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Seite:Die Gartenlaube (1868) 465.jpg

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verschiedene: Die Gartenlaube (1868)

No. 30.   1868.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.
Wöchentlich bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Die Brüder.
Von Adolf Wilbrandt.


In meiner Vaterstadt lebte am Ausgang des vorigen Jahrhunderts, zur Zeit der französischen Revolution, ein Brüderpaar, dem das seltsamste Geschick widerfahren sollte, welches Brüdern von solcher Art und Gesinnung begegnen kann. Sie waren beide soeben erst zur Mündigkeit herangereift, sie hatten miteinander verschiedene deutsche Universitäten besucht, mehr um ihre allgemeine Bildung zu vollenden, als um fachmäßige Kenntnisse zu erwerben, und waren nun, durch den Tod des Vaters völlig verwaist, im Begriff, die von ihm ererbten Güter anzutreten. Man nannte sie in meiner Vaterstadt nur „die Brüder“ und kannte sie allgemein, denn ihr Reichthum, ihre jugendliche Anmuth und ihre Unzertrennlichkeit machten sie auffallend. Seit ihrer Wiegenzeit hatten sie Alles miteinander getheilt; sie waren von gleicher Größe, und man sah die beiden schlanken Gestalten stets nebeneinander, in gleicher Kleidung, durch die Straßen gehen. Und in ihren ständigen Begleitern, den beiden klügsten und gelehrigsten Windhunden der Stadt, schien sich derselbe Gedanke der Natur zu wiederholen: sie waren sich ebenso gleich und ebenso unzertrennlich, wie ihre Herren. Das Zusammenleben dieser zwei Paare schien für alle Zukunft fest bestimmt zu sein, denn die herrschaftlichen Güter der beiden Brüder lagen Scheide an Scheide, und wie sie schon als Kinder daran gewöhnt waren, auf ihren kleinen „Schweden“ von einem Hof zum anderen hinüberzureiten, so hatten sie auch ihre Hunde gelehrt, Zeitungen und Briefe in der Blechkapsel am Halse hin und her zu tragen. Indessen, ehe die jungen Männer sich entschlossen, aus ihrem ungebundenen Jugendleben sich in die ländliche Arbeitsamkeit zurückzuziehen, waren sie noch einmal in die Stadt gekommen, genossen hier unruhig gesellige Tage und Wochen, und die theilnehmende Neugier der Frauenwelt kam überein, daß der Zweck dieses Aufenthaltes sei, sich nach dem letzten Wunsch ihres Vaters schon jetzt, nach Ablauf der Trauerzeit, zu beweiben.

Diesem ehrwürdigen Wunsche (den die Mehrzahl der jungen Mädchen im Lande mit dem Verstorbenen theilte) stand nur ein seltsames Versprechen entgegen, das die Brüder sich gegenseitig gegeben hatten und das aus ihrer schwärmerischen Liebe zu einander entsprang: keine Verbindung einzugehen, die in irgend einer Weise ihr brüderliches Zusammenleben beeinträchtigen könnte. Sie nahmen dieses Versprechen, in ihrer jugendlichen Unerfahrenheit, im genauesten Sinne; sie begriffen noch nicht, daß irgend eine Macht über sie kommen könne, die der Ueberschwänglichkeit dieser Bruderliebe überlegen sei, und vor Allem hatten sie den Grundsatz aufgestellt, daß Keiner einen Herzensbund schließen dürfe, dem nicht die rückhaltloseste Zustimmung des Anderen gewiß sei. Indessen hatten sie bisher nur die sonderbare Erfahrung gemacht, daß sie sich Beide in dieselben Mädchen verliebten, ein Geschick, über welches sie miteinander lachten und dessen Folge beiderseitige Abkühlung und Erkältung gewesen war. Die Bereitwilligkeit, mit der sie sich diese kleinen Romane gegenseitig geopfert hatten, machte sie zuversichtlich und erhöhte ihr brüderliches Gefühl, und unter ihren lustigen Cameraden war es eine ausgemachte Sache, daß den Unglücklichen nichts übrig bleiben werde, als in Gemeinschaft zu heirathen.

Gleichwohl waren die Brüder so verschiedene Menschen, wie Kinder desselben Blutes und derselben Erziehung nur immer sein können. Wilhelm, der ältere, blonde, hatte ein so rasches, zufahrendes Temperament, wie das des anderen innerlich und bedächtig war; seine Züge voll Offenheit, seine Geberden beredt, seine blauen Augen die zutraulichsten, die man sehen konnte. Der jüngere, Karl, verrieth durch nichts, daß er jünger war; im Gegentheil, man mußte ihn für den älteren halten. Er war etwa um ein Jahr hinter Wilhelm zurück, sein Gesicht wie sein Charakter um mehrere Jahre gereifter. Seine hellbraunen Augen, mehr nach innen gekehrt, übten eine stillschweigende Macht über den Anderen aus, die dieser fühlte und liebte: denn es war für Wilhelm’s weiblichere Seele ein Genuß, den angebeteten Bruder sich überlegen zu wissen. Er bewunderte ihn. Er war überzeugt, daß ihm keine menschliche Fähigkeit fehle. Seit ihren Knabenjahren hatte er sich gewöhnt, in allen wichtigen Dingen seiner Meinung zu folgen. Er hielt es für des Bruders Vorrecht, sehr viel weiser und demgemäß auch stiller und selbstbewußter zu sein, und für das seine, sich ohne alle Sorge gehen zu lassen und seinen thörichteren Wallungen zu folgen.

Beide waren wohlgestaltet und edle Erscheinungen, aber Wilhelm’s Züge regelmäßiger, schöner. Seine nordisch weiße Haut leuchtete in die Ferne. Er war immer um ein Weniges zierlicher in der Kleidung, als sein jüngerer Bruder. Er liebte es, die Haare noch nach alter Weise zu kräuseln und zu pudern, als der revolutionär gesinnte Karl schon zur vollen Natur zurückgekehrt war, und mit Widerstreben hatte er sich an dessen Beispiel angeschlossen und die Kniestrümpfe mit hohen Stiefeln vertauscht. Seine Handschrift war sauberer, eleganter. Er schien mehr den Mädchen, der Andere mehr den Frauen zu gefallen.

Die letzten Tage des Mai waren herangekommen, ihre Abreise nach den wenig entfernten Gütern stand bevor; man gab sich alle Mühe, ihnen diese Abreise sehr schwer und das Heimweh nach

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verschiedene: Die Gartenlaube (1868). Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1868, Seite 465. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1868)_465.jpg&oldid=- (Version vom 15.9.2022)