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Seite:Die Gartenlaube (1858) 218.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1858)

auf den Mann zu, der mit niedergeschlagenen Augen und in gebeugter Stellung an der Wand lehnte, und ihm die Hand reichend, rief er:

„Brav, Fellmer! Ich sehe, Du hast nichts vergessen, wenn Du auch nichts dazu gelernt hast.“

Ohne eine Antwort zu geben, wand sich der Angeredete an dem berühmten Schauspieler vorbei und entfloh aus der Thüre, die er heftig hinter sich zuwarf. Iffland war jetzt mit der Frau allein, die noch immer in ihrer abgewendeten Stellung beharrte. Er redete sie an, sie antwortete aber nicht; heimlich gab sie dem Kinde den Befehl, das Licht auszulöschen. Dieses wagte sich nicht zu dem Tische heran, wo der Fremde stand. Nochmals wurde die Frage wiederholt und jetzt stöhnte die Frau:

„Bemüht Euch nicht, mein Herr; eine kranke Frau dankt Euch für Euer Almosen, allein sie will nicht von Euch erforscht und erkannt sein. Geht, ich bitte Euch!“

Iffland richtete seinen Blick auf die Wände des Zimmers, sie waren mit ein paar Bildnissen geziert; das ihm zunächst befindliche stellte eine junge blühende Schöne vor, mit einem Strohkranze in den schwarzen Locken. Es war das Bild einer Schauspielerin in der Ophelia. Er sagte nichts, aber sein Entschluß stand fest, die Bewohnerin dieses Zimmers kennen zu lernen. Mild und freundlich trat er an das Lager und sprach nochmals seine Bitte aus, daß man ihm Antwort geben möchte; langsam wandte sich endlich die Liegende um und der Ruf „Florine!“ entglitt Ifflands Lippen.

„Ja, ich bin es!“ sagte die Kranke.

„Florine! Sie hier und in diesem Elende? Und ich habe nichts davon gewußt, ich, Ihr Freund, Ihr Bewunderer? Ist das recht gethan, gottloses Weib?“

Er nahm ihre Hand, legte sie auf sein Herz und sah sie mit seinen großen, hellen, freudigen Augen innig an. Die Frau zerfloß in Thränen.

„Mein geehrtester Herr Director –“

„Nichts von Director – Ihr Freund, Ihr Bruder, Florine.“

„Ach!“

„Armes, armes, leichtsinniges Weib! Wie grausam straft der Himmel! Seit Ihrem letzten Auftreten in Wien hab’ ich nichts von Ihnen gehört, Florine. Es ging Ihnen nicht gut, aber auch nicht gerade schlecht. Wie kamen Sie denn hierher und in diesen Zustand?“ –

„Meine Geschichte ist weder neu, noch erbaulich,“ sagte die Kranke mit einem bittern Lächeln auf den schmalen Lippen. „Ich habe mich selbst mit Absicht sinken lassen, weil mir das Leben gleichgültig geworden. Es ist weder großes Elend, noch großes Verbrechen in meinem Dasein.“

„In welchem Verhältnisse stehen sie zu dem Manne, der sich eben entfernte? Sind Sie mit ihm verheirathet?“

„Nein,“ entgegnete die Frau mit einem leichten Schauder – „er ist nicht mein Mann. Er hat sich zu mir gesellt und ich mag ihn nicht forttreiben, denn er ist noch elender, wie ich. Auch das Kind ist nicht das meinige. O, welche Erschütterung ist das! Mein Kopf hält’s nicht aus. Wie wunderlich ist der heutige Tag! Gerade vor einer Stunde mußte sich’s fügen, daß ich in den alten Briefen stöberte – gerade heute, gerade vor einer Stunde –“

„Beruhigen Sie sich; ich komme wieder.“

„Sie kommen nicht wieder. Wer besuchte wohl das Elend! Einmal verirrt man sich dahin, aber dann nicht wieder. Mann, Mann! Mann meiner schönen Jugendtage! nur eine Frage: lebt er? lebt Ottokar?“

„Er lebt!“ entgegnete Iffland mit fester Stimme. „Beruhigen Sie sich. Lassen Sie mich gehen und wiederkommen. O, armes Kind, wie haben Sie sich und Ihre Freunde so sehr vergessen können! Doch ich gehe; bald – bald sollen Sie Nachricht von mir haben. Gott mit Ihnen.“

Noch ein Händedruck und der Redliche verschwand in die Nacht zurück, aus der er aufgetaucht war. Unten auf der Straße angelangt, richtete Iffland einen Blick hinauf zu dem Fenster der Dachwohnung, aus der er soeben geschieden. Das Haus gehörte einem Kaufmanne, mit dem er hier und da Geschäfte gehabt. Er begab sich in den kleinen Laden, kaufte einige Vorräthe an Kaffee, Reis, Zucker, und ließ sie hinauftragen. Dem Kinde, das ihm gefolgt war, gab er Geld und bestellte es zu dem morgenden Tage zu sich. Dann verließ er die Vorstadt, und in einem der belebtesten Stadttheile angelangt, stieg er die mit Teppichen belegte und erleuchtete Treppe bei dem Ministerialrathe und Präsidenten von Blumenstein hinauf. Dort versammelte sich an diesem Abende stets eine kleine Zahl Männer und Frauen, die, mit Kunst und Wissenschaft vertraut, eine belebende, Geist und Gemüth bildende und fördernde Unterhaltung führten. Iffland gehörte diesem Kreise an, er war der Vertraute des Mannes und der Freund der jungen, liebenswürdigen Frau, die eine fleißige Theaterbesucherin war, wenn es ihr leidender Zustand nur irgend erlaubte. Mit großer Kunstfertigkeit spielte sie die Harfe, und soeben hatte sie die Freunde durch eine der einfachen und seelenvollen Compositionen Reichardt’s, die man für dieses Instrument gesetzt, erfreut, als hinter den Portieren der Thüre Iffland hervortrat. Der Präsident ging ihm entgegen und führte ihn in den Kreis der Freunde. Auch der Collaborator Roland war unter den Gästen. Als die ersten Begrüßungen abgethan waren, führte Iffland die Dame des Hauses ein wenig bei Seite und flüsterte ihr zu:

„Ich bleibe nicht lange, liebste Laura, ich fühle mich zu sehr bewegt. Welch’ ein trauriges Bild hat sich mir gezeigt! Und dort geht der Mann, so ahnungslos, – wenn er wüßte, von wem ich komme.“

„Und von wem kommen Sie?“

„Denken Sie, Laura, Florine lebt; sie lebt in Armuth, in Vergessenheit hier in dieser Stadt. Ich komme so eben von ihr.“

„Um Gotteswillen, leise!“ rief die schöne Frau, „daß nur der Freund dort nichts erfährt, nicht unvorbereitet erfährt.“

„Deshalb,“ entgegnete Iffland, „will ich’s vermeiden, mit ihm zu sprechen; so aufgeregt, wie ich bin, könnte ich mich verrathen. Dann noch etwas, Laura, ich bringe Ihnen in diesen Tagen „mein Mädchen“ –“

Die Präsidentin sah ihren Freund fragend und lächelnd an.

„Sie hören, „mein Mädchen“, die Braut meines Anton. Haben Sie unsere Verabredung vergessen?“

„Wie sollte ich?“ entgegnete die Gefragte. „Und will sie dabei bleiben, die Rolle der Friederike zu geben? Ich denke, wir bringen sie noch von dem Entschlusse ab, die Breter zu betreten.“

„Und ich,“ rief Iffland entrüstet, „wo bleibe ich denn? Ich, der ihr den Entschluß eingeflößt, der ihr eine glückliche Zukunft versprochen? Ach, Laura, welche sonderbaren Launen beherrschen Sie!“

„Denken Sie an Florine, von der Sie eben kommen. Auch ihr versprach man eine glänzende Zukunft. Auch ihr –“

„Still, er beobachtet uns. Also auf Wiedersehen, vielleicht morgen schon.“

Als der Forteilende an den Männern vorüber wollte, hielt ihn einer derselben zurück, indem er rief:

„Iffland, man intriguirt gegen Sie; es bildet sich eine furchtbare Verschwörung, die damit umgeht, Ihnen am Abend Ihres Benefizes einen Streich zu spielen. Nehmen Sie sich in Acht. Gewisse Attaché’s gewisser Ambassaden sind auch dabei im Spiele.“

Der Kreis der Männer lachte.

„In allem Ernste, Theuerster,“ versicherte der Sprecher. „Der wüthige Attaché hat schon einen nicht geringen Anhang erworben. Die Verschwornen versammeln sich im Café français um die zehnte Stunde, jedes Mal nach dem Schauspiel. Es werden beispiellose Pläne geschmiedet.“

„Armer Iffland,“ klagte der Präsident, „um Deinen Ruhm ist’s geschehen!“

„Haltet mir nur die Kläffer in Euren Journalen vom Leibe, das Andere laßt meine Sorge sein,“ entgegnete der Schauspieler.

„Berlin kann nur durch Berlin bekämpft werden,“ nahm ein junger, hagerer Mann mit einem Ordensbande das Wort. „Man muß wissen, den Berlinern zu imponiren, und man gängelt sie, wie die Kinder. Aber, freilich, man muß mit dieser Stadt vertraut sein.“

„Es mag sein,“ rief Iffland gereizt; „allein, wie macht man’s, um den Treulosen treu, den Falschen offenherzig und bieder zu machen?“

„Der Berliner ist weder das Eine noch das Andere,“ sagte der Ernsthafte. „Ich kenne meine Vaterstadt. Die großen Männer der Nation kamen ohne Namen hierher und empfingen hier einen. Lessing, Mendelssohn, Gleim hat Berlin zuerst gekrönt, Deutschland folgte. Kant, obgleich Königsberger, ist doch ein Sohn der Intelligenz dieser Stadt, die ihm die ersten Schüler, die ihm die ersten Verbreiter seiner Lehre gab. Gehen wir noch früher zurück, so ist’s

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1858). Leipzig: Ernst Keil, 1858, Seite 218. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1858)_218.jpg&oldid=- (Version vom 12.12.2020)