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Verschiedene: Die Gartenlaube (1858)

No. 51. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Ich werde hingeh’n.


Ich werde hingeh’n wie der Strahl des Abends,
So wie der letzte Tageskuß verglüh’n;
Ich werde hingeh’n wie das Laub des Herbstes
Und nimmer mit dem Lenze neu erblüh’n.

Ich werde hingeh’n – Niemand wird es wissen
Und weinen um zerstörte Blüthenpracht:
Dies arme Herz, so jung und so zerrissen –
Wer hat bei seinem Leiden je gewacht?

Ich werde hingeh’n – Niemand wird es ahnen,
Daß auch ein Herz in diesem Busen schlug,
Das durch des Aethers unerforschte Bahnen
Des Geistes kühner, stolzer Fittich trug;

Daß auch ein Herz in diesem Busen glühte,
Für Gott und Menschen und Unsterblichkeit,
Und einst ein Leben in dem Leichnam sprühte,
Das keine Schranke kannt’ von Raum und Zeit.

Ich werde hingeh’n – Erde wird mich decken,
Und Alle geh’n vorüber, kalt und stumm;
Daß hier ein Leben im Erblüh’n gewelket,
Wer weiß es denn und wer – wer klagt darum?

Marie Wernicke.




Der Todtenbesuch am Skagerhorn.
Nach wirklichen Begebenheiten mitgetheilt von Ernst Willkomm.
(Fortsetzung.)


Die entsetzliche Oede von Skagenhorn, das bei dem Volke als eine von Gespenstern und Hexen bewohnte, jeglichem Menschen verderbenbringende Gegend verrufen ist, hält die abergläubigen Schiffer fern von dem mit vermorschenden Schiffsgerippen besäten Strande. Am allerwenigsten läßt sich ein Bewohner der weiter landwärts gelegenen Orte während eines Sturmes hier blicken. Und des Nachts flieht ihn vollends Jedermann. Das einzige menschliche Auge, das täglich und nächtlich auf diesen Graus fürchterlichster Zerstörung herabsieht, hat auf die Lampen des Leuchtthurmes zu achten. Für den Mann auf diesem Thurme gibt es vielleicht keine Schrecken mehr. Er ist so daran gewöhnt, daß ihm der Tag farblos und langweilig vorkommen mag, der ruhig und ohne einen Schiffbruch verläuft.

Vor uns, etwa eine Viertelstunde entfernt, sahen wir den stumpfen Thurm einer unscheinbaren Kirche oder Capelle. Der Ort war nicht eben hoch gelegen, doch mochte er nur bei hohen Sturmfluthen von den Meereswogen erreicht werden können. Auf dies Kirchlein, dessen Dach halb abgedeckt war, schritten wir jetzt zu.

Wir kamen aber nur langsam vorwärts, denn theils verhinderte uns die Wuth des Orkanes am Gehen, indem er uns wiederholt niederwarf oder doch zum Ausruhen nöthigte, um vom Luftdruck nicht erstickt zu werden, theils mußten wir über zahllose, aus dem Flugsande hervorragende Rippen und Planken zertrümmerter Schiffsreste klettern. So brauchten wir nahezu eine Stunde, ehe wir die Kirche erreichten.

Ein Kirchhof mit zerfallener Mauer zog sich um dieselbe. Er hatte, wie Alles, ein verödetes Aussehen und war offenbar schon mehrmals von brandenden Wellen überspült worden. Statt der Grabhügel sah man tief eingewühlte Gruben, die nur vom gierigen Wogenschwall der See herrühren konnten. Auch jetzt leckten die

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1858). Leipzig: Ernst Keil, 1858, Seite 729. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1858)_729.jpg&oldid=- (Version vom 17.3.2022)