deichwächters am Haasznensee, ein wildes kraftiges Masurenkind, aber es war wie zerschmettert und von Sinnen, es mußte Uebermenschliches ausgestanden haben. Da plötzlich krachte ein Schuß aus einem Fenster des untern Stockwerks, und die Kugel ging gerade an der Stirn des Mädchens vorbei und warf einen Mann nieder.

„Oho,“ brüllte der Haufe durcheinander, „auf uns schießen? was thun wir Euch denn? wo sollen wir uns denn hin retten in der Sündfluth?“

Ein zweiter Schuß krachte.

Jetzt fuhr das Mädchen in die Höhe. „Ja, schieß’ nur, Du Wolf, Du machst mich doch nicht stumm,“ schrie sie und rettete sich hinter einen Baum, indeß die Leute auseinander gestoben waren.

„Nein, flieht nicht,“ rief sie ihnen athemlos zu, „der Schuß galt nur mir, damit ich’s nicht sagen sollte, aber, wenn’s mein Tod ist, ich sag’s doch. Der Graf und der Verwalter haben mit den Bahnarbeitern den Deich am Haasznensee durchstochen und meinen Vater ermordet.“

Ein unbeschreiblicher Tumult erhob sich.

„Mich hatten sie in der Hütte eingesperrt, aber ich habe Alles gehört, wie sie meinen Vater bereden wollten, und wie sich der Vater zur Wehre setzte und um Hülfe rief, und wie sie ihn todtschlugen! Und ich habe Alles versucht, aber ich brachte die Thür nicht auf, und das Fenster war zu eng. Aber als das Wasser kam und die Hütte wegschwemmte, da riß es mich mit fort und schleuderte mich an einen Baum, daß ich mich anklammern konnte und nach dem Walde fliehen.“

Das Mädchen hatte jedes Wort einzeln herausgestoßen, und jedes war von einem Aufschrei der Menge begleitet worden. Ein Schuß um den andern fiel aus den Fenstern des Schlosses, jetzt ging es um Leben und Tod.

„Paula,“ schrieen die Männer, „kannst Du’s beschwören?“

„Ja, beim Herrn Jesus und beim Botzek und bei allen Heiligen,“ schluchzte das Mädchen und hob die Arme gen Himmel. „Laßt ihn nicht leben, hängt ihn, steinigt ihn, werft ihn in's Wasser – ihn und den Verwalter und mich dazu, – denn der Graf war – mein Liebster.“

Und sie warf sich auf das Gesicht nieder und raufte sich die Haare, das Blut floß ihr aus einer Kopfwunde über die Hände, denn die stürzenden Balken ihrer Hütte hatten sie getroffen, aber sie achtete es nicht, ihr war Schlimmeres geschehen als das.

Wieder krachte es dumpf von Saltenowen herüber, wieder mußte ein Gebäude zusammengebrochen sein, man hörte ganz deutlich das Geschrei der Menschen und Thiere von den Salten’schen Gehöften.

Das war die begleitende Melodie zu dem Klagelied des verzweifelnden Mädchens. Wie ein neuausgebrochener Strom, so schwoll jetzt die Wuth des zu Grunde gerichteten frierenden obdachlosen Volkes gegen den Urheber all’ des Gräßlichen an. Donnernd fielen die schweren Fäuste gegen die Laden des Erdgeschosses. Sie achteten nicht mehr der Flintenschüsse, die auf sie gefeuert wurden, Schulter an Schulter stemmten sie sich gegen das Portal. Denn der Masur ist träge, stumpf und geduldig wie der Stier, aber einmal zum Aeußersten gebracht, nimmt er wie dieser seinen Peiniger auf die Hörner und schleudert ihn in die Luft. – Ein Anlauf, ein zweiter, ein dritter, prasselnd schlug die eichene Thür nach innen zu Boden und darüber hinweg ergoß sich die tödtliche Fluth der Rächer.

„Laßt mich Euch führen, ich kenne hier Wege und Stege!“ schrie Paula, und wie ein Würgengel eilte sie Allen voran die Treppen hinauf, hinter ihr her die tobende Schaar. Selbst die Kranken, die nicht mehr hatten gehen können, rafften sich auf und taumelten mit und die Wuth flammte aus den rothen fieberhaft verzerrten Gesichtern. Schlag auf Schlag fielen die verschlossenen Thüren der Gemächer, eine nach der andern, und nun begann eine Hetze auf die Missethäter so voll grausamer Jagdlust, als gelte es

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1870). Leipzig: Ernst Keil, 1870, Seite 855. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1870)_855.jpg&oldid=- (Version vom 9.3.2019)