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Seite:Die Gartenlaube (1858) 451.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1858)


auf unsern Frühstückstisch. Zwischen ihrem natürlichen Zustand und dem Verspeistwerden liegt ein Intermezzo ihrer Existenz welches sie in den sogenannten Austernparks zubringen. Austern nämlich, die unmittelbar frisch von der Bank kommen, riechen gewöhnlich nach Schlamm, sind hart, zähe und haben einen unangenehmen Geschmack, den man verbessern muß, und auch schon in den ältesten Zeiten verbessert hat. Die Austern von Venedig, von den Dardanellen, von der britannischen Küste, welche von den Römern besonders geschätzt wurden, mästete man erst eine Zeit lang im Lucriner See, bevor sie auf den Tafeln der Gourmands erschienen.

„In unserer Zeit beginnt die Austernernte, wenn man so sagen darf, Ende September, und hört im April auf in den Monaten, welche kein r enthalten, bricht man nirgendwo Austern, weit es ihre Laichzeit ist. Zum Brechen dient ein großes Schleppnetz, eine Art eiserner Harke, hinter der ein kupferner Behälter angebracht ist; dieser Apparat wird von einem Schiffe gezogen, das mit vollen Segeln fährt; das Netz rasirt die Oberfläche der Bank, und jeder Bruch bringt 1000 - 1200 Austern ein. Sowie sie gebrochen sind, werden die Austern in die Parks gebracht - große in Felsen oder Erde ausgehöhlte Reservoirs, worin man nach Belieben Meerwasser ansammeln und abfließen lasten kann. Diese Parks sind gewöhnlich, viereckig und ziemlich seicht; mit dem Meere stehen sie durch einen langen Canal in Verbindung, welche nach Belieben mittels einer Schleuße aufgehoben und wiederhergestellt werden kann, Während der Ebbe unterbricht man die Verbindung, mit dem Beginn der Fluth stellt man sie wieder her, um das Wasser zu erneuern. Sehr schädlich ist den Austern der Niederschlag von Schlamm; um dies zu verhüten, sind die Wände der Höhlung mit Kiesel oder Sand ausgekleidet; auch hält man deswegen in den Parks ein bestimmte Mischung von süßem und salzigem Wasser, welche erfahrungsmäßig dem Niederschlage von Schlamm entgegenwirkt. Auch spült man von Zeit zu Zeit die Wände des Parks ab, und gießt frisches Wasser auf die Austern, nachdem man sie vorher, einen Augenblick auf das Trockene gesetzt hat. Lebhafte Bewegung des Wassers vermeidet man soviel als möglich, indem dabei leicht Sandkörner in die Schalen kommen. Je zweckmäßiger die Austern in den Parks ausgelegt werden, je vorsichtiger man sie bewegt, je ängstlicher man den Niederschlag von Schlamm zu verhindern sucht, desto besser und preiswürdiger werden die Austern sein, welche man erzielt. Es schadet der Qualität der Thiere, wenn durch Regengüsse oder Ueberschwemmungen die Menge des süßen Wassers in den Parks zu beträchtlich wird. Auch scheuen die Austern sehr die Kälte, weswegen man sie in einer gewissen Entfernung vom Wasserspiegel halten muß. Dies hat auf der andern Seite wieder den Nachteil, daß man sie dann nicht so leicht inspiciren kann; und schnelles Aussondern der etwa gestorbenen Thiere ist von fundamentaler Wichtigkeit, da eine todte Auster, wenn sie nicht schleunig entfernt wird, einen ganzen Park verderben kann. Die Diagnose des Todes ist leicht zu stellen; wir wissen schon, daß die Schalen todter Thiere klaffen, wenn das Wasser abgeflossen ist. Durch die verschiedene Art und Weise des Wasserwechsels ist man ferner im Stande, die Beschaffenheit der Austern bedeutend zu modificiren, in Etretat, einem kleinem französischem Badeorte in der Nähe von Havre-de-Grace, der sehr reich an Austernparks ist, wechselt man das Wasser mit jeder Fluth – die Thiere werden dadurch hell, glänzend, dick, zugleich aber etwas hart und zähe, in Dieppe erneuert man das Wasser nur alle zwei Monate einmal, wodurch allerdings die Austern sehr zart werden, aber nicht ganz so frisch bleiben, wie in Etretat. Man sieht, daß ein taktvoller Gouverneur eines Austernparks sehr viel aus den seiner Obhut anvertrauten Thieren machen kann.

„Sind die Austern in den Parks für den Handel reif geworden, so verlangt ihr Transport in's Innere des Landes noch manche Vorsichtsmaßregeln. Sie müssen in horizontaler Stellung liegen, mit der gewölbten Schale nach unten, damit sie so wenig als möglich von dem in ihnen befindlichen Wasser verlieren, welches ihre Kiemen bespült; auch bedeckt man sie mit nassem Seegras, um die austrocknende Wirkung der Luft zu verhüten, je schneller der Transport geschieht, desto bester, besonders bei warmem Wetter. Ein Versuch, den man neuerlich machte, die Austern in Schiffen voll von Meerwasser die Flüsse hinauffahren zu lassen, schlug gänzlich fehl, indem das wegen der darin enthaltenen, aufgelösten organischen Theilchen sehr zur Zersetzung geneigte Seewasser in Fäulniß überging. Das betreffende Austernschiff kam in Paris mit einer großen Menge todter Thiere an, welche sich schon von Weitem durch ihren Geruch so unvortheilhaft ankündigten, daß die Polizei sich veranlasst sah, die ganze Ladung zu versenken.“




Blätter und Blüthen



Gebehrden-, Finger-, Fuß- und Knötchen- Sprache. Sprache ist die Fähigkeit eines Wesens, mittelst sinnlich vernehmbarer Zeichen seine Vorstellungen Begriffe und Empfindungen Andern mitzutheilen, Dies geschieht theils durch die dem Auge sichtbare Schrift (hierher gehört auch die Stenographie. Hieroglyphen- und Bilderschrift) theils durch die dem Ohre verständliche Lautsprache. Außer den genannten Mittheilungsmitteln und der überall bekannten Blumensprache gibt es noch einige, die, obgleich zum Theil allgemein gebraucht, dennoch weniger bekannt sein dürften. Hierzu gehören besonders die Pantomimik, die Daktylologie und die Podologie.

Die Pantomimik oder Gebehrdensprache ist das Vermögen, seine Vorstellungen und Empfindungen durch Mienen und Gebehrden, d. h. durch verschiedene Veränderungen und Bewegungen des Körpers und dessen einzelner Theile, insbesondere der Hände, auszudrücken. Alle Menschen gebrauchen beim Sprechen instinctmäßig die Pantomime. Wir sind uns oft unserer Gebehrden und Mienen gar nicht bewußt, ja, es steht oft nicht einmal in des Menschen Macht, sich dieser Begleiterinnen seiner Gespräche und Verrätherinnen seiner Empfindungen und Gesinnungen zu entledigen oder sie auch nur im Zaume zu halten, zu mäßigen oder nach Willkür abzuändern. Die natürlichen Gebehrden begleiten und beleben jede articulierte Sprache, sie sind überall gleich und werden überall verstanden. Wer erkennt nicht die Mienen der Fröhlichen und des Traurigen, des Mitleidigen und des Schadenfrohen, des Liebenden, des Hassenden, des Zornigen, des Neidischen, des Verlegenen? Wer liest nicht in den Mienen die Wirkungen des angenehmen und widrigen Geruches, des süßen, sauren, bittern Geschmackes, den Ekel, das Wohl und Mißbehagen? Wer erkennt nicht an der Bewegung der Hände und der übrigen Körpertheile, an der Stellung des Körpers, an der Haltung des Kopfes, die Beschäftigung des Arbeiters, auch wenn er weder den Stoff, der bearbeitet, noch das Werkzeug, womit er arbeitet, sieht? Wer erkennt nicht an der Stellung und den körperlichen Bewegungen den Schneider, den Schuster, den Schmied, den Weber, den Drescher, den Schreiber? Die natürliche Gebehrdensprache ist demnach die eigentliche Weltsprache, die Sprache des Menschengeschlechts. Mit Hülfe der Pantomimik kann sich demnach der gebildete Europäer dem wildesten Hottentotten verständlich machen. Welches Mittel hatten die Entdecker fremder Länder, um sich den Eingebornen verständlich zu machen? Wodurch machen sich noch heute Handwerksgesellen, wenn sie in Länder kommen, deren Sprache ihnen unbekannt ist, verständlich? nur durch die Pantomime. Man irrt sich, wenn man glaubt, daß durch die natürliche Gebehrdensprache nur sinnlich wahrnehmbare körperliche Formen, physische Handlungen und heftige Gemüthsbewegungen sich darstellen lass. Sie ist im Gegentheile so reich, daß dadurch auch alle Modificationen und Formen des Denkens und selbst die feinsten Uebergänge bei der Verbindung der Begriffe und Urtheile, wobei man z. B. in der Wortsprache die Umstandswörter: ungemein, beinahe, unglaublich u. s. w., wie auch die Bindewörter: aber, entweder - oder, sonst, nur, folglich u. s. w. gebraucht, ausgedrückt werden können.

Um sich hiervon zu überzeugen, gehe man in ein Taubstummeninstitut und sehe, wie sich die Taubstummen, vermöge der allerdings vollständig ausgebildeten Gebehrdensprache, über alles Mögliche besprechen und unterhalten. Es ist schade, daß die ausgebildete Pantomimik außerhalb dieser Anstalten so wenig bekannt ist. In vielen Verhältnissen müßte ihre Anwendung sehr angenehm und interessant sein. Wie hübsch wäre es z. B. für ein Liebespaar, wenn er sich unbeschadet der es umgebenden Gesellschaft mit Hülfe der Pantomime die zärtlichsten Dinge sagen könnte, Man befindet sich mit dem Freunde in langweiliger, steifer Gesellschaft - wie angenehm, wenn man sich mit ihm, dem in der Gebehrdensprache Eingeweihten, ohne irgendeine Störung zu verursachen, gemüthlich unterhalten könnte. Es gibt eine Masse Blumensprachen, in meiner Vaterstadt gab es sogar eine Lehrerin darin, die Liebesleuten beiderlei Geschlechts duftende Selams binden lehrte; aber eine Anleitung zur Gebehrdensprache für Liebende existiert noch nicht. Es würde damit wirklich in unserer bücherarmen Zeit einem dringenden Bedürfnisse der Gegenwart abgeholfen werden. Interessante, die Menschenkenntniß ungemein fördernde Studien kann man machen, wenn man auf dem Markte, auf der Straße die ausdrucksvollen Gebehrden der Käufer und Verkäufer, der Markthelfer, Köchinnen u. s. w. beobachtet, überhaupt, wenn man sich gewöhnt, die Pantomimen lebhafter Menschen genau in's Auge zu fassen. Schauspielern, Malern, Bildhauern, Schriftstellern sind solche Studien unumgänglich nothwendig.

Ein zweites, weniger bekanntes Mittheilungsmittel ist die Daktylologie oder Fingersprache. Man versteht darunter das Buchstabieren mittelst der Fingeralphabetzeichen. Die Römer verstanden darunter die Kunst, an den Fingern zu rechnen, indem sie durch verschiedene Figuren oder Krümmungen, die sie mit den Fingern bildeten, die Zahlengröße auszudrücken. So bezeichneten sie eine Million durch Falten der Hände über dem Kopfe. Diese Art von Sprache wird fast nur in Taubstummen- Instituten angewendet und dadurch sehr selten. Sie ist mühsam zu lernen und zur Mittheilung ziemlich schwerfällig. Welche Aufmerksamkeit gehört nicht dazu, ein 20-30 Buchstaben enthaltendes Wort zu übersehen, etwa wie „Constantinopolitanischer Geschäftsträger.“

Noch ein anderes Mittheilungsmittel ist die Podologie oder Fußsprache.

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1858). Leipzig: Ernst Keil, 1858, Seite 451. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1858)_451.jpg&oldid=- (Version vom 4.8.2020)