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Seite:Die Gartenlaube (1865) 180.jpg

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verschiedene: Die Gartenlaube (1865)

probirt und hätte gezeigt, daß sich ein ordentlicher Rheinpälzer nicht vor ihm fürcht’ – ich hätt’ ihn gewiß gefangen!“

„Meint Ihr?“ lachte der alte Bauer. „Solche Hieselfanger hat’s schon mehrere gegeben, aber sie habens Alle wieder bleiben lassen!“

„Ich nicht!“ rief der Krämer. „Der Hiesel kann von Glück sagen, daß er schon eingefangen ist – bei mir wär’ er nicht so gut weggekommen! Ich hab’ schon als in der Palz von ihm reden gehört und hab’ mich schon hergericht’t uf die Rees’ und hab’ mein Kamerade’ den Tiras da drunten dressire lasse’ – der steht seinen Mann, der hätt’ mir den Hiesel schon gefangt … Da, der Herr ist ein Jäger,“ fuhr er fort, sich zu dem Fremden wendend, „also ein Sachverständiger – der soll mir’s bestätigen, ob ich nicht Recht hab’!“

Der fremde Jäger lächelte eigenthümlich, indem er bald den Hund, bald dessen Herrn betrachtete. „Ich kenne den bairischen Hiesel nicht und weiß nicht, wie stark er ist,“ sagte er dann, „aber der Hund ist so schön und groß, wie ich noch keinen gesehn hab’, und wenn er gut abgerichtet ist, hat er nicht leicht seines Gleichen!“

„Na, da hört Ihr’s!“ rief der geschmeichelte Krämer. „Wenn ich den Tiras auf ihn gehetzt hätte und hätte gerufen ,Huß Tiras! Faß, Faß’ … der Hund hätt’ ihn am Kragen gepackt und niedergerissen, daß er das Aufstehn vergessen hätte!“

„Ist der Hund nicht feil?“ fragte der Jäger leichthin.

„Nee, die Kränk’! Den geb’ ich nicht her, nicht um’s Dreifache, was er werth, ist! Ist gar ein wachbares Thier, ich könnt ihn bei meinem Kasten mutterseelenallein mitten im Wald liegen lasse, es thät mir doch kee Mensch was anrühre …“

„Das ist schade – ich hätte gern seine Stärke probirt!“

„Das wollt’ ich dem Herrn als guter Freund nicht rath’n. Die Kränk’, da könnt’ Er bös weg komme’, der könnt’ Ihm ein paar Fetze’ vom Leib reisse’, daß nur so eine Art hätt’ …“

„Das ist meine Sache,“ rief der Jäger und stand auf. „Ich will den Hund probiren, hetz’ Er ihn einmal auf mich.“

„Das werd’ ich bleibe lasse,“ erwiderte der Krämer, „das könnt’ ämol ne schene Geschicht’ abgebe …“

„Kein Mensch wird Ihm etwas anhaben, wenn Er thut, was ich selber verlange … die Leute alle sind Zeugen. Will Er den Hund auf mich hetzen oder nicht?“ Blick und Ton, womit diese Frage, obwohl anscheinend ganz gleichgültig, begleitet war, hatten etwas so Wildes und Befehlendes, daß der Krämer nicht recht wußte, wie ihm geschah. „Die Kränk’,“ stammelte er ganz verwirrt, „wenn der Herr durchaus verrisse sei will, so kann ich Ihm ja das Vergnüge mache … Ich will aber keene Schuld habe, die Herrn Bauern da müssen mir’s bezeuge …“

„Ich gehe über die Stiege hinunter,“ sagte der Jäger, „sobald ich Drei zähle, lass’ Er den Hund los …“

Das gewaltige Thier schien eine Ahnung dessen zu haben, was vorging; es hatte sich erhoben, schüttelte den Kopf und streckte Leib und Pranken, als ob es im Spiele die Kraft seiner Muskeln zeigen und üben wolle. Der Krämer hielt den Hund am Halsbande gefaßt; die Bauern drängten zu Stufen und Geländer, um sich das Schauspiel des merkwürdigen Kampfes nicht entgehen zu lassen.

Jetzt ertönte der verabredete Ruf; „Hussa! Hussa!“ rief der Krämer, den Hund loslassend. „Faß, Tiras! Faß!“ Wie ein aus dem Käfig entsprungenes Raubthier stürzte der Hund die Stufen hinab und war in zwei Sätzen an seinem Mann, den er mit gewaltigem Sprunge, sich hoch aufrichtend, im Nacken zu fassen versuchte; blitzschnell aber hatte der Jäger sich gewendet, daß sie sich nun von vorn gegenüber standen. Die Pranken des Hundes lagen auf den Schultern des Mannes, sein Kopf war fast dessen Gesicht gegenüber – die eine Hand des Angegriffenen hielt den Hund an der Kehle, mit der andern war er ihm in den Rachen gefahren und hielt dessen Unterkiefer mit aller Macht gefaßt. Das gewaltige Thier machte mit dem Aufgebot all’ seiner Kräfte furchtbare Anstrengungen seinen Feind aus deim Gleichgewicht zu bringen und sich von der zwängenden Klammer zu befreien; es stieß ein wildes Geheul aus, das dann in ängstliches Knurren und zuletzt in Gewinsel überging. Es zog den Schweif ein und ließ die Pranken sinken, der Jäger zog die Hände zurück, aber er hielt das Auge unbeweglich auf das des Hundes geheftet, der wie gebannt, als könne er den Blick nicht ertragen, sich niederlegte und ängstlich bis zu den Füßen seines Bezwingers kroch.

Die Bauern stießen ein lautes Beifallsgeschrei aus, während der Krämer voll Zorn und Aerger alle Farben spielte und nicht übel Lust zu haben schien, den Hund seiner Niederlage wegen zu züchtigen. Er unterließ es aber, denn Tiras knurrte bedenklich und fletschte ihm die Zähne entgegen; der fremde Jäger hatte sich abgewandt und schritt, als ob nichts Besonderes vorgefallen, dem Hause zu.

Am Ende der Treppe stand der Fuhrmann, welchen der Lärm ebenfalls herbeigelockt hatte. „Grüß’ Gott …“ murmelte er dem Vorübergehenden zu.

Dieser warf ihm einen flüchtigen Blick zu und eine widrige Empfindung malte sich in seinen ausdrucksvollen Zügen. „Du hier?“ flüsterte er. „Was bringst Du?“

„Nichts!“ tönte es flüchtig entgegen. „Auf Mariä Geburt … im Augsburger Bannwald …“

(Fortsetzung folgt.)




Der Dichterfürsten erstes Begegnen.

In dem Hause des Cantors zu Volkstädt, einem freundlichen Dörfchen in der Nähe von Rudolstadt, saß ein jüngerer Mann von ungefähr neunundzwanzig Jahren an dem einfachen Schreibtisch von weißem Fichtenholz. Rastlos flog die Feder über das Papier, während die scheidende Sonne seine eher interessanten, als schönen Züge beleuchtete. Die hohe, prächtig geformte Stirn, gleichsam der Tempel des Genius, der fein geschnittene Mund und selbst die energisch gebogene Adlernase verliehen ihm das deutliche Gepräge geistigen Adels, das allerdings durch das röthlich-blonde Haupthaar, die vielen Sommersprossen der bleichen Wangen und die gedrückte Haltung der langen, schmächtigen Figur einigermaßen beeinträchtigt wurde. Ein mildes, verklärendes Lächeln der Zufriedenheit schwebte um seine Lippen, als er jetzt seine anstrengende Arbeit beendet und sein Tagewerk für heute schließen durfte. Schnell griff er, noch immer lächelnd, nach Hut und Stock, steckte ein Buch in die weiten Taschen seines langen, braunen Rockes und trat, hochaufathmend und die angenehme Kühle des hereinbrechenden Abends genießend, in’s Freie. Mit sichtlichem Vergnügen ließ er seine Augen über das blühende Thal, die frischen Wiesen und die blauen Linien der Berge zu beiden Seiten schweifen, dann verfolgte er den Silberlauf des Flusses, indem er den schattigen Fußpfad nach dem kaum eine halbe Stunde entfernten Rudolstadt einschlug, dessen stattliches Fürstenschloß im goldenen Schimmer der Abendröthe ihm entgegenstrahlte. Bald hatte Schiller, der hier in stiller Zurückgezogenheit an seinen unsterblichen Werken arbeitete, das Ziel seiner Wanderung, ein freundliches Häuschen mit einem wohlgepflegten Garten, erreicht. Hier wohnte die ihm befreundete Wittwe des Landjägermeisters von Lengefeld mit ihren beiden Töchtern Caroline und Charlotte, denen auch heute wie fast an jedem freien Abend sein Besuch galt.

Die hochgebildete Familie hatte von jeher dem damals zwar schon bekannten und selbst bewunderten, aber erst nach einer festen Stellung ringenden Dichter eine wohlthuende Theilnahme gezeigt. Besonders lebhaft interessirten sich für ihn die beiden Töchter mit der den Frauen eigenen Verehrung für den Genius. Die ältere, Caroline, war eine ebenso anziehende wie bedeutende Erscheinung; fein und graciös, eine Meisterin auf dem Clavier und auch als Schriftstellerin hervorragend, voll tiefer Empfindung und feinem Verständniß selbst für die abstracte Gedankenwelt. Eine unglückliche Verbindung mit einem nicht geliebten Manne verlieh ihrem Wesen eine gewisse Schwermuth, ein Gefühl von Unbefriedigtsein, das sie nur um so interessanter erscheinen ließ. Dagegen war ihre jüngere Schwester Charlotte eine durchaus harmonische Natur, vielleicht minder begabt, obgleich sie trefflich zeichnete und ihre Gedichte und kleinen Erzählungen ein entschiedenes Talent bekundeten, aber um so reizender durch jugendliche Frische, innere Gesundheit

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verschiedene: Die Gartenlaube (1865). Ernst Keil, Leipzig 1865, Seite 180. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1865)_180.jpg&oldid=- (Version vom 8.11.2022)