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Seite:Die Gartenlaube (1860) 364.jpg

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verschiedene: Die Gartenlaube (1860)

mit seinem Freunde, Rabbi Isaak Satanof, gesessen, und von hier aus ging er gewöhnlich Morgens zwischen 7–9 Uhr nach dem nahen Nicolaikirchhofe, wo Lessing wohnte. – Wenige Häuser davon, in derselben Spandauer Straße Nr. 53, lebte im Juli und August 1804 ein Dichter, der nie Ruhe im Leben fand, den die Unruhe in den Tod trieb. Hier wohnte Heinrich von Kleist. Als er im August 1811 in der Mauerstraße Nr. 53 seine Wohnung hatte, war der Stern seines Glücks bereits dem Verlöschen nahe. Wenige Wochen darauf, am 21. Decbr. desselben Jahres, endete er sein Leben. Ist es nicht rührend, wenn er, der im Leben so selten, fast niemals Ruhe fand, am Morgen seines Todes seiner geliebten Schwester Ulrike schreibt: „Ich kann nicht sterben, ohne mich zufrieden und heiter, wie ich bin, mit der ganzen Welt und so weit auch vor allen Andern, meine theuerste Ulrike, mit Dir versöhnt zu haben. Du hast an mir gethan, ich sage nicht, was in Kräften einer Schwester, sondern in Kräften eines Menschen stand, um mich zu retten: die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war. Und nun lebe wohl; möge Dir der Himmel einen Tod schenken, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit dem meinigen gleich. Das ist der herzlichste und innigste Wunsch, den ich für Dich aufzubringen weiß.“

Und mit diesen Worten wollen auch wir unsere Wanderung für heute schließen, vielleicht nehmen wir dieselbe einmal später wieder auf.

Friede den Geschiedenen; Glück, Liebe und Anerkennung den Lebenden, dann wird auch ihnen der Friede nicht fehlen. Anerkennung ist das Brod des Geistes, das Manna der Seele!

F. B…


Jagddaguerreotypen.
Von Ludwig Beckmann, Maler in Düsseldorf.
I. Das Schwarzwild und seine Jagd in alter und neuester Zeit.

Das Schwarzwild oder Wildschwein (Sus scrofa), welches mit vieler Wahrscheinlichkeit für den Stammvater des zahmen Schweins gehalten wird, war in frühern Zeiten fast über den ganzen Erdboden verbreitet. – Wiewohl seiner ganzen Anlage nach ein dem gemäßigten Norden angehöriges Thier, finden wir es doch heutzutage auch unter den heißem Himmelsstrichen in zahlreicher Menge, sobald sumpfige Niederungen ihm die Mittel zur Existenz gewähren. Dagegen verschwindet es im höhern Norden, wegen Mangel samentragender Laubbäume und offener Moräste.

In den meisten europäischen Ländern hat die rastlos um sich greifende Bodencultur diese im Haushalt der Natur so nützliche, dem egoistischen Menschen aber höchst lästige Thiergattung bereits auf ein Minimum reducirt. Doch finden sich noch hin und wieder einzelne Bestände dieser Wildart unter geregeltem Jagdschutz und Abschuß und zwar vorzugsweise im nördlichen Deutschland. Freilich ist Alles nur noch ein Schatten vergangener Zeiten, und auch hier dürfte der Tag nicht so gar ferne sein, wo das letzte „Hauptschwein“ in den Park oder gar in’s Museum wandert. Es lohnte daher wohl der Mühe, zuvor noch einen Blick auf diese urwüchsigen, borstigen Söhne der Wildniß zu werfen und zugleich der verschiedenen, interessanten Jagdarten zu gedenken, welche von Alters her bis auf unsere Zeit gegen sie angewendet worden. Nur auf der Saujagd findet der deutsche Jäger mitunter noch Gelegenheit, Geistesgegenwart und Courage an den Tag zu legen, denn unsere sonstigen Wildarten geben bekanntlich unter allen Umständen Fersengeld, so lange ein Ausweg übrig bleibt. Daher ertheilten schon unsere Vorfahren der wehrhaften Wildsau das Prädicat „ritterlich“, während der stolze Hirsch nur „edel“ benamset wurde.

Das Wildschwein.

Beschäftigen wir uns zunächst mit der Naturgeschichte. Linné rechnet das Wildschwein, merkwürdig genug, unter die Thiere mit dem Pferdegebiß; – Cuvier und Andere placiren es unter die Vielhufer (Multungula), wiewohl die Structur seines Fußes dieselbe ist, wie bei dem unter die „Zweihufer“ gerechneten Hirsch. Ein Beweis, wie schwer es hält, die unendliche Schöpfungskette in bestimmte Gliederungen abzutheilen! – Sehen wir daher gänzlich von der Classification ab und beschäftigen uns desto angelegentlicher mit dem Individuum, welches sich von seinem zahmen, malpropren Collegen in gar mancher Hinsicht unterscheidet.

Das zahme Schwein.

Das Wildschwein ist bekanntlich kürzer, gedrungener und hochbeiniger als das zahme Schwein. Der bärtige Kopf nimmt beinahe ein Drittheil der ganzen Körperlänge ein, die kurzen, buschigen Ohren stehen straff aufwärts und sind in jeder Richtung leicht beweglich. Das kleine, cirkelrunde Auge mit dunkelbrauner Iris blinzt nur wenig unter den überhängenden Augenbrauen hervor.

Vom Nacken bis zur Mitte des Rückens erstreckt sich eine lockere Borstenmähne, welche im Affect emporgesträubt wird und namentlich beim männlichen Geschlecht (Keiler) sehr in’s Auge fällt. Ein zweiter, kürzerer Borstenschopf erhebt sich zu Anfang der abschüssigen Croupe und gibt der Rückenlinie des Wildschweins eine höchst charakteristische Form. Der Schwanz endigt in einen langen Zopf, hängt in der Ruhe gerade herab, ringelt sich etwas in der Bewegung und wird im Affect und auf der Flucht oft hoch emporgetragen.

Die Farbe ist im Allgemeinen ein dunkles Nußbraun mit Gelb und Grau stark melirt. Zur Winterzeit deckt den ganzen Leib eine dichte, graue Grundwolle, aus welcher die eigentlichen Borsten hervorragen. Letztere sind im Nacken oft über sechs Zoll lang, glänzend schwarz mit getheilter, gelbgrauer Spitze. Die Ohren, Beine und Schwanz sind jederzeit schwarz. Aeltere Exemplare dieser Wildgattung erscheinen oft hell, lehmfarbig oder mausefahl, am Kopf und Bart schön silbergrau gesprenkelt. – Die Jungen sind im ersten Sommer hell gelbgrau mit regelmäßigen, dunkelbraunen Längestreifen. Gefleckte Wildschweine entstehen durch Vermischung mit der zahmen Race.

Ein ausgewachsener Keiler mißt von der Schulter bis zum

Empfohlene Zitierweise:
verschiedene: Die Gartenlaube (1860). Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1860, Seite 364. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1860)_364.jpg&oldid=- (Version vom 20.8.2021)