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Seite:Die Gartenlaube (1855) 667.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

Mit Recht hat man gesagt, daß die Frauen, ihrer Natur nach, den Kindern näher stehen. Frauen gewinnen daher auch in der Regel das Vertrauen, die Liebe und Anhänglichkeit der Kinder leichter als Männer. Frauen verstehen besser, als Männer, die Aeußerungen des kindlichen Wesens und wissen weit geschickter und tactvoller die richtigen zu unterstützen, die fehlgehenden mit leiser und weicher Hand in die rechte Bahn zurückzubeugen. Was für den sich erschließenden Kelch der Pflanze Luft und Licht sind, das ist für das kindliche und jugendliche Gemüth der warme Sonnenschein der Mutterliebe, jener höchsten, geweihtesten, segensvollsten Kraft im ganzen Menschenleben. Sie ist für den kräftigen jungen Geist das mildernde und sänftigende, für den weichen und zaghaften das stärkende und befeuernde, für den noch unklar in sich ringenden das klärende und läuternde Element, für Alle der heilige Genius, welcher sie durch das ganze Leben hindurch – nah oder fern, sichtbar oder dem irdischen Auge entzogen, wie ein heiliger Talisman schützend und segnend geleitet. Wäre uns die Jugend aller derer bekannt, welche sich später im Leben verlieren und verloren gehen, wir würden finden, daß den meisten davon jene Weihe sorgender und schützender Mutterliebe in den Jahren ihrer größten sittlichen Empfänglichkeit gefehlt hat, wie andererseits unter denen, welche sich im Leben als charakterfest und sittlich edel bewähren, wohl nur Wenige sein möchten, welche nicht diesen Vorzug hauptsächlich mütterlichem Einflusse verdankten.

Es ist vielfach und mit Recht die Bemerkung gemacht worden, daß große Männer sich in der Regel durch eine tiefe kindliche Verehrung und Liebe für ihre Mutter auszeichneten, so wie daß, wenigstens in vielen Fällen, ihr Bildungsgang einen überwiegenden Einfluß mütterlichen Geistes auf die Entwickelung ihrer Fähigkeiten oder ihres Charakters aufzeigte. Von den erstern Thatsachen bietet schon das Alterthum ein hervorragendes Beispiel dar in der kindlichen Ergebenheit jenes römischen Feldherrn Coriolan gegen seine Mutter, der zu Liebe er seinen Rachezug gegen Rom, welches ihn tief gekränkt hatte, rückgängig machte und dadurch sich selbst der Rache seiner neuen Verbündeten aussetzte. In der neuesten Geschichte ist vielleicht das hervorragendste Beispiel einer solchen kindlichen Ehrerbietung der große Kaiser Joseph II., der selbst in seinem kräftigsten Mannesalter, und als er bereits das kaiserliche Scepter über Deutschland führte, dennoch in den Angelegenheiten seiner österreichischen Erblande dem Willen seiner Mutter sich widerspruchlos unterwarf, obschon dieser Wille in den wichtigsten Punkten seinen Ansichten entgegen stand und nicht selten auf eine für ihn demüthigende Weise sich geltend machte. Was den Antheil mütterlichen Einflusses an der Bildung großer Männer betrifft, so ist hier vor Allem an Goethe zu erinnern und an die Frau Rath Goethe, deren mächtige Eigenthümlichkeit in ihrer Verwandtschaft mit dem Genie ihres großen Sohnes und in ihrem bedeutenden Einfluß auf diesen Bettina in ihren Gesprächen mit der Frau Rath Goethe[1] so bezeichnend geschildert hat.

Im Hinblick auf diese weitreichende Macht, welche die Frauen und namentlich die Mütter, auf die Geistes- und Charakterbildung des nachwachsenden Geschlechtes, und somit auf die ganze Zukunft der Menschheit bis in die fernste Zukunft hinaus zu äußern vermögen, kann man auf sie mit Recht jenes Wort anwenden, welches Schiller von den Künstlern gesagt:

„Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben,
Bewahret sie!
Sie sinkt mit Euch, mit Euch wird sie sich heben.“




Ein Besuch in Portsmouth.

Um ein Mal ein paar Lungen von Seeluft zu schöpfen, sah’ ich mich diesen Herbst nach dem wohlfeilsten Markte für diesen Artikel um. Man empfahl mir zu diesem Zweck ziemlich allgemein Southampton und Portsmouth. Der Leser wolle hier so gut sein zu merken, daß ich in London wohne, wo Luft eben so schwer ächt zu haben ist, als irgend ein anderes Lebensmittel. Portsmouth, dachte ich, der englische Kriegs- und Militär-Marine-Hafen? Da läßt sich also nicht blos auf billige Weise Seeluft kaufen, sondern am Ende auch noch etwas Marine-Kriegswissenschaft. Also fort auf die Eisenbahn hinunter an den Busen des erdumgürtenden Oceans! In meinem Waggon bemerkte ich außer Leuten, die von Niemandem bemerkt werden, einen farbig bebänderten Rekrutirungs-Sergeanten, einen sechzehnjährigen sehr dummen Jungen, den er wie ein Basilisk mit den Blicken anbohrte, um ihn zu fangen, eine Portion braune, breite Matrosen und einen Schneider, dem der Sergeant auf den Kopf schwor, daß er nicht mehr als 4 Fuß 5 Zoll messe.

Bald sah ich nichts mehr, als die Windungen der Rekrutirungsklapperschlange, wie sie den sehr dummen Jungen umäugelte, umzüngelte und allmälig heranzog, um ihn zu fangen. Erst eine Cigarre, von der der Junge bald sehr blaß ward, dann ein Schluck und wieder ein Schluck, freundliches Herausschrauben des Zwecks seiner Reise, glänzende Gemälde von Fleisch, Bier, Spirituosen, Avancement und merkwürdigem, heilen Davonkommen aus dem dicksten Kugelregen, und daß nur ausnahmsweise ein Unvorsichtiger getroffen werde, da die Russen nie einen Engländer treffen könnten und was dergleichen mehr sich einfand. Der Junge horchte mit großen Augen, fing an zu fragen und immer wärmer zu werden. Einer mehr, dachte ich, was will das sagen, obgleich mir das junge frische Blut leid that, aber im Ganzen war ich schon gegen Mitleiden dieser Art abgehärtet. Hab’ ich doch fast alle Tage Heerden eingefangener Jungen von 16 Jahren durch die Straßen Londons transportieren sehen, welche den ungeheuern Verbrauch von Pulverfutter ersetzen sollen. Wie sie damit Rußlands Besiegung unterstützen wollen, begreife ich eben so wenig, wie jeder Andere, der diese Rekrutirungen mit angesehen.

Doch das bei- und mitunterläufig. Ich war schon in Portsmouth, und zwar auf dem Südseeplatze (Southsea Common) durch eine entsetzliche Kanonade aufgeweckt worden. Durch das geöffnete Fenster drang Pulvergeruch. Die weißen Wolken des furchtbaren Dampfes zogen schwerfällig über das weite Meer hinaus. Die metallene Musik des Pulvers verwandelte sich in Militärblechinstrumentalmusik, deren schmetternde Tonwellen über meinen Kaffee her zum Fenster hereinkamen, als wollten sie auch mich werben.

Ich sah zum Fenster hinaus auf Gruppen ziehender, schießender, scherzender Soldaten der Marine, der Linie, der Militia, von Rekruten in Lumpen und in roher, schmutziger Einkleidung. Hier und da schossen sie willkürlich nach Steinen und Pfählen. Von Schießständen aus den ganzen Vormittag ein unaufhörliches Geknatter einzeln und in Salven, Trommelgewirbel, Blechgeschmetter, das Gekreisch Betrunkener, das Gelächter und Gekeife verschiedener Soldatensorten durcheinander, ein wüstes Bild von Rohheit, Willkür und gänzlichen Mangels an Disciplin, so daß man sich in dem militärstraffen Deutschland schwerlich eine richtige Vorstellung davon machen kann. Um den Eindruck noch mehr zu trüben, arbeiteten hier und da Sträflinge in düsterm Schweigen zwischen den gezogenen Säbeln und geladenen Gewehren ihrer Wächter, Wagen ziehend oder im Meeressande wadend und baggernd. Gegen das farblose Einerlei der Sträflinge stachen die blutrothen Uniformen der Soldaten ordentlich wie Leben und Freiheit ab. Die Marine-Artillerie, dunkel uniformirt, zog donnernd und polternd wie ein schwarzes Fatum zwischen den Soldaten und Sträflingen hindurch.

Auf meinem Wege in die Stadt hinein suchte ich Labyrinthe von Ramparts, Ziehbrücken, Schanzen u. s. w. zu studiren, konnte ihnen aber keinen rechten Geschmack abgewinnen. Flaggen und Fahnen von Seide mit kostbarer Stickerei und goldenen und silbernen Besätzen flattern über mir; neben mir rechts und links schritten gemessen und stumm die Schildwachen oder standen sich mit komischer Gravität gegenüber, ehe sie sich ablös’ten. Die Straßen wimmelten von Soldaten und Matrosen. Durch ein Ladenschaufenster erkannte ich den kleinen Schneider aus dem Waggon wieder, rings umbaut von Uniformen und glitzernden Epaulettes. Von trunkenen und gruppenweise umherstehenden Soldaten und Matrosen in mannigfacher Weise gefoppt und insultirt, aber nicht berührt, kam ich endlich an meinem Ziele, dem Thore zu den Docks der Marine


  1. In der schon oben angeführten Schrift: „Dies Buch gehört dem König.“
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 667. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_667.jpg&oldid=- (Version vom 5.8.2023)